Folge 1: Intersex

Hallo und Herzlich Willkommen zur ersten Folge unseres neuen Podcasts! Zusammen wollen wir uns verschiedene Begriffe aus dem queeren und feministischen Spektrum anschauen, Hintergründe zu Themen beleuchten und Fragen klären. Unser heutiges Thema ist Intersexualität, auch Intersex genannt.

Intersex – Wer? Wie? Was? 🤔 Eine kurze Einführung 💡

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Was ist das überhaupt?
Als intersexuell werden Menschen eingestuft, deren Geschlecht nicht der medizinischen Norm von ‚eindeutig‘ männlichen oder weiblichen Körpern entspricht, sondern sich in einem Spektrum dazwischen bewegt. Dabei ist entweder eine Ebene des Geschlechts, also Genitalien, Chromosomen, Hormone oder Keimdrüsen – sprich Hoden oder Eierstöcke- nicht eindeutig. Beispielsweise hat eine Person ein Keimdrüsen-Mischgewebe. Oder verschiedene Ebenen des Geschlechts stimmen nicht miteinander überein, also hat beispielsweise eine Person sowohl eine Vagina wie auch innenliegende Hoden. Intersexualität in ihren verschiedenen Formen ist eine Folge davon, dass Embryos dieselben Geschlechtsanlagen haben, die sich dann in die männliche oder weibliche Richtung differenzieren. Bei den meisten Menschen entwickelt sich der Körper klar in eine Richtung, also mit einem XY-Chromosomensatz, Hoden, einem Penis und mehr Testosteron als Östrogen als Hormone oder XX-Chromosomen, einer Vulva und einer Vagina, Eierstöcken, einer Gebärmutter und weniger Testosteron. Bei intersexuellen Menschen aber ist diese Entwicklung nicht so gradlinig. Dabei gibt es über 4000 Varianten von möglichen Geschlechtsentwicklungen von Menschen. Unsere Gesellschaft kennt aber nur zwei – Männer und Frauen.
In der Medizin ist Intersexualität als DSD bekannt – Disorders of Sex Development, also Störungen der Geschlechtsentwicklung. Intersexuelle Menschen lehnen diesen Begriff meistens ab, weil sie sich nicht als ‚gestört‘ empfinden. Manchmal wird die Abkürzung DSD auch für ‚Differences of Sex Development‘ benutzt, also ‚Unterschiede in der Geschlechtsentwicklung‘. Das wird von intersexuellen Menschen als Begriff schon eher akzeptiert. Im Deutschen gibt es sonst noch die Begriffe ‚zwischengeschlechtlich‘ oder ‚intergeschlechtlich‘.

Sind das nicht Zwitter oder Hermaphroditen?
‚Hermaphrodit‘ wurde früher für intersexuelle Menschen gebraucht, der Begriff ist heute aber veraltet. ‚Zwitter‘ hingegen bezeichnet vor allem Pflanzen und Tiere, die auch beide Geschlechter in sich tragen und sich teilweise auch selbst befruchten können – das können intersexuelle Menschen meistens nicht. Die Begriffe ‚Zwitter‘ und ‚Hermaphrodit‘ sind für die meisten intersexuellen Menschen sehr beleidigend und verletzend. Du solltest sie also nicht benutzen. Manche intersexuellen Menschen verwenden aber beispielsweise ‚Herm‘ als Abkürzung von ‚Hermaphrodit‘ als positive Selbstbezeichnung. Wenn eine intersexuelle Person dir erlaubt, sie so zu bezeichnen, ist das okay.

Wie oft kommt Intersexualität vor?
Weil Intersexualität nicht ein einziges Syndrom ist, sondern ein Überbegriff für über 4000 verschiedenen medizinisch definierten Syndromen ist es schwierig, eine Zahl anzugeben, wie viele intersexuelle Menschen es überhaupt gibt. Das liegt unter anderem daran, dass manche Intersex-Formen nicht immer als Intersexualität gezählt werden. Ein weiterer Punkt ist, dass nicht alle Fälle von Intersexualität überhaupt bemerkt werden. Manche Menschen erfahren bei der Geburt, dass sie intersexuell sind, manche erst in der Pubertät, wenn beispielsweise die Menstruation bei einem Mädchen ausbleibt, weil es keine Eierstöcke, sondern Hoden hat. Manche Menschen erfahren es im Erwachsenenalter, wenn sie medizinische Hilfe suchen, weil sie keine Kinder bekommen können. Andere erfahren es nie.
Um trotzdem ein paar Zahlen zu nennen: Ca. 1 von 1500-2000 Neugeborenen kommt mit Genitalien auf die Welt, die nicht „eindeutig“ sind. Die Forscherin Anne Fausto-Sterling hat für die Zeit zwischen 1955 und 1998 medizinische Literatur erforscht und schätzt, dass ungefähr eines von 100 Neugeborenen eine Form von Intersexualität hat. Das ist 1% der Bevölkerung! Dabei gibt es aber auch sehr seltene Formen, die zum Beispiel nur 1 von 130.000 Neugeborenen betrifft.

