Kummerkasten Antwort 236: Ich habe kein Geschlecht?

Hallo erstmal danke an euch das ihr sowas ermöglicht ich finde sowas echt sehr mutig los gehts würde ich sagen ich bin weiblich 13 (bin aber leider schon reifer als es mein alter entspricht) ich habe mich in der 6ten Klasse geoutet als bisexuell ich ahne schon immer gemerkt das ich anders bin und seit heute haben wir so eine Lektüre in deutsch angefangen zu lesen über einen jungen der sich mit keinem Geschlecht identifizieren kann seit da beschäftigt mich dieses Thema sehr ich fühle mich sehr damit angesprochen aber auch verbunden ich weiß nicht mehr wie ich mit diesem Gefühl umgehen kann aber ich habe leider keine Bezugsperson deswegen Probiere ich es hier. Schonmal im Voraus vielen Dank für die Antwort LIEBE GRÜSSE

Hallo lieb* Unbekannte*r,

Danke für dein Lob für unsere Seite, das bedeutet uns viel!

Ich kann leider aus deinem Text nicht wirklich eine Frage herauslesen, die ich beantworten könnte.

Ich kann gut verstehen, dass du verwirrt bist und nicht weißt, was du jetzt tun sollst. Mein Tipp wäre:

Beschäftige dich mehr mit dem Thema. Ließ zum Beispiel ein bisschen auf unserer Webseite, z.B. in unserem Glossar oder schau dir folgende Seiten an:

meingeschlecht.de

regenbogenportal.de

transmann.de

Es hilft dir sicher auch, dich mit anderen auszutauschen, die so ähnlich fühlen wie du. Vielleicht kannst du ja Teil einer queeren bzw. trans Jugendgruppe werden? Anlaufstellen findest du auf den Webseiten oben. Wenn diese Gruppen zu weit von dir weg sind: Auf Facebook gibt es auch online-Gruppen, denen du beitreten kannst.

Melde dich gerne, wenn du noch weitere Fragen hast oder erzähl uns einfach, wie es mit deiner Identitätssuche weitergegangen ist.

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkastenantwort 228 – muss ich mich für meinen Namen rechtfertigen?

Hallo
Also ich bin mir seid einiger zeit klar das ich BI und Genderfluid bin und konnte mich auch ein paar meinen Freunden outen, die es auch gut aufgenommen und eigentlich komplett aktzeptiert haben … auch meinen Neuen Namen der jetzt nicht halt ein wirklich typischer Name ist (Phoenix) haben sie aktzeptiert…. nur eine Freundin versteht es noch nciht wirklich und ich bin mir nicht sicher wie ich es ihr erklären soll…. sie meint wie ich das meine vowegen das ich zwischen meinen gender wechsle, denn schließlich könnt ich als Frau das gleiche wie ein Mann machen und umgekehrt … außerdem meint sie wäre der Name Phoenix schon sehr auffällig und dergleichen (ich hab mir den Namen aber bewusst und wegen der bedeutung ausgesucht und ich werde auch sabei bleiben)

Ich weiß einfach nicht wie ich ihr meine Situation am besten erklären soll
Habt ihr vielleicht eine Idee ?
Danke schon mal
Lg

Hallo Phoenix,

Erstmal: Schön zu lesen, dass deine Coming Outs zum Großteil gut aufgenommen wurden. Das ist leider noch nicht selbstverständlich.

