Kummerkastenantwort 273: Ich bin gleichzeitig binär und nicht-binär trans?

Hallo! Ich versuche schon seit fast einem Jahr herauszufinden, ob ich trans bin. Irgendwie möchte ich gleichzeitig ein binärer trans Mann und nichtbinär sein… Geht das überhaupt? Ich fühle mich mit beiden Labeln wohl, und wenn ich versuche, mich für eines zu entscheiden, bin ich irgendwie enttäuscht, weil ich dadurch das andere aufgebe. Außerdem habe ich ständig Selbstzweifel, weil ich das Gefühl habe, dass ich mir das alles nur einrede und dass ich in Wirklichkeit cis bin. Ich bin schließlich schon fast 20, und wenn ich wirklich kein Mädchen bin, hätte ich das nicht viel früher merken müssen? Könnt ihr mir helfen?

Hallo du,

erstmal vorneweg: Es gibt kein richtiges Alter, um herauszufinden, dass du trans bist. Dass alle trans Menschen das schon ab ihrer Kindheit wissen, ist ein Mythos – viele finden es in ihrer Pubertät heraus, andere erst Jahre später, wenn sie Zugang zu den richtigen Begriffen und Communities bekommen, und manche merken es erst sehr spät im Leben. Du bist also keinesfalls “spät dran”, sowas gibt es dabei gar nicht.

Ich verstehe aber diese Selbstzweifel auch. Viele queere Menschen haben die, das nennt sich “Imposter Syndrome” und gibt uns oft den Eindruck, dass andere Leute viel mehr trans/queer/nonbinary sind als wir selbst, dass wir uns das vielleicht alles nur einreden, weil wir dazugehören wollen etc. Du bist mit diesen Gefühlen nicht allein, aber das macht sie nicht wahr. Wer sich so viele Gedanken ums eigene Geschlecht macht, ist in den allerseltensten Fällen cis.

Und klar ist es möglich, gleichzeitig ein trans Mann und nichtbinär zu sein! Der Youtuber Aaron Ansuini z.B. identifiziert sich gleichzeitig als trans Mann und nichtbinär. Wenn bei dir beide Begriffe passen, dann gibt es keinen Grund, sie nicht beide zu verwenden. Labels sind dafür da, dir zu helfen, damit du dich besser erklären kannst, wenn du das Gefühl hast, dass beide Labels nützlich für dich sind, um dich besser zu beschreiben, dann darfst du sie selbstverständlich benutzen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 270 – Wie funktioniert nonbinary top surgery in Deutschland?

TW: In dieser Nachricht geht es um Dysphorie, Operationen und die Darstellung von Trans-sein als Krankheit/psychische Störung.

Hey, ich bin L. und nonbinary. Zuerst einmal wollte ich euch danke sagen, dass ihr das alles hier macht, ich glaube das hat schon vielen Leuten extrem geholfen und man fühlt sich auch einfach ein bisschen weniger allein, einfach danke
Ich bin im weiblichen Körper geboren, aber kann mich damit überhaupt nicht identifizieren. Wenn, dann eher noch damit ein junge/Mann zu sein, aber auch das nicht wirklich. Ich identifiziere mich seit einiger Zeit jetzt schon als nonbinary, einfach weil es das einzige ist was sich wirklich vollkommen richtig anfühlt. Aber ich hab ein Problem. Ich hab extrem mit dysphoria zu kämpfen vorallem chest-dysphoria. Ich hätte nichts lieber als eine top surgery um eine flache Brust zu bekommen. Allerdings finde ich nirgendwo wirklich etwas darüber wie das in Deutschland ist, wenn man nicht eindeutig ein transmann ist und auf testosteron. Ich weiß dass man z. b. in Amerika teilweise auch als nicht binäre Person (und ohne testo) eine top surgery bekommen kann, aber wie ist das hier? Hab ich überhaupt eine Möglichkeit oder mach ich mir all die Hoffnungen total umsonst? Und vor allem wie und wo fange ich an? Ich weiß gar nicht was ich tun soll, nur dass ich das Gefühl habe so nicht mehr leben zu können, es muss sich etwas ändern, ich brauche diese top surgery, wirklich.

Ich hoffe ihr könnt mir irgendwie helfen, und danke schon mal im voraus, allein schon für’s bis hier hin durchlesen

Hallo L.,

Es gibt in Deutschland 2 Optionen, was eine Mastektomie (also top surgery) angeht:

Du kannst die Operation selbst zahlen, was teuer ist, aber in anderer Hinsicht weniger Barrieren hat. Die Kosten liegen in Deutschland je nach Operateur*in/Krankenhaus zwischen ca. 3500 und 8000 €. Als selbstzahlende Person macht es keinen Unterschied, ob du auf Testosteron bist oder nicht. Die meisten Ärzt*innen operieren auch Personen, die nicht auf Testo sind. Mit den genauen Anforderungen für eine Mastektomie als selbstzahlende Person kenne ich mich nicht aus und ich glaube es variiert auch von Ärzt*in zu Ärzt*in, was gefordert wird.

Die zweite Option ist, die Operation von der Krankenkasse zahlen zu lassen. In dem Fall entstehen für dich sehr viel weniger Kosten, weil die Krankenkassen Mastektomien übernehmen, wenn sie medizinisch notwendig sind. Dafür kann es sein, dass es um einiges länger dauert, bis zur OP, weil die Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragt werden muss und du dafür einiges an Unterlagen sammeln und erstellen musst.

Eine wichtige Info vorab: grundsätzlich können so viele Anträge auf Kostenübernahme gestellt werden, wie mensch will. Wenn die Krankenkasse einen Antrag ablehnt, kann Widerspruch eingelegt werden. Tipps dazu und Mustervorlagen finden sich in der Broschüre „Praxistipps“ vom Bundesverband Trans*.

