Folge 4: Rape Culture

Hallo und herzlich Willkommen zu unserer neuen Folge. Heute sprechen wir über ein ziemlich schwieriges Thema: sexualisierte Gewalt. Wir wollen dabei verschiedene Begriffe erklären und darüber reden, wie in unserer Gesellschaft mit sexualisierter Gewalt umgegangen wird. In der Infobox findest du Informationen und Anlaufstellen, falls du oder jemand aus deiner Familie oder deinem Freundeskreis sexualisierte Gewalt erfahren hat.

Was kannst du gegen Rape Culture tun?

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Was ist sexualisierte Gewalt?
Zuerst wollen wir kurz über die Begriffe Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, sexueller Missbrauch, sexuelle Gewalt und sexualisierte Gewalt reden.
Sexuelle Nötigung ist ein Überbegriff, für alle Situationen, in denen eine Person durch Gewalt, Drohungen oder ähnliches dazu gezwungen wird, sexuelle Handlungen auszuüben. Der Begriff wird auch verwendet, wenn ein*e Täter*in es ausnutzt, dass das Opfer sich nicht gegen sexuelle Handlungen wehren kann, beispielsweise, wenn das Opfer schläft oder betrunken ist. Sexueller Missbrauch ist die Bezeichnung dafür, dass sexuelle Nötigung Kindern und Jugendlichen angetan wird. Der Begriff bezieht sich nur dann auf Erwachsene, wenn sie beispielsweise aufgrund einer Behinderung nicht dazu fähig sind, sich zu wehren oder weil sie von dem*der Täter*in abhängig sind. Vergewaltigung bezeichnet eine schwere Form von sexuelle Nötigung, bei der Gewalt angewendet wird. In Deutschland gilt es also rechtlich nicht als Vergewaltigung, wenn eine Person gegen ihren Willen sexuelle Handlungen ausüben muss, sondern nur, wenn tatsächlich Gewalt angewendet wurde.
Der Begriff der sexuellen Gewalt, der auch als Überbegriff verwendet wird, wird inzwischen von Feminist*innen kritisiert und deswegen durch den Begriff sexualisierte Gewalt ersetzt. Damit soll ausgedrückt werden, dass es sich bei sexuellen Nötigungen nicht um Sex handelt, sondern um eine Form von Macht und Gewalt gegenüber dem Opfer.
Was ist Rape Culture?
Rape Culture kommt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt Vergewaltigungskultur. Unsere Gesellschaft ist eine Vergewaltigungskultur, in der sexualisierte, sowie körperliche, seelische und emotionale Gewalt vor allem gegen Frauen und Mädchen akzeptiert, verharmlost, verschwiegen und hingenommen wird. Dies trägt dann dazu bei, dass Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein normaler Bestandteil dieser Gesellschaft wird und es sehr schwierig ist, sich dagegen zu wehren. Der Begriff Rape Culture wurde in den 1970ern von amerikanischen Feminist*innen eingeführt und beschäftigt sich auch mit dem Rollenbild aggressiver und gewalttätiger Männlichkeit.
Was bedeutet es, in einer Rape Culture zu leben?
„Er wollte dich vergewaltigen? Sie es als Kompliment, er findet dich hübsch!“
„Lesbische Frauen haben nur noch nie einen richtigen Typen gehabt. Eine Vergewaltigung kann sie heilen“
„Einer von 33 Männern erlebt einen sexuellen Übergriff in seinem Leben. In der Europäischen Union ist jede dritte Frau betroffen von sexualisierter Gewalt, in Deutschland jede 7. Frau.“
„Sexarbeiter*innen können nicht vergewaltigt werden“
„Ich gehe nachts nicht alleine durch die Stadt. Ich habe Angst, vergewaltigt zu werden“
„Ich werde nicht zur Polizei gehen. Die werden mir eh nicht glauben, was passiert ist“
„Über Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt wird in den Medien und der Öffentlichkeit kaum geredet.“
„Im Bus hat mir schon wieder jemand an den Po gegrabscht“
„In unserer Gesellschaft gelten die Körper von Frauen als öffentliches Gut, die von allen Menschen bewertet, angeschaut und angefasst werden dürfen“
Was bedeutet Victim Blaming?
Ein typischer Prozess der Rape Culture ist das sogenannte Victim Blaming, also das Beschuldigen des*der Betroffenen. Das bedeutet, dass den Betroffenen sexualisierter Gewalt, meistens Frauen, ein Teil der Schuld für die Tat zugeschoben wird. Dies drückt sich in Fragen aus wie ‚Was hatte sie an, als sie belästigt wurde?‘, ‚War sie alkoholisiert, als sie vergewaltigt wurde‘ und ähnliches. Diese Fragen geben nicht nur dem*der Betroffenen die Schuld, sie tragen auch dazu bei, dass Männer als Triebtäter hingestellt werden, die sich kollektiv nicht mehr beherrschen können, wenn sie zum Beispiel einen kurzen Rock sehen. Aus diesen Fragen folgt aber auch, dass Mädchen und Frauen Ratschläge gegeben werden, wie ‚Zieh dir keinen kurzen Rock an, sonst wirst du vergewaltigt‘. In dieser Aussage wird nicht nur angenommen, dass Frauen* sich selbst vor sexualisierter Gewalt schützen könnten und sollten – nämlich, indem sie keinen kurzen Rock anziehen. Es wird auch gesagt, dass Frauen* selbst schuld sind, wenn sie sich nicht schützen – hätte sie den kurzen Rock nicht angezogen, wäre ihr nichts passiert. Zusätzlich heißt es, dass es Frauen* und Mädchen* geben wird, die trotzdem einen kurzen Rock tragen werden – wer also keinen kurzen Rock trägt stellt also in dieser Logik nur sicher, dass jemand anderes Betroffener*r sexualisierter Gewalt wird.