Zu deiner Frage: Geschlecht zu erklären ist müßig. Ich kann verstehen, dass du deine Freundin da mit Argumenten und Logik überzeugen möchtest, aber ich befürchte, dass das schwierig werden könnte.
Und im Prinzip hat sie ja Recht: theoretisch gibt es nichts, was du nicht darfst oder nur darfst auf Basis deines Geschlechts. Das ist ja aber auch gar nicht der Punkt: Geschlechtsidentität ist ja kein Vehikel, um sich um Verbote herumzumogeln.
Genderfluidität ist von außen auch schwer nachzuvollziehen. Viele Menschen nehmen das eigene Geschlecht statisch war. Daher fällt es vielen auch schwer, damit umzugehen, wenn sie erfahren, dass es für andere, wie bei dir, fluide ist. Manchen hilft dabei, es vergleichen zu können. Ich als Linkshänderin finde sehr oft sehr unlogisch, wie Menschen Dinge mit der rechten Hand machen. Das ist etwas völlig anderes als Geschlecht, ja. Aber es hat die Gemeinsamkeit, dass ich gelernt habe, dass das eine Sache ist, die für andere Menschen anders ist wie für mich. Die bedeutet, dass die Welt in diesem einen Punkt für mich sehr anders sein kann als für andere. Vielleicht hilft deiner Freundin ein ähnlicher Vergleich, um zu verstehen, dass sie nicht hundert Prozent nachfühlen können muss, wie das für dich ist und warum das für dich so richtig und wichtig ist, sondern das irgendwann einfach annehmen zu können.
Für den Namen ist das ganz ähnlich. Die Entscheidung liegt und lag da bei dir. Niemand darf dir dabei reinreden. Deine Freundin hat da kein Recht zur Mitsprache. Das kann gerade unter Freund*innen schwierig sein – da da vieles zur Diskussion stehen kann, vieles gemeinsam beschlossen wird, ist es schon speziell, wenn das auf einzelne Dinge nicht zutrifft. Auch wenn das jetzt etwas plump wirkt und inhaltlich wenig hilfreich ist: Du machst das schon richtig. Du hast dir einen passenden Namen ausgesucht und du darfst bei dem bleiben, auch wenn andere Personen damit nicht einverstanden sind. Das auszudiskutieren kostet Zeit und Energie. Und ich will nichts schönreden, daran können Freund*innenschaften auch scheitern, du hast ein Recht darauf, als die Person, die du bist, Phoenix, wahrgenommen zu werden, und wenn alles nichts hilft, helfen am Ende nur getrennte Wege. Wobei ich dir wünsche, dass das nicht soweit eskaliert.

Du siehst, das ist in der Praxis eine etwas verfahrene Sache. In der Theorie aber ganz einfach. Du weißt, wer du bist, du teilst das mit und dann gilt das. Falls das in der Praxis nicht tut, kann das schwierig sein, weil es da eigentlich nicht viel zu diskutieren, zu begründen und zu argumentieren gibt.

Ich hoffe, dass diese Antwort dir eine Hilfe sein kann und wünsche dir alles Gute. Melde dich gerne nochmal, falls noch etwas unklar ist oder sich in der Sache was Neues ergibt.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 199 – Ich möchte einen neuen Namen, wie sag ich das meinem Umfeld?

Hallo,
ich habe mich schon seit einer ganzen Zeit für mich als Genderfluid geoutet, nur habe ich noch niemandem davon erzählt, da ich von meinem Umfeld immer so aktzeptiert wurde. Jedoch habe ich schon seit einigen Monaten das Bedürfnis mit einem anderen Namen angeprochen zu werden. Ich weiß nur icht, wie ich es meinem Umfeld sagen soll, da ich mich noch nie erklären musste und angst habe, dass wenn ich mich erkläre dann doch blöde Sprüche kommen
LG

Hallo lieber unbekannter Mensch,

es ist schön, dass dein Umfeld dich bisher so akzeptiert hat, wie du bist. Ein Outing kann trotzdem ein großer Schritt sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit so einer Situation umzugehen, und welche für dich die richtige ist, kannst du wohl selbst am besten beurteilen.