Wie ist die Situation von intersexuellen Menschen in Deutschland?
Intersexuelle Menschen haben vor allem zwei große Anliegen: Sie möchten nicht mehr operiert werden und in der Öffentlichkeit sichtbarer werden.
Wenn bei der Geburt eines Kindes festgestellt wird, dass es intersexuell ist, gerade dann, wenn die Genitalien des Kindes ‚uneindeutig‘ sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Kinder operiert werden. Sehr oft werden die Kinder dabei dem weiblichen Geschlecht zugewiesen und es wird eine so genannte Neo-Vagina künstlich hergestellt. Dieses Behandlungsprogramm geht auf den Arzt John Money zurück, der in den 1950er Jahren eine These entwickelte: Er glaubte, dass es für die Geschlechtsidentität unwichtig ist, welche Genitalien ein Mensch hat – wichtig wäre seiner Meinung nach nur, in welchem Geschlecht ein Mensch erzogen wird. Intersexuelle Kinder wurden also dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugewiesen, operiert und dann in dem Geschlecht erzogen. Die Gesellschaft hatte damals noch Angst, dass eine Person, die sich nicht ihrer Geschlechterrolle entsprechend verhält, schwul oder lesbisch wird. Das sollte mit den Operationen auch verhindert werden.
Intersexuelle Menschen haben mit den Operationen aus mehreren Gründen ein Problem: Die Kinder sind noch sehr klein und können dabei nicht selbst mitbestimmen, ob sie überhaupt operiert werden wollen und wenn ja, welchem Geschlecht sie zugewiesen werden sollen. Die Eltern, die das für ihre Kinder entscheiden, sind oft mit der Entscheidung überfordert und folgen schnell der Empfehlung der Ärzte, zu operieren, obwohl sie auch in vielen Fällen warten könnten, um ihr Kind zu fragen. Aber sie haben Angst davor, was ihre Freund*innen, Nachbar*innen und Andere dazu sagen, dass sie ein Kind haben, das körperlich weder eindeutig ein Mädchen oder ein Junge ist. Es gibt natürlich auch Fälle, in denen Kinder operiert werden müssen, weil sie sonst starke Schmerzen hätten oder sterben würden. Dagegen haben die Verbände von intersexuellen Menschen auch nichts. Aber sie haben fast alle Erfahrungen damit gemacht, dass sie als Kinder viele Operationen über sich ergehen lassen mussten, dass sie Schmerzen hatten, dass sie einem Geschlecht zugewiesen wurden, dem sie sich nicht zugehörig fühlen und/oder dass sie ihr Leben lang Hormone nehmen müssen, weil ihnen ihre Keimdrüsen, entnommen wurden. Oft bleibt es nämlich nicht bei einer Operation: Komplikationen oder Nachkorrekturen gibt es oft. Außerdem hinterlassen die Operationen, die Schmerzen, und die Tatsache, dass viele Ärzte die Genitalien ansehen oder sogar Fotos davon machen bei vielen intersexuellen Menschen psychische Schäden. Deshalb fordern intersexuelle Menschen und ihre Verbündeten ein Verbot von rein kosmetischen, medizinisch nicht notwendigen Operationen an Kindern.
Was die öffentliche Sichtbarkeit angeht: Die meisten Menschen in Deutschland (und auf der Welt) haben keine Ahnung, dass es intersexuelle Menschen gibt. Darüber wird in der Schule, im Kindergarten, in den Familien und in den Medien nicht oder nur kaum gesprochen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass unsere Gesellschaft nur zwei Geschlechter kennt: Männer und Frauen. Viele Menschen haben Angst davor, wie eine Gesellschaft aussehen würde, die mehr als diese zwei Geschlechter anerkennt. Bis heute ist es aber Realität, dass Menschen, die sich nicht in eine der Geschlechterboxen pressen lassen, diskriminiert werden. Dabei würde es intersexuellen Menschen und ihren Angehörigen helfen, wenn Intersexualität öffentlich sichtbarer wäre, das heißt in der Öffentlichkeit mehr über Intersexualität gesprochen werden würde: Erstens wären die Eltern von intersexuellen Kindern dann eher darauf vorbereitet, dass sie ein Kind haben, dass weder eindeutig ein Mädchen noch Junge ist, zweitens werden heute die meisten intersexuellen Kinder deshalb operiert, weil Eltern und Ärzt*innen fürchten, die Kinder würden in der Schule oder im Kindergarten gemobbt werden. Mobbing passiert aber vor allem aus einer Unsicherheit heraus, nicht mit intersexuellen Menschen umgehen zu können. Wenn die Gesellschaft lernen würde, mit intersexuellen Menschen umzugehen, könnten intersexuelle Kinder in Ruhe aufwachsen und sich dann selbst entscheiden, ob und welche Operationen sie haben wollen. Drittens profitieren alle Menschen davon, wenn uns klar wird, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt – vor allem die, die keine Lust auf Geschlechterboxen haben.
In Deutschland wurde im November 2013 ein neues Gesetz verabschiedet. Danach müssen alle Kinder, die bei ihrer Geburt nicht einem Geschlecht eindeutig zugewiesen werden können, also intersexuell sind, ohne einen Geschlechtseintrag in die Geburtsurkunde eingetragen werden. Das klingt erst mal gut, als ob unsere Gesellschaft damit intersexuelle Menschen eher akzeptieren würde. Allerdings führt das Gesetz noch viel mehr dazu, dass Eltern ihre Kinder operieren lassen: Sind die Kinder nämlich operiert, können sie als männlich oder weiblich eingetragen werden und haben keine komische Sonderstellung ohne Geschlecht. Das Gesetz wird aber auch aus anderen Gründen kritisiert: So ist es ein Zwangsouting für intersexuelle Kinder und es ist noch nicht geklärt, wie das Gesetz mit anderen Gesetzen zusammenwirkt: Wen dürfen intersexuelle Menschen denn dann heiraten? Außerdem könnte die viele Diskriminierung auch dazu führen, dass intersexuelle Kinder gezielt abgetrieben werden.

