Kummerkastenantwort 285 – Meine sexuelle Präferenz hängt von Genitalien ab

TW: Hier geht es um Genitalien und um teilweise transmisogyne Narrative (also welche, die trans Frauen schaden und ausgrenzen)

Ich stehe auf alles was einen Penis hat und ihn auch nicht los werden will.
Ich bin eine Frau.
Mir ist auch egal ob diese Person als Frau gesehen werden möchte oder sich wie eine fühlt oder kleidet … nur der Penis muss da sein.
Auch egal ist es mir wenn die Person Weiblich aussieht. Jedoch sobald die Person *nur* eine Vagina hat, ist ein Sexuelles Interesse ausgeschlossen.
Meine Frage:
Bin ich schlicht Hetero oder gibt es da doch einen anderen Begriff für?

Hallo du,

es ist ehrlich gesagt echt schwierig, deine Frage zu beantworten, weil Genitalien nicht wirklich etwas mit Sexualität zu tun haben. Sexualität, wie wir sie begrifflich verwenden, bezieht sich immer auf das Geschlecht bzw. die Geschlechter der Person(en), zu denen Anziehung empfunden wird. Da alle Menschen unterschiedlich sind, lässt sich weder von einem Geschlecht auf Genitalien schließen, noch umgekehrt von Genitalien auf das Geschlecht einer Person.

Du könntest also sagen, dass du eine Vorliebe für bestimmte Genitalien hast, ohne, dass es deine Sexualität beschreibt. Was deine Sexualität betrifft, musst du vielleicht noch einmal in dich hineinhorchen – da du schreibst, dass du weiblich bist und auch auf Frauen stehen kannst, ist der Begriff “heterosexuell” meiner Meinung nach nicht passend – zumal er auch das Geschlecht von trans Frauen unsichtbar machen würde, und das wäre nicht nur inhaltlich falsch, sondern auch problematisch. Vielleicht passt es dir ja besser, dich als bi-, poly- oder pansexuell zu beschreiben und zusätzlich deine genitale Präferenz zu nennen, falls es wichtig werden sollte? Das ist es ja in den meisten Kontexten tatsächlich nicht, sondern nur spezifisch, wenn es um sexuelle Kontakte geht.

Bitte vergiss dabei nie, respektvoll zu bleiben und Menschen nicht auf ihre Genitalien zu reduzieren.

Viele Grüße und alles Gute,
Balthazar

Kummerkastenantwort 242 – „Darf“ ich meine sexuelle Orientierung an Geschlechtsteilen festmachen?

Hallo liebes Team vom Queer Lexikon,

bis vor kurzem sah ich mich noch als Heterosexuell.
Mittlerweile und nach langer Studie verschiedenster Quellen über Queere Realitäten und Nicht-Binarität bin ich da allerdings ziemlich unsicher, ob meiner sexuellen Orientierung weil ich zum Beispiel Vulven und eigentlich nach dem binären Geschlechtsmodell “weibliche” sekundäre Geschlechtsmerkmale anziehender und ästhetsicher finde (bin selber afab) als zum Beispiel einen Penis.

Aber ist das ok, meine sexuelle Orientierung auf die Intimkonfiguration von Menschen einzuschränken?
Ist es sogar transfeindlich?

Ich mache mir da wirklich Sorgen :/

Hallo,

ich glaube nicht, dass das, was du schilderst, von sich aus nicht ok oder transfeindlich ist -es aber durchaus sein kann, je nach dem, wie du damit umgehst.

Das ganze hängt für mich ein wenig an der Frage, was Heterosexualität für dich bedeutet und, was diese Erekenntnis, die du hier schilderst für dich bedeutet. Anderer Blickwinkel und in dem Fall die selbe Frage: Wie funktionieren Beziehungen?

Was meine ich damit? Nun. Wenn wir das Ganze etwas vereinfacht zu vereinfacht durchgehen, würde das ja bedeuten, dass du eben nicht hetero bist, weil du Vulven anziehend findest. Das wirkt auf mich schon deswegen holprig, weil Menschen ja nicht nur aus ihren Intimorganen bestehen und vermutlich deine Idee, hetero zu sein, ja auch irgendwoher gekommen sein muss.