Als Nachweis für diese Notwendigkeit fordern die Krankenkassen ein psychiatrisches/psychotherapeutisches Indikationsschreiben. Der erste Schritt ist also, eine*n Therapeut*in bzw. Psychiater*in zu finden, die*der dir ein Indikationsschreiben ausstellen kann, idealerweise eine Person, die schon mal mit trans Personen gearbeitet hat. Auf transmann.de/adressen/ findet sich eine Liste von Therapeut*innen, die Indikationsschreiben erstellen. Es lohnt sich aber auf jeden Fall auch, in lokalen trans und nicht-binären Gruppen nach Empfehlungen zu fragen, auch um einzuschätzen, ob die*der Therapeut*in nicht-binär-freundlich ist.

Für die Kostenübernahme ist es in der Regel notwendig, eine Diagnose gestellt zu bekommen. In Deutschland verwenden die Krankenkassen momentan noch die ICD-10, ein Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation. Es gibt schon ein Update, die ICD-11, aber die soll frühestens 2022 in der Praxis verwendet werden. Die Diagnosen für Transgeschlechtlichkeit im ICD-10 sind veraltet und pathologisierend (d.h. sie betrachten Trans-Sein als eine Krankheit bzw. psychische Störung). Die Diagnose, mit der du die besten Chancen hast, dass dein Antrag beim ersten Versuch angenommen wird, ist F64.0 „Transsexualismus“. Diese Diagnose wird oft als binäre Diagnose verstanden, weil darin von „dem anderen Geschlecht“ die Rede ist, sie kann aber so ausgelegt werden, dass es sich bei der trans Person nicht um „die andere Geschlechtsidentität“ sondern um „eine andere Geschlechtsidentität“ geht.

Die Sache mit dem Testosteron ist folgende: Wenn du einen Kostenübernahmeantrag an die Krankenkasse schickst, dann geben die den Antrag an eine Gruppe von Ärzt*innen weiter, die einschätzen sollen, ob die OP medizinisch notwendig ist. Das ist der so genannte Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK). Der MDK hat Richtlinien, an die er sich halten muss. Die Richtlinien zu trans OPs sind seit 2009 nicht mehr erneuert worden und deswegen steht dort noch drin, dass trans Personen vor einer Mastektomie mindestens 6 Monate auf Testosteron gewesen sein sollen – es sei denn, es gibt einen medizinischen Grund, der dagegenspricht. Hiergegen kann im Antrag argumentiert werden, denn in den aktuellen Behandlungsleitlinien, die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung 2018 veröffentlicht hat, wird eine Hormontherapie nicht als Voraussetzung gefordert. (Quelle, Seite 62) Das ist so auch in den Standards of Care festgehalten, die 2009 von der WPATH (World Professional Association for Transgender Health) veröffentlicht wurden. (Quelle, Seite 71)

Liebe Grüße,
Noah

Nachtrag von Balthazar: Ich hoffe, das war für einen ersten Überblick hilfreich. Melde dich gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast, und alles Gute für dich! <3

Kummerkastenantwort 265 – Bin ich nonbinary oder ein trans Mann?

TW: Hier geht es unter anderem um Dysphorie und Perioden

Hi Kummerkasten team hier ist C. 19 Jahre alt und afab.

Ich bin mir nicht sicher wie ich meine Frage ganz formulieren soll also beschreibe ich einfach mein Problem. Ich habe mich vor ca. nem halben Jahr als non binary geoutet und benutzte seit dem männliche Pronomen.

Ich stelle mir nun schon länger die Frage ob ich vllt doch ein Mann bin. Ich benutzte z.B. einen Binder und fühle mich damit sehr wohl. Ich trage auch maskuline Kleidung, Boxershorts und versuche als typ wahrgenommen zu werden.

Ich freue mich wenn mich andere für einen Jungen halten. Und habe Disphoria im Bezug auf meine Hüfte, Brust und meine Stimme.

So weit so gut aber es gibt auch dinge die nicht ganz dazu passen
z.B. habe ich eher wenig bis keine Disphoria mit meiner Periode ich mochte sie zwar noch nie und wäre glücklicher wenn sie nicht mehr da wäre aber ich bin an sie gewöhnt. Auch mein Verhalten passt nicht immer ganz denn ich mag es vom Charakter her eher ein Softboi zu sein als der maskulinste im Raum.

Ich habe einen nichtbinären Bruder und einen guten Trangender (ftm) freund. Ich vergleiche mich oft mit ihnen und bin noch viel verwirrter. Oft passt das was mein Bruder sagt gut zu dem wie ich mich fühle aber auch andersrum wenn mein ftm freund beschreibt wie er sich fühlt kann ich das nachempfinden.

Es ist wirklich schwer zu erklären aber ich wäre gerne ein Junge, bin mir aber nicht sicher ob ich auch einer bin. Ich weiß das ich eine Mastek möchte und das ich Testo nehmen will (eher eine kleine Dosis) aber weiß nicht ob das so gut ist bevor ich mir nicht 100% sicher bin.

Ich finde ebenfalls meinen Namen gut (er ist Unisex) weiß aber nicht ob ich ihn ändern soll weil er sehr feminin klingt und mich das manchmal stört oder ob ich mir nur einen maskulineren zweitnamen zulegen soll.

Ihr seht ich habe viele Probleme und Bin sehr verwirrt ich hoffe ihr könnt mir weiterhelfen
Danke im voraus für die Antwort
Lg. C.

