Kummerkastenantwort 221: Ich bin über mein Geschlecht verwirrt.

Hallo erstmal
Ich bin 15 Jahre und sehr verwirrt.
Ich bin mir nicht sicher, was mein Geschlecht angeht. Mir ist es egal ob man er oder sie nutzt und es interessiert mich nicht, wenn ein Kleidungsstück eher “männlich” oder “weiblich” ist. Ich habe mich über neutrale Geschlechter informiert und bin trotzdem verwirrt. Ich möchte mehr Klarheit, was mein Geschlecht angeht haben. Ich plane mein Outing als pansexuel und würde mich dabei auch direkt mit meinem Geschlecht outen.

Liebe Grüße von kiri

Hallo Kiri,

das ist natürlich nicht ganz einfach – wenn du einerseits merkst, dass die Labels, die kennst, nicht so richtig passen, du aber andererseits gerne eines Nutzen möchtest. Für sich genau genommen ist beides ja auch erstmal kein Problem.

Wenn du dir unsicher bist, was für ein Geschlechtslabel für dich passend ist, kannst du überlegen, ein sehr breites, in das sehr viel hinfällt zu nutzen: Enby, für nicht-binäre Person oder Neutrois als ein Label für ein neutrales Geschlecht.

Eine andere Möglichkeit ist, offensiv mit dieser Unsicherheit umzugehen, und als Label tatsächlich „questioning“ zu nutzen. Das zeigt sehr klar, dass du selbst fragend bist – ist valide und benennt das ganze treffend.

Für die Pronomen kannst du zu jeden Label, die Pronomen, die du nutzen willst, benennen. Es wäre also auch ok, zu sagen, „ich bin ein Mann und verwende sie/ihr-Pronomen“. Nicht unbedingt üblich, aber möglich. Du kannst hier also frei kombinieren, was sich richtig anfühlt. Ein Label bindet dich nicht an bestimmte Pronomina.

Hoffentlich war das für dich ein wenig hilfreich. Ich wünsche dir in jedem Fall ein gutes und sicheres Coming Out, unabhängig davon, was du dabei für Label benennst. Wenn du möchtest, kannst du auch gerne noch mal kurz schreiben, wenn du out bist, und erzählen, wie und ob du dich entschieden hast.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 218 – Meine Haare lösen Dysphorie aus

Hallo.

Und zwar gibt es etwas was mich ein wenig stutzig macht.
Ich bin trans und nicht geoutet.
Meine Haare bringen mir gelegentlich Dysphorie und ich bin mir unschlüssig, was ich jetzt machen soll.
Meine Haare sind bis zur Schulter lang und ich frage mich wie ich sie männlicher wirken lassen kann da ich denke dass kurze Haare mir mit meinem runden Gesicht nicht stehen werden.
Gibt es da Tricks die ich anwenden könnte?
Besten Dank!
Zedrik

Hallo Zedrik!

Ich persönlich finde nicht, dass es irgendwelche Gesichtsformen gibt, zu denen kurze oder lange Haare passen oder nicht passen – das ist ja alles nur irgendwelche Mode, wo mal irgendwer beschlossen hat, was gerade “in” ist und was nicht. Ich kann aber auch verstehen, wenn du deine Haare nicht abschneiden willst – das ist schließlich ein großer Schritt. Es ist vollkommen okay, deine Haare so zu tragen, wie du dich am wohlsten fühlst.

Lange Haare sind ja nicht an sich unmännlich, und es gibt viele Männer, trans und cis, die ihre langen Haare mit Stolz tragen. Wie genau lange Haare “männlicher” wirken ist schwierig zu sagen, weil der gleiche Haarstil bei unterschiedlichen Menschen ganz anders aussehen kann. Du kannst ja einfach mal die Augen offen halten, ob du – in der Öffentlichkeit oder auf Fotos – ein paar Männer mit langen Haaren findest, deren Looks dir gefallen. Ich persönlich folge gerne Leuten auf Instagram, deren Looks ich inspirierend finde. Allgemein kann ich nur sagen: Männer tragen ihre langen Haare oft “unordentlicher” als Frauen, also mit weniger definiertem Scheitel oder ganz ohne Scheitel, und wenn sie ihre Haare zusammenbinden, dann meistens in einem eher unordentlichen “Knoten” statt in einem ordentlichen Dutt oder Zopf. Außerdem sieht eine große Stirn oft “männlicher” aus, also hilft es auch, die Haare aus dem Gesicht zu halten und z.B. hinter die Ohren zu schieben.

Das alles sind eben normative Vorstellungen von Männlichkeit, und es bleibt vollkommen dir überlassen, was du daraus machst. Tu einfach, womit du dich wohl fühlst, das ist genau richtig so.