Du könntest dich z.B. zuerst mal nur bei einer oder zwei Personen aus deinem Freund*innenkreis oder aus der Familie outen, bei denen du am ehesten das Gefühl hast, dass sie dich verstehen und unterstützen. Es ist immer leichter, sich zu outen, wenn du Leute hast, die dir dabei den Rücken stärken. Das müssen aber auch nicht unbedingt Leute aus deinem engsten Kreis sein – Unterstützung findest du z.B. auch in queeren Gruppen bei dir vor Ort oder online. Es hilft manchen Menschen auch, sich erst bei einer Person zu outen, mit der sie nicht so eng sind, weil dann das Risiko, verletzt zu werden, auch geringer sein kann.

Möglich wäre z.B. auch, deinem Umfeld einfach nur den neuen Namen zu sagen, mit dem du angesprochen werden willst, ohne dich sofort zu erklären. Viele Leute ändern aus verschiedenen Gründen ihre Namen oder Spitznamen, und du kannst ja auch einfach nur sagen, dass du mal was neues ausprobieren willst, dich mit dem alten Namen nicht mehr wohl fühlst, oder so was ähnliches – ohne Wörter wie “genderfluid” o.ä. zu verwenden.

Irgendwelche Sprüche oder unangenehme Nachfragen können immer kommen, weil die meisten Leute noch nie eine genderfluide Person getroffen haben. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, deinem Umfeld ein Zeitfenster zu geben, in dem du auf Fragen antwortest, z.B. einen Tag oder eine Woche – dann können die Leute alle ihre Fragen auf einmal loswerden, und das ist dann zwar für einen kurzen Zeitraum sehr anstrengend für dich, aber danach kannst du es dann hoffentlich auch abhaken. Oder du lässt jemensch anderes die Beantwortung aller Fragen übernehmen, z.B. uns. 😉 Dann musst du dir das alles nicht anhören und wir kümmern uns drum. Hier könnte dann dein Umfeld nochmal genau nachlesen, was welche Griffe bedeuten, und wir können auch Fragen beantworten und Unsicherheiten klären.

Ich wünsche dir alles Gute und drücke die Daumen, dass dein Umfeld dich auch weiterhin so akzeptiert, wie du bist!
Balth

Kummerkasten Antwort 197 – Wie oute ich mich vor meinen Eltern?

Hallo mein Name ist Alec und ich bin 14 Jahre alt.
ich brauche eure Hilfe. Ich bin genderfluid und habe den Drang mich vor meinen Eltern zu outen ich habe aber Angst vor der Reaktion wegen meinem geringen Alter. Ich möchte nicht das sie denken es ist nur eine Phase. Ich bin außerdem auch Panromantik und Demisexuell. Das würde ich ihnen zwar nicht erzählen aber halt dass mit dem Genderfluid.
Am Anfang war es auch noch gar nicht so schlimm. Mein alter Name war Sophie und natürlich werde ich auch so angesprochen. Seit dem letzten Wochenende wo ich bei einer Freundin war hat sich das jedoch komplett verändert. Ich habe mich halt bei mir geoutet und sie hat mich das ganze Wochenende Alec genannt (wofür ich ihr auch sehr dankbar bin).
Nun zu dem Problem: Wenn ich von meinen Eltern als Sophie angesprochen werde ist es für mich extrem verletzend und es tut einfach nur weh. Wie oben erwähnt habe ich aber Angst vor der Reaktion also was soll ich tun?
Liebe Grüße Alec

Hallo Alec!

Erstmal ist es total schön zu hören, dass du eine so gute Freundin hast, die dich akzeptiert und so annimmt, wie du bist! Das freut mich sehr für dich. Ist es vielleicht möglich, diese Freundin mitzubringen zu dem Coming Out-Gespräch mit deinen Eltern? Das könnte dir mehr Sicherheit geben, wenn du eine Person dabei hast, die ganz auf deiner Seite ist.

