Kummerkasten Antwort 208 – Ich finde Geschlechterrollen unnötig!

Hey
Ich denke in den letzten Tagen öfter über mein Geschlecht nach. Mir ist es egal ob man mich als weiblich oder männlich bezeichnet, auch ist es mir egal, wenn ich “weibliche” oder “mänliche” Kleidung trage. Ansich finde ich die genderrules unnötig. Ich habe mich ne Zeitlang als genderfluid bezeichnet, was aber meiner Meinung iwie nicht passt. Ich denke, das ich Non-binäry oder Agender bin, bin mir nicht sicher. Es wäre echt net, wenn ich damit Hilfe bekommen würde.

Hallo du,

wenn es dir egal ist, was du trägst, wie du angesprochen oder gesehen wirst und du insgesamt nicht so viel Wert auf dein Geschlecht legst, dann könntest du dich z.B. als gender indifferent bezeichnen.  Das ist eine Bezeichnung für alle Menschen, denen es auch so geht und die ihr eigenes Geschlecht nicht wirklich wichtig finden.

Agender oder nonbinär/nichtbinär/nonbinary passt aber auch, und wenn du dich mit einem dieser beiden Begriffe wohler fühlst, dann kannst du natürlich auch einen dieser beiden oder beide für dich verwenden. Agender beschreibt in der Regel Menschen, die kein Geschlecht haben oder die mit dem Konzept von Geschlecht nichts anfangen können. Nichtbinär/nonbinary ist ein Überbegriff für alle Leute, die nicht oder nicht ausschließlich männlich oder weiblich sind. Es kann aber auch als Selbstbezeichnung verwendet werden. Ich finde übrigens, du hast vollkommen Recht – alle Regeln, die für Geschlechter gemacht werden, sind vollkommen unnötig und können in den Müll!

Ich hoffe, das konnte dir ein wenig helfen. Ich wünsche dir alles Gute!
Balthazar

Kummerkasten Antwort 191 – (Dating-)Plattformen für nichtbinäre Menschen?

hellou 🙂

ich wollte Fragen, ob ihr Plattformen kennt um andere queere Menschen kennenzulernen (dating/Freundschaften), welche auch für non-binäre Personen geeignet sind. Leider haben ja viele Datingplattformen die Rubrik Männlich/weiblich..

Danke

Hallo du!

Es ist wirklich super nervig, dass die meisten Plattformen, vor allem Datingplattformen, keine Möglichkeit haben, irgendein anderes Geschlecht als männlich oder weiblich anzugeben. Deshalb werden nichtbinäre Menschen auf Datingseiten oft misgendert und müssen sich unangenehmen Fragen aussetzen.

Ich persönlich habe sehr viel Gutes von OkCupid gehört: Es ist eine kostenlose App, in denen sich Kategorien wie Geschlecht, Sexualität und auch die Frage, nach welcher Art von Beziehung gesucht wird, sehr flexibel einstellen lassen. Dort gibt es zudem die Möglichkeit anzuwählen, dass das eigene Profil nicht von hetero-Menschen gesehen werden kann – das hilft vielen Menschen, nicht ungewollt vor Nachbar*innen, Kolleg*innen und anderen Leuten aus dem Umfeld zwangsgeoutet zu werden.

Ansonsten gibt es noch die Dating-App HER, das sich zwar als “lesbische App” bezeichnet, aber auch sehr viele Möglichkeiten bietet, verschiedene Geschlechter und Sexualitäten anzugeben. Die App versteht sich als offen für verschiedenste queere Menschen, hat aber eindeutig einen Fokus auf (cis) lesbische Frauen, d.h. die App lohnt sich vor allem für Menschen, die sich damit wohl fühlen, in so einem Kontext unterwegs zu sein, und die vor allem auf der Suche nach weiblichen/femininen Partner*innen sind.

Vielleicht haben unsere Followis auf Social Media ja noch mehr Hinweise? Wir fragen gerne mal nach auf Instagram, Facebook und Co., halte also dort deine Augen offen!

Liebe Grüße,
Balthazar

edit: Uns hat auf twitter die Info erreicht, dass fetlife wohl auch sehr enbyfreundlich sei. Ich zitiere “ist zwar eher so ne Art social network für Kinkster, hat aber extrem viele Optionen für nicht-cis-hetero-Menschen. Und Dates suchen da auch viele”

Kummerkasten Antwort 190 – Weder Mann noch Frau. Gehöre ich irgendwo dazu?

hey, es mag ein wenig kompliziert klingen, jedoch verzweifle ich gerade sehr. Seit dem ich mich erinnern kann mag ich mich hier als Pan bezeichnen, und ich stehe dazu. Doch habe ich dieses Gefühl das ich selbst dazu nicht gehöre, da ich weiblich bin, was nix falsches ist, jedoch ich mich selbst weder als Frau oder mann sehe. Ich trage es schon lange mit mir herum und ich möchte mich selbst ausdrücken können. Doch ich weiß nicht als was ich mich bezeichnen soll. danke..