Alles Gute für dich!
Balthazar

Kummerkasten Antwort 209 – Ich will kein Mann sein?!

TW: In dieser Frage geht es unter anderem um Sexismus, Mobbing, toxische Geschlechterrollen und Transfeindlichkeit.

Hallo,
Ich glaube um meine Situation zu erklären muss ich leider ein wenig ausholen. Sorry schon mal falls diese Nachricht etwas lang wird.
Ich bin 19 Jahre alt und (zumindest biologisch gesehen) ein Mädchen /eine Frau.
Was meine Sexualität und mein Geschlecht angeht bin ich jedoch schon von klein auf sehr verwirrt. Als Kind im Grundschulalter wollte ich immer unbedingt ein Junge sein. Ich habe mir gar nicht viele Gedanken darüber gemacht sonder einfach diesen Traum ausgeplaudert. Natürlich nahm das keiner ernst. Meine Mitschüler haben mich auch Jahre später noch damit geärgert und meine Eltern haben es einfach nicht weiter beachtet. Ich habe auch nicht weiter drüber nachgedacht weil ich von Transgender und so was allem natürlich noch nichts gehört hatte. Als ich älter wurde habe ich aufgrund von Mobbingerfahrungen und dem schwierigen Verhältnis zu meinem Vater “gelernt” dass Jungs/Männer Arschlöcher sind. Sorry für die Ausdrucksweise. Ich habe aufgehört ein Junge sein zu wollen und versucht mich mit der Rolle als Mädchen abzufinden. Ich fing mehr und mehr an das Männliche Geschlecht zu hassen und darauf meine Identität aufzubauen. Ich habe mich lange Zeit durch die bloße Tatsache ein Mädchen zu sein gedemütigt gefühlt. Ich hatte die Erfahrung gemacht dass in unserer Gesellschaft die Jungs/Männer mehr wert sind, bestimmen dürfen, mehr Rechte haben,… In dem Weltbild, dass ich mir aufgebaut hatte waren Frauen nichts wert. Irgendwann erkannte ich jedoch dass in Wahrheit die Frauen die besseren sind und die Männer der Feind der uns nur eintrichtern will wir wären wertlos und schwach. Ich könnte jetzt noch ewig über mein Bild von Männern und Frauen reden aber das würde euch wahrscheinlich alle nur wütend machen weil die meisten Menschen sagen das sei völlig falsch. Männer seien nicht gefühlskalt, herrisch, rechthaberisch, selbst erlebt,… Ich habe jedoch genau die Erfahrung gemacht.
Zurück zum wesentlichen. Ich habe also versucht mich mit meiner Frauenrolle zu identifizieren was mir durch den Hass auf Männer gelang und durch meinen Wunsch mich an der Männerwelt rächen zu können. Trotzdem habe ich mich besonders von meinem weiblichen Körper immer gedemütigt gefühlt und er fühlt sich einfach nicht nach meinem an.
Vor ein paar Monaten habe ich herausgefunden dass ich lesbisch bin. Zunächst dachte ich das würde all meine verwirrenden Gefühle erklären. Ich dachte wenn ich weiß nicht eines Tages mit einem Mann zusammen sein zu müssen entspannt das mein Verhältnis zu den Männern. Das hat jedoch nicht funktioniert. Im Gegenteil. Nachdem dieses Problem gelöst war drängte sich mir wieder die Frage nach meiner Identität auf. Nach langem Überlegen kam ich zu der Erkenntnis dass ich mich fühle wie ein Junge der ein Mädchen sein will. Diese Erkenntnis hat mich jedoch noch mehr verwirrt. Ich habe den Körper einer Frau, habe aber das Gefühl den eines Mannes zu haben bzw. hätte gerne den eines Mannes. Wenn ich in den Spiegel schaue sehe ich das Gesicht eines Jungen/Mannes. Aber ich will kein Mann sein. Von der Persönlichkeit will ich eine Frau bleiben. Ich will kein gefühlskalt Eisblock werden, der sich immer als der Überlegene und der Tollste fühlt. Ich will nicht andere Menschen erniedrigen nur weil sie ein anderes Geschlecht haben. Außerdem, wenn ich ein Mann werden würde wäre ich ja nicht mehr Homosexuell. Ich habe jedoch festgestellt dass ich Heterosexualität echt eklig finde. Ich finde es okay wenn Menschen Hetero sind und kann es auch akzeptieren aber ich kann zum Beispiel noch nicht einmal hinschauen wenn sich Mann und Frau in einem Film küssen. Bei Homopaaren ist das kein Problem. Das heißt als Mann müsste ich auf Männer stehen, doch das kann ich eben nicht weil ich auf Frauen stehe.
