Folge 2: Geschlecht und Sprache

Hallo und herzlich willkommen zur zweiten Folge unseres Podcasts „Buchstabensuppe“. Heute geht es um das Thema Geschlecht und Sprache. Was diese beiden Themen miteinander zu tun haben, klären wir gleich am Anfang. Dann werden wir uns drei wichtige Ebenen anschauen, in denen Sprache und Geschlecht zusammenwirken, nämlich geschlechtergerechte Sprache, Pronomen und Sprachhandeln. Keine Sorge, wir erklären ganz von vorne, was das überhaupt ist.

 

Geschlecht und Sprache ✨ Generisches Maskulinum wegglitzern! ✨

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Was haben Geschlecht und Sprache miteinander zu tun?
Um das zu erklären, müssen wir uns zuerst anschauen, welche wichtige Funktion Sprache in unserem Leben hat. Eine These der Wissenschaft besagt, dass Sprache die Wirklichkeit erschafft. Und die Wirklichkeit erschafft die Sprache. Bezogen auf Geschlecht bedeutet das: Die meisten Menschen gehen davon aus, dass es nur Frauen und Männer gibt und keine weiteren Geschlechter. Deswegen benutzen sie auch nur diese beiden Wörter. Ihre Wirklichkeit erschafft also ihre Sprache. Dass wir nur die Wörter „Frauen“ und „Männer“ kennen, aber keine Form, die auch Menschen mit meint, die keine Männer oder Frauen sind, erschafft dann eine Wirklichkeit, in der wir auch nur Frauen und Männer wahrnehmen. Unsere Sprache orientiert sich also an dem, was wir als „normal“ kennen. Damit werden die diskriminierenden Strukturen unserer Gesellschaft immer wieder sichtbar.
Sprache ist kein neutrales System. In der Sprache finden wir dieselben Machtverhältnisse wieder, die es auch in unserer Gesellschaft gibt. So kennen wir zum Beispiel viele Schimpfwörter über Frauen, die viele Sexualpartner*innen haben, also zum Beispiel ‚Hure‘ oder ‚Schlampe‘, aber keins über Männer. Das zeigt sich auch in der Gesellschaft: Je mehr Sex ein Mann hat, desto toller ist er in den Augen der Gesellschaft, aber eine Frau sollte am besten nur mit einer Person Sex haben. Insgesamt ist es auch so, dass es in fast allen Sprachen auf der Welt mehr Schimpfwörter gibt, die Frauen beleidigen, als Schimpfwörter für Männer. Dies führt uns auch schon zu unserer ersten Ebene: geschlechtergerechte Sprache.