Ich würde dir jetzt gerne sagen, dass du keine Angst haben musst und dass das Coming Out auf jeden Fall sofort gut laufen wird – das stimmt leider nicht immer, und ich  finde es wichtig, das auch ehrlich zu sagen. Es kann immer sein, dass deine Eltern dir nicht glauben, dich nicht ernst nehmen, oder anders verletzend und negativ reagieren. Deswegen pass bitte gut auf dich auf und plane vielleicht eine Möglichkeit, um Abstand und Hilfe zu bekommen, z.B. durch die Freundin, die schon Bescheid weiß. Vielleicht kannst du dich auch erst noch bei ein paar anderen Leuten outen, von denen du dir sicher sein kannst, dass sie dich unterstützen – bei anderen Freund*innen, Geschwistern oder bei Erwachsenen, die du vertraust, z.B. Verwandten, Lehrer*innen o.ä.

Viele, die in deiner Situation sind, outen sich auch nicht direkt, sondern sprechen z.B. mal vorsichtig das Thema an, ohne direkt klar zu machen, dass es um sie geht. Vielleicht sowas wie “ich hab vor kurzem einen interessanten Artikel gelesen, da ging es um eine genderfluide Person”. So könntest du das Wort schon mal erklären und herausfinden, wie deine Eltern reagieren.

Gib auf jeden Fall gut auf dich acht! Ich drücke dir die Daumen, dass alles gut läuft und deine Eltern verständnisvoll und unterstützend sind.
Alles Gute!
Balth

Kummerkasten Antwort 167: Soll ich mich als bigender outen?

Hallo!
Ich bin zwar kein Jugendlicher mehr, aber ich hoffe, ihr könnt mir trotzdem weiterhelfen.
Ich bin mit weiblichen Genen geboren, aber identifiziere mich nicht “nur” als Frau. Von Anfang zwanzig an habe ich mich gefragt, ob ich trans bin, aber so richtig wohl fühlte ich mich mit diesem Label nie. Vor ca. 5 Jahren bin ich über den Begriff Bigender gestolpert und nach ein wenig Recherche wusste ich, dass ich dort “zu Hause” bin. Außerdem bin ich androsexuell. Ich fühle mich in Bezug auf manche Bereiche meines Lebens weiblich (z.b. als Mutter) und in anderen männlich (insbesondere was Liebe, Sexualität usw. angeht). Außerdem habe ich immer mal wieder Tage, an denen ich mich im allgemeinen eher männlich oder weiblich fühle.
Ich bin seit 13 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Wir lieben uns sehr, aber er könnte wahrscheinlich nicht damit umgehen, wenn er wüsste, dass er mit jemandem schläft, der sich in dem Moment als Mann sieht. Auch sonst weiß in meinem realen Leben niemand von meiner geschlechtlichen Identität, größtenteils weil wahrscheinlich niemand der Leute, die ich kenne, weiß, dass es neben schwul, lesbisch, bi und trans noch etwas anderes gibt. Sex als Mann mit einem Mann erlebe ich stellvertretend durch das Lesen von Gay Romance.
Nun zu meinem Problem: In letzter Zeit denke ich oft darüber nach mich zu outen. Ich habe nicht vor, an meinem Erscheinungsbild oder meinen Pronomen etwas zu ändern und will auch keinen geschlechtsneutralen Vornamen anzunehmen. Es fühlt sich nicht falsch an, wenn ich als “Frau XY” angesprochen werde. Ich mag meine Brüste und es stört mich auch nicht, wenn ich meine Periode habe.
Also warum? Was hätte ich davon, Unruhe in mein Leben zu bringen, wenn sich sowieso nichts ändern würde? Ich habe viele gesundheitliche und familiäre Belastungen (Kinder&demente Mutter), sodass ich mir nicht noch mehr aufhalsen will. Trotzdem lässt mich der Gedanke an ein Outing nicht los. Könnt ihr mir helfen, mich besser zu verstehen?
Schonmal danke im Voraus!
Gruß, Jutta

Hallo Jutta,

vielen Dank für deine Frage! Wir nehmen gerne Fragen aller Art von allen Menschen an, auch wenn sie nicht (mehr) jugendlich sind.