Wahrscheinlich kapiert kein Mensch was ich mit diesem wirren Gerede sagen will. Ich verstehe mich und meine Gefühle ja selbst nicht. Ich weiß nur dass ich meinen weiblichen Körper kaum noch ertragen kann, obwohl ich so vieles versucht habe mich mit ihm anzufreunden. Besonders meine Brust kann ich absolut nicht akzeptieren. Schon dafür, zugeben zu müssen dass ich eine habe, schäme ich mich sehr. BHs kaufen ist das Demütigendeste was es gibt und ich verzweifle langsam echt. Ich habe schon mehrmals versucht sie abzufinden, was aber jedes Mal zu starken Schmerzen, Atemnot und blauen Flecken geführt hat. Jetzt habe ich zwar eine neue Methode dafür gefunden, die wenigstens hält aber schmerzhaft ist es immer noch, besonders weil ich chronischen Husten habe der dadurch verstärkt wird.
Die Leute in meinem Umfeld meinen ich könne meinen Körper nur nicht akzeptieren weil ich nicht erwachsen werden will. Es stimmt zwar dass ich mich mit dem erwachsen werden schwer tue aber ich glaube nicht dass das der Grund dafür ist warum sich mein Körper nicht nach meinem Körper anfühlt.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich will doch einfach nur wissen wer oder was ich bin. Ich bin so verwirrt. Auf der einen Seite will ich nicht einfach nur eine Frau sein, weil sich das falsch anfühlt. Auf der anderen Seite will ich aber auf keinen Fall ein Mann sein. Mein Ekel vor Männern wird irgendwie immer größer. Wenn sich zum Beispiel einer in der Bahn neben mich setzt kann ich oft kaum noch atmen und bekomme regelrecht Angst. Wenn mich ein Mann/Junge berührt muss ich mich sofort desinfizieren. Ich schäme mich total dafür. Schließlich rege ich mich darüber auf dass die Männerwelt uns Frauen schlecht macht und erniedrigt und selbst bin ich so voll Hass und Ekel gegenüber Männern. Bitte denkt jetzt nicht schlecht über mich. Ich will so nicht fühlen oder denken. Ich weiß nur nicht wie ich es ändern kann.
Am liebsten wäre ich einfach Mann und Frau zugleich. Ich habe gelesen dass das zwar geht aber ich verstehe das alles nicht. Es ist zu verwirrend. Und wenn ein Teil von mir ein Mann wäre, wie sollte ich damit leben. Auf der anderen Seite kann ich ja aber auch nicht mit dem Frau sein leben. Ich habe versucht mir vorzustellen wie es wäre ein Mann zu sein und es hat sich sehr einsam angefühlt. Männer haben schließlich keine richtigen Freunde, reden nicht über Gefühle, müssen immer die starken Beschützer sein,… Ich kann so nicht leben. Und eine Partnerin würde ich dann erst recht nie finden. Ich könnte es niemals mit meinem Gewissen vereinbaren dass wegen mir eine Frau mit einem Mann zusammen lebt. Männern kann man einfach nicht vertrauen und ich will dass man mir vertrauen kann. Ich will aber auch dass ich mich jemandem anvertrauen kann und nicht den Rest meines Lebens ein starker Macho sein muss.
Ich weiß einfach nicht mehr weiter.
Ich habe mit ein paar Leuten in meinem Umfeld darüber gesprochen und die meinten ich solle einfach aufhören darüber nachzudenken. Ich sei eine Frau und damit müsse ich mich abfinden und mein Geschlechterrollenbild sei eh viel zu verschoben um da zu einer Lösung zu kommen. Man könne eh nichts an dem ganzen ändern. Ich schaffe es aber einfach nicht mich damit abzufinden und einen Punkt an die Sache zu setzen. Wer bin ich? Und was kann ich tun um das herauszufinden?