Hallo C,

es ist voll okay, dir nicht ganz sicher zu sein – manchmal verschwimmen die Grenzen, die wir zwischen den Geschlechtern gezogen haben, und es stellt sich heraus, dass wir vielleicht alle gar nicht so verschieden sind und dass Geschlecht nur ein Faktor von vielen ist, der uns ausmacht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die nichtbinäre Erfahrungen und die trans Mann Erfahrungen sehr viele Überschneidungen für viele Menschen haben. Es gibt viele Menschen, die nichtbinär sind und Zugriff auf OPs und Hormone brauchen, um sich wohl zu fühlen. Es gibt außerdem trans Männer, die z.B. vor einer OP zurückschrecken oder sich bewusst gegen eine entscheiden. Es gibt nicht die eine Art und Weise, trans oder nichtbinär zu sein, und alle wählen unterschiedliche Wege, haben unterschiedliche Empfindungen und gehen unterschiedlich damit um. Es ist z.B. auch nicht zwingend so, dass alle trans Männer Dysphorie wegen ihrer Periode haben, oder dass eine solche Dysphorie ein Zeichen dafür ist, dass eine Person ein trans Mann ist. Manche trans Männer haben recht wenig Dysphorie, manche nichtbinäre Menschen sehr viel. Manche nichtbinäre Menschen möchten gern super maskulin oder feminin sein, manche trans Männer möchten nicht dem männlichen Stereotyp entsprechen, sondern lieber selbst bestimmen, was es für sie bedeutet, ein Mann zu sein. Wenn wir so lange dafür gekämpft haben, dass Männer auch Kleider, Makeup und Nagellack tragen dürfen, auch Gefühle zeigen und einfühlsam sein dürfen, auch verletzlich sind – warum sollte das dann nur für cis Männer gelten und nicht erst recht für trans Männer?

Ob du nun nichtbinär oder ein trans Mann bist, das kann ich dir leider nicht beantworten, da musst du herausfinden, was sich am besten anfühlt. Vielleicht was dazwischen, wie z.B. “demiboy“? Oder vielleicht kann dir der Youtuber Aaron Ansuini helfen – er bezeichnet sich als beides, trans Mann UND nichtbinär, und sagt, dass seine Nichtbinarität etwas ist, was er zusätzlich zu seiner trans Männlichkeit in sich trägt. (Aaron ist sowieso ganz toll und macht super videos!)

Was solche Maßnahmen wie Mastek und Testo betrifft: Zum einen ist es vielleicht gut, wenn du dich über beides ausführlich informierst, bevor du da irgendwelche Schritte einleitest. Die Wirkungen von Testosteron sind größtenteils wieder rückgängig zu machen, wenn du damit aufhörst, aber bei einer Mastek ist das schon was anderes. Testosteron kann ganz verschiedene Auswirkungen haben und du solltest dir Gedanken darüber machen, ob du mit allen einverstanden bist. Ich traue dir allerdings zu, dass du dich gut informierst und auch schon informiert hast. Und dann frage dich: Hängt die Entscheidung, was für Maßnahmen du ergreifen willst, denn überhaupt davon ab, welches Label du für dein Geschlecht verwendest? Es klingt für mich so, als wäre die Entscheidung mit der Mastektomie und dem Testosteron für dich schon getroffen und du klingst sehr sicher darüber, obwohl du über dein Geschlecht unsicher bist. Die Maßnahmen, die du ergreifen willst, können für dich gut und richtig sein, egal wie du dich bezeichnest. Es ist aber gut, dass du deine Unsicherheit nicht einfach ignorierst, sondern zu Wort kommen lässt. Es ist gut, erst mehr Sicherheit für diese Entscheidungen zu gewinnen, bevor du diese Schritte machst.

Und zuletzt zu deinem Namen: Wie wäre es, wenn du dir z.B. einen Zweitnamen zulegst, der etwas maskuliner ist als dein jetziger, und eine Weile lang ausprobierst, ob der neue Name sich besser anfühlt als dein bisheriger? Dann hast du in Zukunft beide Optionen und kannst dir aussuchen, ob Leute dich lieber mit deinem bisherigen Namen oder mit deinem neuen Zweitnamen ansprechen sollen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig bei deinen Fragen helfen und ich wünsche dir alles Gute!

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 263: Bin ich trans oder hab ich keine Lust auf Sexismus?

Hey liebes QueerLexikon-Team!
Ich habe mich bis jetzt immer als cis Lesbe identifiziert, habe aber in letzter Zeit immer wieder Zweifel ob ich mich wirklich als Frau fühle? Ich fühle mich häufig sehr uncomfortable mit meinen als “typisch weiblich” gelesenen Körpermerkmalen (Brüste, breite Hüften) und würde sie manchmal am liebsten verstecken oder verschwinden lassen.
Ein ganz großer Teil von dieser Uncomfortable-ness kommt glaube ich daher, dass ich mich irgendwie davor “ekle” von straighten Männern als sexuelles Objekt gesehen werden könnte. In der Gegenwart von Frauen oder anderen queeren Menschen fühle ich mich viel wohler in meiner Haut, aber wenn ich meine Bubble verlasse würde ich am liebsten einfach als genderlos oder androgyn wahrgenommen werden falls das Sinn macht?
Bin ich vielleicht trans* oder fühle ich mich nur in den engen Rollenbildern für Frauen nicht wohl? Woran könnte ich feststellen was von beiden denn nun mehr zutrifft?

Danke schon mal,
Grüße, L

Hallo L,

die Antwort auf deine Frage ist gar nicht so leicht. Es ist sehr verständlich, dass du dich unwohl fühlst, wenn hetero Männer deinen (weiblich gelesenen) Körper sexualisieren. Das geht sehr vielen so, auch, weil uns durch viele Medien beigebracht wird, dass “weibliche Körper” und vor allem “weibliche Körpermerkmale” immer auch sexy sind oder es sein müssen. Dieses Unwohlsein empfinden sowohl cis Frauen als auch Menschen, die zwar bei der Geburt weiblich zugewiesen wurden, aber nicht (oder nicht ausschließlich) weiblich sind.