Ein Coming Out ist immer eine schwierige Entscheidung. Vor allem, wenn viel davon abhängt (eine langjährige Beziehung zum Beispiel), ist es mehr als verständlich, dass du zögerst. Es ist aber auch sehr verständlich, dass dich der Gedanke so sehr beschäftigt, dich deinen  nächsten anzuvertrauen, damit du die Möglichkeit bekommst, du selbst zu sein und dich nicht verstecken zu müssen. Ich möchte dich weder entmutigen, noch möchte ich leere Versprechungen machen – ich kann dir lediglich deine Optionen zeigen, die Entscheidung liegt allerdings ganz bei dir.

Eine Möglichkeit ist immer, deine bigender-Identität für dich zu behalten. Vor allem, wenn sich durch ein Coming Out nichts weiter ändern würde, ist das immer eine Option. Im Bezug auf queere Identitäten gibt es einen gewissen gesellschaftlichen Druck, sich outen zu müssen, aber in Wahrheit musst du gar nichts. Sich nicht zu outen (aus egal welchem Grund) ist vollkommen okay, und du bist niemandem verpflichtet.

Du sagst allerdings auch, dass dich der Gedanke nicht mehr los lässt – es ist vollkommen verständlich, dass du das Bedürfnis hast, dich darüber zu öffnen und mit vertrauten Menschen über dein Geschlecht (bzw. deine Geschlechter) zu reden. Vielleicht ist es da eine gute Möglichkeit, dich eng vertrauten Menschen zu outen? Vielleicht gibt es ja in deinem Freund*innenkreis Menschen, bei denen du mit einer positiven Reaktion rechnen kannst, oder vielleicht einfach Menschen, denen du grundsätzlich sehr vertraust? Ein Coming Out dort anzufangen, wo es nur wenige Hürden gibt, ist für viele Leute eine gute und bestärkende Option. Und wenn sich das erste Coming Out gut und richtig anfühlt, dann kannst du von da aus weitersehen und herausfinden, ob du dich noch vor anderen Menschen outen willst, und wenn ja, vor wem.

Viele Menschen versuchen auch, sich bei ihrem Coming Out langsam vorzutasten, indem sie Themen wie Queerness und Geschlecht in anderen Kontexten erwähnen. Du könntest zum Beispiel von einem Artikel erzählen, den du über eine bigender Person gelesen hast (da lässt sich sicher was finden), oder ein Youtube-Video von einer bigender Person teilen. So kannst du die Reaktionen deines Umfeldes auf diese Themen austesten, ohne dich direkt selbst verletzbar zu machen. Es bleibt allerdings zu bedenken, dass für viele diese Themen schwieriger zu begreifen sind, wenn sie nicht direkt mit ihnen zu tun haben – für eine fremde Person aus einem Artikel oder einem Video wird dadurch vllt. weniger Verständnis aufgebracht als für dich direkt. Sowas wie ein Artikel oder Video kann also ein guter Gesprächsstarter sein, muss aber nicht unbedingt und zu 100% widerspiegeln, wie eine Person auf dein persönliches Coming Out reagieren würde.

Wenn du dich vor Menschen outen willst, über deren Reaktion du dir unsicher bist (z.B. vor deinem Mann), dann ist es gut, wenn du dir vorher ein Sicherheits-Netzwerk aufgebaut hast, also Menschen, die dich auffangen und dich unterstützen können, falls etwas schief geht. Ich wünschte, dass wir davon nicht ausgehen müssten, aber leider kann es immer passieren, dass eine Person uns nicht annehmen kann, wie wir sind. Darum ist es wichtig, dass es Menschen gibt, auf die du dich verlassen kannst, egal ob die Bescheid wissen oder nicht.

Rückhalt kannst du z.B. auch in Communities finden. Vielleicht gibt es bei dir vor Ort eine Gruppe, einen Stammtisch o.ä. für nichtbinäre und trans Menschen mit Raum für Menschen, die bigender sind, oder vielleicht findest du eine Online-Gruppe, in der du dich austauschen kannst. Mit anderen über Erfahrungen zu reden, positive wie negative, und Unterstützung zu bekommen, ist immer hilfreich, vor allem, wenn du in anderen Kontexten nicht über das Thema bigender reden kannst.

