Kummerkasten Antwort 76 – Furry und queer?

Hallo.

Ich hatte noch nie eine Freundin, so wie man das eben schon in der Schule hat. Ich habe das bislang immer damit begründet, dass mein Umfeld immer sehr Jungs-lastig war, auch in der Hochschule. Da gab es ein paar schwule Männer, ich akzeptiere sie so wie sie sind. Da ist für mich nichts besonderes dabei, im Gegensatz zu meinen Eltern. Mittlerweile bin ich 27. Ich habe schnell akzeptiert, dass die Vorstellung von Sex nicht so meins ist und ich wohl asexuell sein könnte. Ich bin im zweiten Anlauf vor ein paar Monaten über Cosplay ins Furry-Fandom reingekommen. Aus unbekannten Gründen haben sich in dieser Gruppe überdurchschnittlich viele queree Menschen eingefunden. Trotzdem bedeutet ein Furry zu sein nicht zwingend queer zu sein. Aber trotzdem habe ich darüber nachgedacht, aber nichts so recht gefunden was mit mir ist. Ich fühle mich auch nicht so recht zu Männern hingezogen. Nur dass ich gerne einen sportlichen Körper haben will. Für mich ist es eine schöne Vorstellung mit einer Freundin zu kuscheln und aneinander zu liegen. Aromantisch bin ich wohl auch nicht? Mir ist aber aufgefallen, dass mir Charactere (Fursonas) ohne Geschlechtsdefinition besonders gefallen.

Hallo,

ich hoffe, ich kann deine Frage beantworten – in unserem Team kennen wir uns nicht gut mit dem Furry-Fandom aus, deswegen versuche ich mich vor allem auf den Teil mit der Sexualität und dem Geschlecht zu konzentrieren.

Es ist vollkommen okay, noch keine Beziehung gehabt zu haben und vielleicht auch insgesamt keine zu haben – es ist eine unfaire Erwartungshaltung von der Gesellschaft, dass alle Menschen eine (romantische, sexuelle) Paarbeziehung wollen und haben und dass sie am besten damit schon in der Schulzeit anfangen sollen. Viele Menschen haben keine Paarbeziehung, vor allem nicht in der Schulzeit, und es gibt viele verschiedene Gründe dafür.

Es klingt durchaus für mich so, als könntest du asexuell sein. Asexualität ist Teil der queeren Community, von daher ergibt es durchaus Sinn für mich, dass du dich unter queeren Furrys unter deinesgleichen fühlst. Kuscheln und körperliche Nähe haben ja an sich nichts mit Sex (und auch nicht unbedingt mit romantischen Gefühlen) zu tun, d.h. wenn du das Gefühl hast, dass das Label “asexuell” für dich passt, dann steht dem nichts im Wege.

Vielleicht ist das Furry-Fandom für dich auch ein Einstieg, um dich mehr mit Geschlecht auseinanderzusetzen. Du schreibst, dass dir die geschlechtsneutralen Varianten besonders gefallen – vielleicht kann dich das zum Nachdenken anregen über deine eigene Geschlechtsidentität oder die deiner bevorzugten Partner*innen. Du könntest dich ja mal mit dem Begriff “nichtbinär”/”nonbinary” auseinandersetzen, falls dich das interessiert.

Hoffentlich war das hilfreich. Weiterhin viel Erfolg bei deiner Suche!

Viele Grüße, Balthazar

Neue Kummerkastenantwort 45

Hey!

Wisst ihr, ich hab ewig lang darüber nachgedacht, mir die Brüste abzubinden und es eines Tages dann endlich getan- ich hab ewig gebraucht und zwei Rollen Verband, vor allem weil meine Brüste recht groß und unterschiedlich groß sind. Und obwohl es unangenehm war, fühlte es sich gut an, bei mir keine Brüste mehr zu sehen. Doch eine Frage meiner Psychologin ließ mich das Thema wieder fallen lassen: Ob ich einen Penis will. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Ich dachte eine Weile, ich wäre genderfluid, das würde vielleicht erklären, wie ich mal meine Brüste toll finde und wie ich sie mal am liebsten abreißen würde. Aber dann kann ich mir nicht wirklich vorstellen, einen Penis zu haben…

Vllt wisst ihr ja Rat?

Lea

Hallo Lea,

danke für deine Frage! Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, das wissen wir. Für viele Menschen braucht es lange, um die eigene Geschlechtsidentität kennenzulernen – das ist voll okay, nimm dir gerne alle Zeit, die du brauchst, um dir darüber im Klaren zu werden.

Wichtig zu wissen ist, dass Geschlecht und Genitalien nicht zusammenhängen müssen. Egal, welches Geschlecht oder welche fluiden Geschlechter du hast, ein Wunsch nach einem Penis muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Wenn du dich momentan mit deinen Genitalien nicht unwohl fühlst, dann ist das etwas Gutes und nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst, und das bedeutet nicht, dass du deswegen nicht genderfluid oder irgendeine andere Art von trans oder nichtbinär sein kannst. Viele Menschen, vor allem viele Ärzt*innen und Therapeut*innen, verbinden trans / nichtbinär / genderfluid sein immer mit einem Unzufriedensein mit dem eigenen Körper und vor allem mit den Genitalien – aber tatsächlich ist es für alle trans und nichtbinären Menschen ganz unterschiedlich, wie wohl oder unwohl sie sich mit welchen Teilen ihres Körpers fühlen!

