Kummerkasten – Antwort 35

Hallo liebe Leute,
Ich wurde in einem weiblichen Körper geboren und habe vor kurzem realisiert, dass ich agender bin. Es hat mir zwar sehr weitergeholfen, das zu erkennen, aber ich fühle mich momentan überfordert. Ich weiß einfach nicht, wie ich es meinem ganzen Umfeld klarmachen soll, dass ich keine \”sie\” bin, ich möchte den Leuten schließlich auch nicht immer über den Mund fahren.
Außerdem habe ich mich gefragt, ob und wie es möglich ist, die offizielle Registrierung zu ändern.
Und schlussendlich das, was mir am meisten zu schaffen macht: ich möchte meine Brüste entfernen lassen, weiß aber nicht, welche Schritte da zu machen sind und ob derlei Maßnahmen ohne Hormontherapie durchgeführt und von den Krankenkassen übernommen werden können.
Ich hoffe, ihr könnt mir da irgendwie weiterhelfen!
Liebe Grüße, X

Hallo X,

 

endlich kommen wir dazu, deine Fragen zu beantworten – tut uns leid, dass es so lange gedauert hat.

Schön, dass du mit “agender” einen Begriff gefunden hast, der dich gut beschreibt und dir hilft, dich wohler zu fühlen. Es ist sehr verständlich, dass diese Erkenntnis auch erst mal überfordernd ist, schließlich wachsen die meisten von uns auf mit der gesellschaftlichen Vorschrift, dass es nur zwei Geschlechter gibt und dass alle Menschen entweder Männer oder Frauen sind. Das zu ‘verlernen’ ist ein langer Prozess, deswegen: Sei geduldig mit dir selbst und gib dir Zeit, dich daran zu gewöhnen. Und was dein Umfeld betrifft: Für die meisten von ihnen wird es vermutlich auch eine Umstellung sein, aber das heißt nicht, dass du die richtige Ansprache und den richtigen Umgang mit dir nicht einfordern darfst. Du darfst von Leuten verlangen, dass sie dich so ansprechen, wie du dich wohl fühlst. Wir wissen allerdings, dass das ganz schön anstrengend und schwierig werden kann, deswegen hier ein paar Tips von uns:

 

  1. Fang bei den Menschen an, denen du am meisten vertraust, und bei denen du dir sicher sein kannst, dass sie auf deiner Seite sind. Die können dich dann unterstützen, wenn es komplizierter wird, oder wenn du dich vor Leuten outen willst, bei denen es ein bisschen komplizierter wird.
    2. Es ist immer hilfreich, eine gute Quelle zur Hand zu haben, also einen Text, ein Video oder ähnliches, das Leuten kurz und bündig erklärt, was ‘agender’ bedeutet und wie du angesprochen werden möchtest. Agender sein bedeutet auch, immer wieder das gleiche erklären zu müssen, und das kann anstrengend sein. Immer einen Link oder einen Zettel parat zu haben, wo Leute die wichtigsten Infos nachlesen können, nimmt dir einiges an Arbeit ab und macht es dir leichter. Vielleicht möchtest du einfach die Definition aus unserem Glossar verwenden (hier), oder vielleicht kennst du ein gutes Video oder einen guten Text, der dir selbst auch geholfen hat. Manche Menschen schreiben auch einen kleinen Text selbst, den sie dann immer im Geldbeutel dabei haben und Leuten in die Hand geben. Das kann dann sowas sein wie “Hallo, mein Name ist _____ und meine Pronomen sind _____. Ich bin agender, das bedeutet für mich, dass _______. Ich werde nicht gerne mit “sie” angesprochen und mag es nicht, wenn die Begriffe _______ für mich verwendet werden. Mir ist es lieber, mit _____ angesprochen zu werden.”
  2. Ich persönlich finde es immer sehr hilfreich, sich mit anderen Menschen auszutauschen, die die gleiche Identität haben wie ich. Es gibt im Internet in sozialen Netzwerken und anderswo viele Leute, die sich gerne austauschen, und es gibt auch (je nachdem, wo du wohnst) vielleicht eine lokale queere Gruppe, der du beitreten kannst, wenn du möchtest.

 

Zu deiner Frage mit der offiziellen Änderung: Es ist seit Ende letzten Jahres ein neues Gesetz inkraft getreten, durch das es möglich ist, neben “männlich”, “weiblich” und einem leeren Feld auch noch “divers” offiziell eintragen zu lassen. Das ist allerdings nur unter bestimmten Umständen möglich. Die Aktion Standesamt 2018 hat sich viel mit dem Thema befasst und hier FAQs zum Thema zusammengestellt.

 

Und was die Maßnahmen zu Hormontherapie und Brustentfernung betrifft: Das ist am schwierigsten zu beantworten. Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit für trans Menschen, Zugang zu Hormontherapie und Mastektomien (also Brustentfernungen) zu bekommen, die Krankenkasse übernimmt das, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind – oft ein bestimmter Zeitraum, in dem du in psychotherapeutischer Behandlung sein musst, und schriftliche Gutachten von Psychotherapeut*innen/Psychiatern. Eigentlich werden diese Leistungen von den Krankenkassen nur für binäre trans Männer und trans Frauen übernommen und nicht für nichtbinäre Menschen – wozu du als agender Person auch gehörst – aber es gibt immer öfter Fälle, in denen Psychotherapeut*innen Gutachten auch für nichtbinäre Menschen ausstellen und sie so formulieren, dass die Krankenkasse es trotzdem übernimmt. Auf der Internetseite von TransMann e.V. gibt es eine Liste von Adressen für trans-freundliche Psychotherapeut*innen, die sind oft eine gute erste Anlaufstelle für solche Fragen. Dort gibt es auch Adressen für Leute, die Brustentfernungen machen.

 

Wir hoffen, diese ausführliche Antwort kann die lange Wartezeit wieder wettmachen! Falls du noch mehr Fragen hast, ist unser Kummerkasten jederzeit für dich da.

 

Liebe Grüße,

Balthazar