Letztlich kannst nur du entscheiden, was für dich der richtige Weg ist. Wichtig ist nur: Ein Coming Out ist weder verpflichtend, noch muss es alle Menschen in deinem Umfeld umfassen. Nur du darfst entscheiden, vor wem du dich wie und wann outen möchtest.

Egal, wie du dich entscheidest, ich wünsche dir alles Gute. Der Kummerkasten und das Queer Lexikon sind jederzeit für dich da.

Alles Liebe,

Balthazar

Einfach reingeschlittert

Im Internet gibt es nur wenig Berichte darüber, wie es ist, polyamourös zu sein. Wir haben also Menschen gefragt, ob sie uns ihre Coming Out-Geschichte erzählen wollen. Der heutige Text kommt von Lilly. Wenn du auch deine Geschichte erzählen willst, schreib uns an blog@queer-lexikon.net oder benutze unsere anonyme Askbox

Wie in so vieles in meinem Leben bin ich da einfach so reingeschlittert.

Ich befand mich mit meinem (mono)-Partner in einer ewiglangen Beziehung. Während ich immer wieder auszubrechen versuchte, Auslandsaufenthalte absolvierte, in Szene-Kneipen rumhing, mich tätowieren ließ, war für ihn klar: Er will ein Haus, Kinder, heiraten. Dass ich mich ausprobieren wollte, sprunghaft Hobbies wechselte und gelangweilt von seinen ewigen Spieleabenden war, nahm er großmütig hin und hielt weiter aus.

Ich lernte Hannah kennen. Hannah war in einer Beziehung mit einem nonbinary-Partner und polyamor. Sie zeigte mir, wie gut es funktionieren kann, mehrere romantische Beziehungen zu führen, wie harmonisch alle miteinander umgehen konnten. Ich traf Hannah immer häufiger und verliebte mich in sie.
Nach zahlreichen Gesprächen mit meinem Freund war klar, dass er sich auf das “Experiment poly” nicht einlassen wollte. Für ihn war es eine Phase, wie eben so vieles, was ich damals getan habe. Dass ich sein Lebenskonzept irgendwann teilen wollen würde, war in seinen Augen nur eine Frage der Zeit. Ich wusste: Ich passe nicht in sein Leben. Ich will das nicht, worauf er hinlebt, ich fühlte mich eingesperrt. Ich beendete die Beziehung und kam fest mit Hannah zusammen. Es war auf so vielen Ebenen neu, anders, fast erleuchtend – der Umgang aller beteiligten Personen war immer respektvoll, liebevoll. Es gab Szenen, in denen wir zu fünft händchenhaltend jede/r/s mit entsprechendem Partner die Straße runterliefen.
Nach einiger Zeit beendete Hannah auch die Beziehung mit mir. Sie war überzeugt, dass ich auch in das Konzept Polyamorie nicht passen würde, war überfordert damit, mich, die ich immer nur in sehr langen monogamen Beziehungen gelebt hatte, in ihre Art zu Lieben einzuführen.

Und hier bin ich jetzt, habe zwei wunderbare Beziehungen, lebe polyamor, kenne an meinem Wohnort diverse “Polys”, gehe monatlich zu einem Stammtisch und liebe die Entscheidung, die ich damals getroffen habe. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mehr über mich und meine Bedürfnisse, über romantische Liebe und Kommunikation gelernt, als ich mir jemals erhofft habe. Klar, es gab fürchterliche Phasen – ich habe geweint, geflucht, gelitten, und vor allem: gezweifelt!
Aber endlich, endlich, endlich bin ich angekommen und fühle mich wohl mit den Menschen, mit denen ich mich umgebe. Ich bin nach langer Zeit wieder glücklich und zufrieden – besonders mit mir selbst.