Für viele Menschen, die bei der Geburt weiblich zugewiesen wurden und die ihr Geschlecht hinterfragen, ist das eine große Frage: Woher kommt das Unwohlsein mit dem Körper? Kommt es von dem Sexismus und der Objektifizierung, die sie erfahren, oder hat es vielleicht doch etwas mit einer trans Identität zu tun? Du schreibst, dass dein Unwohlsein eigentlich fast verschwindet, wenn du unter Frauen oder queeren Menschen bist – das deutet ja an sich darauf hin, dass das Unwohlsein eher von außen kommt und nichts über dein Inneres und dein Geschlecht aussagt. Aber das muss auch nicht unbedingt sein – wenn du feststellst, dass du das Label “trans” für dich doch irgendwie passend findest, dann ist das genauso richtig.

Wichtig ist, dass du dich kleiden und geben darfst, wie du möchtest, und dass es auch vollkommen in Ordnung ist, wenn sich das je nach Kontext ändert. Wenn du z.B. in der Öffentlichkeit deine Brüste lieber mit einem Binder verstecken willst und deine breiten Hüften mit weiter Kleidung kaschieren willst, dann ist das voll okay. Wenn du dann aber lieber in queeren Kreisen oder unter Frauen femininere Kleidung tragen möchtest oder deinen Stil vielleicht mal durchmischen möchtest, dann ist das genauso in Ordnung.

Vielleicht ist es gar nicht ganz so wichtig, wie du dein Geschlecht und dich genau benennst, solange du das tust, was dir gut tut. Wenn du aber doch gern ein Label hättest, dann lohnt es sich bestimmt, mit anderen trans Menschen und lesbischen Frauen, vor allem Butches, darüber zu reden. Die haben oft ähnliche Erfahrungen wie du gemacht und sich vielleicht schon die gleichen Fragen gestellt – vielleicht kannst du so herausfinden, welches Label sich für dich am passendsten anfühlt. Was ich auch sehr empfehlen kann, ist die Comedy von Rhea Butcher. Rhea hat sich lange als lesbische Butch identifiziert und hat sich vor einiger Zeit als trans und nichtbinär geoutet. In Rheas Comedy geht es viel um die Themen, zu denen du dir auch Fragen stellst.

Ich wünsche dir alles Gute bei deiner weiteren Suche! Melde dich gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast oder uns einfach nur erzählen möchtest, wie sich die Dinge bei dir entwickeln. 🙂

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 252 – Bin ich ein Junge oder will ich nur einer sein?

Hallo Queerkumerkasten-Team,

ich bin 15 Jahrealt und biologisch gesehen ein Mädchen aber ich denke zurzeit oft darüber nach ob ich vielleicht ein Junge bin.
Ich sehe äußerlich wegen meinen kurzen Haaren und meinem Klamottenstyle aus wie ein Junge. Also alle Personen die ich neu kennenlernen denken ich wär männlich und sprechen mich auch mit männlichen Pronomen und allem an. Was mich verwirrt:
Ich sah als Kind schonmal aus wie ein Junge(hatte früher kurze dann lange und jetzt wieder kurze Haare) und es hat mich damals immer gestört wenn andere dachten ich wäre ein Junge. Teilweise stört es mich heute immernoch. Vor paar Monaten hab ich erst angefangen mein Geschlecht zu hinterfragen. Aber wenn ich ein Junge bin würde es mich dann stören wenn fremde mich für einen Jungen halten?

Weshalb ich mir auch nicht sicher bin onöb ich Trans bin: Ich wäre gerne ein Junge aber das bedeutet ja nicht gleich das ich Trans bin weil Trans bedeutet ja das man sich so fühlt und ich bin mir nicht sicher ob ich mich wie ein Junge fühle oder nur gerne einer wär.
Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen
Lg J

Hallo J,

deine Frage ist schwer zu beantworten – niemand außer dir weiß, ob du ein Junge bist oder ob du trans bist, das kannst nur du wissen. Es ist auch sehr schwierig zu beschreiben, wie es sich denn anfühlt, ein Junge zu sein – ich glaube, das ist für alle anders, egal, ob sie cis Jungen sind (also auch bei der Geburt schon männlich zugewiesen) oder trans Jungen. Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied für dich gibt, ob du “nur” gerne ein Junge wärst oder ob du einer bist. Es kann gut sein, dass das das gleiche ist.

Du sagst allerdings auch, dass du dich früher wie heute nicht immer ganz wohl fühlst, nur als Junge gesehen zu werden. Das könnte vielleicht daran liegen, dass du zwar trans bist, aber vielleicht nichtbinär? Das bedeutet dass du nicht ganz, nicht immer, oder nicht ausschließlich ein Junge oder ein Mädchen bist. Manche Menschen bezeichnen sich z.B. als “demiboy”, wenn sie zeigen möchten, dass sie sich zwar als Junge sehen oder so präsentieren, aber eben nicht immer 100% Junge sind, sondern nur manchmal oder nur teilweise. Es kann ja durchaus sein, dass das besser für dich passt.

Vielleicht hilft es dir am ehesten, dich einfach mal auszuprobieren: Du kannst z.B. Leute bitten, dich auf eine bestimmte Weise anzusprechen, mit einem bestimmten Namen oder Pronomen (z.B. “er”) und zu schauen, ob du dich damit wohl fühlst, und wenn nicht, was sich für dich besser anfühlen würde.

Ich wünsche dir ganz viel Erfolg bei deiner Suche und wünsche dir alles Gute!
Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 251 – Weiblich sein, ohne das Junge sein aufzugeben?

