Kummerkasten Antwort 100 – jung und nicht weiblich – aber was?

Hey.
Ich habe mir ein paar Fragen und Antworten von anderen Menschen durchgelesen, aber irgendwie beschreibt keine einzige wirklich mich.
– Ich bin weiblich, trage aber nicht gerne weibliche Klamotten, möchte aber auch nicht männlich sein, und andererseits mag ich das Personalpronomen “sie” nicht und will keine Brüste haben. –
Ich möchte auch eigentlich nicht, dass irgendwer davon erfährt. Zudem bin ich noch ziemlich jung.

Hey Unbekannte*r,

danke für deine Frage. Was du beschreibst, klingt für mich, als könntest du agender sein oder vielleicht eine andere nichtbinäre Identität haben. Nichtbinär ist ein Label aus dem Bereich von trans Identitäten und beschreibt alle Menschen, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich definieren. Wer nichtbinär (oder trans im Allgemeinen) ist, kann sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren – in deinem Fall weiblich. Es gibt noch sehr viel mehr Geschlechter als nur männlich und weiblich, das wird aber in unserer Gesellschaft oft versteckt, und es ist deswegen verständlich, dass du verwirrt bist. Das ist voll okay.

Nichtbinär ist ein Überbegriff für sehr viele verschiedene Geschlechter, die nicht männlich oder weiblich sind – agender ist eins davon. Wer agender (oder auch genderlos oder geschlechtslos) ist, hat kein Geschlecht oder kann mit Geschlecht an sich nichts anfangen. Vielleicht kannst du ja mit einem dieser Begriffe etwas anfangen? Wenn nicht, ist es auch voll okay – du bist überhaupt nicht verpflichtet, dich auf ein Label festzulegen. Stattdessen kannst du auch einfach nur tun, was sich gut und richtig anfühlt, ohne es genau benennen zu müssen. Du könntest z.B. deine Brüste mit einem Binder abbinden – wie das geht und was du dabei beachten musst, kannst du in unserer Binderbroschüre erfahren. Du kannst außerdem mit Pronomen experimentieren, wenn “sie” sich nicht gut anfühlt. Vielleicht passt dir ja “er” oder “es” besser, oder vielleicht möchtest du dir ein eigenes Pronomen überlegen? Viele nichtbinäre Menschen in Deutschland mögen es aber auch, kein Pronomen zu verwenden, also statt Pronomen einfach immer nur den eigenen Namen oder eine Kurzform davon zu benutzen. Vielleicht fühlst du dich sicher genug, um ein paar Freund*innen oder Familienmitglieder zu bitten, andere Pronomen für dich zu verwenden. Wenn du dich das nicht traust, kannst du die neuen Pronomen aber vielleicht auch einfach nur anonym und online ausprobieren, z.B. auf einem Social-Media-Account oder so.

Es ist vollkommen okay, sich nicht zu outen. Du bist überhaupt nicht verpflichtet, irgendwem dein Geschlecht zu offenbaren und wem du es erzählst oder nicht erzählst, bleibt ganz allein deine Sache. Es ist vollkommen okay, es niemandem zu erzählen, oder nur ganz wenigen Leuten – es ist voll und ganz deine Entscheidung, wie du dich vor wem outest. Außerdem darfst du dir dafür so viel Zeit lassen, wie du brauchst.

Ganz viel Erfolg bei deiner Selbstfindung! Komm jederzeit vorbei, wenn du noch weitere Fragen hast. 🙂
Viele Grüße,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 99 – Tipps für einen trans Jungen

Hi,
Ich bin 12 jahre alt und habe vor einem Monat fest gestellt das ich pan bin, habe jetzt aber viele tests gemacht zu transsexualitaet. Ich fuhle mich Wie ein Junge und haette auch schon einen Namen… Vllt. Ein paar tippy?