Und genau so wie Menschen vielfältig und verschieden sind, sind es auch unsere Bedürfnisse. Wenn Vulven ästhetischer sind und damit -zum Beispiel- Sex für dich mit Menschen mit Vulva befriedigender ist, ist das zunächst mal einfach so. Das ist in sich auch nicht transfeindlich. Die Frage ist hier dann, was das im großen Ganzen bedeutet. Und ich glaube nicht, dass sexuelle Orientierung als einzelner Begriff – du merkst, Vielschichtigkeit ist ein wiederkehrendes Thema- viel Sinn ergibt und andererseits sehr schnell sehr wenig Inhalt hat, wenn es dabei nur um eine einzelne Eigenschaft von Personen geht. Lass das mal gedanklich durchspielen: Wir sagen für dich heißt, dass Vulven ästhetischer sind, dass du lesbisch sein musst. (Müssen tust du schonmal gar nichts, aber nur für den Gedankengang.) Dann hieße das ja, wenn der Begriff umfassend gilt, dass du all deine Dates irgendwie mit Frauen haben müsstest, alles, was mit emotionaler Nähe zu tun hat, mit Frauen haben müsstest, alles, was mit Ästhetikempfinden zu tun hat, sich auf Frauen beziehen müsste. Das klingt nicht so richtig überzeugend, oder?

Und hier lohnt es sich dann, das aufzudröseln und sich von absoluten Werten zu lösen. Das schafft Freiheit. Die Personen, mit denen du Sex haben willst, müssen nicht die sein, mit denen du in einer romantischen Beziehung sein willst. Das jetzt gesellschaftlich schon wieder schwierig, ich weiß, geht aber vollkommen ok.

Andersherum glaube ich, wäre das ganze dann transfeindlich, wenn Menschen an unnötigen Stellen auf ihren Körper oder Teile ihres Körpers reduziert werden. Sozusagen, wenn jedes Date mit der Frage beginnt, was die andere Person in ihrer Hose hat. Da werden Grenzen überschritten, das bringt Menschen in super unangenehme Situationen und das sind dann Dinge, die echt nicht okay sind.

Ich hoffe, ich konnte das für dich soweit ok aufschlüsseln. Melde dich gerne nochmal, wenn du noch Fragen hast, oder etwas unklar ist.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 189 – Kein Junge, kein Mädchen – irgendwie zwei Geschlechter?

Hey, ich bin 14 und weiblich
Ich habe nen kleines Problem galhabeal weil Ich mir echt nicht mehr sicher bin. Ich mag meinen weiblichen Körper zum Teil… Ich hasse aber meine brüste. Ich mag den Titel als Mädchen nicht aber junge gefällt mir auch nicht… Ich hatte früher immer Problem dabei ein “wirkliches” Mädchen zu sein. Da irgendwie alle meine Freunde jetzt trans sind bzw mich mehr zum nachdenken gebracht haben ob diese Verhaltensweisen nicht doch normal sind… Ich habe mittlerweile kurze Haare und trage sehr oft Sport bhs.. Ich liebe es wie ein Junge auszusehen aber manchmal trage ich auch sehr weibliches. Und irgendwie als junge kann ich es mir nicht vorstellen. Nun ist meine Frage bin ich tomboy oder doch was anderes was mich als Körper weiblich und als psychisch halb halb bezeichnet?

Zusätzlich noch eine andere frage. Ist es bi wenn ich mir vorstellen kann mit beiden Geschlechtern eine beziehung einzugehen… Ich finde den Körper einer Frau viel attraktiver aber verlieben tue ich mich hauptsächlich in Männer also der Charakter von männlichen ist mehr anziehend als bei einer Frau. Kurze gesagt bei einer Frau mag ich den Körper mehr
Und bei Männern den Charakter

help???

Hallo lieber unbekannter Mensch,

solche Fragen wie deine sind sehr nachvollziehbar, aber leider auch sehr kompliziert, weil niemand außer dir wissen kann, welches Geschlecht du hast bzw. welches Label du dafür benutzen möchtest – wir können dir das leider nicht einfach so vorschreiben. Was wir allerdings können, ist, dir ein paar Ideen und Hinweise zu geben.