Hallo lieber unbekannter Mensch,

es freut mich, dass du deine sexuelle Orientierung gefunden hast und dazu stehen kannst. Es ist außerdem sehr verständlich, dass dir die Frage nach deinem Geschlecht Kopfzerbrechen bereitet – Geschlecht ist für die allermeisten Menschen gar nicht so einfach, wie es die Gesellschaft aussehen lässt.

Menschen, die sich wie du weder als Mann noch als Frau sehen, bezeichnen sich oft selbst als “nichtbinär“. Vielleicht passt dieses Wort ja auch für dich? Es gibt auf jeden Fall sehr viele Menschen, die nicht männlich oder weiblich sind, uns hat es immer schon gegeben, zu verschiedenen Zeiten der Geschichte, unter verschiedenen Bezeichnungen, überall auf der Welt – und wir haben immer schon dazugehört. Nichtbinäre Menschen gehören zur Gesellschaft, wir gehören zur queeren Community, wenn wir das möchten, und wir gehören auch zur trans Community, wenn wir uns dort zugehörig fühlen. (Trans sind alle Menschen, deren Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, was ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.)

Ich hoffe, diese Antwort hilft dir weiter. Wenn du noch mehr Fragen zu diesem Thema (oder anderen) hast, steht unser Kummerkasten dir jederzeit offen.

Alles Gute!
Balth

Kummerkasten Antwort 189 – Kein Junge, kein Mädchen – irgendwie zwei Geschlechter?

Hey, ich bin 14 und weiblich
Ich habe nen kleines Problem galhabeal weil Ich mir echt nicht mehr sicher bin. Ich mag meinen weiblichen Körper zum Teil… Ich hasse aber meine brüste. Ich mag den Titel als Mädchen nicht aber junge gefällt mir auch nicht… Ich hatte früher immer Problem dabei ein “wirkliches” Mädchen zu sein. Da irgendwie alle meine Freunde jetzt trans sind bzw mich mehr zum nachdenken gebracht haben ob diese Verhaltensweisen nicht doch normal sind… Ich habe mittlerweile kurze Haare und trage sehr oft Sport bhs.. Ich liebe es wie ein Junge auszusehen aber manchmal trage ich auch sehr weibliches. Und irgendwie als junge kann ich es mir nicht vorstellen. Nun ist meine Frage bin ich tomboy oder doch was anderes was mich als Körper weiblich und als psychisch halb halb bezeichnet?

Zusätzlich noch eine andere frage. Ist es bi wenn ich mir vorstellen kann mit beiden Geschlechtern eine beziehung einzugehen… Ich finde den Körper einer Frau viel attraktiver aber verlieben tue ich mich hauptsächlich in Männer also der Charakter von männlichen ist mehr anziehend als bei einer Frau. Kurze gesagt bei einer Frau mag ich den Körper mehr
Und bei Männern den Charakter

help???

Hallo lieber unbekannter Mensch,

solche Fragen wie deine sind sehr nachvollziehbar, aber leider auch sehr kompliziert, weil niemand außer dir wissen kann, welches Geschlecht du hast bzw. welches Label du dafür benutzen möchtest – wir können dir das leider nicht einfach so vorschreiben. Was wir allerdings können, ist, dir ein paar Ideen und Hinweise zu geben.