Wer sind die Täter*innen sexualisierter Gewalt und wie ist der Umgang damit im Justizsystem?
Rape Culture bedeutet auch, dass eine gesellschaftliche Erzählung existiert, bei der der*die Täter*in sexualisierter Gewalt ein fremder Mann ist, der im Dunkeln lauert. Die Zahlen sprechen aber dafür, dass die meisten Täter*innen sexualisierter Gewalt Bekannte, Familienangehörige und/oder Partner*innen der Betroffenen sind. Dass wir in einer Rape Culture leben, zeigt sich aber auch durch folgende Zahlen: Nur 8,4% der Anzeigen wegen Vergewaltigung führen tatsächlich zu einer Verurteilung des*der Täter*in. Damit hängt immer auch zusammen, ob der betroffenen Person eine Traumatherapie bezahlt wird. Außerdem heißt das, dass Betroffene oft Vergewaltigungen nicht anzeigen, da sie glauben, dass der*die Täter*in nicht verurteilt wird. Jährlich werden in Deutschland etwa 8000 Vergewaltigungen angezeigt. Die Dunkelziffer, also die Anzahl der Vorfälle, bei denen es nicht zur Anzeige kommt, ist riesig – vermutlich gibt es in Deutschland jedes Jahr mehr als 160.000 Vorfälle sexualisierter Gewalt. Feministische Vereine und Initiativen wie Terre des Femmes rufen den Staat schon seit Jahren auf, den sogenannten ‚Vergewaltigungsparagraphen‘, §177, zu reformieren. Momentan gilt eine Vergewaltigung juristisch nur als solche, wenn der*die Täter*in Gewalt anwendet und eine Gefahr für Leib und Leben des*der Betroffenen bestehen – ‚Nein‘ sagen, das Herunterreißen von Kleidung, Weinen oder ähnliches reichen nicht aus. Dieses Gesetz wird von vielen Gerichten zusätzlich sehr streng ausgelegt, was erklärt, wieso die Zahlen für die Verurteilungen so niedrig sind. In der Gesellschaft und auch in der Gesetzgebung besteht häufig die Befürchtung, dass Leute zu Unrecht einer Vergewaltigung beschuldigt werden. Das ist aber nur selten/fast nie der Fall.

Was kannst du tun?
Als Gegenentwurf zu einer Rape Culture hat sich der Begriff der Consent Culture herausgebildet. Consent Culture, also Zustimmungskultur, bedeutet, dass vor und bei jeder sexuellen Handlung die Zustimmung von allen Beteiligten da sein muss. Wenn du also etwas gegen die Rape Culture tun möchtest, sind hier ein paar Vorschläge: Bevor du Sex mit jemandem hast, frage die Person, ob sie einverstanden ist und respektiere die Antwort, auch wenn du etwas anderes gewünscht hättest. Respektiere, dass jeder Mensch das Recht darauf hat, über seinen*ihren eigenen Körper zu bestimmen. Wenn eine Person zu einer Handlung ja gesagt hat, darf er*sie seine*ihre Meinung auch wieder ändern. Ein Ja zu einer Handlung darf außerdem nicht erzwungen werden. Das gilt auch alles für dich selbst: Du alleine bestimmst über deinen Körper und wer ihn anfassen darf. Du darfst jederzeit nein sagen, wenn du etwas nicht oder nicht mehr möchtest, auch wenn du schon ja gesagt hast. Außerdem: Wer betrunken ist oder Drogen konsumiert hat, kann keinen consent zu sexuellen Handlungen geben. Und: egal wie kurz der Rock oder wie tief der Ausschnitt: Das ist niemals eine Einladung oder Erlaubnis, eine Person anzufassen.

Wie diese Folge gezeigt hat, ist es eigentlich für alle Menschen schwierig, in einer Rape Culture zu leben. Männern wird unterstellt, dass sie sich nicht unter Kontrolle haben und jederzeit Täter sexualisierter Gewalt werden können, Frauen, aber eigentlich Menschen aller Geschlechter, leben in ständiger Angst vor sexualisierter Gewalt und meiden deswegen zum Beispiel dunkle Straßen nachts. Und insbesondere für die Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, ist es schwierig. Weil sie in einer Gesellschaft leben, in der über sexualisierte Gewalt nicht gesprochen wird, und sie aber zum Alltag gehört. Weil den Opfern nicht geglaubt wird, weil die Taten nicht verurteilt werden, weil Mitmenschen Vergewaltigungswitze machen, als könnte x darüber lachen und weil ein eindeutiges ’Nein‘ immer noch nicht für eine Verurteilung wegen Vergewaltigung ausreicht. Lasst uns das stoppen.