Januar Update

Wenn du dich immer schon gefragt hast, was das Team hinter dem Queer Lexikon eigentlich so den lieben langen Tag tut, kommt hier nun die Antwort. Wir wollen nun regelmäßig monatliche Updates posten, damit ihr auch auf dem Laufenden seid.

Wir würden uns sehr freuen, wenn du unsere Arbeit unterstützen würdest. Das ist zum Beispiel bei Patreon möglich: www.patreon.com/queerlexikon

Ohne unsere Unterstützer*innen wäre all dies hier nicht möglich, deswegen: vielen Dank!

– Anfang Januar haben wir einen Queeren Kalender auf unserer Webseite gelaucht – endlich sind alle queeren Feier- und Gedenktage mit Erklärungen einfach zu finden: https://queer-lexikon.net/queerer-kalender/ 

– Wir sind nun endlich ein eingetragener, gemeinnütziger Verein! Aktuell kümmern wir uns noch um eine Kontoeröffnung, dann haben wir auch ein eigenes Spendenkonto. Wir lösen uns damit von Lambda Baden Württemberg e.V. als Projektträger*in und sagen an dieser Stelle nochmal Danke für die Unterstützung!

– Unsere neue Folge zu Antifeminismus wurde veröffentlicht: https://www.youtube.com/watch?v=bU2c_beicCw&t=2s 

– Wir haben unsere zweite Broschüre herausgebracht – ab Anfang Februar verschicken wir sie kostenlos an Interessierte und stellen sie hier auf die Webseite. In dieser Broschüre geht es um Safer Sex für queere Menschen – und weitere Broschüren sind bereits in Arbeit. 

– Wir haben 3 neue Menschen im Team, die sich auch bald ausführlich auf der Webseite und auf unseren Social Media Kanälen vorstellen werden – jetzt sind wir sogar insgesamt ein Team von 12 Menschen! 

– Wir hatten eine ausführliche Teambesprechung und haben z.B. über ein neues Logo abgestimmt und über coole Merch-Artikel für 2020. Außerdem werden einige Teile unserer Webseite bald zusätzlich in Einfacher Sprache angeboten werden – juhu! 

– Unser Blog wird nun von zwei neuen Menschen im Team betreut und hat schon einen neuen Artikel – eine kurze Einführung in BDSM: https://queer-lexikon.net/2020/01/31/was-ist-eigentlich-bdsm/ 

Für Februar steht ein Team-Treffen an, wo wir vor allem die Webseite überarbeiten werden. Außerdem wird es in Kooperation mit DBNA ein Q&A-Video mit einer HIV-positiven Person geben und mit etwas Glück auch die ersten Videos der zweiten “Queergefragt”-Staffel. 

 

Was ist eigentlich BDSM?

CN: In dem Beitrag geht es um sexuelle Handlungen, Fetische und individuelle körperliche Vorlieben. Der Artikel enthält keine pornografischen Bilder oder Videos. Die verwendete Sprache ist aber direkt und benannt durchaus explizite Handlungen. Bitte pass beim Lesen auf dich auf.

BDSM hat erst einmal nichts direkt mit queer sein zu tun und doch laufen auf vielen großen CSDs auch Menschen mit, die sich kinky auf die Fahne schreiben.

Ein Grund, einmal hinter die Kulissen zu schauen und zu erklären, was BDSM eigentlich bedeutet.

Die englische Abkürzung steht für:
BD = Bondage & Discipline (dt. Bondage & Disziplin)
DS = Dominance & Submission (dt. Dominanz & Unterwerfung)
SM = Sadism & Masochism (dt. Sadismus & Masochismus)

Kinky & Fetisch = Eine besondere Vorliebe für etwas haben, zum Beispiel Materialien wie Latex, Leder, Nylon

Vieles, was mit BDSM & Fetischen zu tun hat, sind individuelle, oft (aber nicht immer) sexuelle, Präferenzen. 

Dabei ist es ganz wichtig, dass diese, wie jede andere körperliche wie sexuelle Handlung, im Konsens stattfinden, also im gegenseitigen Einvernehmen. 

Deshalb ist es auch sehr gängig, eine zeitlich begrenzte und vordefinierte Art der BDSM-Handlung als „Spiel” oder im Englischen als „Session” zu benennen. (Sexuel-)Partner*innen „spielen miteinander”, währenddessen oder auch danach muss es allerdings nicht unbedingt zu mehr als diesen Handlungen kommen, wie zum Beispiel penetrativem Sex. 

Deshalb ist es ganz wichtig, dass alle Beteiligten, die in ein BDSM-Spiel mit einbezogen werden, vorher miteinander reden. Dazu gehören, neben dem konsensualen Wunsch, gemeinsam zu spielen, auch: eine genaue Absprache von individuellen Wünschen, Vorlieben (für Kleidung, Spielarten, Licht, Farben…), Abneigungen, No-Go´s und Tabus für alle Betroffenen sowie die Definition eines Rahmens, sei es die zeitliche Dauer, der Ort, das Spielzeug, das verwendet wird usw.

Als Spielzeug & Kleidung gilt erst einmal alles, was allen Beteiligten Spaß macht, ist gut; das können sein: Seil, Schlagwerkzeuge (Paddle, Peitschen, Gerten, Rohrstock, aber auch die Hand der*des Partner*s*innen), Augenbinde, Federn, Fesseln, Sexspielzeug, Klemmen, Lederröcke, Corsagen, Korsetts, Nylons, Stiefel, u.v.m.

