Folge 8: Heteronormativität

In dieser Mini-Folge geht es um Heteronormativität. Wir schauen uns an, was der Begriff bedeutet, was der Unterschied von Heterosexualität und Heteronormativität ist und wer von Heteronormativität benachteiligt wird.

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Was ist Heteronormativität?

Um zu erklären, was Heteronormativität ist, müssen wir uns zuerst fragen, was Männer und Frauen sind und welche Eigenschaften und Unterschiede ihnen in der Gesellschaft zugeschrieben werden. Wir haben da mal eine Tabelle vorbereitet:

Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt es auf vier verschiedenen Ebenen. Die erste Ebene ist der Körper. Laut der Gesellschaft haben Männer einen Penis, Hoden, einen Adamsapfel und mehr Testosteron als Frauen. Frauen dagegen haben eine Vagina, Gebärmutter, Eierstöcke, Brüste und mehr Östrogen.

Auf der Straße können wir die meisten dieser körperlichen Merkmale nicht sehen – und wissen meistens trotzdem, wer ein Mann oder eine Frau ist. Dies liegt daran, dass wir uns als Gesellschaft auf verschiedene Zeichen und Symbole geeinigt haben, wie beispielswiese Kleidung, Make-Up, Hobbies und Verhaltensweisen, mit denen eine Person als männlich oder weiblich einsortiert werden kann. In der Wissenschaft wird das als soziales Geschlecht, oder gender bezeichnet. Frauen tragen also Röcke und schminken sich, Männer stehen auf Fußball, sind die Hauptverdiener in der Familie und eher aggressiv, Frauen mögen shoppen und pink und so weiter.

Eine weitere Ebene ist die Sexualität. Während von Männern erwartet wird, dass sie auf Frauen stehen, immer den ersten Schritt machen und viel Sex haben sollen, sollen Frauen eigentlich nur auf einen einzigen Mann stehen, sie sollen außerdem eher passiv sein und Kinder bekommen anstatt viel Spaß an Sex zu haben.

Eine letzte Ebene ist die der Identität, also die Frage danach, wer ich bin. Männer sollen sich als männlich identifizieren und Frauen als weiblich.

Was genau wollen wir mit dieser großen Liste eigentlich zeigen? Es geht uns darum, dass Heteronormativität etwas mit gesellschaftlichen Erwartungen und Regeln zu tun hat. In einer heteronormativen Gesellschaft gelten für die Menschen folgende Regeln:

  • Es gibt nur zwei Geschlechter, die sich jeweils sexuell zueinander hingezogen fühlen, Männer zu Frauen und Frauen zu Männern. Sie sind extrem unterschiedlich und eine Person kann nur ein Geschlecht haben und nicht zum Beispiel mehrere, keins oder zwischen den Geschlechtern stehen.
  • Das Geschlecht einer Person lässt sich an ihrem Körper ablesen. Der Körper, die Identität, die Präsentation des Geschlechts nach außen und die Sexualität einer Person hängen so eng miteinander zusammen, dass sie eigentlich nicht zu trennen sind.
  • Alle Menschen sind heterosexuell – zumindest so lange bis sie sich als zum Beispiel als schwul, lesbisch, bisexuell oder a_sexuell outen – und dann werden sie gesellschaftlich diskriminiert.
  • Heterosexualität wird als etwas Natürliches, Biologisches und gottgewolltes angesehen.

Dass viele dieser Annahmen nicht stimmen – weil es zum Beispiel mehr als zwei Geschlechter gibt und weil nicht alle Männer Penisse haben – und dass diese gesellschaftlichen Regeln vielen Menschen schaden, könnt ihr in unseren Videos immer wieder erfahren.

Wer wird von Heteronormativität benachteiligt?

Im Prinzip erstmal alle Menschen, die sich nicht so einfach in diese Tabelle einsortieren lassen, also schwule, bisexuelle und a_sexuelle Männer sowie lesbische, bisexuelle und a_sexuelle Frauen. Aber auch Trans*-Personen, also Personen, deren Geschlecht von dem abweicht, dem sie bei der Geburt wegen ihres Körper zugewiesen wurden und Inter*-Personen, also Personen, deren Körper sich in einem Spektrum zwischen männlich und weiblich bewegt.

Letztendlich schadet dieses System aber noch mehr Menschen. Zum Beispiel Frauen die gerne und viel Sex haben. Oder Männern, die shoppen auch gut finden. Oder Frauen, die keine Kinder bekommen wollen. Oder Männern, die nicht immer stark sein wollen, die gerne mal Schnulzenfilme schauen und weinen. Und deswegen ist es wichtig, darüber zu reden und letztendlich die Grenzen zwischen den Geschlechtern aufzuheben. Damit alle so sein können, wie sie wollen, ohne ausgelacht zu werden oder Gewalt zu erfahren.

Was ist denn der Unterschied zwischen Heterosexualität und Heteronormativität?

Heterosexualität ist eine sexuelle Orientierung – also wenn Männer auf Frauen stehen und andersrum. Heteronormativität ist ein gesellschaftliches System, in dem Heterosexualität privilegiert wird, das heißt, heterosexuelle Menschen haben Vorteile und nicht-heterosexuelle Menschen werden diskriminiert. Die Diskriminierung findet auf vielen verschiedenen Ebenen statt und bewirkt immer gleichzeitig, dass Heteronormativität als System bestehen bleibt. Auf der gesellschaftlichen Ebene finden sich zum Beispiel viele Vorurteile gegenüber schwulen, lesbischen, bisexuellen, a_sexuellen, trans*, inter*, poly* und queeren Menschen. Da kommt es dann oft auch zu körperlicher, psychischer, sexualisierter Gewalt und Mobbing gegenüber Menschen, die von der Norm abweichen. Auf der rechtlichen Ebene gibt es zum Beispiel immer noch Gesetze, die Menschen diskriminieren, die von der Heteronormativität abweichen, – wie beispielsweise die Tatsache, dass gleichgeschlechtliche Paare immer noch nicht heiraten dürfen, sondern nur eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen können. In den Medien, also zum Beispiel in romantischen Filmen und ganz besonders oft in der Werbung, werden immer nur heterosexuelle Paare gezeigt; und wenn tatsächlich mal schwule oder lesbische Menschen auftauchen, werden sie stereotyp und lächerlich dargestellt, und sie bekommen quasi nie ein Happy End. Oder noch ein Beispiel ist die Medizin, in der unter anderem Inter*-Kinder, also Kinder deren Körper sich auf einem Spektrum zwischen männlich und weiblich bewegt, zu einem der „beiden“ Geschlechter operiert werden, obwohl das medizinisch nicht notwendig wäre. Mehr dazu gibt es in unserer Folge zu Intersex zu erfahren.

Eine kurze Zusammenfassung:

Heteronormativität ist also ein gesellschaftliches System, in dem es nur zwei Geschlechter gibt die sich sexuell aufeinander beziehen – also in dem Heterosexualität die Regel oder eben „das Normale“ ist. Wer von diesen gesellschaftlichen Regeln abweicht, wird diskriminiert. Das muss sich ändern, denn letztendlich bedeutet Heteronormativität eine Einschränkung von Freiheit für uns alle.