Hallo du,

es freut mich sehr, dass du dich mit deiner Orientierung und deinem Geschlecht auseinandersetzen kannst und dass du Begriffe gefunden hast, die dich beschreiben. Und auch schön, dass du schon einen Namen gefunden hast, mit dem du dich wohl fühlst! Vielleicht gibt es ja ein paar enge Freund*innen, denen du dich anvertrauen möchtest? Denen könntest du deine Identität erklären und sie bitten, dich ab jetzt mit deinem neuen Namen anzusprechen. So kannst du ausprobieren, wie es sich anfühlt mit diesem Namen und ob es das Richtige für dich ist. Am besten startest du mit ein paar wenigen Leuten, denen du sehr vertraust – das hilft, um möglichst gute Erfahrungen zu machen und dich wohl zu fühlen. Vielleicht gibt es ja bei dir in der Gegend oder sogar an der Schule eine queere Jugendgruppe oder AG oder sowas? Es tut auch immer gut, mit anderen Menschen zu reden, die ähnliche Lebenserfahrungen machen wie du und denen es ähnlich geht. Vielleicht findest du ja andere trans Menschen in deinem Umfeld, mit denen du dich austauschen kannst und die dir hilfreiche Tipps geben und dir zuhören können. Wenn es eine erwachsene Person gibt, der du vertraust (z.B. Eltern, andere Verwandte, Lehrer*innen, Jugendgruppenleiter*innen), dann kann es auch gut sein, dich denen anzuvertrauen. Eine erwachsene Person kann dir helfen, deinen Weg zu finden.

Es hilft auf jeden Fall, dich so viel wie möglich zu informieren, z.B. durch Videos, Handbücher, Artikel usw. – am Besten, wenn sie von anderen trans Menschen geschrieben wurden.

Viel Glück und Erfolg bei deinem weiteren Weg!
Liebe Grüße,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 83 – Manchmal ein Junge, manchmal ein Mädchen?

Hallo,
ich weiß gar nicht wie ich Anfangen soll, ich bin momentan einfach irgendwie verwirrt und unglücklich. Und zwar fühle ich mich als Junge an Manchen Tagen wie ein Mädchen. Das hört sich jetzt wahrscheinlich komisch an, aber ich weiß nicht weiter. An manchen Tagen bin ich voll zufrieden und auch Glücklich während ich an anderen Tagen einfach nur herumsitze und sehr unglücklich bin aufgrund das ich mich manchmal eher als Mädchen fühle aber kein Mädchen bin. Wie nennt man denn sowas? Gibt’s dafür eine Erklärung?

Hallo lieber Mensch,

was du beschreibst, hört sich gar nicht mal so komisch an. Es klingt, als könntest du genderfluid sein – viele Menschen, denen es ähnlich geht wie dir, verwenden diesen Begriff, um zu beschreiben, dass sie nicht ein einziges, festes Geschlecht haben, sondern dass sie mehrere Geschlechter haben, zwischen denen sie ‘fließend’ wechseln. Oft wechselt das Geschlecht dieser Menschen zwischen männlich und weiblich, es kann aber auch zwischen anderen Geschlechtern wechseln. Wenn du dich zum Beispiel an manchen Tagen eher weiblich, aber nicht zu hundert Prozent weiblich fühlst, könnte es sein, dass du an diesen Tagen ein demigirl bist, also eine Person, die teilweise oder größtenteils weiblich ist, aber eben nicht vollständig.

Auf jeden Fall sind deine Erfahrungen mit deinem Geschlecht vollkommen in Ordnung und du bist nicht alleine. Vielleicht hilft es dir ja, dich mit anderen Leuten zu unterhalten, die genderfluid sind. Auf Social Media reden Menschen oft über ihre Erfahrungen mit fluidem Geschlecht, vielleicht gibt es da ja Menschen, denen du zuhören und mit denen du reden kannst. Und falls du noch weitere Fragen hast, kannst du dich jederzeit wieder gerne an uns wenden.

Viele Grüße und alles Gute,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 82 – Was tun gegen Misgendering?