Gerade im Gespräch vorher ist es zudem wichtig über einen Safety Check zu sprechen: Das betrifft nicht nur die Verhütung, wenn es zu sexuellen Handlungen kommen soll, in Form von Kondomen, Lecktüchern und Handschuhen, sondern besonders auch bei BDSM-Spielarten zu überlegen:

  • Wie funktioniert eigentlich die Anatomie eines Menschen? – Hier gilt grob und vor allem für Anfänger*innen: 
    • Macht nichts halsaufwärts (inkl. Hals selbst)
    • Macht keine Dinge, die die Nerven abbinden/abschnüren könnten 
    • Macht nichts, was langanhaltende Verletzungen mit sich zieht oder sogar irreversibel sein kann.
  • Wie bekomme ich ein Seil aufgeschnitten, wenn Spielpartner*innen Gliedmaßen einschlafen, taub werden, die Spielperson einen Krampf, Hustenanfall o.ä. bekommt?
    • Oft wird eine Verbandsschere aus dem Erste-Hilfe-Verbandskasten empfohlen, die kommt allerdings nicht durch alle Seile immer gleich gut durch.
    • Am besten sind Rettungsscheren (z.B. eine Robin Safety Boy-Schere) oder Gurt-Cutter.
    • Macht euch vor dem Spiel damit vertraut, wie es ist Seil durchzuschneiden und habt sie beim Spielen unbedingt immer griffbereit liegen! (Gleiches gilt übrigens auch für Schlüssel von Handschellen! Die Feuerwehr hat sicherlich keine Hemmungen sie zu öffnen, aber ihr vielleicht, dass die Feuerwehr euch überhaupt rettet. Also, Schlüssel immer griffbereit haben und vorher mehrfach das Auf- und Abschließen üben!)
Zwei Seile und eine Seilschere
Symbolbild: 2 Seile und eine gute Seilschere dazu.
  • Wie fühlen sich die verschiedenen Spielzeuge an, z.B. Schlagwerkzeuge o.ä.?
    • Probiert ggf. selbst bei euch zuerst aus, wie sich Dinge anfühlen, bevor ihr das bei anderen macht. Bekommt so ein Gefühl für das, was ihr machen wollt.
  • Macht unbedingt ein sogenanntes Safeword aus, wenn ihr zusammen spielt, d.h., wenn dieses Wort fällt, wird das Spiel sofort abgebrochen, ohne Wenn und Aber und ohne weitere Diskussionen!
    • Im internationalen Sprachgebrauch ist: Mayday sehr gängig, hier könnt ihr aber kreativ sein. Wichtig: „Nein” und „Stopp” sind keine eindeutigen und guten Safewords und eine lateinisch schwer auszusprechende Chemikalie ist auch eher ungeeignet. Nehmt: Gänseblümchen, Schokokuchen oder Mausezahn oder was euch auch sonst immer einfällt, was keinen sexuellen Zusammenhang hat.
      
    • Ihr könnt auch ein Ampelsystem ausmachen, d.h. zwischendurch einfach mal „grün” rufen, wenn alles in Ordnung ist, „gelb” als gerade so okaye Grenze, die nicht überschritten werden sollte und „rot” für Abbruch. Auch hier gilt: Sofort abbrechen, sobald „rot” gesagt wird, ohne Wenn und Aber und Diskussion.
  • Wenn Partner*innen geknebelt und gefesselt sind und gerade nichts sagen können…?
    • Gebt den Spielpartner*innen etwas in die Hand, das laut ist/Geräusche macht, zum Beispiel Glöckchen, eine Rassel, o.ä. Sobald die fallen gelassen wird. ist Schluss mit dem Spiel…
      
    • … oder ihr vereinbart: wenn „Atemlos” von Helene Fischer gesummt wird, ist Schluss mit dem Spiel.

Ihr seht: die Kreativität ist grenzenlos beim BDSM und zuweilen kann und wird es auch mal lustig, unbeholfen oder auch etwas tollpatschig zugehen. Das passiert allen mal – egal, ob Anfänger*in oder schon geübt in manchen Spielarten und darf auch so sein. Es ist ein Spiel, das ihr euch individuell zusammen stellt und das ihr euch aussucht, weil es euch Spaß machen soll.

Wichtig: ihr seid nicht alleine mit euren Vorlieben und deshalb gibt es deutschlandweit jede Menge Stammtische, wo sich Menschen treffen, die BDSM mögen – meistens an sehr neutralen Orten wie Restaurants oder Cafés in ebenso neutraler Kleidung (ganz ohne Lack/Leder/Latex).

Bis ihr 27 Jahre alt seid, bietet sich die SMJG als Anlaufstelle für euch an für weitere Informationen zu BDSM, persönlichen Treffen/Gruppen in der eigenen Stadt und allen Fragen, die ihr sonst noch so rundum das Thema habt.

Zudem gibt es drei große Netzwerkplattformen, die u.a. auch BDSM-Veranstaltungen beinhalten, das sind: Fetlife, die Sklavenzentrale und in Teilen der Joyclub, der aber gleichzeitig auch eine Plattform ist für alle Arten von „Sex-Dates”. Bitte beachtet, dass alle Online-Angebote auch explizite, pornografische Inhalte zeigen und ihr deshalb volljährig sein müsst für die Nutzung.