Geschlechtergerechte Sprache
Was ist geschlechtergerechte Sprache eigentlich?
Geschlechtergerechte Sprache beschäftigt sich mit dem Thema Repräsentation, also mit der Frage danach, wer in der Sprache wie dargestellt wird und wer alles eindeutig genannt wird und wer nicht. Im Deutschen verwenden wir oft nur ein sogenanntes generisches Maskulinum, also immer nur die männliche Form, das bedeutet, dass wir nur „Die Fahrradfahrer“ sagen, egal, ob das nur Männer sind, oder Frauen und Männer, oder nur Frauen.
In Deutschland begann die Diskussion um die geschlechtergerechte Sprache in den 1960/70er Jahren. Damals gab es die sogenannte zweite Frauenbewegung und Feminist*innen merkten an, dass Deutsch eine sehr männlich geprägte Sprache ist, was vor allem am generischen Maskulinum festgemacht wurde, das heißt, daran, dass oft nur die männliche Form eines Worts benutzt wird, obwohl es sich um eine Gruppe von Menschen unterschiedlicher Geschlechter handelt, wie die Pluralbezeichnung „Schüler“ statt „Schülerinnen und Schüler“. Dabei ist auch interessant zu sehen, dass die Bezeichnungen für Frauen* und Mädchen* grundsätzlich von der männlichen Form eines Worts abgeleitet sind, meistens dadurch, dass ein – in an das Wort angehängt wird, beispielsweise bei „Schüler“ und „Schülerin“.
Wieso brauchen wir geschlechtergerechte Sprache?
Verschiedene wissenschaftliche Studien zeigen, dass das generische Maskulinum Frauen zwar mitmeinen soll, wir das aber nicht so wahrnehmen und verarbeiten. Auch wenn Frauen mitgemeint sein sollen, stellen wir uns bei dem Satz „Die Ärzte kümmern sich gut um Kim“ eine Gruppe von Männern vor, und keine gemischtgeschlechtliche Gruppe oder sogar eine Gruppe aus lauter Frauen, die sich um Kim kümmern. Das generische Maskulinum, also die Verwendung von nur männlichen Wörtern, kann damit auch zu großer Verwirrung und Missverständnissen führen. Dies würde nicht passieren, wenn wir von Beginn an klar machen würden, welches Geschlecht die Personen haben, über die wir sprechen. Andere Studien zeigen außerdem, dass die Verwendung von geschlechtergerechter Sprache tatsächlich dazu beiträgt, dass wir besser verstehen, um Personen welchen Geschlechts es geht. Dies ist auch deshalb interessant, weil Kinder, die noch in die Grundschule gehen, das generische Maskulinum nicht verstehen können. Das bedeutet, sie stellen sich bei der Formulierung „die Schüler“ tatsächlich nur eine Gruppe von Jungen vor und nicht von Jungen und Mädchen oder Kindern anderer Geschlechter.
Es ist wichtig, geschlechtergerechte Sprache zu benutzen, weil sich dadurch auch die frauenfeindlichen Strukturen in unserer Gesellschaft ändern können. Wenn wir außerdem sprachlich mehr als zwei Geschlechter benennen, trägt dies zu einer verbesserten Akzeptanz von Intersex und Trans*-Personen bei.

Welche Formen geschlechtergerechter Sprache gibt es?
Zunächst gibt es Möglichkeiten, um das Geschlecht von Menschen in der Sprache sichtbar zu machen. Dabei wird klar gemacht, welches Geschlecht die Person hat, über die gesprochen wird. Dies trägt auch dazu bei, dass die Bilder, die in unseren Köpfen entstehen, wenn wir etwas lesen oder jemandem zuhören, näher an der Realität sind. Eine Möglichkeit, Männer und Frauen in der Sprache zu repräsentieren, ist beispielsweise die Formulierung „Sportlerinnen und Sportler“. Aber es gibt auch Möglichkeiten, mehr als zwei Geschlechter sichtbar zu machen. Wir wollen euch hier zwei verschiedene Formen vorstellen, die in der queeren Szene oft benutzt werden: Das Sternchen und der Unterstrich. Das Zeichen wird jeweils zwischen der männlichen und der weiblichen Form eines Wortes eingefügt und steht dann als Platzhalter für alle anderen Geschlechter. Es gibt viele Diskussionen, welche die bessere der beiden Formen ist und wie sie ausgesprochen werden können. Diese Formen versuchen also, Menschen aller Geschlechter zu berücksichtigen, um sie sichtbar zu machen.
Die zweite Möglichkeit ist, das Geschlecht der Menschen außen vor zu lassen, gerade dann, wenn es überhaupt nicht wichtig ist. Dabei werden Wörter vermieden, die das Geschlecht einer Person benennen. Statt also zu sagen: „Der Lehrer stellt schwere Fragen“ könnten wir sagen: „Die Lehrperson stellt schwere Fragen“ Oder statt „Die Gärtner pflanzen einen Baum“ könnten wir sagen „Die gärtnernden Menschen pflanzen einen Baum“. Dazu gehört auch, Wörter wie „alle“ und „niemand“ zu gebrauchen, also statt „Die Teilnehmerinnen des Kurses“ können wir sagen „Alle Menschen, die am Kurs teilnehmen“
Wichtig bei geschlechtergerechter Sprache ist, den Kontext zu benennen. Wenn es sich tatsächlich nur um eine Gruppe von Männern handelt, wie zum Beispiel bei manchen Chefetagen von großen Unternehmen, ergibt es keinen Sinn, hier mit Unterstrichen oder Sternchen zu arbeiten, sonst würden wir verschleiern, dass Frauen und Menschen anderer Geschlechter hier nicht repräsentiert werden.