Geoutet bin ich bisher bei nur sehr wenigen Menschen – bis auf eine Ausnahme ist auch für sie meine Polyamorie nur eine “Phase”. Sie denken, ich verwende das Label als Freifahrtschein zum Fremdgehen – wenn ich erzähle, dass all meine Beziehungspartner voneinander wissen, sind sie überrascht. Vermutlich habe ich den Nachteil, generell als jemand bekannt zu sein, der viel ausprobiert und sich selbst verwirklichen möchte. Trotzdem wünsche ich mir, dass Polyamorie gesellschaftliche Akzeptanz findet. Denn das ist nicht nur eine Phase – für mich ist es ein Sich-endlich-Finden, ein Ankommen in sich selbst. Und ich möchte nicht mehr zurück.

Mein Polyam-Coming-In/-Out „Es kommt immer darauf an, wer fragt.“

Im Internet gibt es nur wenig Berichte darüber, wie es ist, polyamourös zu sein. Wir haben also Menschen gefragt, ob sie uns ihre Coming Out-Geschichte erzählen wollen. Die Geschichte heute wurde uns anonym zugesandt. Wenn du auch deine Geschichte erzählen willst, schreib uns an blog@queer-lexikon.net oder benutze unsere anonyme Askbox

Ich gehöre zu den Menschen, die erst spät Sex hatten, also das was herkömmlich unter Penetration verstanden wird. Passiert ist das bei einem sehr klischeehaften Filmdate und während mein Gegenüber vermutlich an einen irgendwie gemütlichen Abend und Abwechslung dachte, war das für mich schon irgendwie ein einschneidendes Erlebnis… Tage später trafen wir uns dann noch mal zum Reden und neben all der Scham, waren wir uns einig: das könnten wir alles so wieder tun und uns regelmäßig Treffen, um Spaß zu haben. Doch, eine Beziehung wird’s nicht, schließlich gäbe es noch jemanden in seinem Leben. Und mit der Person würde er sich ebenfalls regelmäßig zum Sex treffen. Das war für mich okay. Und auch, wenn es hier um offensichtlich lockere Affären ging, war der Grundstein Polyamorie für mich dort gelegt, ohne dass ich das Wort kannte.

Ich geriet letztlich noch eine ganze Weile an Typen, die was Lockeres haben wollten und parallel mehrgleisig fuhren.

Unverbindlichkeit ist heute bei vielen Menschen an der Tagesordnung und im strengsten Sinne und per Definition ist das sicherlich auch keine Polyamorie, mehrgleisige und ständig (ab-)wechselnde Sex-Partner*innen zu haben. Doch für mich gab es nie so etwas wie Eifersucht. Ich wollte immer nur die Wahrheit wissen und habe auch selbst mit offenen Karten gespielt, zu Zeiten, als ich ebenfalls mehrgleisig gefahren bin.

Wichtig waren mir damals wie heute: Alle Menschen verhüten bitte sinnvoll und sollte mal etwas passiert sein, werden alle Sex-Partner*innen gleichermaßen informiert.

Ich hatte eine ziemlich wilde Phase, nachdem ich also das erste Mal Sex hatte und habe alles ausprobiert, worauf ich Lust hatte: Swingerclubs, Sex zu dritt und mehreren und bin so letztendlich auch zu BDSM gekommen, weil ich viel ausprobieren wollte, neugierig war und glaubte eine Freiheit zu genießen, die ich vermutlich in einer festen Partnerschaft nicht haben könnte.

Im BDSM-Kontext habe ich meinen inzwischen langjährigen Partner kennengelernt. Auch er kam nicht nur aus der BDSM-Szene, sondern auch der Polyamorie-Szene und hatte in seiner letzten Beziehung mit 2 Beziehungspartner*innen und 1 Kind zusammen in einer gemeinsamen Wohnung gelebt.