Wer sich auch offline weiter informieren möchte, es gibt sehr empfehlenswerte Literatur zu dem Thema:

BDSM, allgemein

Matthias T. J. Grimme: Das SM-Handbuch https://www.amazon.de/SM-Handbuch-aktualisiert-erweitert-Black-Label/dp/3931406806 (Buch, Deutsch)

Kathrin Passig und Ira Strübel: Die Wahl der Qual https://www.amazon.de/Die-Wahl-Qual-Handbuch-Sadomasochisten/dp/3499624087 (Buch, Deutsch)

Bondage

The Knotty Boys: Showing you the ropes https://www.amazon.de/B002IYX8ZK-Kindle-Shop/s?k=B002IYX8ZK&rh=n%3A530484031 (Bücher, Englisch)

Matthias T. J. Grimme: Das Bondage Handbuch https://www.amazon.de/Das-Bondage-Handbuch-Anleitung-einvernehmlichen-Fesseln/dp/3931406717 (Buch, Deutsch)

Queere Comicreihe

Stjepan Sejic, Sonnenstein: https://paninishop.de/sonnenstein-erotik-comics/sonnenstein-1-ydsuns001

 

DIsclaimer: BDSM findet im Einvernehmen statt und ist deshalb keine sexualisierte Gewalt. Da es aber dennoch auch zu Körperverletzungen kommen kann, seid bitte besonders achtsam mit eurem Gegenüber und sprecht ausführlich miteinander – vorher, währenddessen und auch nachher – eine Nachsorge nach einem BDSM-Spiel ist genauso wichtig wie die Gespräche vorher. Dazu zählt abzuklären, ob alles in Ordnung war für alle Beteiligten, ob es allen gut geht, ggf. viel Körpernähe, wenn gewünscht und unbedingt ein Glas Limonade oder anderes zuckerhaltiges Getränk bereitstellen, denn ein BDSM-Spiel ist, so toll es auch sein kann, kräftezehrend. Da gibt Zucker ein bisschen Energie zurück.

 

Wir sind über die Feiertage für dich da!

 

Du bist vor deiner Familie nicht geoutet? Deine Verwandten akzeptieren dich nicht, so wie du bist? Du musst dich über die Feiertage mit Vorurteilen herumschlagen?
Wir sind unter 01573 0663257 für dich da!
Das Queer Lexikon bietet vom 23.12. abends bis zum 27.12. abends kostenlose & anonyme Unterstützung für Jugendliche, die schwul, lesbisch, bisexuell, asexuell, aromantisch, trans, intergeschlechtlich, queer sind oder es (noch) nicht genau wissen, wie sich identifizieren.
Du erreichst uns über SMS, What’s App, Telegram und Signal. Alles, was du uns erzählst wird vertraulich behandelt und wir werden keinerlei Daten speichern oder weitergeben.
Bitte beachte: Auch unser Team muss mal schlafen – zwischen Mitternacht und 8 Uhr morgens machen wir Pause – und auch ab und zu mal am Tag.
Wenn du Suizidgedanken hast, melde dich bitte direkt bei der Telefonseelsorge: 0800 – 111 0 333 (kostenlos!) oder nutze den Chat-Service der Telefonseelsorge online.telefonseelsorge.de
Hinweis: Bei unserem Service handelt sich nicht um eine Beratung oder ein Therapie-Angebot.

Queer Lexikons Lieblings-Hate-Mail – OK, Boomer

Hallo,

Was ihr macht ist unsinniger als der Versuch einem kleinen 2-jährigen Jungen die Feinheiten unseres Rechtssystem beibringen zu versuchen. Macht etwas sinnvolles, rettet unser Klima oder so, aber hört auf unseren Jugendlichen euren verqueeren Scheissdreck in den Kopf zu setzen!
Danke

Ein Mitgrüner der nichts von dieser Gender scheisse hält.

Hallo Mitgrüner,

Ich möchte hier gerne ein paar Dinge klarstellen. Eine Person in diesem Team ist tatsächlich Mitglied bei den Grünen. Der Rest nicht. Daher erschließt sich mir noch nicht, wieso du das hier als „Mitgrüner“ unterschreibst.

Das, was du hier einen unsinnigen Versuch nennst, ist für uns das zu machen, was wir können, was wir wissen, und der Versuch, das anzubieten, was wir gerne gehabt hätten, als wir Jugendliche waren.
Für uns verständliche Informationen, die uns sagen, dass es ganz ok ist, sich nicht in Jungs zu verlieben, keinen Sex haben zu wollen oder Beziehungen mit mehr als einer Person führen zu wollen. Wir wussten weder, dass es viele der Dinge, über die wir hier schreiben gibt, oder dass es ein Wort dafür gibt, dass es Menschen gibt, denen es ähnlich geht. Und genau dagegen schreiben wir an. Einige von uns haben sich den Themen wissenschaftlich in der Soziologie oder den Gender Studies angenommen, einige von uns sind selbst queer. Wir wissen schon ganz gut, was wir hier machen. Wir wissen, dass es nicht einfach ist. Aber wir wissen auch, warum wir das hier machen und wir wissen, dass es das wert ist.

Für das Klima kann ich dich teilweise beruhigen. Diese Website liegt in einem Rechenzentrum, das zu 100 Prozent mit Ökostrom versorgt wird. Keine Sorge, an dieser Website stirbt der Planet nicht.

Wir setzen im übrigen niemand etwas in den Kopf. Ich wiederhole mich, aber wir alle waren schon immer so und es hat uns Jahre unseres Leben gekostet, dass wir eben nicht wussten, was die Worte sind, um das zu beschreiben, wer wir sind. Dass wir nicht wussten, dass es die Dinge, die wir fühlen überhaupt gibt. Wir machen niemand queer. Das können wir nicht, das wollen wir nicht können. Wir informieren Menschen nur, wir geben Rat.

Weißt du, wovon ich nichts halte? Davon, aufzutauchen, die Klappe aufzureißen, um anderen zu sagen, dass sie ihre Zeit falsch investieren, dass sie ihre Ziele nicht erreichen werden können, dass sie was anderes tun sollten – und dabei noch nicht mal den Ansatz eines Grundes, einer konstruktiven Kritik oder eines konkreten Anlass benennen, was das zumindest in sofern aufwerten könnte, als dass die Angesprochenen an dieser Stelle reflektieren könnten und sich vielleicht sogar verbessern.

Ok, Boomer.

