Folge 3: Diskriminierung

Hallo und Herzlich Willkommen zur dritten Folge unseres Podcasts Buchstabensuppe. Heute wollen wir uns mit dem Thema Diskriminierung beschäftigen. Das Wort hast du bestimmt schon mal gehört. Aber: was bedeutet der Begriff überhaupt? Und: welche Formen und welche Ebenen von Diskriminierung gibt es? Das wollen wir heute klären und auch erzählen, was du gegen Diskriminierung tun kannst – wenn es dir passiert, aber auch, wenn es anderen passiert. Diskriminierung ist ein sehr großes Thema, deswegen müssen wir in dieser Folge auch manchmal Sachen weglassen. Wenn du aber dieses Symbol siehst, gibt es dazu mehr Informationen in einer anderen Folge oder in der Infobox.

 

Diskriminierung Teil 1 📦 Schubladendenken und Intersektionalität?!

Diskriminierung Teil 2 🔎 Erkennen und entgegenwirken 🛠️

Das Skript zur Folge – Downloads: Erstes Video & Zweites Video

Was ist Diskriminierung?

Diskriminierungen sind ungerechtfertigte Äußerungen oder Handlungen, die Menschen einer bestimmten sozialen Gruppe herabsetzen oder benachteiligen. Das heißt, Menschen werden in bestimmte Kategorien, beispielsweise Geschlechter, eingeteilt und mindestens eine der Gruppen davon erhält beispielsweise weniger Rechte, bei Geschlecht sind das zum Beispiel alle Menschen, die keine Männer sind. In unserer Gesellschaft sind wir uns eigentlich einig darüber, dass Diskriminierung ungerecht ist und unserem Grundgesetz und den Menschenrechten widerspricht. Gleichzeitig vertreten viele Menschen Meinungen und Ansichten, die beispielweise gegenüber bisexuellen Menschen oder flüchtigen Menschen diskriminierend sind. Und auch wenn in der Politik und in manchen aktivistischen Gruppen viel über Diskriminierung gesprochen wird, interessiert die meisten Menschen das Thema eher weniger.
Schon im 18. Jahrhundert, als die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte verfasst wurden, wurde darin festgehalten, dass alle Menschen frei und gleich sind, was bedeutet, dass eigentlich kein Mensch diskriminiert werden durfte. Aber es dauerte noch bis 1948, also bis zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte nach dem zweiten Weltkrieg, bis die Staaten der Welt sich darauf einigten, dass kein Mensch aufgrund von Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder anderen Kategorien diskriminiert werden darf. Aber beides Mal waren nicht alle Menschen mitgemeint – die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte 1789 bezog sich in ihrer Anwendung beispielsweise nur auf Männer, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 1776 nur auf Menschen mit weißer Hautfarbe, auch wenn das eigentlich so in den Dokumenten nicht stand. Die Menschenrechte sind vor allem das Recht darauf, nicht diskriminiert zu werden – dies steht auch in allen wichtigen Menschenrechtserklärungen an erster Stelle.
In Deutschland haben zum Beispiel 77,5% der schwulen und lesbischen Menschen Diskriminierung erlebt unter anderem in Form von Beleidigungen, sexueller Belästigung oder körperlicher Gewalt.

Welche Diskriminierungsformen gibt es?

Einige Diskriminierungsformen sind sehr bekannt, andere überhaupt nicht. Es existiert auch kein fertiger Katalog von allen Diskriminierungsformen. Wir stellen deswegen hier ein paar bekannte und unbekannte vor – das sind aber lange nicht alle! Diskriminierungsformen zeichnen sich dadurch aus, dass die Menschheit in zwei Gruppen geteilt wird, bei der eine Gruppe die Macht hat und die andere nicht. Die Gruppe mit der Macht nennt x privilegiert, die ohne Macht werden marginalisiert genannt. Diskriminieren kann x also nur, wenn x auch Teil der privilegierten Gruppe ist, sonst hat x nur Vorurteile gegen die andere Gruppe.