Pronomen
Was sind Pronomen?
Pronomen sind Platzhalte-Wörter. Anstatt also zu sagen: „Das ist Hans. Hans isst gerne Pizza und Hans mag Gewitter nicht“ können wir das Pronomen ‚er‘ für ‚Hans‘ einsetzen und sagen: Das ist Hans. Er mag Pizza und er mag keine Gewitter.“ ‚Er‘ ist ein Pronomen und kann also eingesetzt werden, um Namen von Menschen zu ersetzen. Er wird meistens als männliches Pronomen benutzt, sie als weibliches Pronomen. Also zum Beispiel: „Sara fährt nach Kroatien in den Urlaub. Dort wird sie viel im Meer schwimmen.“
Gibt es auch ein Pronomen für Menschen, die nicht weiblich oder männlich sind?
Im Schwedischen gibt es inzwischen auch noch ein drittes Pronomen neben er („han“) und sie („hon“ [ausgesprochen hun]) für Menschen, die nicht weiblich oder männlich sind das Pronomen „hen“. Während diese Form in Schweden schon sehr bekannt ist und auch benutzt wird, gibt es im Deutschen kein solches Pronomen, das sich weit durchgesetzt hat. Wir wollen hier aber trotzdem drei Vorschläge für so genannte geschlechterneutrale Pronomen vorstellen. Zum einen gibt es den Vorschlag statt ‚er‘ oder ‚sie‘ einfach ein x zu benutzen. Das hört sich dann so an: Ahmed mag Blumen. X findet, die Rosen riechen am Besten. Das x lässt sich auch gut anstelle des Wortes ‚man‘ benutzen, das werden wir in diesem Podcast auch so machen. Ein weiterer Vorschlag ist das Pronomen Xier, hier auch ein Beispiel: Sonja macht sich gerade einen Kaffee. Xier trinkt xieren Kaffee am liebsten mit Sojamilch. Es gibt auch Menschen, die das Pronomen ‚es‘ für sich verwenden. Zum Beispiel: Julian geht heute Abend ins Kino. Es wird sich sein Popcorn mit seiner besten Freundin teilen. Da ‚es‘ im Deutschen sonst eigentlich nur für Gegenstände und nicht für Personen verwendet wird, ist es wichtig, Menschen nur mit dem Pronomen ‚es‘ anzusprechen, wenn sie es ausdrücklich wollen, sonst klingt es sehr schnell, als würdest du sie beleidigen oder diskriminieren wollen.
Was hat das mit geschlechtergerechter Sprache zu tun?
Wie ganz am Anfang schon gesagt, schafft Sprache unsere Wirklichkeit. Dass wir im Deutschen immer nur die Pronomen ‚er‘ und ‚sie‘ verwenden schließt manche Menschen aus. Wenn wir aber darauf achten, dass auch Menschen, die keine Männer oder Frauen sind, in unserer Sprache vorkommen, schaffen wir damit einen wichtigen Beitrag gegen die Diskriminierung von Intersex- und Trans*menschen in unserer Gesellschaft.