  1. Es gibt keine Vorschriften, wie ein “männlicher” oder “weiblicher” Körper auszusehen hat. Wenn dir deine Brüste nicht in den Kram passen, du sie lieber versteckst, abbindest oder ganz loswerden möchtest, dich aber trotzdem als Frau oder weiblich identifizierst, fühlst oder bezeichnen möchtest, dann bist du es.
  2. Du schreibst, du kannst es dir nicht vorstellen als Junge – wenn das Label “Junge” oder “männlich” sich nicht richtig für dich anfühlt, dann musst du es auch nicht benutzen. Du kannst dich aber fragen, was genau sich daran für dich nicht richtig anfühlt – sind es die gesellschaftlichen Erwartungen und die Geschlechterrollen, die von Jungen erwartet werden? Oder ist es das Junge sein an sich, was für dich nicht richtig passt? Genauso kannst du dich fragen, was dir an Weiblichkeit nicht passt, oder an den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Mädchen und Frauen gestellt werden. Das kann dir helfen, dein eigenes Geschlecht und dein Empfinden ein bisschen zu trennen von gesellschaftlichen Bildern und Erwartungen. Nur, weil die Gesellschaft sehr klare Vorstellungen hat, wie Jungen und Mädchen sein sollen, heißt das nicht, dass irgendwas davon auf dich zutrifft. Du bist, wer du bist, und das ist auch gut so.
  3. Wenn du dich weder im Begriff “Junge” noch in “Mädchen” so richtig wiederfindest und wohlfühlst, möchtest du dich vielleicht als nichtbinär bezeichnen. Nichtbinär sind einfach alle Leute, die nicht männlich oder weiblich sind, oder nur teilweise, oder nur manchmal.
  4. Nichtbinär ist aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Geschlechter, z.B. genderfluid. Wenn du dich manchmal in weiblichen Kleidern wohlfühlst, manchmal aber nicht, dann kann es sein, dass dein Geschlecht fließend ist und sich manchmal ändert.
  5. Du schreibst von einer “halb halb” Geschlechtsidentität – darauf trifft z.B. der Begriff “bigender” zu. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechtsidentitäten haben, z.B. männlich und weiblich, oder weiblich und nichtbinär. Diese zwei Geschlechter können je nach Person z.B. gleichzeitig da sein, sich abwechseln, oder sich ständig mischen.
  6. Du selbst schlägst den Begriff “Tomboy” vor. Fühlt der sich für dich richtig an? Ist das ein Begriff, den du gerne für dich verwenden möchtest? Dann spricht nichts dagegen, den zu benutzen.
  7. Wichtig ist vor allem, dass du einfach weiterhin tust, was dir gut tut und was sich für dich richtig anfühlt. Egal, welches Label du verwendest, um dich und dein Geschlecht zu beschreiben, keines davon kann dir vorschreiben, wie du aussehen sollst, welche Klamotten du tragen darfst, mit welcher Sprache du dich wohl fühlst usw. Du weißt am allerbesten, was für dich richtig ist.

Zu deiner Frage mit Bisexualität interessiert dich vielleicht das sogenannte Split Attraction Model: Es gibt Menschen, die eine unterschiedliche romantische und sexuelle Orientierung haben, also wie in deinem Fall z.B. sexuell zu Frauen und romantisch zu Männern hingezogen sind. Wir haben da vor einer Weile mal eine Folge der Buchstabensuppe dazu gemacht, die findest du hier. Du kannst aber selbst bestimmen, ob du das Split Attraction Model verwenden willst, um über deine Anziehung zu reden, oder ob du findest, dass “bi” deine Gefühle und deine Anziehung besser beschreibt. Du kannst auch je nach Situation verschiedene Labels verwenden, wenn das für dich am nützlichsten ist.

Ich hoffe, diese vielen Begriffe waren nicht überfordernd und konnten dir ein bisschen helfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Balth

Kummerkasten Antwort 169: Gender Questioning?

Hallo liebes Queer-Lexikon-Team,
als erstes möchte ich einmal sagen, dass ich eure Seite echt mag und sie mir auch schon echt geholfen hat, mich als Bi zu identifizieren.
Jetzt frage ich mich aber noch, welches Geschlecht ich habe. Ich weiß, dass ihr mir das natürlich nicht sagen könnt, aber ich hätte gerne eure Meinung zu meiner Situation.
Also ich bin weiblich und konnte mich damit bisher eigentlich immer identifizieren, auch wenn ich nie wirklich auf Kleider und “Mädchenfarben” (ich hasse diese Einteilung) gestanden habe. Seit einiger Zeit, bin ich mir da jedoch nicht mehr so sicher. Ich fühle mich in meinem Körper (vor allem mit meiner Brust, etc.) sehr unwohl. Binding hat auch schon mein Interesse geweckt, allerdings muss ich mich momentan mit einer “Notlösung” zufrieden geben und mir mit Sport-BH´s behilflich sein. Es ist zwar nicht sonderlich bequem, aber ich fühle mich so schon etwas wohler. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich immer mehr das Bedürfnis habe, wie ein Junge auszusehen (aber ich möchte mich nicht komplett als Junge identifizieren). Mit meinem weiblichen Namen und weiblichen Pronomen habe ich jedoch kein Problem (vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich es mir anders nicht wirklich vorstellen kann).
Ich überlege in letzter Zeit wirklich oft, was genau das bedeuten soll, finde aber leider keine Lösung. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen oder mir zumindest einen Denkanstoß geben.