Über Machtlosigkeit

Ich habe vor ein paar Tagen etwas gelesen und es lässt mich nicht mehr los. Ich würde mir wünschen, dass das eine Empfehlung ist, weil ich das allerbeste Buch gefunden hätte. Das schönste Gedicht. Oder das schlechteste Wortspiel. 

Nein, das hier wird ein Text über Machtlosigkeit. Über Frust. Und auch ein wenig über Wut. Das ist ein Text, um das aus meinem Kopf rauslassen zu können. Ein Text, um damit nicht allein zu sein. Ein Text, der ein bisschen von der Seele schreit.

Was war es, dass mich so sehr getroffen hat? Es war ein Thread auf Twitter. Ich weiß nicht mehr, worum es eigentlich ging. Ich weiß nicht mehr, was sonst im Tweet stand. Ich erinnere mich nur an das eigentliche Wortgefüge.

trans-identified male

Irgendsoein Tweet, 2019

Warum trifft mich das? Weil es unsere Worte sind. Ich weiß, es ist nicht klar, ob es die beste Idee ist, „ich identifiziere mich als Frau“ zu sagen. Identifikation heißt Zuschreibung. Und wenn Geschlecht zugeschrieben werden kann, scheint es oft eine offene Debatte zu sein, wer da etwas zuschreiben darf und wer nicht. Let‘s not go there.
Trotzdem. Identifizieren ist (noch) queere Sprache. Trans ist queere Sprache.

Und ich glaube, ohne Kontext wäre das für mich nicht wild gewesen. Ohne Kontext hätte ich vielleicht eine Augenbraue gehoben, mich gewundert und geschlossen, dass es um einen Mann geht, der trans ist.

Es ging um eine Frau. Eine Frau, die trans ist. Und das macht, dass das immer noch weh tut. Weil so sind diese zwei Worte mächtiger als jeder Aufsatz, der auf überholten Prämissen fußt und behauptet, dass es uns nicht gebt. Weil sie ganz klar sagen, dass diese Zuschreibung, die wir über uns machen, nicht valide ist. Unser Geschlecht, im Falle des Tweets, Frau, wird noch nicht mal genannt. Die Formulierung biegt das hin darauf, dass wir von uns sagen, trans zu sein und Männer sind. Sie spricht uns ungefähr alles ab, was wir sind. In zwei Worten. In Schärfe. In Präzision. Direkt. Gnadenlos. Endgültig.

Und das tut weh. Das macht mich sauer. Das ist keine Sache auf persönlicher Ebene. Das ist kein Versehen aus Unwissen. Das ist Sprache geschaffen dazu, uns verschwinden zu lassen, uns auf ein „wir glauben, wir sind, aber eigentlich“ zu projizieren.

Da ist Frust. Da ist sehr viel Frust. Ich werde Menschen, die diese Formulierungen bauen, nie debattieren, ich werde nie Argumente liefern können. Ich werde nie zeigen können, wie viel so etwas zerstört. Selbst wenn, ich wüsste nicht, ob das irgendwas ändern könnte.

Vielleicht, vielleicht wäre das der Moment für einen Aufruf. Einen Aufruf, Menschen nicht mit so Mist durchkommen zu lassen. Diese Wortwahl, diese Rhetorik outzucallen, wo immer sie auftaucht. Zu sagen, warum das so falsch ist.

Oder das ist ein anderer Moment. Der Moment für die bedingungslose Zusage. Wenn ich sage, dass ich eine Frau bin, bin ich eine Frau. Wenn du sagst, dass du eine Frau bist, bist du eine Frau. Und niemand hat das Recht, an dieser Stelle zu widersprechen.

Wahrscheinlich eher nicht. Wir wissen, dass das eine falsch ist, und das andere haben wir uns schon tausend Mal zugesprochen.

Es ist der Moment, in dem ich nichts davon tue. Mir ist nicht danach, jetzt die Revolution zu wollen, ich glaube gerade nicht dran, dass ich oder wir da was verändern können. Es ist nicht der Moment, an dem ich irgendwem zusprechen kann, dass es besser wird, dass der Tag in Sicht ist, wo wir das alles hinter uns lassen, und auch nur ein Wort davon glaube. Es ist der Moment in dem ich noch nicht mal mehr „Nein“ sage oder den Kopf schüttle.

Es ist der Moment, an dem ich genau gar nichts tue und der, an dem ich, selbst wenn das sehr schwierig wird, nicht kaputt gehe. An dem ich mich erinnere, dass es um mich geht. Darum, was ich schon erreicht habe, darum wer ich bin, und darum, wo ich vielleicht noch hinwill. Und daran, dass es eine Person, die ich noch nicht mal kenne, die mich nie direkt angesprochen hat, niemals so viel Macht über mich haben darf.

Denn: Egal welche Worte es sind, egal, was sie sagen, egal, was sie bedeuten. Ich bin noch da. Die Worte können ein Weltbild ausdrücken, in dem es nicht gibt. Diese Worte können versuchen mich aus der Existenz zu schreiben, aber am Ende bin ich noch hier. Weil diese Worte niemals wahr sein können.

Queer und Sexworker sein

Für den folgenden Gastbeitrag gibt es einige Content Notes: Sexwork, Sex, Genitalien, Transfeindlichkeit, Pornos, transfeindlicher Slur, Deadnaming, Misgendern, Dysphoria, Euphoria und Masturbation.

Hi! Mein Name ist Ylvie und ich bin queer (Non-binary und pansexuell) und Sexworker. Meinen Job habe ich vor ca. drei Jahren, also mit 18, angefangen und nach einer langen Pause habe ich diese Tätigkeit wieder aufgenommen. Damals habe ich mich noch als cis und bisexuell bezeichnet, auch wenn es unangenehm war, wenn Menschen mich als Frau bezeichnet haben. Vor ein paar Monaten hatte ich dann mein Coming-Out, im privaten Bereich haben viele gut reagiert, andere eher schlecht, anderes habe ich aber auch nicht wirklich erwartet. Im Job war es jedoch ein wenig schwieriger.