Hallo, ich bin seit 1,5 Jahren geoutet und habe vor etwas über einem Jahr mein Pronomen geändert zu “es” und habe meine Familie drum gebeten, das zu benutzen. Aber ich habe das Gefühl, dass die sich lieber die Zunge rausreißen würden als mich nicht zu misgendern, denn nicht ein einziges Mal haben sie mein Pronomen benutzt (außer um mich zu manipulieren wenn ich was für sie tun sollte). Auch benutzen sie ständig binär gegenderte Nomen für mich wie Bürger oder Schülerin. Ich fühle mich mit beidem nicht wohl, lieber hätte ich diese Wörter umschrieben oder mit Sternchen oder so gegendert, aber die geben mir das Gefühl das alles wäre zuviel verlangt und nur ein paar Sonderwünsche. Generell stehen die sehr auf generische Maskulina. All das tut ziemlich weh und ich weiß nicht was ich tun soll. Manchmal überlege ich ob ich sie einfach ganz aus meinem Leben schneide. Könnt ihr helfen?

Hallo liebe*r Unbekannte*r,

es tut uns furchtbar leid zu hören, dass dein Geschlecht und deine Pronomen von den Menschen, die dir nahe stehen nicht respektiert werden. Das muss sehr weh tun, und deine Gefühle dazu sind vollkommen verständlich. Es ist definitiv nicht zu viel verlangt, dass die Menschen um dich herum Sprache verwenden, die dich nicht verletzt und mit der du dich wohl fühlst. Menschen passen ständig ihre Sprache an, je nachdem, mit wem sie reden – niemand spricht mit der Chefin gleich wie mit den Freund*innen, oder mit der Oma so wie mit der Clique – nur bei trans und nichtbinären Menschen tun plötzlich alle so, als sei es ein riesiger Aufwand und viel zu viel verlangt, und das ist schlicht und einfach transfeindlich.

Es ist schwierig zu sagen, wie du damit umgehen kannst. Wir haben hier mal ein paar Ideen gesammelt:

Du kannst nochmal versuchen, mit den Leuten darüber zu reden, wie sehr dich ihr Verhalten verletzt. Vielleicht hilft es dabei auch, ihnen die Konsequenzen ihres Handelns klar zu machen: Du kannst ihnen sagen, dass du nicht mehr gerne Zeit mit ihnen verbringst, wenn sie deine Bedürfnisse nicht ernst nehmen, und dass du darüber nachdenkst, den Kontakt abzubrechen. Es kann dann allerdings leider auch passieren, dass sie nach wie vor nicht verstehen, wie ernst es dir ist, und dass dann die Situation noch angespannter wird.

Was auch gut sein kann, ist den Menschen in deinem Umfeld mehr Informationen zur Verfügung zu stellen – was bedeutet es, nichtbinär zu sein? Welche anderen Leute verwenden auch es-Pronomen? Was ist misgendering und warum ist es so schädlich? Zu diesen und ähnlichen Themen gibt es Informationen, Artikel und Erfahrungsberichte online, vielleicht hilft es, mit deinen Verwandten andere Quellen zu teilen, die deine Position verdeutlichen. Es kann hilfreich sein, wenn solche Informationen nicht immer nur von dir kommen, sondern manchmal etwas indirekter – das nimmt dir Arbeit ab und lässt anderen die Möglichkeit, die Sache mit etwas Abstand und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Manche Menschen hören auch einfach auf zu reagieren, wenn Menschen sie mit dem falschen Namen oder falschen Pronomen ansprechen. Das ist eine etwas witzige, aber auch trotzige Art, mit misgendering umzugehen. Ab und zu mal frech nachzufragen, “Wer ist sie/er überhaupt? Von wem redet ihr da die ganze Zeit?” oder halt in Gesprächen einfach nicht mehr zu reagieren, bis die richtige Sprache für dich verwendet wird, ist eine passive und einfache Art, den anderen klarzumachen, dass sie falsch handeln. Oder du nimmst dir eine andere Person (oder mehrere) mit, die penetrant verbessert, wenn andere die falschen Pronomen verwenden. Das zeigt deiner Verwandtschaft, dass es durchaus kein Ding der Unmöglichkeit ist, dich richtig und respektvoll anzusprechen.