Viele Grüße

Hallo liebe unbekannte Person,

danke für deine Frage und dein Lob! Es freut uns sehr, dass wir dir schon so gut helfen konnten. Ich versuche gerne, dir noch ein wenig mehr zu helfen, auch wenn du natürlich recht hast: Ich kann dir leider nicht sagen, welches Geschlecht du hast. Ich kann dir allerdings ein paar Begriffe geben, die dir vielleicht helfen.

Dein Wunsch, maskuliner auszusehen und wahrgenommen zu werden, kann bedeuten, dass du trans bist. Allerdings schreibst du auch, dass du dich nicht komplett als Junge identifizieren möchtest (oder kannst?) – das könnte bedeuten, dass du möglicherweise ein demiboy bist oder nichtbinär. Vielleicht bist du ja nicht vollkommen männlich, sondern nur teilweise, oder vielleicht ändert sich dein Geschlecht manchmal, oder vielleicht hat es auch gar nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun, weil du einfach nur du bist? Das alles kann unter dem Überbegriff “nichtbinär” zusammengefasst werden.

Eine andere Möglichkeit ist, dich als Butch zu identifizieren. Maskuliner wirken zu wollen, ist nicht unbedingt etwas, was nur trans Männern oder trans männlichen Personen vorbehalten ist – es gibt viele Butches, die sich als weiblich oder als Frauen identifizieren, aber gerne maskulin aussehen und/oder eine männliche Geschlechterrolle einnehmen.

Die beiden Optionen – also nichtbinär sein und Butch sein – schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus: Du kannst auch beides gleichzeitig sein. Beispiele für nichtbinäre oder trans Butches sind Leslie Feinberg und Rhea Butcher. Viele Butches haben ein kompliziertes Verhältnis zu Geschlecht oder hinterfragen Geschlechterkategorien überhaupt – so wie du auch selbst sagst, die Einteilung von allem von Farben über Namen bis hin zu Körpern in “männlich” und “weiblich” sind vielleicht gar nicht nötig, und viele Butches zeigen Wege dazwischen oder drumherum auf.

Egal, ob du ein Label für dich findest oder nicht: Deine Gefühle und Gedanken zu deinem eigenen Geschlecht sind vollkommen gut und in Ordnung. Ich hoffe, dass du deinen Weg findest.

Noch ein paar Tipps zum Binden: Das Abbinden von Brüsten mit Sport-BHs kann gefährlich sein, wenn du einen zu engen BH oder zwei übereinander trägst. Achte gut auf deinen Körper und die Warnsignale, die er dir sendet. Solange du keinen Binder hast, sind weite, locker sitzende Oberteile oder mehrere Schichten (z.B. ein T-Shirt, ein Hoodie und eine Jacke) auch immer gute Möglichkeiten, um deine Brust zu kaschieren. Weitere Infos zu sicherem Binden und dazu, wo du wie (auch günstig oder kostenlos) an einen Binder kommen kannst, findest du in unserer Binder-Broschüre.

Viele Grüße und alles Gute,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 167: Soll ich mich als bigender outen?

Hallo!
Ich bin zwar kein Jugendlicher mehr, aber ich hoffe, ihr könnt mir trotzdem weiterhelfen.
Ich bin mit weiblichen Genen geboren, aber identifiziere mich nicht “nur” als Frau. Von Anfang zwanzig an habe ich mich gefragt, ob ich trans bin, aber so richtig wohl fühlte ich mich mit diesem Label nie. Vor ca. 5 Jahren bin ich über den Begriff Bigender gestolpert und nach ein wenig Recherche wusste ich, dass ich dort “zu Hause” bin. Außerdem bin ich androsexuell. Ich fühle mich in Bezug auf manche Bereiche meines Lebens weiblich (z.b. als Mutter) und in anderen männlich (insbesondere was Liebe, Sexualität usw. angeht). Außerdem habe ich immer mal wieder Tage, an denen ich mich im allgemeinen eher männlich oder weiblich fühle.
Ich bin seit 13 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Wir lieben uns sehr, aber er könnte wahrscheinlich nicht damit umgehen, wenn er wüsste, dass er mit jemandem schläft, der sich in dem Moment als Mann sieht. Auch sonst weiß in meinem realen Leben niemand von meiner geschlechtlichen Identität, größtenteils weil wahrscheinlich niemand der Leute, die ich kenne, weiß, dass es neben schwul, lesbisch, bi und trans noch etwas anderes gibt. Sex als Mann mit einem Mann erlebe ich stellvertretend durch das Lesen von Gay Romance.
Nun zu meinem Problem: In letzter Zeit denke ich oft darüber nach mich zu outen. Ich habe nicht vor, an meinem Erscheinungsbild oder meinen Pronomen etwas zu ändern und will auch keinen geschlechtsneutralen Vornamen anzunehmen. Es fühlt sich nicht falsch an, wenn ich als “Frau XY” angesprochen werde. Ich mag meine Brüste und es stört mich auch nicht, wenn ich meine Periode habe.
Also warum? Was hätte ich davon, Unruhe in mein Leben zu bringen, wenn sich sowieso nichts ändern würde? Ich habe viele gesundheitliche und familiäre Belastungen (Kinder&demente Mutter), sodass ich mir nicht noch mehr aufhalsen will. Trotzdem lässt mich der Gedanke an ein Outing nicht los. Könnt ihr mir helfen, mich besser zu verstehen?
Schonmal danke im Voraus!
Gruß, Jutta