Hallo, erst mal danke das ihr sowas anbietet
Wusste nicht wo ich sonst mit meinen Fragen hin sollte,
Ich bin nun seit etwas mehr als 3 Jahren sehr verwirrt über mich selber.
Ich bin als Junge geboren und lebte bis zu meinem 13 Lebensjahr auch vollkommen glücklich damit.
Aber dann kam plötzlich der Drang in mir auf eine Frau zu sein.
Der Drang mich weiblich zu kleiden.
Auszusehen wie eine ganz normale Frau.
Doch irgendwie möchte ich es auch nicht aufgeben ein Junge zu sein.
Ich bin zwiegespalten zwischen dem beiden
Aber dennoch sehr unglücklich darüber.
Meine Freundin weiß auch davon und unterstützt mich.
Sie hat mich auch hier hin verwiesen.
Ich brauche dringend Hilfe all das herauszufinden und vor allem zu wissen was das aus mir macht.
Falls die Frage hier falsch ist tut es mir wirklich leid
Trotzdem schon mal danke im Voraus

Hallo du,

schön, dass du uns gefunden hast. Es klingt, als würdest du dich mit einem ganz schön schwierigen Thema beschäftigen. Das eigene Geschlecht zu hinterfragen ist für die allermeisten Menschen sehr schwierig und langwierig, damit bist du definitiv nicht allein.

Es muss gar nichts heißen, dass du bis zu deinem 13. Lebensjahr mit deinem Leben als Junge sehr zufrieden warst – es heißt zwar meistens, dass trans Menschen schon von ihrer Kindheit an wissen, dass sie trans sind, also ein anderes Geschlecht haben als das, was ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde – aber das ist für viele trans Menschen nicht so. Manche finden erst raus, was Sache ist, wenn die Pubertät einsetzt, manche brauchen noch Jahre oder Jahrzehnte länger, bis sie verstehen, was es mit ihrem Geschlecht auf sich hat. All das ist okay.

Es ist schön, dass deine Freundin dich unterstützt und auf deiner Seite ist. Vielleicht kann sie – und mit der Zeit vllt. auch noch ein paar weitere Leute, vor denen du dich outen kannst? – dir helfen herauszufinden, was dich glücklich macht? Du könntest z.B. mit ihr ausprobieren, wie du dich fühlst, als Mädchen angesprochen zu werden, z.B. mit einem weiblichen Namen und sie-Pronomen, oder wie du dich fühlst, wenn du dich weiblicher kleidest und so. Es kann sein, dass du eine trans Frau bist und dass deine Unsicherheit daher kommt, weil du noch nicht sicher weißt, was es für dich bedeutet, eine Frau zu sein. Weiblich zu sein heißt ja nicht, dass du deswegen alles aufgeben musst, was dich zu dir selbst macht, oder auch Sachen, die du eigentlich für “männlich” hältst. Du kannst auch eine Frau sein, ohne alle weiblichen Stereotype zu erfüllen und alle männlichen hinter dir lassen zu müssen.

Es kann aber auch sein, dass du nichtbinär bist. Das bedeutet, dass du z.B. teils männlich und teils weiblich bist, oder manchmal männlich und manchmal weiblich, oder dass du ein Geschlecht hast, das weder weiblich noch männlich ist. Auch da kannst du einfach ausprobieren, was sich für dich gut und richtig anfühlt, und dir Hilfe holen von Menschen, denen du vertraust.

Ich wünsche dir alles Gute! Wenn du weitere Fragen hast, kannst du dich gerne jederzeit wieder an uns wenden.

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 249 – Wie erkläre ich, dass ich aktuell keinen Sex möchte?

Liebes Kummerkasten-Team vom Queer Lexikon,

seit ein paar Monaten treffe ich mich regelmäßig mit einer Person, die ich echt toll finde. Wir haben viel gemeinsam und viel Spaß zusammen. Wir haben uns durch die enby community unserer Stadt kennengelernt und dementsprechend auch einen sich überlappenden Freund*innenkreis. Dass wir jetzt “miteinander gehen” ist irgendwie ganz von selbst passiert und ich bin echt verliebt und glücklich.
Bei unseren letzten zwei Treffen, bei denen wir miteinander allein waren, hatte ich das Gefühl, dass die Person versucht hat, mir körperlich näher zu kommen. Wir umarmen und küssen uns zwar sonst auch und wir halten auch manchmal Händchen, aber die letzten Male war sier verschmuster als sonst. Das an sich finde ich auch schön, aber ich bin verunsichert, ob sier erwartet, dass wir bald miteinander schlafen. Das setzt mich ganz schön unter Druck. Ich glaube nämlich, dass ich dazu nicht bereit bin und weiß nicht, wie ich das ansprechen kann.
Ich hätte schon Lust darauf, irgendwann einmal mit meiner Herzensperson Sex zu haben – aber definitiv nicht jetzt. Aus religiösen Gründen möchte ich damit am liebsten bis zur Ehe warten oder falls wir nicht heiraten möchten, eben solange damit warten, bis unsere Beziehung zueinander so gefestigt ist, dass sie einer guten Ehe gleichkommt.
Bevor ich meine jetzige Partnerperson kennengelernt habe, hatte ich sporadisch sexuelle Beziehungen zu anderen queeren Leuten. Die Leute waren voll in Ordnung, doch ich habe nach ein paar Mal ausprobieren gemerkt, dass ich mir Sex lieber in einem anderen Kontext wünsche. Außerdem war ich damals nicht so gläubig wie heute, sondern musste mich spirituell erst selbst finden, um zu wissen, wie ich meinen Glauben ausleben möchte.
Ich bin definitiv nicht asexuell, das habe ich für mich schnell gemerkt. Ich möchte lediglich gerade abstinent leben.
Ich habe innerhalb der LGBTIQ+ community gemischte Erfahrungen gemacht, was religiös und queer sein anbelangt. Innerhalb vieler religiöser Institutionen werde ich abgelehnt, weil ich queer und trans* bin. In der queeren community wiederum werde ich oftmals als gläubige Person als “rückstandig” oder “von minderer Intelligenz” angesehen. Deshalb halte ich meine Religionszugehörigkeit (muslimisch) auch meistens geheim bzw. nur enge Freund*innen, von denen ich weiß, dass sie cool drauf sind, wissen davon.
Meine Partnerperson müsste es eigentlich wissen. Aber wir haben noch nie so richtig ausführlich darüber gesprochen, weil es bisher keinen Anlass gab und was Sex angeht, hatten wir auch noch kein Gespräch dazu.
Ich weiß nicht, wie ich der Person erklären soll, dass ich vorläufig keinen Sex möchte. Ich habe Angst, dass sier mich dann komisch findet und nicht mehr mit mir zusammen sein will. Und ich will auch nicht, dass sier denkt, ich würde sihn nicht schön finden und das nur als Ausrede benutzen.
Wie kann ich dieses Thema nur ansprechen?