Hallo du,

erst einmal tut es mir leid, dass dich als Kind mit deinem Geschlechtsausdruck niemand ernst genommen hat und dass du so viele schlechte Erfahrungen damit und mit Männern machen musstest.

Es stimmt, dass sehr viele Eigenschaften, die in der Gesellschaft als “männlich” gelten, nicht gerade menschlich, herzlich und freundlich sind. Von Männern wird erwartet, dass sie stark, durchsetzungsfähig und wenn nötig auch aggressiv sind, und das macht es vielen Männern nicht gerade leicht, gute Menschen zu sein. Und weil es diese ganzen Geschlechterrollen und Erwartungen an Männer gibt, schaffen es viele nicht, einen positiven sozialen Umgang mit ihren Mitmenschen zu entwickeln. Dazu kommt noch, dass Frauen in unserer Gesellschaft fast überall im Vergleich zu Männern abgewertet werden und viel Diskriminierung und Gewalt erfahren, oft von Männern.

Das heißt aber nicht, dass alle Männer so kalt, verletzend und freundelos sind, oder dass du so sein musst, wenn du feststellen solltest, dass du tatsächlich ein Mann bist. Es gibt unzählige Männer, die sich bemühen, besser zu sein als ihr Ruf, die enge Freundschaften pflegen und hilfsbereit, großzügig, weich und verständnisvoll sind. Nicht alle Männer sind genau gleich, so wie auch nicht alle Frauen exakt gleich sind. Es gibt überall gute und schlechte, und dann noch zahlreiche Abstufungen dazwischen.

Wenn du feststellen solltest, dass du ein Mann bist, dann bist du immer noch du selbst. Dein Charakter bleibt so, wie er ist, deine Art zu lieben bleibt so, wie sie ist, und du bist immer noch der gleiche Mensch wie immer. Und das ist vollkommen okay. Du bekommst die Chance, ein besserer Mann zu sein als die, mit denen du so schlechte Erfahrungen gemacht hast, und du alleine entscheidest, was für eine Art Mann und Mensch du bist.

Was deine Angst vor Männern und deinen Ekel betrifft, da kann ich dir leider nicht weiterhelfen. Ich hoffe, du findest eine fähigere Person als mich, mit der du über diese Themen reden kannst – das würde sicher bei all diesen Themen auch helfen.

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 208 – Ich finde Geschlechterrollen unnötig!

Hey
Ich denke in den letzten Tagen öfter über mein Geschlecht nach. Mir ist es egal ob man mich als weiblich oder männlich bezeichnet, auch ist es mir egal, wenn ich “weibliche” oder “mänliche” Kleidung trage. Ansich finde ich die genderrules unnötig. Ich habe mich ne Zeitlang als genderfluid bezeichnet, was aber meiner Meinung iwie nicht passt. Ich denke, das ich Non-binäry oder Agender bin, bin mir nicht sicher. Es wäre echt net, wenn ich damit Hilfe bekommen würde.

Hallo du,

wenn es dir egal ist, was du trägst, wie du angesprochen oder gesehen wirst und du insgesamt nicht so viel Wert auf dein Geschlecht legst, dann könntest du dich z.B. als gender indifferent bezeichnen.  Das ist eine Bezeichnung für alle Menschen, denen es auch so geht und die ihr eigenes Geschlecht nicht wirklich wichtig finden.

Agender oder nonbinär/nichtbinär/nonbinary passt aber auch, und wenn du dich mit einem dieser beiden Begriffe wohler fühlst, dann kannst du natürlich auch einen dieser beiden oder beide für dich verwenden. Agender beschreibt in der Regel Menschen, die kein Geschlecht haben oder die mit dem Konzept von Geschlecht nichts anfangen können. Nichtbinär/nonbinary ist ein Überbegriff für alle Leute, die nicht oder nicht ausschließlich männlich oder weiblich sind. Es kann aber auch als Selbstbezeichnung verwendet werden. Ich finde übrigens, du hast vollkommen Recht – alle Regeln, die für Geschlechter gemacht werden, sind vollkommen unnötig und können in den Müll!

Ich hoffe, das konnte dir ein wenig helfen. Ich wünsche dir alles Gute!
Balthazar

Kummerkasten Antwort 207 – Bin ich agender, wenn ich Geschlechterrollen ablehne?

Liebes Kummerkasten-Team
Ich bin vor einigen Tagen auf den Begriff “a-gender” gestoßen und finde ihn etwas verwirrend. Ich bin zeugungsfähig und hatte mich deshalb immer als Mann im Sinne des sex identifiziert, habe mich aber nie mit der sozialen Rolle, die mir aufgedrängt wird, anfreunden können.