Rassismus wird die Diskriminierungsform genannt, bei der Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe abgewertet werden – unter dem Begriff wird aber auch die Abwertung von Muslim*innen und Jüd*innen gefasst, sowie Vorurteile und Gewalt gegenüber geflüchteten Menschen. Die privilegierte Gruppe sind also weiße Menschen und Menschen, die aus mehrheitlich christlichen Ländern kommen, die marginalisierte Gruppe sind Menschen of color und Jüd*innen, Muslim*innen, geflüchtete Menschen und Menschen, die aus Ländern der sogenannten dritten Welt stammen.
Eine weitere bekannte Diskriminierungsform ist Sexismus, also die Diskriminierung aufgrund des Geschlechts einer Person, aber auch die Vorurteile und Stereotypen, die diese Diskriminierungsform begünstigen. Von Sexismus betroffen sind vor allem Frauen* und alle anderen Menschen, die keine Männer sind. Männer sind die von Sexismus privilegierte Gruppe.
Klassismus bezeichnet die Unterdrückung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft. Privilegiert sind hier Menschen aus der Ober- und Mittelschicht, marginalisiert Menschen aus der Unterschicht. Ein klassistisches Vorurteil ist beispielsweise, dass alle Kinder von Familien der Unterschicht Kevin, Chantalle oder Jaqueline heißen und auf die Hauptschule gehen. Oder dass alle Hartz-IV-Empfänger*innen faul sind und den ganzen Tag über Fernsehen schauen und dem Staat auf der Tasche liegen, statt zu arbeiten.
Wenn es um die Diskriminierung von schwulen, lesbischen oder bisexuellen Menschen geht wird oft von ‚Homophobie‘ gesprochen – wir sprechen lieber von Homofeindlichkeit und von Trans*feindlichkeit, wenn es um transsexuelle, transgender oder transidente Personen geht. Privilegiert sind hier Menschen, die heterosexuell und/oder cissexuell sind. Cissexuell sind Menschen, deren Geschlecht, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden, auch mit ihrem gefühlten Geschlecht übereinstimmt
Manche Menschen sind von mehreren Diskriminierungsformen auf einmal betroffen – beispielsweise ist ein bisexuelles Mädchen aus der Unterschicht von Homofeindlichkeit, Sexismus und Klassismus betroffen und ein flüchtiger Mann, der im Rollstuhl sitzt von Rassismus und Behindertenfeindlichkeit, die im Englischen Ableismus heißt. Diese Überkreuzung von verschiedenen Diskriminierungsformen nennt sich Intersektionalität– das kannst du dir vielleicht herleiten aus dem englischen Wort für Kreuzung, intersection. Verschiedene Diskriminierungsformen wirken also zusammen und multiplizieren sich, so dass die gesellschaftliche Stellung der betroffenen Person noch weiter sinkt. Eine muslimische Frau ist damit nicht nur von Sexismus und Islamfeindlichkeit betroffen, die beiden Diskriminierungsformen wirken auch zusammen, so dass wir beispielsweise davon ausgehen, dass eine Frau* mit Kopftuch ihr Leben überhaupt nicht selbstbestimmt, sondern dass sie immer von Männern in ihrem Leben fremdgesteuert wird.

Welche Ebenen von Diskriminierung gibt es?