Wenn es sich manchmal gut anfühlt für dich, dir die Brüste abzubinden, und du an anderen Tagen gar kein Problem mit deinen Brüsten hast, dann ist das vollkommen okay. Du solltest nur wissen, dass es gefährlich sein kann, dir die Brüste mit Verbandsmaterial abzubinden. Vor allem, wenn die Mullbinden/Verbände nicht elastisch ist, kannst du dir damit sehr schaden und zum Beispiel dein Brustgewebe, deine Rippen und/oder deine Lungen beschädigen. Wie du gut und sicher deine Brüste abbinden kannst, wenn du es brauchst, erfährst du in unserer Binderbroschüre hier.

Liebe Grüße und alles Gute für dich,

Balthazar

Coming Out

Coming Out: Das Coming Out beschreibt den Prozess, in dem eine Person sich selbst über ihr Geschlecht und/oder sexuelle Orientierung bewusst wird (inneres Coming Out) und beginnt, mit anderen darüber zu sprechen (äußeres Coming Out). Vor allem das äußere Coming Out ist ein lebenslanger Prozess.

Gender

Gender: Gender beschreibt auf einer wissenschaftlichen Ebene das sozial konstruierte Geschlecht und auf einer aktivistischen und persönlichen Ebene die Geschlechtsidentität einer Person. Geschlechtsidentität bedeutet hier die persönliche Vorstellung vom eigenen Geschlecht und der eigenen Geschlechterrolle. Innerhalb der Gesellschaft ist Gender das Konzept, nach dem wir verschiedene Ideen wie sozialen Status, Geschlechtspräsentation, Rolle in der Gesellschaft, Lebensplanung und Sexualität in die Kategorien Männlichkeit und Weiblichkeit einordnen.

Körperliches Geschlecht

Körperliches Geschlecht: Das körperliche Geschlecht eines Menschen ist eine gesellschaftliche bzw. kulturelle Konstruktion, bei der verschiedenen Körperteilen, wie beispielsweise Genitalien, Hormonen und Chromosomen, eine Geschlechtlichkeit zugeschrieben wird. Zum Beispiel wird in unserer Gesellschaft ein Penis als Code für Männlichkeit gesehen. „Konstruktion“ bedeutet, dass es kein natürliches körperliches Geschlecht gibt, sondern unsere Gesellschaft dies erst erschaffen hat, zum Beispiel durch die Erwartung, dass alle Frauen Eierstöcke haben. Diese Vorstellung ist aber fehlerhaft und diskriminierend, beispielsweise für inter Menschen, deren Körper nicht in das zweigeschlechtliche System passen. Außerdem sagen Körpermerkmale nichts über das Geschlecht aus, mit dem sich eine Person identifiziert. So kann es beispielsweise auch Männer geben, die Brüste und eine Vagina haben.

CAFAB

CAFAB: Die Abkürzung CAFAB steht für “coercively assigned female at birth”, also “bei Geburt gewaltsam dem weiblichen Geschlecht zugewiesen”. Diese Formulierung wird vor allem von inter Personen benutzt, die bei ihrer Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen und dementsprechend operiert wurden, ohne dass ihr Einverständnis vorlag. Die Formulierung kann aber auch von trans Personen benutzt werden, die damit ausdrücken, dass sie aufgrund ihrer Genitalien einem Geschlecht zugewiesen wurden, dem sie sich nicht zugehörig fühlen.

Binäres Geschlecht

binäres Geschlecht: Die Binarität der Geschlechter bezieht sich auf das westliche Geschlechtersystem, das nur zwei Optionen (und keine Zwischenstufen) zulässt, nämlich männlich und weiblich. Dies gilt für die gesamte Gesellschaft, z.B. die sozialen Rollen, Geschlechtsidentitäten und die körperlichen Geschlechter von Menschen. Damit wird so getan, als gäbe es intergeschlechtliche, nichtbinäre und andere Menschen, die nicht in dieses System passen, nicht. Dieses Geschlechtersystem wird gewaltvoll durchgesetzt, z.B. werden intergeschlechtliche Menschen medizinisch unnötigen Eingriffen ausgesetzt, damit sie einem binären Geschlechterbild entsprechen oder Jungen erleben Gewalt, wenn sie gerne Kleider tragen oder mit Puppen spielen wollen.

DFAB

DFAB / AFAB / FAAB: Die Abkürzung DFAB steht für “designated female at birth”, AFAB für “assigned female at birth”, und FAAB “female assigned at birth”. Die drei Begriffe sind verschiedene Varianten von ‚bei Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen‘. Inter, Trans und nichbinäre Personen, die bei ihrer Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurden, verwenden diese Bezeichnung, um auszudrücken, dass sie sich damit nich oder nur teilweise identifizieren können.