Auf Englisch sprachigen Seiten wurde der Begriff “a-gender” mit “kein gender haben” übersetzt. Ich werde von meiner Umwelt jedoch meist als Mann gelesen und es werden daher auch gewisse Erwartungen und Normen an mich gerichtet. Bin ich, wenn ich diese ablehne a-gender?
Wenn gender sozial konstruiert ist (und sozial bedeutet, dass es trans-subjektiv ist) kann ich einfach behaupten kein gender zu haben, nur weil ich das gender nicht erfülle, das mir zugedacht wird?
Ich hoffe ihr könnt mir zu einer besseren Einsicht verhelfen.
Liebe Grüße
(A)

Hallo (A),

deine Frage ist sehr komplex und ich hoffe, dass ich sie gut beantworten kann. Du hast auf jeden Fall Recht damit, dass Geschlecht sozial konstruiert ist. Soziale Konstruktion ist aber kompliziert, sie passiert nicht nur gesellschaftlich, sondern auch in jeder einzelnen Person, und damit auch in dir. Dein persönliches Geschlecht ist dir nicht angeboren, sondern etwas, was im ständigen Wechsel zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und deinem Aussehen, deinem Tun, deiner Geschlechterpräsentation etc. entsteht.

Das bedeutet aber nicht, dass Geschlecht komplett zufällig, willkürlich oder frei wählbar ist. Und nur die Aussage (bzw. “Behauptung”) “Ich bin agender” macht eine Person noch nicht agender.

Was eine Person agender macht, ist allerdings genauso schwer zu beantworten wie die Frage, was eine Person zu einem Mann macht. Das einzige, was ich fragen kann, ist: Wie fühlst du dich denn? Wenn du in dich hineinhörst und nach den Dingen suchst, die dich zu dem Menschen machen, der du bist – verbindest du von diesen Dingen irgendwas mit Männlichkeit? Wichtig ist nämlich nicht, welches Geschlecht dir andere Menschen zuschreiben, das hat nichts mit deiner Identität zu tun. (Eine trans Frau, die noch ungeoutet ist und nach außen hin für die meisten Leute “wie ein Mann” aussieht, ist ja trotzdem noch eine trans Frau.)

Agender sein ist auch kein Zustand, der einfach eintritt, wenn eine Person Geschlechterrollen ablehnt. Es gibt sehr viele Menschen, die Rollen und Erwartungen ablehnen und sich trotzdem mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie zugewiesen wurden/werden. Das bedeutet: Du “darfst” dich auch dann als Mann identifizieren, wenn du mit vielen Dingen nicht einverstanden bist, die die Gesellschaft von Männern erwartet, und wenn du aktiv gegen diese Rollenbilder angehst. Männer können Makeup tragen, sich die Nägel lackieren, weinen, nicht an Sport interessiert sein, keine Lust auf Machogerede haben und trotzdem noch Männer sein – ganz egal, wie die Gesellschaft das findet.

ABER. Wenn du in dich reingehorcht hast und dabei feststellst, dass du dich nicht mit Männlichkeit identifizieren kannst, dass du kein Mann bist und auch keiner sein möchtest, und wenn du kein Geschlecht in dir findest – dann kann es durchaus sein, dass du agender bist. Letztlich ist einfach nur wichtig, mit welchem Begriff du dich identifizieren kannst und willst, mit welchem Begriff du dich am wohlsten fühlst und was dich am besten beschreibt.

In der Hoffnung, dass dich das jetzt nicht noch mehr verwirrt, wäre hier auch noch ein anderes mögliches Label für dich: Genderqueer. Genderqueer ist ein Begriff für alle Menschen, die nicht in die gesellschaftlichen Normen von Geschlecht passen. Vielleicht ist dir ja mit diesem Begriff vorerst geholfen?

Viele liebe Grüße und alles Gute,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 190 – Weder Mann noch Frau. Gehöre ich irgendwo dazu?

hey, es mag ein wenig kompliziert klingen, jedoch verzweifle ich gerade sehr. Seit dem ich mich erinnern kann mag ich mich hier als Pan bezeichnen, und ich stehe dazu. Doch habe ich dieses Gefühl das ich selbst dazu nicht gehöre, da ich weiblich bin, was nix falsches ist, jedoch ich mich selbst weder als Frau oder mann sehe. Ich trage es schon lange mit mir herum und ich möchte mich selbst ausdrücken können. Doch ich weiß nicht als was ich mich bezeichnen soll. danke..

Hallo lieber unbekannter Mensch,

es freut mich, dass du deine sexuelle Orientierung gefunden hast und dazu stehen kannst. Es ist außerdem sehr verständlich, dass dir die Frage nach deinem Geschlecht Kopfzerbrechen bereitet – Geschlecht ist für die allermeisten Menschen gar nicht so einfach, wie es die Gesellschaft aussehen lässt.