(PS: Für mich könnt ihr gerne das Pronomen “er” verwenden)

Hallo lieber Mensch,

erstmal möchte ich sagen: Ich verstehe deine Sorgen sehr gut. Die Kombination aus queer/trans und religiös sein ist meist eine schwierige, und viele Menschen in beiden Communities haben ihre Schwierigkeiten damit. Ich verstehe deswegen deine Entscheidung, in queeren Kontexten nicht allzu oft über deine Religion zu reden.

Was das Thema Sex angeht: Nicht zu wissen, woran du mit der anderen Person bist, ist eine echt stressige und unangenehme Situation. Ich halte es auf jeden Fall für wichtig, dass du der anderen Person erklärst, was deine Einstellung zum Thema Sex ist, und dass du erklärst, dass es dich nervös macht, dass du nicht weißt, wie deine Herzensperson dazu steht. Ob du das Thema Religion dabei erwähnen möchtest oder nicht, bleibt dir überlassen – das kommt ganz darauf an, wie sicher du dich damit aktuell fühlst. Natürlich ist es auf Dauer schön und auch wichtig, dass du deiner Beziehungsperson auch mit schwierigen Themen vertrauen kannst – das bedeutet aber nicht, dass du alle für dich schwierigen Themen auf einmal ansprechen musst.

Am Besten überlegst du dir, welche Art von Kommunikation dir für dieses Thema am liebsten ist: Möchtest du mit deinem Herzensmensch persönlich darüber sprechen, möchtest du das lieber per Telefonat machen, oder fühlst du dich mit einer schriftlichen Form, z.B. per Textnachrichten oder Brief, am wohlsten? Wichtig ist, dass du dich dabei selbst nicht zu sehr unter Druck setzt, aber auch deinem Herzensmenschen Raum gibst, sihre Position dazu zu erklären und die Antwort zu akzeptieren. Es kann sein, dass ihr zu diesem Thema unterschiedliche Meinungen und Bedürfnisse habt – das ist voll okay, und bedeutet nicht, dass irgendwer von euch was falsch macht. Dann müsst ihr gemeinsam herausfinden, ob ihr einen Kompromiss finden könnt, der für euch beide in Ordnung ist (das heißt nicht, dass irgendwer von euch etwas tun sollte, was ihr nicht tun möchtet, sondern, dass ihr beide einen Weg finden müsst, der für euch in Ordnung ist). Es kann auch sein, dass ihr keinen Kompromiss finden könnt, der für euch beide funktioniert – auch das ist okay und bedeutet nicht, dass jemensch von euch etwas falsch gemacht hat. Manchmal sind zwei Menschen einfach nicht in allen wichtigen Bereichen kompatibel – dann müsst ihr überlegen, was das für eure Beziehung bedeutet und ob das etwas zwischen euch ändert. Und falls dein Herzensmensch verständnislos, harsch oder sogar gemein reagiert, oder dich zu etwas überreden möchte, das du nicht willst, dann ist es gut, dass du darüber schnell Klarheit schaffen konntest und dass du gleich herausgefunden hast, woran du mit diesem Menschen bist.

Es kann aber natürlich auch sein, dass es für deinen Herzensmensch alles vollkommen okay und unkompliziert ist – dann ist es umso besser, dass ihr darüber gesprochen habt, weil ihr euch dann beide in der Beziehung sicherer und wohler fühlen könnt. In Beziehungen ist es immer wichtig zu kommunizieren – und vor allem im Bezug auf Sex und Intimität. Da haben wir alle ganz unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen und Vorlieben, und niemensch kann Gedanken lesen, um gleich auf Anhieb alles davon richtig zu erraten. Da müssen wir einfach alle daran arbeiten, dass wir darüber reden lernen.

Ich habe da ganz viel Vertrauen in dich und wünsche dir alles Gute für dein Gespräch, und außerdem wünsche ich dir ganz viel Akzeptanz von allen Seiten, was deine Religion und Queerness angeht. Du verdienst es, genauso geliebt zu werden, wie du bist, und zwar ganz und gar und nicht nur in Teilen. <3

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 248 – Kann ich mehrere Identitäten/Labels haben?

TW: In diesem Beitrag wird sexuelle Gewalt erwähnt (aber nicht im Detail).

Hallo liebes Team vom Queer Lexikon,
ich finde euch einfach Klasse, wie ihr den Menschen helft ist einfach genial.
Heut bräuchte ich mal eure Meinung/Hilfe.

1. Ich habe schon einige Beziehungen mit Frauen und Männern geführt. Auch mit Trans – Boys, schwulen, bisexuellen. Mir ist eigentlich egal, solange mir die Person gefällt und mir guttut.

2. Geboren bin ich als Mann, möchte mich nicht um operieren, fühle mich aber nicht in allen Situationen so. In vielen Situationen verhalt ich mich lieber Weiblich. Aber es gibt auch Situationen, wo ich mich männlich verhalte. Oder sogar gar nicht weiß, was ich genau bin. Ich trage auch selten heimlich zuhause Kleider und schmink mich, würde auch gern so auf die Straße gehen, trau mich das aber nicht. Diesen Zustand von Schminken möchte ich nicht in allen Situationen ausleben. Ich fühl mich oft einfach in dieses Geschlecht der Männlichkeit hineingestopft (Ich hoffe man kann verstehen was ich meine).