Hallo Jutta,

vielen Dank für deine Frage! Wir nehmen gerne Fragen aller Art von allen Menschen an, auch wenn sie nicht (mehr) jugendlich sind.

Ein Coming Out ist immer eine schwierige Entscheidung. Vor allem, wenn viel davon abhängt (eine langjährige Beziehung zum Beispiel), ist es mehr als verständlich, dass du zögerst. Es ist aber auch sehr verständlich, dass dich der Gedanke so sehr beschäftigt, dich deinen  nächsten anzuvertrauen, damit du die Möglichkeit bekommst, du selbst zu sein und dich nicht verstecken zu müssen. Ich möchte dich weder entmutigen, noch möchte ich leere Versprechungen machen – ich kann dir lediglich deine Optionen zeigen, die Entscheidung liegt allerdings ganz bei dir.

Eine Möglichkeit ist immer, deine bigender-Identität für dich zu behalten. Vor allem, wenn sich durch ein Coming Out nichts weiter ändern würde, ist das immer eine Option. Im Bezug auf queere Identitäten gibt es einen gewissen gesellschaftlichen Druck, sich outen zu müssen, aber in Wahrheit musst du gar nichts. Sich nicht zu outen (aus egal welchem Grund) ist vollkommen okay, und du bist niemandem verpflichtet.

Du sagst allerdings auch, dass dich der Gedanke nicht mehr los lässt – es ist vollkommen verständlich, dass du das Bedürfnis hast, dich darüber zu öffnen und mit vertrauten Menschen über dein Geschlecht (bzw. deine Geschlechter) zu reden. Vielleicht ist es da eine gute Möglichkeit, dich eng vertrauten Menschen zu outen? Vielleicht gibt es ja in deinem Freund*innenkreis Menschen, bei denen du mit einer positiven Reaktion rechnen kannst, oder vielleicht einfach Menschen, denen du grundsätzlich sehr vertraust? Ein Coming Out dort anzufangen, wo es nur wenige Hürden gibt, ist für viele Leute eine gute und bestärkende Option. Und wenn sich das erste Coming Out gut und richtig anfühlt, dann kannst du von da aus weitersehen und herausfinden, ob du dich noch vor anderen Menschen outen willst, und wenn ja, vor wem.

Viele Menschen versuchen auch, sich bei ihrem Coming Out langsam vorzutasten, indem sie Themen wie Queerness und Geschlecht in anderen Kontexten erwähnen. Du könntest zum Beispiel von einem Artikel erzählen, den du über eine bigender Person gelesen hast (da lässt sich sicher was finden), oder ein Youtube-Video von einer bigender Person teilen. So kannst du die Reaktionen deines Umfeldes auf diese Themen austesten, ohne dich direkt selbst verletzbar zu machen. Es bleibt allerdings zu bedenken, dass für viele diese Themen schwieriger zu begreifen sind, wenn sie nicht direkt mit ihnen zu tun haben – für eine fremde Person aus einem Artikel oder einem Video wird dadurch vllt. weniger Verständnis aufgebracht als für dich direkt. Sowas wie ein Artikel oder Video kann also ein guter Gesprächsstarter sein, muss aber nicht unbedingt und zu 100% widerspiegeln, wie eine Person auf dein persönliches Coming Out reagieren würde.

Wenn du dich vor Menschen outen willst, über deren Reaktion du dir unsicher bist (z.B. vor deinem Mann), dann ist es gut, wenn du dir vorher ein Sicherheits-Netzwerk aufgebaut hast, also Menschen, die dich auffangen und dich unterstützen können, falls etwas schief geht. Ich wünschte, dass wir davon nicht ausgehen müssten, aber leider kann es immer passieren, dass eine Person uns nicht annehmen kann, wie wir sind. Darum ist es wichtig, dass es Menschen gibt, auf die du dich verlassen kannst, egal ob die Bescheid wissen oder nicht.