Menschen, die sich wie du weder als Mann noch als Frau sehen, bezeichnen sich oft selbst als “nichtbinär“. Vielleicht passt dieses Wort ja auch für dich? Es gibt auf jeden Fall sehr viele Menschen, die nicht männlich oder weiblich sind, uns hat es immer schon gegeben, zu verschiedenen Zeiten der Geschichte, unter verschiedenen Bezeichnungen, überall auf der Welt – und wir haben immer schon dazugehört. Nichtbinäre Menschen gehören zur Gesellschaft, wir gehören zur queeren Community, wenn wir das möchten, und wir gehören auch zur trans Community, wenn wir uns dort zugehörig fühlen. (Trans sind alle Menschen, deren Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, was ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.)

Ich hoffe, diese Antwort hilft dir weiter. Wenn du noch mehr Fragen zu diesem Thema (oder anderen) hast, steht unser Kummerkasten dir jederzeit offen.

Alles Gute!
Balth

Kummerkasten Antwort 189 – Kein Junge, kein Mädchen – irgendwie zwei Geschlechter?

Hey, ich bin 14 und weiblich
Ich habe nen kleines Problem galhabeal weil Ich mir echt nicht mehr sicher bin. Ich mag meinen weiblichen Körper zum Teil… Ich hasse aber meine brüste. Ich mag den Titel als Mädchen nicht aber junge gefällt mir auch nicht… Ich hatte früher immer Problem dabei ein “wirkliches” Mädchen zu sein. Da irgendwie alle meine Freunde jetzt trans sind bzw mich mehr zum nachdenken gebracht haben ob diese Verhaltensweisen nicht doch normal sind… Ich habe mittlerweile kurze Haare und trage sehr oft Sport bhs.. Ich liebe es wie ein Junge auszusehen aber manchmal trage ich auch sehr weibliches. Und irgendwie als junge kann ich es mir nicht vorstellen. Nun ist meine Frage bin ich tomboy oder doch was anderes was mich als Körper weiblich und als psychisch halb halb bezeichnet?

Zusätzlich noch eine andere frage. Ist es bi wenn ich mir vorstellen kann mit beiden Geschlechtern eine beziehung einzugehen… Ich finde den Körper einer Frau viel attraktiver aber verlieben tue ich mich hauptsächlich in Männer also der Charakter von männlichen ist mehr anziehend als bei einer Frau. Kurze gesagt bei einer Frau mag ich den Körper mehr
Und bei Männern den Charakter

help???

Hallo lieber unbekannter Mensch,

solche Fragen wie deine sind sehr nachvollziehbar, aber leider auch sehr kompliziert, weil niemand außer dir wissen kann, welches Geschlecht du hast bzw. welches Label du dafür benutzen möchtest – wir können dir das leider nicht einfach so vorschreiben. Was wir allerdings können, ist, dir ein paar Ideen und Hinweise zu geben.

  1. Es gibt keine Vorschriften, wie ein “männlicher” oder “weiblicher” Körper auszusehen hat. Wenn dir deine Brüste nicht in den Kram passen, du sie lieber versteckst, abbindest oder ganz loswerden möchtest, dich aber trotzdem als Frau oder weiblich identifizierst, fühlst oder bezeichnen möchtest, dann bist du es.
  2. Du schreibst, du kannst es dir nicht vorstellen als Junge – wenn das Label “Junge” oder “männlich” sich nicht richtig für dich anfühlt, dann musst du es auch nicht benutzen. Du kannst dich aber fragen, was genau sich daran für dich nicht richtig anfühlt – sind es die gesellschaftlichen Erwartungen und die Geschlechterrollen, die von Jungen erwartet werden? Oder ist es das Junge sein an sich, was für dich nicht richtig passt? Genauso kannst du dich fragen, was dir an Weiblichkeit nicht passt, oder an den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Mädchen und Frauen gestellt werden. Das kann dir helfen, dein eigenes Geschlecht und dein Empfinden ein bisschen zu trennen von gesellschaftlichen Bildern und Erwartungen. Nur, weil die Gesellschaft sehr klare Vorstellungen hat, wie Jungen und Mädchen sein sollen, heißt das nicht, dass irgendwas davon auf dich zutrifft. Du bist, wer du bist, und das ist auch gut so.
  3. Wenn du dich weder im Begriff “Junge” noch in “Mädchen” so richtig wiederfindest und wohlfühlst, möchtest du dich vielleicht als nichtbinär bezeichnen. Nichtbinär sind einfach alle Leute, die nicht männlich oder weiblich sind, oder nur teilweise, oder nur manchmal.
  4. Nichtbinär ist aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Geschlechter, z.B. genderfluid. Wenn du dich manchmal in weiblichen Kleidern wohlfühlst, manchmal aber nicht, dann kann es sein, dass dein Geschlecht fließend ist und sich manchmal ändert.
  5. Du schreibst von einer “halb halb” Geschlechtsidentität – darauf trifft z.B. der Begriff “bigender” zu. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechtsidentitäten haben, z.B. männlich und weiblich, oder weiblich und nichtbinär. Diese zwei Geschlechter können je nach Person z.B. gleichzeitig da sein, sich abwechseln, oder sich ständig mischen.
  6. Du selbst schlägst den Begriff “Tomboy” vor. Fühlt der sich für dich richtig an? Ist das ein Begriff, den du gerne für dich verwenden möchtest? Dann spricht nichts dagegen, den zu benutzen.
  7. Wichtig ist vor allem, dass du einfach weiterhin tust, was dir gut tut und was sich für dich richtig anfühlt. Egal, welches Label du verwendest, um dich und dein Geschlecht zu beschreiben, keines davon kann dir vorschreiben, wie du aussehen sollst, welche Klamotten du tragen darfst, mit welcher Sprache du dich wohl fühlst usw. Du weißt am allerbesten, was für dich richtig ist.