  1. Es gibt keine Vorschriften, wie ein “männlicher” oder “weiblicher” Körper auszusehen hat. Wenn dir deine Brüste nicht in den Kram passen, du sie lieber versteckst, abbindest oder ganz loswerden möchtest, dich aber trotzdem als Frau oder weiblich identifizierst, fühlst oder bezeichnen möchtest, dann bist du es.
  2. Du schreibst, du kannst es dir nicht vorstellen als Junge – wenn das Label “Junge” oder “männlich” sich nicht richtig für dich anfühlt, dann musst du es auch nicht benutzen. Du kannst dich aber fragen, was genau sich daran für dich nicht richtig anfühlt – sind es die gesellschaftlichen Erwartungen und die Geschlechterrollen, die von Jungen erwartet werden? Oder ist es das Junge sein an sich, was für dich nicht richtig passt? Genauso kannst du dich fragen, was dir an Weiblichkeit nicht passt, oder an den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Mädchen und Frauen gestellt werden. Das kann dir helfen, dein eigenes Geschlecht und dein Empfinden ein bisschen zu trennen von gesellschaftlichen Bildern und Erwartungen. Nur, weil die Gesellschaft sehr klare Vorstellungen hat, wie Jungen und Mädchen sein sollen, heißt das nicht, dass irgendwas davon auf dich zutrifft. Du bist, wer du bist, und das ist auch gut so.
  3. Wenn du dich weder im Begriff “Junge” noch in “Mädchen” so richtig wiederfindest und wohlfühlst, möchtest du dich vielleicht als nichtbinär bezeichnen. Nichtbinär sind einfach alle Leute, die nicht männlich oder weiblich sind, oder nur teilweise, oder nur manchmal.
  4. Nichtbinär ist aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Geschlechter, z.B. genderfluid. Wenn du dich manchmal in weiblichen Kleidern wohlfühlst, manchmal aber nicht, dann kann es sein, dass dein Geschlecht fließend ist und sich manchmal ändert.
  5. Du schreibst von einer “halb halb” Geschlechtsidentität – darauf trifft z.B. der Begriff “bigender” zu. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechtsidentitäten haben, z.B. männlich und weiblich, oder weiblich und nichtbinär. Diese zwei Geschlechter können je nach Person z.B. gleichzeitig da sein, sich abwechseln, oder sich ständig mischen.
  6. Du selbst schlägst den Begriff “Tomboy” vor. Fühlt der sich für dich richtig an? Ist das ein Begriff, den du gerne für dich verwenden möchtest? Dann spricht nichts dagegen, den zu benutzen.
  7. Wichtig ist vor allem, dass du einfach weiterhin tust, was dir gut tut und was sich für dich richtig anfühlt. Egal, welches Label du verwendest, um dich und dein Geschlecht zu beschreiben, keines davon kann dir vorschreiben, wie du aussehen sollst, welche Klamotten du tragen darfst, mit welcher Sprache du dich wohl fühlst usw. Du weißt am allerbesten, was für dich richtig ist.

Zu deiner Frage mit Bisexualität interessiert dich vielleicht das sogenannte Split Attraction Model: Es gibt Menschen, die eine unterschiedliche romantische und sexuelle Orientierung haben, also wie in deinem Fall z.B. sexuell zu Frauen und romantisch zu Männern hingezogen sind. Wir haben da vor einer Weile mal eine Folge der Buchstabensuppe dazu gemacht, die findest du hier. Du kannst aber selbst bestimmen, ob du das Split Attraction Model verwenden willst, um über deine Anziehung zu reden, oder ob du findest, dass “bi” deine Gefühle und deine Anziehung besser beschreibt. Du kannst auch je nach Situation verschiedene Labels verwenden, wenn das für dich am nützlichsten ist.

Ich hoffe, diese vielen Begriffe waren nicht überfordernd und konnten dir ein bisschen helfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Balth

Coming Out

Coming Out: Das Coming Out beschreibt den Prozess, in dem eine Person sich selbst über ihr Geschlecht und/oder sexuelle Orientierung bewusst wird (inneres Coming Out) und beginnt, mit anderen darüber zu sprechen (äußeres Coming Out). Vor allem das äußere Coming Out ist ein lebenslanger Prozess.

Bisexualität

Bisexualität, bisexuell: Eine bisexuelle Person fühlt sich romantisch und/oder sexuell zu Menschen zweier oder mehrerer Geschlechter hingezogen oder erleben sexuelle Anziehung zu Menschen unabhängig von deren Geschlecht. Allerdings sind Definitionen von Bisexualität sehr verschieden und umstritten.

Androsexualität

Androsexualität, androsexuell: Androsexualität bezeichnet die sexuelle Anziehung einer Person zu Männern oder maskulinen Personen. Diese Art, eine sexuelle Orientierung auszudrücken, ist beispielsweise für nichtbinäre Menschen eine gute Alternative, weil sie, anders als beispielsweise ‘heterosexuell‘, nichts über das Geschlecht eines sich so bezeichnenden Menschen aussagt.

Autosexualität

autosexuell: Autosexualität beschreibt, dass eine Person bevorzugt von sich selbst sexuell befriedigt wird und/oder zu sich selbst sexuell hingezogen ist. Der Begriff ist kein Synonym zu Selbstbefriedigung.

A_sexualität

A_sexualität, a_sexuell, nonsexuell: Eine a_sexuelle Person fühlt keine oder wenig sexuelle Anziehung zu anderen Menschen. A_sexualität ist ein Spektrum. Dies wird durch den Unterstrich verdeutlicht. A_sexualität heißt nicht, dass eine Person zölibatär lebt, d.h. auf Sex verzichtet, zum einen, da das Zölibat eine freie Entscheidung und keine sexuelle Orientierung ist, und zum anderen, weil a_sexuelle Menschen aus verschiedenen Gründen Sex haben können. A_sexualität hängt nicht zwangsläufig mit A_romantik zusammen.