3. Ich hatte auch mit einigen Geschlechtern sex. Nur dieser gefällt mir bei allen nicht besonders, dies kann vielleicht auch an der sexuellen Gewalt, die ich von Fremden, im Alter von 16 erfahren musste, liegen. Also ich fühle mich schon zu Menschen hingezogen, also Kuscheln, Küssen, streicheln etc. gefällt mir, nur alles was weiter geht, das geht irgendwie nicht.

Meine Frage ist jetzt eigentlich was bin ich?
Kann ich mehreres gleichzeitig sein, da ja Punkt 1,2 und 3 vollkommen andere Dinge sind?
Es wäre toll, wenn ihr das Beantworten könntet.

Liebe Grüße ?.

Postskriptum: Dankeschön im Voraus.

Hallo du,

um deine wichtigste Frage zuerst zu beantworten: Selbstverständlich kannst du “mehreres gleichzeitig” sein – es gibt keine Begrenzung, wieviele Labels du benutzen darfst und kannst. Du kannst einfach so viele verwenden, wie du brauchst, um dich gut zu beschreiben. Es gibt sogar einige Menschen, die in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Labels verwenden. Alles, was dir hilft, dich zu beschreiben, ist in Ordnung.

  1. Viele Menschen, denen das Geschlecht (und die Sexualität) ihrer Partner*innen egal ist, verwenden den Begriff “pan”, bzw. “pansexuell” oder “panromantisch” für sich. Pan sind Menschen, die sich grundsätzlich zu allen Menschen hingezogen fühlen können, ganz unabhängig vom Geschlecht. Panromantik beschreibt dabei die romantische Anziehung, also den Wunsch, mit diesen Menschen in einer Beziehung zu sein und/oder romantische Nähe zu erleben, Pansexualität beschreibt die sexuelle Anziehung, also den Wunsch, diesen Menschen sexuell/intim näher zu kommen. Für manche Menschen ist es sinnvoll, die romantische und die sexuelle Ebene zu trennen, für andere nicht. Du kannst selbst entscheiden, was für dich besser passt.
  2. In unserer Gesellschaft sind Geschlechterrollen sehr eng definiert, und vor allem Männern werden nicht viele Freiheiten darüber gegeben, wie sie ihr Geschlecht ausdrücken dürfen. Aber auch Männer können und dürfen Makeup und Kleider tragen, wie z.B. Stars wie Keiynan Lonsdale und Billy Porter uns vormachen – die sind trotzdem immer noch Männer, aber definieren neu, was es bedeutet, ein Mann/männlich zu sein. Du darfst gerne jederzeit alle diese Dinge, zu denen du ein Bedürfnis hast – Makeup und Kleider tragen, dich feminin/weiblich verhalten etc. – tun, und dich trotzdem noch als Mann bezeichnen. Wenn du das möchtest. Wenn du aber den Eindruck hast, dass das nicht ganz passt, gibt es vielleicht andere Begriffe, die besser passen. Du beschreibst z.B. dass deine Art, dein Geschlecht auszudrücken, sich je nach Situation ändert; das könnte z.B. dafür sprechen, dass du genderfluid bist. Genderfluid sind Menschen, deren Geschlecht sich je nach Situation oder mit der Zeit immer wieder ändern kann. Viele Menschen, die Männlichkeit (und Weiblichkeit) zu einengend finden und sich darin nicht wiederfinden, bezeichnen sich auch als genderqueer, gender-nonconforming oder nichtbinär. Oder es kann sein, dass du evtl. eine trans Frau bist. Nicht alle trans Frauen wollen ihren Körper verändern, und viele trauen sich nicht, ihre Weiblichkeit offen auszuleben, weil sie Angst haben vor Diskriminierung und Gewalt. Vielleicht horchst du einfach mal ganz tief in dich hinein und schaust, welcher dieser Begriffe sich für dich richtig und passend anfühlt – oder du kannst sie auch alle mal für eine Zeit ausprobieren, wenn du dir noch unsicher bist, ob irgendwas davon passt, und wenn ja welches. Wichtig ist dabei immer, dass du auf dich achtest und nichts tust, was sich nicht gut und richtig anfühlt.
  3. Es ist schwierig, die sexuelle Anziehung von den negativen Erfahrungen zu unterscheiden, die du in der Vergangenheit im Bezug auf sexuelle Gewalt gemacht hast – für manche Menschen ist das auch ganz untrennbar. Es klingt für mich, als könntest du asexuell sein – du schreibst, du fühlst dich zu Menschen hingezogen und magst auch Intimitäten wie Kuscheln, aber dir gefällt Sex nicht so. Asexuell sein bedeutet, dass du keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen empfindest. Wenn es dir wichtig ist zu unterscheiden, dann kannst du tief in dich hineinhören und überlegen, ob du tatsächlich kein sexuelles Interesse an anderen hast, oder ob du nur vorsichtig geworden bist im Bezug auf sexuelle Aktionen, weil du Angst davor hast, verletzt oder benutzt zu werden. Wichtig ist aber so oder so, dass du wiederum auf dich achtest und einfach schaust, was dir wirklich gut tut und was du möchtest.

Ich hoffe, ich konnte dir damit weiterhelfen und wünsche dir alles Gute! Danke auch für das liebe Kompliment – wir sind gerne für euch da und Kommentare wie deiner motivieren uns immer total und bestärken uns in unserer Arbeit. <3

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 243 – Wird Geschlecht mit dem Alter weniger anstrengend und wie ist das mit Unisex-Namen auf nicht-englisch?