Ein Photo von Ylvie, der diesen Text verfasst hat.

Größtenteils bin ich in meinem Job nicht geoutet, vorallem nicht auf den Clipseiten. Aber warum gebe ich mich als Cis aus? Aus Angst vor Anfeindungen, davor dass weniger Menschen meinen porn kaufen, weil ich keine Spoons (Spoons sind ein Symbolbild für meine Energie für einen Tag. Zum Beispiel wache ich an einem Tag mit 20, an einem andern Tag mit nur 10 Spoons, also wenig Energie, auf.) dafür habe, mich jeden Tag zu erklären. Auf meinem Twitter Account gehe ich offen damit um, queer zu sein, jedoch gibt es dort genau die Probleme, die ich fürchte – Transfeindlichkeit, ich werde ständig misgendert, Menschen lehnen es ab, meinen Content zu kaufen sobald sie erfahren, dass ich nicht cis bin. Also gebe ich auf anderen (Clip)seiten an, cis zu sein. Auch, weil es dort meist keine andere Option gibt. Höchstens FTM und MTF, das trifft aber beides nicht auf mich zu. Wie bei vielen Datingseiten ist es auch hier der Fall, dass mensch nur zwischen hetero, homo und bi auswählen kann, und da bi als Nächstes an pansexuell rankommt, gebe ich dies an (wobei dann mehr Anfragen für Content mit Frauen kommen, da ich aber nur alleine arbeite, muss ich dies immer ablehnen).

Ab und zu treffe ich mich mit Sugardaddys – auf den dafür zuständigen Seiten erwähne ich ebenso nichts von meiner Queerness, nur wenn die Personen meine privaten Datingprofile finden, erfahren sie es. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einem sehr netten Mann getroffen, welcher sich ebenso sofort korrigiert und entschuldigt hat, da er in der dritten Person von mir gesprochen und „sie“ anstatt „er“ verwendet hat. Dieser Mann hat eines meiner „normalen“ Datingprofile wo ich geoutet bin gefunden, und gibt sich ebenso sehr viel Mühe, die richtigen Pronomen zu nutzen. Das hat wirklich sehr gut getan, er war höflich, hat nachgefragt, welche Bezeichnung okay ist und welche nicht. Das ist leider nicht immer so. Wenn es andere nicht wissen und mich als Frau bezeichnen, sage ich nichts – schlichtweg aus Angst, dass sie das Verhältnis beenden oder gar keines beginnen wollen, dass sie mich eventuell auf der Seite melden, weil ich das falsche Geschlecht angegeben habe und somit „Männer hinters Licht führe“, wie es mir mal gesagt wurde.

Auch bekomme ich, besonders auf twitter, Nachrichten ob ich denn „noch“ einen Penis habe, ich werde als Tr*nny und Sh*m*le bezeichnet, fetischisiert, weil Menschen denken, ich sei eine trans Frau. Manchmal reicht es mir auch, wenn ich 10 mal am Tag misgendert werde, wenn 10 Mal am Tag Menschen meinen Deadname sehen, weil sie mir etwas per Paypal schicken. Dann muss ich mich stoppen, runterfahren, höflich bleiben, was mir nicht immer gelingt (dann trifft es aber die richtigen Personen, die sowieso nichts erwerben wollten).

Mein Job macht mir sehr viel Spaß, auch wenn es mich unglaublich viel Energie (und Nerven) kostet. Ich habe in den letzten Monaten viel lernen können, auch über meinen eigenen Körper. Ein Privileg was ich habe, abgesehen von meinem Weißsein, ist es, dass ich kaum Dysphoria habe. Es kommt selten vor, Euphoria taucht eher auf (und Körperschemastörung, was aber ein anderes Thema ist). Von daher ist es zu 80% der Zeit relativ einfach, Porn zu drehen. Ich habe keine Probleme damit, meine Genitalien zu sehen und zu fühlen, im Gegenteil, ich habe gelernt ihn zu lieben, durch Porn.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Sexwork mir geholfen hat und immer noch hilft. Jedoch ist dies nicht für jede Person, bzw. nicht jede Person ist dafür geschaffen, aber ich habe keine Entscheidungskraft darüber. Das muss jeder Mensch, welcher im legalen Alter ist, für sich selbst herausfinden, experimentieren, dabei aber auf sich und seine Bedürfnisse achten.

Einfach reingeschlittert

Im Internet gibt es nur wenig Berichte darüber, wie es ist, polyamourös zu sein. Wir haben also Menschen gefragt, ob sie uns ihre Coming Out-Geschichte erzählen wollen. Der heutige Text kommt von Lilly. Wenn du auch deine Geschichte erzählen willst, schreib uns an blog@queer-lexikon.net oder benutze unsere anonyme Askbox

Wie in so vieles in meinem Leben bin ich da einfach so reingeschlittert.

Ich befand mich mit meinem (mono)-Partner in einer ewiglangen Beziehung. Während ich immer wieder auszubrechen versuchte, Auslandsaufenthalte absolvierte, in Szene-Kneipen rumhing, mich tätowieren ließ, war für ihn klar: Er will ein Haus, Kinder, heiraten. Dass ich mich ausprobieren wollte, sprunghaft Hobbies wechselte und gelangweilt von seinen ewigen Spieleabenden war, nahm er großmütig hin und hielt weiter aus.