Falls du aber das Gefühl hast, dass nichts wirklich hilft und dass diese Menschen dir nach wie vor bewusst wehtun, dann kann es auch gut sein, zumindest für eine Weile den Kontakt abzubrechen. Ständig misgendert zu werden, kann ganz schön der Gesundheit schaden, und es ist wichtig, dich mit Leuten zu umgeben, die das Beste für dich wollen und sich auch so verhalten. Es ist schmerzhaft, Menschen aus dem Leben zu schneiden, aber wenn diese Menschen sich so verhalten, wie deine Verwandtschaft es tut, bleibt manchmal keine andere Wahl.

Hoffentlich lassen sich deine Verwandten überzeugen und lernen, besser mit dir zu reden und umzugehen. Wir wünschen dir auf jeden Fall alles Gute!

Viele Grüße,
Balthazar

Neue Kummerkastenantwort 45

Hey!

Wisst ihr, ich hab ewig lang darüber nachgedacht, mir die Brüste abzubinden und es eines Tages dann endlich getan- ich hab ewig gebraucht und zwei Rollen Verband, vor allem weil meine Brüste recht groß und unterschiedlich groß sind. Und obwohl es unangenehm war, fühlte es sich gut an, bei mir keine Brüste mehr zu sehen. Doch eine Frage meiner Psychologin ließ mich das Thema wieder fallen lassen: Ob ich einen Penis will. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Ich dachte eine Weile, ich wäre genderfluid, das würde vielleicht erklären, wie ich mal meine Brüste toll finde und wie ich sie mal am liebsten abreißen würde. Aber dann kann ich mir nicht wirklich vorstellen, einen Penis zu haben…

Vllt wisst ihr ja Rat?

Lea

Hallo Lea,

danke für deine Frage! Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, das wissen wir. Für viele Menschen braucht es lange, um die eigene Geschlechtsidentität kennenzulernen – das ist voll okay, nimm dir gerne alle Zeit, die du brauchst, um dir darüber im Klaren zu werden.

Wichtig zu wissen ist, dass Geschlecht und Genitalien nicht zusammenhängen müssen. Egal, welches Geschlecht oder welche fluiden Geschlechter du hast, ein Wunsch nach einem Penis muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Wenn du dich momentan mit deinen Genitalien nicht unwohl fühlst, dann ist das etwas Gutes und nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst, und das bedeutet nicht, dass du deswegen nicht genderfluid oder irgendeine andere Art von trans oder nichtbinär sein kannst. Viele Menschen, vor allem viele Ärzt*innen und Therapeut*innen, verbinden trans / nichtbinär / genderfluid sein immer mit einem Unzufriedensein mit dem eigenen Körper und vor allem mit den Genitalien – aber tatsächlich ist es für alle trans und nichtbinären Menschen ganz unterschiedlich, wie wohl oder unwohl sie sich mit welchen Teilen ihres Körpers fühlen!

Wenn es sich manchmal gut anfühlt für dich, dir die Brüste abzubinden, und du an anderen Tagen gar kein Problem mit deinen Brüsten hast, dann ist das vollkommen okay. Du solltest nur wissen, dass es gefährlich sein kann, dir die Brüste mit Verbandsmaterial abzubinden. Vor allem, wenn die Mullbinden/Verbände nicht elastisch ist, kannst du dir damit sehr schaden und zum Beispiel dein Brustgewebe, deine Rippen und/oder deine Lungen beschädigen. Wie du gut und sicher deine Brüste abbinden kannst, wenn du es brauchst, erfährst du in unserer Binderbroschüre hier.

Liebe Grüße und alles Gute für dich,

Balthazar

Geschlechtsidentität

Geschlechtsidentität: Die Geschlechtsidentität eines Menschen bezeichnet, mit welchem Geschlecht oder welchen Geschlechtern sich ein Mensch selbst identifiziert. Die Geschlechtsidentität eines Menschen muss nicht mit dem Geschlecht übereinstimmen, dem x bei der Geburt zugewiesen wurde.