Hallo lieber queerer Kummerkasten,

ich habe einige der Antworten gelesen, kann mich in einigen Fragen wiederfinden und möchte deshalb erst einmal danke sagen. Ich schwanke momentan zwischen “Mann”, “Frau”, “nichts” und “alles” und habe enorme Schwierigkeiten, mir das selbst zuzugestehen. Für mich ist das Schwanken extrem anstrengend und seelisch schmerzhaft. Gibt es bei euch Indizien, dass das irgendwann, mit dem Alter (ich bin 20), besser wird? Dass man sich irgendwann auf ein Geschlecht “einpendelt”? Also zum Beispiel auf Bigender. Und kennt ihr nicht-englische Gender-neutrale Namen außer Alex und Luca? Englische findet man einige und mit den allermeisten kann ich mich leider nicht identifizieren. Dafür wäre ich euch wirklich sehr dankbar.

Liebe Grüße,
Mensch

Hallo Mensch,

Wir gehen davon aus, dass Geschlecht nie eine vollkommen statische Sache ist oder wird. Andererseits setzen sich viele andere Ding in der Regel in den 20igern und Leute bekommen ein gefestigteres Bild, wer sie eigentlich sind. Das kann dazu führen, dass die eigene Geschlechtsidentität statischer wird, muss es aber nicht. Ich wünschte, ich könnte dir hier etwas besseres versprechen oder zusagen.

Geschlechtsneutrale Namen im deutschen sind schwierig, weil bis vor einigen Jahren noch Gesetze galten, die dafür sorgten, dass nur Namen, die eindeutig Geschlechtern zugewiesen konnten, auf Geburtsurkunden vermerkt werden durften. Das hatte und hat auch immer noch zur Folge, dass solche Namen nur sehr wenig bekannt sind. Dennoch gibt es auch nicht-englische Namen, die für mehrere Geschlechter verwendet werden. Robin oder An zum Beispiel. Und es gibt eine ganze Menge Namen, bei denen das Regional sehr verschieden ist: Nicola oder Simone oder Andrea zum Beispiel. Während die in Deutschland meistens als Frauennamen genutzt werden, gibt es Länder, in denen es üblicher ist, dass diese Namen für Männer genutzt werden. Vornamen aus dem friesischen oder skandinavischen Sprachraum wie Bente oder Tomke werden auch häufig für verschiedene Geschlechter genutzt. Jenseits der üblichen Nutzung gilt aber auch: Namen haben Geschlechtszuweisung nur doch Gewohnheit. Du kannst dich an das halten, was gängig ist, aber darfst es auch jederzeit aufbrechen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen. Melde dich gerne jederzeit wieder bei uns, wenn du noch Fragen haben solltest. Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 241: Was ist mein Geschlecht, was ist meine sexuelle Orientierung und wie gehe ich damit um?

Was ist für mich die richtige Definition und ein möglicher Lösungsansatz?

Ich habe seit Jahren, das Verlangen, dass ich gerne als Frau von einer feminin aussehender, jedoch teilweise maskulin agierender Frau als Frau behandelt werden möchte, sowohl im alltäglichen als auch sexuellen Aspekt. Ich bin „männlich“ auf die Welt gekommen und habe lange versucht diese Rolle zu erfüllen, was sich einfach nicht richtig angefühlt und mich stets unter Druck gesetzt hat. Männer widern mich an, da ich nichts mit dem typischen männlichen Verhalten, sowie mit dem ungepflegten Äußeren nichts anfangen kann. Meine Gefühle machen mir sehr zu schaffen, da ich sehr gerne eine Beziehung zu einer Frau hätte die damit etwas anfangen kann. Ich bin sehr frustriert, da ich nicht weiß wo ich Menschen finde die damit umgehen können und so jemand wie mich begehrenswert finden. Ich finde einfach keine wirkliche Bezeichnung für mich. Ich bin mir noch unsicher ob ich eine Angleichung zur Frau machen soll, da es ein unumkehrbarer Prozess ist, werde allerdings zumindest crossdressen ausprobieren.
Ich fühle mich einfach nirgends zugehörig was sexuelle Orientierung und Geschlecht betrifft und habe auch etwas Angst es zu kommunizieren bzw gehe mittlerweile Schritt für Schritt drauf ein und schaue wie mein Gegenüber darauf reagiert. Ich kam allerdings nie dazu es komplett offenzulegen innerhalb einer Beziehung. Wer mittlerweile davon weiß sind meine beiden besten Freundinnen.

Habt ihr eine Idee wo ich mich zugehörig fühlen kann was Geschlecht und Sexualität betrifft?

Lieb* Unbekannte*r,

Wir schreiben es hier eigentlich immer wieder: Wir können dir nicht sagen, was dein Geschlecht oder deine sexuelle Orientierung ist. Das kannst nur du selbst wissen.

Ich kann deine Verwirrung sehr gut nachvollziehen – allerdings glaube ich, dass du eigentlich schon weißt, was deine Definition ist:

“Ich habe (…) das Verlangen, dass ich gerne als Frau von einer (…) Frau behandelt werden möchte, sowohl im alltäglichen als auch sexuellen Aspekt.”

Das klingt für mich, als könntest du eine lesbische (trans) Frau sein.

Ob das so ist, kannst nur du wissen oder herausfinden.

Und keine Angst: Bevor du eine OP oder ähnliches machen kannst, wird das eine Weile dauern – der Staat legt trans Personen leider große Hürden in den Weg.

Mein Tipp wäre, zu einer trans Beratung oder eine trans Selbsthilfegruppe zu gehen und über deine Fragen ins Gespräch zu kommen.

Dann kannst du überlegen, welche Begriffe am Besten zu dir passen und ob und wie du dich outen möchtest.

Ich wünsche dir alles Gute! Schreib uns gerne nochmal und erzähl uns, wie es mit deiner Geschichte weitergegangen ist.

Liebe Grüße,

Annika