Rückhalt kannst du z.B. auch in Communities finden. Vielleicht gibt es bei dir vor Ort eine Gruppe, einen Stammtisch o.ä. für nichtbinäre und trans Menschen mit Raum für Menschen, die bigender sind, oder vielleicht findest du eine Online-Gruppe, in der du dich austauschen kannst. Mit anderen über Erfahrungen zu reden, positive wie negative, und Unterstützung zu bekommen, ist immer hilfreich, vor allem, wenn du in anderen Kontexten nicht über das Thema bigender reden kannst.

Letztlich kannst nur du entscheiden, was für dich der richtige Weg ist. Wichtig ist nur: Ein Coming Out ist weder verpflichtend, noch muss es alle Menschen in deinem Umfeld umfassen. Nur du darfst entscheiden, vor wem du dich wie und wann outen möchtest.

Egal, wie du dich entscheidest, ich wünsche dir alles Gute. Der Kummerkasten und das Queer Lexikon sind jederzeit für dich da.

Alles Liebe,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 166: Frage zu Skoliosexualität

Liebes Team vom Queer Lexikon,

ich habe eine Frage und Anmerkung zum Begriff Skoliosexuell bzw. romantisch.
Woher kommt dieser Begriff und wie ist dieser entstanden, wisst ihr etwas dazu?
Ich habe gelesen, dass der Begriff sich auf das lateinische skolio = gebeugt bezieht.

Ich verorte mich selbst als nicht-binär und finde diesen Begriff überhaupt nicht passend, eigentlich sogar diskriminierend: Warum?
Ich habe selbst eine Form der Skoliose, eine Erkrankung der Wirbelsäule, die überhaupt nicht toll ist. Sowohl im deutschen, als auch englischen ist im Begriff SKOLIOSExuell auch Skoliose enthalten. Der Begriff bezieht sich somit indirekt auch auf die Krankheit. Ich denke, das es nicht die Absicht von Menschen ist, sich auf diese Krankheit zu beziehen. Dennoch wird sie indirekt damit angesprochen und ich finde es mit meiner Mehrfachzugehörigkeit irritierend, wenn eine Person sich so identifiziert. Steht die Person, dann wohlmöglich auf nicht-binäre Körper / Identitäten oder auch auf Menschen mit dieser Krankheit?
Zudem ist die Verbindung mit dem skolio = gebeugt überhaupt keine empowernde Wendung. Ich möchte nicht, als nicht-binäre Identität in eine Verbindung mit gebeugt gebracht werden und ich vermute viele andere auch nicht. Das geht jeglichen Pride Verständnis meinerseits entgegen.
Ich würde gerne einen neuen Begriff dafür haben, wenn Menschen ausdrücken wollen, dass sie auf nicht-binäre Identitäten stehen (falls das überhaupt notwendig ist): Hier ein paar spontane Gedanken: enbysexuell, nbsexuell, nonby-sexuell. Ich hoffe das bringt einige Menschen zum Nachdenken und nicht Weiterverbreitung dieses Begriffes.

Hallo lieber Mensch,

danke für deine Anmerkung. Viele neue Labels und Bezeichnungen sind ein Prozess, um herauszufinden, was eine Community braucht und wie Menschen sich gerne bezeichnen wollen. Es ist immer wichtig, auf Probleme aufmerksam zu machen, um, wenn möglich, bessere Lösungen zu finden.

Zuerst zu deiner Frage: Der Begriff stammt anscheinend von einer Person namens Nelde auf DeviantArt – Nelde hat den Begriff 2010 erfunden, um Anziehung zu genderqueeren/nichtbinären Menschen zu beschreiben. Und ja, der Begriff leitet sich vom altgriechischen “skolios” ab, was soviel heißt wie “verbogen” oder “gekrümmt”. Gewählt wurde dieser Begriff aber nicht, weil er irgendwas mit Skoliose zu tun hat, sondern weil er die altgriechische Variante von “queer” sein soll, was ja auch “seltsam” oder “verquer” bedeutet (auf Englisch funktionieren die beiden Begriffe noch besser als Synonyme). Es wird außerdem stark betont, dass es eben nicht um irgendwelche körperlichen Merkmale der Menschen geht, zu denen eins sich hingezogen fühlt, sondern einzig und allein um die Identifikation dieser Menschen. (Hier ist übrigens meine Quelle für diese Infos.)