Ich lernte Hannah kennen. Hannah war in einer Beziehung mit einem nonbinary-Partner und polyamor. Sie zeigte mir, wie gut es funktionieren kann, mehrere romantische Beziehungen zu führen, wie harmonisch alle miteinander umgehen konnten. Ich traf Hannah immer häufiger und verliebte mich in sie.
Nach zahlreichen Gesprächen mit meinem Freund war klar, dass er sich auf das “Experiment poly” nicht einlassen wollte. Für ihn war es eine Phase, wie eben so vieles, was ich damals getan habe. Dass ich sein Lebenskonzept irgendwann teilen wollen würde, war in seinen Augen nur eine Frage der Zeit. Ich wusste: Ich passe nicht in sein Leben. Ich will das nicht, worauf er hinlebt, ich fühlte mich eingesperrt. Ich beendete die Beziehung und kam fest mit Hannah zusammen. Es war auf so vielen Ebenen neu, anders, fast erleuchtend – der Umgang aller beteiligten Personen war immer respektvoll, liebevoll. Es gab Szenen, in denen wir zu fünft händchenhaltend jede/r/s mit entsprechendem Partner die Straße runterliefen.
Nach einiger Zeit beendete Hannah auch die Beziehung mit mir. Sie war überzeugt, dass ich auch in das Konzept Polyamorie nicht passen würde, war überfordert damit, mich, die ich immer nur in sehr langen monogamen Beziehungen gelebt hatte, in ihre Art zu Lieben einzuführen.

Und hier bin ich jetzt, habe zwei wunderbare Beziehungen, lebe polyamor, kenne an meinem Wohnort diverse “Polys”, gehe monatlich zu einem Stammtisch und liebe die Entscheidung, die ich damals getroffen habe. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mehr über mich und meine Bedürfnisse, über romantische Liebe und Kommunikation gelernt, als ich mir jemals erhofft habe. Klar, es gab fürchterliche Phasen – ich habe geweint, geflucht, gelitten, und vor allem: gezweifelt!
Aber endlich, endlich, endlich bin ich angekommen und fühle mich wohl mit den Menschen, mit denen ich mich umgebe. Ich bin nach langer Zeit wieder glücklich und zufrieden – besonders mit mir selbst.

Geoutet bin ich bisher bei nur sehr wenigen Menschen – bis auf eine Ausnahme ist auch für sie meine Polyamorie nur eine “Phase”. Sie denken, ich verwende das Label als Freifahrtschein zum Fremdgehen – wenn ich erzähle, dass all meine Beziehungspartner voneinander wissen, sind sie überrascht. Vermutlich habe ich den Nachteil, generell als jemand bekannt zu sein, der viel ausprobiert und sich selbst verwirklichen möchte. Trotzdem wünsche ich mir, dass Polyamorie gesellschaftliche Akzeptanz findet. Denn das ist nicht nur eine Phase – für mich ist es ein Sich-endlich-Finden, ein Ankommen in sich selbst. Und ich möchte nicht mehr zurück.

Mein Polyam-Coming-In/-Out „Es kommt immer darauf an, wer fragt.“

Im Internet gibt es nur wenig Berichte darüber, wie es ist, polyamourös zu sein. Wir haben also Menschen gefragt, ob sie uns ihre Coming Out-Geschichte erzählen wollen. Die Geschichte heute wurde uns anonym zugesandt. Wenn du auch deine Geschichte erzählen willst, schreib uns an blog@queer-lexikon.net oder benutze unsere anonyme Askbox

Ich gehöre zu den Menschen, die erst spät Sex hatten, also das was herkömmlich unter Penetration verstanden wird. Passiert ist das bei einem sehr klischeehaften Filmdate und während mein Gegenüber vermutlich an einen irgendwie gemütlichen Abend und Abwechslung dachte, war das für mich schon irgendwie ein einschneidendes Erlebnis… Tage später trafen wir uns dann noch mal zum Reden und neben all der Scham, waren wir uns einig: das könnten wir alles so wieder tun und uns regelmäßig Treffen, um Spaß zu haben. Doch, eine Beziehung wird’s nicht, schließlich gäbe es noch jemanden in seinem Leben. Und mit der Person würde er sich ebenfalls regelmäßig zum Sex treffen. Das war für mich okay. Und auch, wenn es hier um offensichtlich lockere Affären ging, war der Grundstein Polyamorie für mich dort gelegt, ohne dass ich das Wort kannte.

Ich geriet letztlich noch eine ganze Weile an Typen, die was Lockeres haben wollten und parallel mehrgleisig fuhren.

Unverbindlichkeit ist heute bei vielen Menschen an der Tagesordnung und im strengsten Sinne und per Definition ist das sicherlich auch keine Polyamorie, mehrgleisige und ständig (ab-)wechselnde Sex-Partner*innen zu haben. Doch für mich gab es nie so etwas wie Eifersucht. Ich wollte immer nur die Wahrheit wissen und habe auch selbst mit offenen Karten gespielt, zu Zeiten, als ich ebenfalls mehrgleisig gefahren bin.

Wichtig waren mir damals wie heute: Alle Menschen verhüten bitte sinnvoll und sollte mal etwas passiert sein, werden alle Sex-Partner*innen gleichermaßen informiert.

Ich hatte eine ziemlich wilde Phase, nachdem ich also das erste Mal Sex hatte und habe alles ausprobiert, worauf ich Lust hatte: Swingerclubs, Sex zu dritt und mehreren und bin so letztendlich auch zu BDSM gekommen, weil ich viel ausprobieren wollte, neugierig war und glaubte eine Freiheit zu genießen, die ich vermutlich in einer festen Partnerschaft nicht haben könnte.

Im BDSM-Kontext habe ich meinen inzwischen langjährigen Partner kennengelernt. Auch er kam nicht nur aus der BDSM-Szene, sondern auch der Polyamorie-Szene und hatte in seiner letzten Beziehung mit 2 Beziehungspartner*innen und 1 Kind zusammen in einer gemeinsamen Wohnung gelebt.