Wie kann ich mit intersexuellen Menschen umgehen?
Intersexuelle Menschen sind ganz normale Menschen, sie sind genauso groß oder klein und mögen genauso gerne Schokoladeneis oder Spaghetti wie andere Menschen auch. Wenn du eine Person triffst, von der du denkst, sie könnte intersexuell sein, oder wenn eine Person sich bei dir als intersexuell outet, gibt es aber ein paar Dinge, über die du einmal nachdenken solltest:
Wenn du eine Person fragen möchtest, ob sie tatsächlich intersexuell ist, wie ihre Genitalien aussehen und/oder ob sie operiert ist, dann überlege vorher: Wenn diese Person dich das fragen würde: Wie würdest du dich fühlen? Würdest du mit der Person auch über deine Genitalien sprechen? Es ist also eine gute Idee, dass nur zu tun, wenn man die andere Person auch gut kennt. Und in einer Situation, in der sonst niemand zuhört.
Intersexuelle Menschen können sich als Frauen, Männer oder auch als ein anderes Geschlecht identifizieren. Es kann nicht schaden zu fragen, welchen Vornamen und Pronomen du für diese Person benutzten sollst: Hans und er, Marie und sie oder Kim und ganz andere Pronomen? Wie diese anderen Pronomen aussehen können werden wir euch bald in einer neuen Folge vorstellen.

Intersexuelle Menschen in der queeren Szene
Es gibt eine intersexuelle Bewegung erst seit den 1990er Jahren. Menschen, die jahrelang nicht wussten, was mit ihnen ‚falsch‘ war, oft, weil sie nie erfahren haben, was ihre Diagnose ist, dass sie intersexuell sind und wieso sie so oft operiert werden mussten, fanden sich in Selbsthilfegruppen zusammen. Dabei spielte das Internet eine wichtige Rolle. Diese Selbsthilfegruppen dienten sowohl dem Austausch, waren also auch Räume, um darüber zu reden, was einem widerfahren war, als auch Ausgangspunkte für die Kritik der Operationen an intersexuellen Menschen. Die wichtigsten Organisationen sind heute die Intersex Society of North America, die Deutsche Gesellschaft für Transsexualität und Intersexualität sowie zwischengeschlecht.org und intersexuelle Menschen e.V.
Intersexuelle Menschen sind auch in der queeren Szene noch relativ unsichtbar. Die queere Szene bezeichnet Treffpunkte und Gruppen von zum Beispiel schwulen, lesbischen, bisexuellen, asexuellen, transgender, queeren und inzwischen auch von intersexuellen Menschen. Viele Organisationen nehmen das I für Intersexuell in ihre Titel auf – zum Beispiel das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg. Keine Sorge – die anderen Buchstaben und Begriffe werden wir in diesem Podcast noch erklären.
Es gibt aber immer noch zu wenige Selbsthilfegruppen für intersexuelle Menschen – und Menschen, die sich mit diesem Thema auch in der queeren Szene auskennen. Oft wird Intersexualität nämlich nur als Beweis dafür verwendet, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, was vor allem transgender Menschen zugutekommt. Aber dass intersexuelle Menschen Hilfe und Unterstützung brauchen darin, die Operationen zu stoppen, wird leider immer wieder vergessen.

Eine kleine Zusammenfassung
Intersexuelle Menschen sind also Menschen, deren Körper weder männlich noch weiblich sind, sondern sich in einem Spektrum dazwischen bewegen. Das größte Problem intersexueller Menschen ist, dass viele intersexuelle Babys noch im Säuglingsalter zum weiblichen oder männlichen Geschlecht umoperiert werden. Das bedeutet nicht nur viele Schmerzen und Narben, sondern auch, dass die Kinder gar nicht selbst entscheiden können, ob sie überhaupt operiert werden wollen und wenn ja, was genau sie an sich ändern wollen. Um ein Operationsverbot durchzusetzen braucht es aber auch gesellschaftliche Sichtbarkeit, das heißt, das mehr Menschen darüber Bescheid wissen sollen, was Intersexualität ist, und wie man mit intersexuellen Menschen umgeht. Falls ihr euch noch weiter informieren wollt, haben wir ein paar Webseiten und Bücher gesammelt, die ihr unter diesem Video findet.