Die Person, die diesen Begriff erfunden hat, meinte den also überhaupt nicht böse oder in irgendeinem Zusammenhang mit Skoliose, sondern im Gegenteil, es wird sich auf einen empowernden, reclaimten Begriff bezogen. Ein guter Wille heißt aber noch lange nicht, dass dieser Begriff deshalb nicht verletzen kann. Es ist vollkommen in Ordnung und verständlich, wenn der Begriff für dich schmerzhaft ist und ja, du hast voll und ganz das Recht, nach neuen Begriffen zu suchen und/oder deinen eigenen Begriff zu prägen. “Enbysexuell” finde ich persönlich auch sehr gut und kann das gerne in unser Glossar aufnehmen. “Ceterosexuell” ist übrigens ein weiterer Begriff, der spezifisch die Anziehung von nichtbinären Menschen zu anderen nichtbinären Menschen beschreibt (im Gegensatz zu “skoliosexuell”, wo das Geschlecht der eigenen Person keine Rolle spielt).

Allerdings bin ich mir aktuell nicht sicher, wie wir weiter mit dem Begriff “skoliosexuell” umgehen sollen. In unserem Glossar stehen viele Begriffe, die aus dem ein oder anderen Grund für manche Menschen schwierig sind; unser Ziel ist es aber erstmal, alle Begriffe zu sammeln, damit Menschen, die über ein bestimmtes Wort stolpern, hier erstmal herausfinden können, was es bedeutet. Daher möchte ich den Begriff ungern ganz aus dem Lexikon streichen. Es wird auch immer so sein, dass in unseren Communities Begriffe verwendet werden, die für manche empowernd und für andere sehr negativ sind – ich z.B. bin selbst auch nichtbinär und habe Skoliose und habe kein Problem mit dem Begriff, mag aber z.B. “ceterosexuell” nicht, weil sich das von “et cetera” ableitet und halt mal wieder nichtbinäre Menschen als “alles weitere”/”das übrige”/”der Rest” abstempelt (ähnlich wie “divers” als Geschlechtseintrag). Andere werden wiederum nicht glücklich sein mit “enbysexuell”, vielleicht weil es nicht inklusiv genug ist oder weil “enby” zu verniedlichend ist. Es wird also schwierig sein, ein einziges Wort zu finden, mit dem alle zufrieden sind.

Ich persönlich denke, das ist okay. So wie trans Menschen über die Jahrzehnte und an unterschiedlichen Orten der Welt unterschiedliche Begriffe gefunden haben, um sich zu beschreiben, so wie Leute sich immer noch streiten, ob Begriffe wie “queer”, “dyke” oder “fag” zurückerobert werden dürfen oder nicht, so darf es auch unterschiedliche Worte und Ansichten zu Begriffen über die Anziehung zu nichtbinären Menschen geben. Wichtig ist nur, dass wir einander gegenüber Respekt zeigen und niemandem ein Wort aufdrängen, mit dem diese Person sich nicht wohl fühlt.

Du hast also vollkommen das Recht, dein eigenes Umfeld um eine Sprache zu bitten, die dich nicht verletzt, deinen eigenen Begriff in deinen Communities zu verbreiten und weiter mit Menschen darüber im Gespräch zu bleiben, was eine gute Alternative ist.

Das ist hoffentlich fürs erste eine Möglichkeit, und falls du dazu noch weitere Gedanken hast, können wir gerne weiter im Gespräch bleiben.

Liebe Grüße und alles Gute,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 132 – Tipps bei der nichtbinären Namenssuche

Hey liebes Team,

Ich finde eure Seite wirklich super. Sie hat mir bei meiner Selbstfindung sehr geholfen, danke. Jetzt aber zu meiner Frage.
Ich habe vor kurzem angefangen, nach einem passenden Namen für mich zu suchen. Das Problem ist nur, dass ich einen Namen suche der nicht “typisch weiblich” oder “typisch männlich” ist da ich selber non-binary bin.

Habt ihr Tipps oder Ideen für meine Namenssuche?