Nun hatte ich nach ein paar Jahren selbst Ausleben der sexuellen Freiheit auch gemerkt: nicht festlegen wollen und müssen ist anstrengend und hat auch eine Kehrseite: die fehlende Verbindlichkeit.

Als ich meinen jetzigen Beziehungspartner kennenlernte, war mir also genau diese Verbindlichkeit inzwischen wichtig geworden. Und wir haben viel darüber gesprochen, dass wir beide sehr klar polyam sind, und die Werte, die hinter einer polyamen Beziehung stehen, beide sehr stark befürworten: es gibt keinen Besitzanspruch an Menschen (auch nicht an Kinder), es ist Liebe für alle da und Eifersucht ist nur ein Zweitgefühl. Denn dahinter steckt immer noch etwas ganz anderes. Meistens so etwas wie Verlustängste. Und die haben Ursachen, sei es in eigener schlechter Erfahrung oder durch etwas Ausgelöstes durch das Gegenüber und da hilft nur eins: miteinander reden. Und das ist das Wichtigste in jeder Beziehung: Kommunikation. Das hat nichts mit dem Konstrukt einer Beziehung zu tun, sondern mit eigenem Empfinden und Bedürfnissen.

So redeten wir also über unsere Beziehungswerte und waren uns auch hierüber sehr schnell einig: in einer polyamen Beziehung halbiert man in der Regel nicht die Verantwortung, sondern verdoppelt sie. Stimmt etwas im Beziehungskonstrukt nicht, gilt es eben mit allen Beteiligten zu reden.

Mir wurden durch diese wichtigen Gespräche auch klar: nicht alle Affären, die meinen Weg begleitet hatten, waren wirklich polyam. Denn nicht immer wussten alle Beteiligten voneinander Bescheid. Und das ist eben keine Polyamorie, sondern das, was klassischerweise unter Fremdgehen verstanden wird. Der Unterschied ist: der Konsens. In einem polyamen Beziehungsgeflecht wissen zumindest alle Beteiligten darüber Bescheid, dass es noch andere Beziehungspartner*innen gibt. Wie detailliert das dann sein muss, entscheidet natürlich jede*r für sich.

Inzwischen bin ich fast sieben Jahre mit meinem Partner zusammen. Wir teilen deutlich mehr als unser Verständnis und unsere Wertvorstellungen zu Polyamorie. Lustigerweise aber keine weiteren Partner*innen und aus unserer beiden polyamen Vergangenheit ist so etwas wie eine monogame Beziehung geworden. Ein ziemlich ungewöhnlicher Weg, denn meistens ist es umgekehrt.

Nichts desto trotz haben wir beide immer die Gewissheit sagen zu können, wenn wir andere Menschen attraktiv finden, ohne, dass das irgendwelche Probleme gibt. Eifersucht ist wirklich kein Thema bei uns. Ganz im Gegenteil, mein Partner musste in Gesprächen schon oft erklären, dass und warum er das Gefühl von Eifersucht einfach nicht kennt. Und was dahinter steckt.

Wir hatten schon zusammen Sex mit anderen, vielleicht ist es also eher auch eine manchmal offene Beziehung. Aber das weiß kaum jemand aus unserem Freundeskreis. Manchmal sprechen wir zwar mit anderen Menschen auf Veranstaltungen über das Thema Polyamorie, aber geoutet sind wir offiziell nicht in unserem kompletten Freundeskreis. Natürlich weiß der polyamore Kreis über unsere Vergangenheit Bescheid, da wir aber aktiv nicht mehr auf Polyamorie-Veranstaltungen unterwegs sind, ist das Interesse früherer Freund*innen an unserem Privatleben auch signifikant gesunken – scheinbar sind wir ja nicht mehr verfügbar als potenzielle Sex-Partner*innen.

Auf einer sexpositiven Veranstaltungen mit vielen fremden Menschen, die wir bis dato nicht kannten, sind wir mal gefragt worden, ob wir polyam seien und das ist die Standardantwort geworden, die ich nun auf so eine private Frage immer gebe:

„Es kommt immer darauf an, wer fragt.“

Und, auch, wenn das eine eher lustige Antwort war, weil klar war, worauf die Frage eigentlich abzielte (nach Chancen mit einer/m von uns beiden Sex zu haben), gilt genau das: wir brauchen kein großflächiges Coming-Out für uns, aber wenn jemand mehr über polyamores Leben wissen möchte, erzählen wir gerne darüber – je nach Anlass, Fragesteller*in und Gegebenheit.

Bis(s) zum Coming In

Im Internet gibt es nur wenig Berichte darüber, wie es ist, polyamourös zu sein. Wir haben also Menschen gefragt, ob sie uns ihre Coming Out-Geschichte erzählen wollen. Den Anfang macht heute tx. Wenn du auch deine Geschichte erzählen willst, schreib uns an blog@queer-lexikon.net oder benutze unsere anonyme Askbox

 

Alles begann etwa 2006 oder 2007. Mittelstufe, ich bin etwa 12/13 Jahre alt. Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen ist gerade auf deutsch erschienen und wie viele in meinem Alter lese ich das Buch, verschlinge es in ein paar wenigen Tagen und will danach wissen wie es weiter geht. Der Nachfolger lässt nicht zu lange auf sich warten und bringt mit sich eine viel tiefer gehende Storyline als der erste Band. (*Spoilerwarnung!*) Ab hier beginnt langsam mein Coming-in. Bella verbringt mehr Zeit mit Jacob und ich bange mit der Geschichte um eine Beziehung zwischen den Beiden und werde am Ende von Band 2 doch etwas enttäuscht. Ich mache mir Gedanken um diese “Dreickecksbeziehung” oder wie auch immer andere es nennen mögen, und stelle fest, dass ich mir durchaus vorstellen kann, dass Bella Gefühle für beide hat. Bei mir selbst realisiere ich das jedoch noch nicht. Vermutlich, weil ich sowohl in einen Jungen als auch ein Mädchen verliebt bin. Queer- und speziell Schwulen-, Lesben- und Bifeindlichkeit ist in meinem Umfeld sehr verbreitet und sitzt bei mir damals noch tief. Ich rede mir ein, dass die Gefühle für das Mädchen nur “Beste-Freunde-Gefühle” sind.