Zu deiner Frage mit Bisexualität interessiert dich vielleicht das sogenannte Split Attraction Model: Es gibt Menschen, die eine unterschiedliche romantische und sexuelle Orientierung haben, also wie in deinem Fall z.B. sexuell zu Frauen und romantisch zu Männern hingezogen sind. Wir haben da vor einer Weile mal eine Folge der Buchstabensuppe dazu gemacht, die findest du hier. Du kannst aber selbst bestimmen, ob du das Split Attraction Model verwenden willst, um über deine Anziehung zu reden, oder ob du findest, dass “bi” deine Gefühle und deine Anziehung besser beschreibt. Du kannst auch je nach Situation verschiedene Labels verwenden, wenn das für dich am nützlichsten ist.

Ich hoffe, diese vielen Begriffe waren nicht überfordernd und konnten dir ein bisschen helfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Balth

Kummerkasten Antwort 175 – Genderfluid? Agender? Demigirl?

Heyy… ich bin erst kürzlich auf diesen Blog gestoßen und ich finde es toll wie ihr die verschiedenen genders erklärt. Ich habe bis jetzt nur solche Seiten auf englisch gefunden.
Ich habe erst vor zwei Wochen realisiert (oder mehr akzeptiert), dass ich non binary bin. Ein paar Tage davor habe ich realisiert, dass Sex für mich in Theorie toll ist, aber in der Praxis nicht meins ist (ich hatte keinen Sex ich habe einfach nur realisiert, dass ich nach zwei Minuten einfach abgeturnt bin) und identifiziere mich selbst seitdem als asexuell. Es war ein großer Schritt das zu akzeptieren, da ich davor erst akzeptiert hatte, dass ich auf Mädchen stehe und dass ich asexuell bin einfach verdrängt habe.
Ich habe Schwierigkeiten mit meinem Gender. Ich fühle mich meistens nicht wie ein Mädchen, bin mir nicht sicher ob ich ein Junge bin an Tagen wo ich mich nicht wie ein Mädchen fühle und fühle mich meist eigentlich wie gar nichts. Es gibt Tage (oder er Momente im Laufe des Tages) , da habe ich Probleme mit meiner Brust und andere Male da geht es eigentlich. Ich mag es eigentlich einen weiblichen Körper zu haben, fühle mich aber manchmal nicht wohl in meiner Haut (oder meinem Geschlecht). Es wäre am einfachsten sich als agender zu identifizieren aber ich weiß nicht ob es passt oder ob ich genderfluid bin oder einfach ein Demigirl? Pronomen sind übrigens kein Problem. Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich es nicht anders gewohnt bin. Allerdings mag ich meinen Namen überhaupt nicht und würde ihn an liebsten zu etwas neutralen ändern. Am liebsten River oder Sky.
Liebe Grüße

Lieber unbekannter Mensch,

Gender ist kompliziert und es ist vollkommen verständlich und in Ordnung, dass es schwierig ist für dich, die richtigen Worte zu finden. Ich finde, alle Begriffe, die du vorschlägst – agender, genderfluid, demigirl – passen sehr gut zu dem, was du über dein Geschlecht und deine Gefühle und Gedanken dazu geschrieben hast. Es ist gut möglich, alles drei zu sein. Vielleicht bist du ja genderfluid und dein Geschlecht wechselt zwischen agender und demigirl? Das könnte vllt. auch erklären, warum du manchmal Probleme mit deiner Brust hast und sie dir manchmal egal ist oder dich nicht stört.

Egal, welche Labels du verwendest, nur du entscheidest, welcher Name, welches Aussehen und was sonst noch dazu gehört. Und egal, ob du genau weißt, wann dein Geschlecht genau was ist, oder ob du es vllt. niemals ganz genau sagen kannst – du verdienst Respekt und Akzeptanz.