Liebe*r Unbekannte*r,

es ist nicht gerade leicht, einen Namen zu finden, der keine starken Verknüpfungen entweder mit Männlichkeit oder Weiblichkeit hat. Hier sind ein paar Optionen, die andere nichtbinäre Menschen nutzen:

  • viele Kurzformen von Namen sind nicht eindeutig männlich oder weiblich: z.B. Alex, Lou, Feli, Dani oder Flo können alle Abkürzungen von männlichen oder weiblichen Namen sein – viele nichtbinäre Menschen entscheiden sich für so eine Kurzform.
  • seltene Namen in fremden Sprachen können ebenfalls geeignet sein, vor allem, weil viele Sprachen auch kein Genus haben (also kein sprachliches Geschlecht wie im Deutschen, wo wir “der/die/das” haben). Finnisch, Türkisch oder Ungarisch sind Beispiele für solche Sprachen. Du solltest allerdings mit fremden Sprachen und Kulturen respektvoll umgehen und dir nichts aneignen, was dir nicht zusteht und wozu du keinen persönlichen Bezug hast.
  • Fantasy- oder SciFi-Bücher können helfen, ausgefallene Namen zu finden, die nicht sofort als männlich oder weiblich zu erkennen sind. Vielleicht wirst du ja in deinen Lieblingsromanen fündig oder möchtest dir selbst einen Namen ausdenken, der z.B. von einer Fantasy-Sprache inspiriert ist.
  • Einen eigenen Namen ausdenken ist sowieso immer eine Möglichkeit. Das ist zwar vielleicht etwas schwieriger, wenn du deinen Namen auch rechtlich ändern möchtest, aber einen Versuch wert. Auch dadurch, dass ausgedachte Namen ein neuer Trend für Eltern von Babys sind, wird es allmählich leichter, auch eigene Namen durchzusetzen.
  • Manche nonbinary Menschen (so wie auch ich) suchen sich einfach einen Namen aus, der zwar eigentlich männlich oder weiblich angesehen wird, beschließen aber einfach, den Namen nonbinary zu machen. So, wie meine Klamotten nichtbinär sind, weil ich es bin, mein Körper nichtbinär ist, weil ich es bin, etc., so kann auch einfach mein Name nichtbinär sein, auch wenn andere ihn als männlich sehen. Das erfordert allerdings oft sehr viel Erklärung und Geduld mit Menschen im eigenen Umfeld und ist deswegen nicht für alle eine gute Möglichkeit.

Gute Hilfestellungen sind immer Babynamenseiten im Internet und Bücher, Filme und Serien. Überall dort kannst du Inspiration für deinen eigenen Namen finden. Es ist auch vollkommen okay, im kleineren Rahmen (vielleicht mit ein paar Freund*innen oder online) ein paar Namen auszuprobieren, um herauszufinden, welcher sich für dich richtig und gut anfühlt.

Viel Erfolg bei der Namenssuche und schreib uns gerne, wenn du einen Namen gefunden hast!
Liebe Grüße, Balthazar

Kummerkasten Antwort 131 – Bin keine Frau und kein Mann?

Hi ich bin mir bei meiner Identität nicht sicher was ich aber weiß ist das ich nicht hetoro bin ich weiß aber nicht ob ich eine Frau oder ein man sein will ich bin irgendwie keines oder beides und weiß nicht wie ich damit umgehen soll

Hallo lieber unbekannter Mensch,

erst mal: Es ist vollkommen okay, unsicher mit der eigenen Identität und dem Geschlecht zu sein. Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, mit dem alle Menschen anders umgehen. Es ist absolut in Ordnung, wenn du dir Zeit nimmst, dich damit zu beschäftigen und dich zu hinterfragen.

Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, werden auch nichtbinär genannt. Das bedeutet erstmal nur, dass dieser Mensch keine Frau und kein Mann ist (oder manchmal kann es auch bedeuten, dass diese Person nur teilweise oder nur manchmal männlich oder weiblich ist). Nichtbinär ist ein eigenes Geschlecht, bzw. eine eigene Geschlechtsidentität, kann aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Identitäten sein, die nicht (oder nicht vollkommen) männlich oder weiblich sind.

Hier sind zwei Begriffe, die unter den Schirmbegriff “nichtbinär” fallen und die dir vielleicht helfen können, dich zu beschreiben:

  • Agender: Agender sind Menschen, die kein Geschlecht haben oder sich nicht mit den existierenden Begriffen und Konzepten von Geschlecht identifizieren (können oder wollen).
  • Bigender: Bigender sind Menschen, die sich mit zwei Geschlechtern identifizieren können, zum Beispiel in deinem Fall vielleicht männlich und weiblich. Bigender Menschen haben vielleicht beide dieser Geschlechter gleichzeitig, oder es kann auch sein, dass sie abwechselnd mal eins und mal das andere Geschlecht sind – oder eine Mischung aus beidem.

Mehr Begriffe für nichtbinäre Geschlechter findest du auch in unserem Glossar.

Ich hoffe, das hilft dir ein bisschen weiter.
Alles Gute und liebe Grüße, Balth