 

Ein Jahr später erscheint nun also Band 3 und ich verschlinge ihn in kürzester Zeit. Zu diesem Zeitpunkt bin ich ganz klar Team Jacob und ich frage mich gegen Ende des Buchs immer mehr, warum sie nicht einfach mit Beiden zusammen sein kann?! – Diesen Gedanken nehme ich die nächsten Jahre mit und immer mal wieder muss ich daran denken. Ich merke an ein paar Stellen, dass ich in mehr als eine Person verliebt bin, schiebe das aber auf “Hormone” und “Pubertät”. Als ich fast 18 bin, bin ich dann das erste Mal in einer ernsteren Beziehung welche etwa 2 Jahre bestehen bleibt jedoch unter Anderen daran kaputt geht, dass ich auch für andere Menschen Gefühle habe. Ganz klar war mir das aber damals noch nicht.

(CN Fremdgehen) Ich bin in diesen 2 Jahren, etwa in der Mitte dieser Zeit, auf einer Party. Wir schauen Filme, Reden, spielen Brettspiele. Am nächsten Morgen dann sind mein bester Freund und ich alleine wach und reden, unter anderem auch über Gefühle und so. Und wir küssen uns und sind uns einig, dass das schon vor langer Zeit hätte passieren sollen.

Jetzt ist da aber ein Dilemma für mich. Ich habe sehr eindeutig starke Gefühle für zwei Menschen gleichzeitig. Da ich aber in einer (monogamen) Beziehung bin, unterdrücke ich die Gefühle für meinen besten Freund wieder.

 

Ein paar Jahre vergehen, neue Beziehung, mein Coming Out als trans und nicht-binär sowie pan und ace. Und dann plötzlich bin ich wieder über beide Ohren in jemanden verliebt. Nur diesesmal hab ich schon von Polyamorie gehört (danke Twitter!) und erkenne, dass ich wohl polyamor sein könnte. Endlich! Mein Coming-in! – Kurz darauf spreche ich mit meiner Partnerin und wir beschließen es zu versuchen. Mittlerweile lebe ich offen polyamor, bin mal in mehr, mal in weniger Beziehungen aber ein Gedanke bleibt: Warum kann Bella nicht einfach mit Beiden zusammen sein?!?!

~tx

 

 

Enby Q&A 41

Willkommen zur zweiten “Staffel” Enby Q&A. Wir veröffentlichen hier jeden Mittwoch eine Frage und Antwort (“Q&A”) zu Nicht-Binären (“Enby”) Geschlechtern. Unser_e Gastautor_in ist Sasha. Es ist nichtbinär, das bedeutet, dass es weder männlich noch weiblich ist. Zu diesem Thema erreichen es immer wieder Fragen, die wir hier mitsamt den Antworten veröffentlichen dürfen. Sasha betreibt außerdem die Webseite https://geschlechtsneutral.wordpress.com

 

Wie wusstest du, dass dein Geschlecht neutrois ist? Also im Gegensatz zu maverique, agender etc. Woran hast du das festgemacht? Warst du dir von anfang an sicher, oder hast du dich auch mal anders identifiziert?

Du musst bedenken, das war vor 10 Jahren, da gab’s maverique noch nicht ^^

Damals dachte ich ja lange Zeit, dass ich binär trans bin. Erst so mit Anfang 20 verstand ich, dass das nicht zutrifft. Und dann brauchte es nochmal einige Zeit, bis ich verstand, dass ich nicht “kaputt” bin, sondern einfach nichtbinär, und dass es andere wie mich gibt.

Die ersten Begriffe und Identitäten auf die ich stiess, waren dann “nichtbinär”, “agender”, “neutrois”, “androgyn” und “genderfluid”.
Und von denen war klar: Mein Geschlecht ändert sich nicht, es ist aber auch nicht “nichts” und nicht “beides”, und ich wollte endlich ein positives Wort.
Also war die Lösung: neutrois.

In der Zwischenzeit lernte ich viele neue Labels kennen. Aber ich blieb bei neutrois. Warum?
2015 formulierte ich es so: “Mein Geschlecht ist eindeutig. Das Label dafür aber nicht unbedingt. Neutrois, agender, maverique, aporagender, genderqueer, nichtbinär……?”

Das was zur Existenz der Labels maverique und aporagender führte, nämlich das Bedürfnis, ein Label zu haben das auf alle Arten von “weiblich” und “männlich” losgelöst ist, trifft mein Gefühl ziemlich gut. Und dass neutrois oft gleichbedeutend mit agender als “null-gender” verwendet wird, nervt mich zuweilen. Andererseits könnte ich auch nicht sagen, wo ich den Unterschied zwischen neutrois und agender genau spüre, ob ich eigentlich wirklich ein Geschlecht habe, und hä?

Es geht also nur darum, das was ich spüre in möglichst passende Wörter zu fassen. Und bisher habe ich kein Wort gefunden, das in allen Belangen besser ist als neutrois. Ich mag dass es kurz ist, dass die Wortherkunft eingängig ist, und dass die üblichen Definitionen genau genug treffen was ich empfinde. Möglicherweise träfe “aporagender” NOCH besser was ich empfinde, aber das ist auf einem so detaillierten Level, dass ich es aktuell nicht als nötig empfinde, mein Label zu wechseln.

Wer weiss, vielleicht ändert sich das irgendwann ^^