Sprachhandeln
Was ist Sprachhandeln und was hat das schon wieder mit Geschlecht zu tun?
Es geht bei Sprache und Geschlecht nicht nur darum, welche Begriffe wir verwenden, sondern auch darum, wie wir sprechen. Sprachhandlungen, also die Aktionen des Redens, sind eng an soziale Regeln gekettet und beeinflussen unser Denken und Handeln. Ein Beispiel dafür ist dominantes Redeverhalten von Männern. Das bedeutet, in Gruppen, in denen sich Männer* mit Menschen anderer Geschlechter unterhalten, nehmen Männer* meistens den größten Redeanteil in Anspruch. Sie reden also mehr, lauter und benutzen aggressivere Sprache als beispielsweise Frauen*. Das bedeutet nicht nur, dass Männer* in solchen Diskussionen sehr viel mehr repräsentiert sind, sondern auch, dass sie Macht ausüben, im Sinne davon, dass sie ihren Einfluss geltend machen. Frauen hingegen wird von klein auf beigebracht, sich in Diskussionen zurückzuhalten und unterzuordnen. Es ist also auch wichtig, auf sein eigenes Redeverhalten zu achten: Wie viel sage ich und wie viel sagen die Anderen? Wer unterbricht wen mitten im Satz? Wessen Stimme wird lauter, um andere zu übertönen? Spricht jemand nur aus eigener Perspektive oder versucht eine Person für eine ganze Gruppe zu sprechen? Wer benutzt oft Fachausdrücke, schwierige Wörter oder Abkürzungen, ohne sie zu erklären und für wen wird es dadurch schwierig, mitzureden? Sprechen überhaupt alle Menschen, die mitdiskutieren, Deutsch oder wäre es gut, die Diskussion in einer anderen Sprache zu führen? Braucht es eine Person, die gebärdendolmetscht für Menschen mit Hörbehinderung? Wie ihr hier sehen könnt, haben wir auch darauf geachtet, andere Diskriminierungen sichtbar zu machen. Sprechhandeln kann also nicht nur Frauen* oder Menschen, die zwischen den Geschlechtern stehen, diskriminieren, sondern beispielsweise auch Menschen mit Behinderung oder Menschen mit Rassismuserfahrungen.

Was kann ich tun, damit alle Menschen in einer Diskussion mitreden können?
Um in Diskussionen eine gerechte Verteilung von Redeanteilen sicherzustellen, ist es oft sinnvoll, eine Redeleitung zu bestimmen, das heißt, eine Person, die darauf achtet, dass auch alle zu Wort kommen, die etwas sagen wollen und gemeinsam mit allen anderen auf die vorher gemeinsam vereinbarten Diskussionsregeln achtet und vor allem darauf, dass niemand eingeschüchtert, beleidigt oder diskriminiert wird durch die Beiträge von anderen. Es kann auch sinnvoll sein, eine Redner*innen-Liste zu führen, das heißt, eine Liste, auf der festgehalten wird, wer sich wann meldet, um die Menschen nacheinander aufzurufen. Es gibt davon auch Varianten, bei denen zum Beispiel Menschen, die noch nichts zur Diskussion beigetragen haben, vorgezogen werden, so dass Menschen, die schon viel gesagt haben, erstmal zuhören müssen. Es ist aber auch möglich, zu schauen, dass die Geschlechter ausgewogen verteilt werden, dass also, wenn möglich, nicht 10 Männer* hintereinander etwas sagen, sondern, dass auch mal Menschen anderer Geschlechter, obwohl sie sich vielleicht später gemeldet haben, vorgezogen werden.

Und was ist außerhalb von Diskussionen?
Zum Sprechverhalten gehört auch, sich beispielsweise zu überlegen, welche Schimpfwörter du benutzt. In Schimpfwörtern bilden sich auch unsere gesellschaftlichen Strukturen ab, die mit der Diskriminierung von Personen zu tun haben. Dies haben wir am Anfang gezeigt, am Beispiel der Beleidigung von Frauen*, die viele Sexualpartner*innen haben. Beleidigungen zu verwenden, die bestimmte Gruppen von Menschen diskriminieren, ist also auch etwas, was du vermeiden solltest.
Hui, das waren ganz schön viele Informationen in kurzer Zeit. Wichtig ist, sich daran zu erinnern, welchen wichtigen Platz Sprache in unserer Gesellschaft hat und dass sich Strukturen, die Menschen diskriminieren, auch in unserer Sprache wiederfinden. Deshalb ist es wichtig,  darüber nachzudenken, zu diskutieren und Sprachformen zu finden, die möglichst alle Menschen einschließen.
Und damit Tschüss, bis zum nächsten Mal!