Die meisten Menschen denken bei Diskriminierung nur an Beleidigungen oder andere Dinge, die sich zwischen zwei oder wenigen Menschen beispielsweise auf der Straße abspielen. Dabei funktioniert Diskriminierung auf allen Ebenen der Gesellschaft. Es gibt dabei in der Sozialwissenschaft verschiedene Arten, Diskriminierung in Ebenen einzuteilen. Zunächst kann x zwischen direkten und indirekten Diskriminierungen unterscheiden. Direkte Diskriminierungen richten sich ausdrücklich an eine Gruppe, indirekte Diskriminierungen passieren, wenn eine Regel zwar eigentlich neutral ausgedrückt ist, eine bestimmte Gruppe Menschen aber besonders stark einschränkt. Wenn es zum Beispiel ein Gesetz gibt, nachdem das Tragen von Kopftüchern in Schulen verboten ist, klingt das zwar erstmal neutral, besonders betroffen sind davon aber Muslim*innen. Eine direkte Diskriminierung wäre, wenn Muslim*innen das Tragen von Kopftüchern verboten wäre.
Als strukturelle Diskriminierung werden Diskriminierungen bezeichnet, die nicht nur einzelne oder mehrere/eine Gruppe von Täter*innen haben, sondern bei denen gesellschaftliche Strukturen für die Diskriminierung verantwortlich sind. So ist die Tatsache, dass viele Gebäude für Rollstuhlfahrer*innen nicht zugänglich sind und es im Fernsehen kaum Sendungen gibt, die mit Gebärdendolmetscher*innen übersetzt werden, eine gesellschaftliche Struktur, die Menschen mit Behinderung systematisch ausschließt – es gibt aber keine einzelne Person oder eine Personengruppe, die allein dafür verantwortlich ist.
In der Sozialwissenschaft unterscheidet x außerdem zwei weitere Ebenen: Die Mikro-Ebene, das bedeutet die Interaktionen zwischen einzelnen Menschen, und die Makroebene, die sich mit der ganzen Gesellschaft beschäftigt. Auf beiden Ebenen kann Diskriminierung stattfinden – aber jeweils unterschiedlich.
Diskriminierung auf der Makro-Ebene, das heißt, der Ebene der ganzen Gesellschaft, bedeutet, dass die marginalisierte, also die diskriminierte, Gruppe, wirtschaftlich, politisch und rechtlich benachteiligt wird. Das bedeutet, dass beispielsweise Menschen, die von Rassismus betroffen sind, weniger verdienen als weiße Menschen oder dass Menschen mit Behinderung weniger Rechte haben als Menschen ohne Behinderung. Zwei weitere Beispiele für eine Diskriminierung auf der Makro-Ebene sind Gewalt und kulturelle Repräsentation. Das bedeutet, dass Menschen, die einer marginalisierten Gruppe angehören, viel öfter Erfahrungen mit verbaler, psychischer und körperlicher Gewalt machen. Zwar findet diese Gewalt eigentlich in der Mikro-Ebene, also nur zwischen einzelnen Personen statt, aber gesellschaftliche Strukturen wie Homo- und Transfeindlichkeit und die Vorurteile gegen queere Menschen begünstigen, dass es mehr Gewalttaten gegen queere Menschen gibt. Wer kulturelle Repräsentationen analysiert beschäftigt sich damit, wer in den Medien wie dargestellt wird. Marginalisierte Gruppen werden oft entweder nicht oder kaum dargestellt oder sehr stereotyp, so dass die privilegierte Gruppe sie eher als Witz auffasst. So werden schwule Männer in den Medien oft sehr weiblich dargestellt, mit einer Vorliebe für pink, Handtaschen und einer komischen Art zu sprechen und sich zu bewegen, während Intersex-Menschen in den Medien kaum vorkommen. Ein weiteres Beispiel ist die Darstellung von dicken und fetten Frauen* in den Medien: Sie gelten oft nur als Witzfiguren und werden nicht als komplexe Charaktere dargestellt, die eigene Interessen, Talente und Ideen haben. Diese Diskriminierungsform nennt sich Bodyismus oder Lookismus – also die Abwertung aufgrund des Körpers beziehungsweise des Aussehens.
Auf der Mikroebene sieht es dagegen so aus: Für das diskriminierende Verhalten von einzelnen Personen sind oft Stereotype und Vorurteile verantwortlich. Stereotype sind bestimmte Eigenschaften, die Menschen einer bestimmten Gruppe zugeschrieben werden, also zum Beispiel: „Alle alten Menschen haben graue Haare und Falten im Gesicht.“ Vorurteile sind dagegen negative Zuschreibungen an Menschen einer bestimmten Gruppe, also beispielsweise „Lesbische Frauen haben nur noch nicht den richtigen Mann gefunden.“. Vorurteile gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen führen häufig zu diskriminierendem Verhalten gegenüber dieser Menschengruppe. Wenn Kai also glaubt, dass lesbische Frauen nur noch nicht den richtigen Mann gefunden haben, wird er auch eine lesbische Beziehung in seinem Freundeskreis nicht akzeptieren oder seine lesbische Freundin Amira trotzdem anbaggern und versuchen, sie herumzukriegen.

Was kann ich tun, wenn ich diskriminiert werde?