Ich hoffe, ich konnte etwas helfen und wünsche dir alles Gute.
Liebe Grüße,

Balthazar

PS: Danke für dein Lob! Es freut uns, dass unsere Arbeit bei den Menschen ankommt, die uns brauchen. 🙂

Kummerkasten Antwort 174 – Kein trans Mann, aber was dann?

Hallo,

ich bin mittlerweile 27 und stehe vor einem Dilemma.

Seit einigen Jahren hadere ich bewusst mit meiner Geschlechtsidentität. Vor 3 Jahren fing ich an zu denken ich sei vielleicht einfach “ein schwuler Mann in einem weiblichen Körper”.

Nach und nach wurde mir immer bewusster, dass ich mich mit dem weiblichen Aspekt irgendwie nicht richtig identifizieren kann.

Vor ca. einem Jahr wurde ich durch Kontakt zur Queercommunity auf trans und enby aufmerksam.

Jetzt aber zum richtigen Dilemma: retrospektiv passt relativ vieles auf trans. Als kleines Kind hab ich zum Beispiel eher versucht im Stehen zu pinkeln und war schon eher ein Tomboy (abgesehen von sehr kurzen Haaren, ich trage meine seit 20 Jahren schulterlang).

Ich fing Anfang diesen Jahres an auch Männerklamotten zu shoppen. Ein mulmiges Gefühl bleibt irgendwie, v.a. sozial.

Ich habe packing und binding alleine zu Hause ausprobiert: fühlt sich richtig an.

Wenn ich jetzt allerdings daran denke ich würde mich als TransMANN outen: Irgendwas funktioniert nicht.

Mann finde ich irgendwie den falschen Begriff. Ich sehe mich nicht so wie alle Männer um mich rum sind. Ich bin zwar gefühlt eher männlich aber irgendwie passt mir zur Gruppe Mann zu gehören auch nicht.

Was könnte ich sein? Wer bin ich?

Ich benutze übrigens seit ca. 3 Monaten mit Online-Freunden he/him und den Namen Alex. Fühlt sich gut an, ist aber eben meist auf Englisch. Auf Deutsch ist’s wieder seltsam.

Danke für Eure Hilfe schonmal,

Michelle

Hi du,

ich kann deine Suche und deine Verwirrung sehr gut nachvollziehen, und kenne deine Fragen auch selbst. Geschlecht ist nunmal einfach übel kompliziert und seltsam, wenn eins nur lange genug darüber nachdenkt.

Vielleicht hilft es dir ja zu wissen, dass die Art und Weise, wie du dich präsentierst, nichts damit zu tun haben muss, wie du dich identifizierst und welches Geschlecht du bist? Es gibt z.B. eine Menge Butches, die “Männerklamotten” tragen, sich maskulin geben, evtl. einen “Männernamen” tragen und er-Pronomen benutzen und sich trotzdem nicht als Männer identifizieren, sondern z.B. als Frauen oder nichtbinär oder eben einfach nur butch. Es gibt aber auch sehr viele Männer, die auch keine besondere Zugehörigkeit zur Kategorie “Mann” empfinden, die nicht in männliche Stereotype passen, die vielleicht das Gefühl haben, nicht viel mit anderen Männern gemeinsam zu haben und die trotzdem das Recht haben, sich als Männer oder männlich zu identifizieren, wenn sie das für sich selbst passend finden.

Wir wissen aber leider alle, dass die Gesellschaft echt Schwierigkeiten hat, wenn Sachen in Punkto Geschlecht nicht zusammenpassen – dann ist es meistens entspannter, ein praktisches Label bzw. eine Erklärung parat zu haben, weil es Dinge einfacher macht. Nach dem, was du beschreibst, wäre vllt. “demiboy” ein passendes Label für dich? Ein “Demiboy” ist ein Mensch, der sich nur teils mit Männlichkeit identifizieren kann, oder nur mit manchen Aspekten von Männlichkeit. Du könntest auch einen Überbegriff wie genderqueer oder nichtbinär verwenden, wenn du dich nicht genau festlegen willst.

Egal, welches Label du verwendest, nur du kannst entscheiden, welche Klamotten, welche Pronomen und was sonst noch alles für dich da dazugehört. Vielleicht möchtest du auf deutsch lieber erstmal auf Pronomen verzichten, wenn “er” sich nicht richtig anfühlt, oder vielleicht verschiedene eigene Pronomen ausprobieren?

Ich hoffe, das konnte dir ein wenig helfen.
Alles Gute und viele Grüße,

Balthazar