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das dafür sorgen soll, dass alle Menschen gleich behandelt werden. Wenn du aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter oder sexueller Identität diskriminiert wirst, beispielsweise im Beruf oder im Alltag, kannst du dagegen klagen. Außerdem steht im Artikel 3 unseres Grundgesetzes, dass niemand aufgrund von Geschlecht, Abstammung, Hautfarbe, Sprache, Heimat und Herkunft, Glauben, Religion und politischer Überzeugung diskriminiert werden darf. Hier fehlt allerdings unter anderem die sexuelle Identität und diese Regelung gilt nur für den Staat, der nicht diskriminieren darf, nicht für Vermieter*innen, Chefs oder andere Menschen. Das bedeutet: Wenn es in einem öffentlichen Gebäude, wie zum Beispiel dem Rathaus, verboten ist, ein Kopftuch zu tragen, dann ist das ein Verstoß gegen die Religionsfreiheit – und eine kopftuchtragende Person kann dann beim Bundesverfassungsgericht dagegen klagen.
In Deutschland sind die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sowie das Institut für Menschenrechte dafür zuständig, wissenschaftliche Untersuchungen über Diskriminierung durchzuführen. Außerdem gibt es viele Nicht-Regierungs-Organisationen, die auf Diskriminierungen in Deutschland aufmerksam machen. Die Antidiskriminierungsstelle macht außerdem noch Öffentlichkeitsarbeit, das heißt, sie macht zum Beispiel im Internet auf das Thema Diskriminierung aufmerksam und bietet kostenlose Beratung an – du findest die Kontaktdaten in der Infobox.
Gegen Diskriminierung gibt es die sogenannte Antidiskriminierungspolitik oder Gleichstellungspolitik. Das sind politische Maßnahmen, die Diskriminierungen verhindern oder beenden wollen. Dazu ist es manchmal nötig, bestimmte Gruppen von Menschen, beispielsweise Frauen*, in den Vordergrund zu rücken und ihnen besondere politische Unterstützung zu geben. Von außen wirkt das manchmal so, als würde diese Gruppe plötzlich privilegiert, Gleichstellungsmaßnahmen werden aber nur so lange verfolgt, bis die Gruppe, um die es geht, keine Benachteiligung mehr erfährt und dann abgeschafft.
Auch auf europäischer Ebene gibt es Gesetze gegen Diskriminierung – allerdings verhindert momentan die Bundesrepublik Deutschland, dass es eine stärkere Antidiskriminierungspolitik in allen EU-Staaten gibt. Dabei würde sich für Deutschland kaum etwas ändern durch die neue Regelung. In anderen Staaten der EU wäre es dagegen dringend notwendig, dass es besseren Schutz vor Diskriminierung gibt.

Wenn du Diskriminierung erfährst, ist es wichtig, dir Unterstützung zu suchen, auch wenn dir das ganze vielleicht peinlich ist oder du Angst hast. Du kannst aber selbst entscheiden, welche Unterstützung du brauchst. Möchtest du einfach nur darüber sprechen? Dann kannst du mit Freund*innen, deiner Familie oder dem*der Schulsozialarbeiter*in darüber reden. Es gibt auch spezielle Beratungsstellen, an die du dich wenden kannst. Wir haben ein paar davon in die Infobox gesteckt. Außerdem kann es sein, dass du die diskriminierende Person oder Institution verklagen kannst. Dazu können dir außerdem Anwält*innen mehr sagen.
Wichtig ist, dass du auf dich aufpasst und wenn du lieber deine Ruhe haben möchtest, um deine Erfahrung zu verarbeiten, ist das in Ordnung.
Wenn jemand aus deinem Umfeld diskriminiert wird, ist es wichtig, diese Person zu unterstützen. Versuche, der Person zuzuhören und dann gemeinsam mit dieser Person herauszufinden, was gerade helfen würde: Möchte x zur Polizei gehen oder in eine Beratungsstelle? Oder möchte x lieber in Ruhe gelassen werden? Aber du musst auch auf dich achten, und wenn dir etwas zu viel wird, lieber Abstand nehmen.
In der Infobox ist auch der Link zu einer Broschüre, die ganz ausführlich darauf eingeht, was du tun kannst, wenn du diskriminiert wurdest oder jemanden unterstützen möchtest, dier diskriminiert wurde.

Du kannst dich auch mit deinen Freund*innen mal über das Thema Diskriminierung austauschen. Überlegt euch, welche Merkmale es gibt, in denen Menschen sich unterscheiden können – ein paar hast du ja jetzt schon kennengelernt. Und dann könnt ihr darüber diskutieren, welche Merkmale davon gesellschaftliche Vorteile, und welche Nachteile bedeuten. Manchmal gibt es auch Merkmale, die gesellschaftlich keine Rolle spielen, zum Beispiel ob x gerne Tee mag oder nicht. Vielleicht hat jemand von euch auch schon mal eine Diskriminierung erlebt und möchte das erzählen.