Nun hatte ich nach ein paar Jahren selbst Ausleben der sexuellen Freiheit auch gemerkt: nicht festlegen wollen und müssen ist anstrengend und hat auch eine Kehrseite: die fehlende Verbindlichkeit.

Als ich meinen jetzigen Beziehungspartner kennenlernte, war mir also genau diese Verbindlichkeit inzwischen wichtig geworden. Und wir haben viel darüber gesprochen, dass wir beide sehr klar polyam sind, und die Werte, die hinter einer polyamen Beziehung stehen, beide sehr stark befürworten: es gibt keinen Besitzanspruch an Menschen (auch nicht an Kinder), es ist Liebe für alle da und Eifersucht ist nur ein Zweitgefühl. Denn dahinter steckt immer noch etwas ganz anderes. Meistens so etwas wie Verlustängste. Und die haben Ursachen, sei es in eigener schlechter Erfahrung oder durch etwas Ausgelöstes durch das Gegenüber und da hilft nur eins: miteinander reden. Und das ist das Wichtigste in jeder Beziehung: Kommunikation. Das hat nichts mit dem Konstrukt einer Beziehung zu tun, sondern mit eigenem Empfinden und Bedürfnissen.

So redeten wir also über unsere Beziehungswerte und waren uns auch hierüber sehr schnell einig: in einer polyamen Beziehung halbiert man in der Regel nicht die Verantwortung, sondern verdoppelt sie. Stimmt etwas im Beziehungskonstrukt nicht, gilt es eben mit allen Beteiligten zu reden.

Mir wurden durch diese wichtigen Gespräche auch klar: nicht alle Affären, die meinen Weg begleitet hatten, waren wirklich polyam. Denn nicht immer wussten alle Beteiligten voneinander Bescheid. Und das ist eben keine Polyamorie, sondern das, was klassischerweise unter Fremdgehen verstanden wird. Der Unterschied ist: der Konsens. In einem polyamen Beziehungsgeflecht wissen zumindest alle Beteiligten darüber Bescheid, dass es noch andere Beziehungspartner*innen gibt. Wie detailliert das dann sein muss, entscheidet natürlich jede*r für sich.

Inzwischen bin ich fast sieben Jahre mit meinem Partner zusammen. Wir teilen deutlich mehr als unser Verständnis und unsere Wertvorstellungen zu Polyamorie. Lustigerweise aber keine weiteren Partner*innen und aus unserer beiden polyamen Vergangenheit ist so etwas wie eine monogame Beziehung geworden. Ein ziemlich ungewöhnlicher Weg, denn meistens ist es umgekehrt.

Nichts desto trotz haben wir beide immer die Gewissheit sagen zu können, wenn wir andere Menschen attraktiv finden, ohne, dass das irgendwelche Probleme gibt. Eifersucht ist wirklich kein Thema bei uns. Ganz im Gegenteil, mein Partner musste in Gesprächen schon oft erklären, dass und warum er das Gefühl von Eifersucht einfach nicht kennt. Und was dahinter steckt.

Wir hatten schon zusammen Sex mit anderen, vielleicht ist es also eher auch eine manchmal offene Beziehung. Aber das weiß kaum jemand aus unserem Freundeskreis. Manchmal sprechen wir zwar mit anderen Menschen auf Veranstaltungen über das Thema Polyamorie, aber geoutet sind wir offiziell nicht in unserem kompletten Freundeskreis. Natürlich weiß der polyamore Kreis über unsere Vergangenheit Bescheid, da wir aber aktiv nicht mehr auf Polyamorie-Veranstaltungen unterwegs sind, ist das Interesse früherer Freund*innen an unserem Privatleben auch signifikant gesunken – scheinbar sind wir ja nicht mehr verfügbar als potenzielle Sex-Partner*innen.

Auf einer sexpositiven Veranstaltungen mit vielen fremden Menschen, die wir bis dato nicht kannten, sind wir mal gefragt worden, ob wir polyam seien und das ist die Standardantwort geworden, die ich nun auf so eine private Frage immer gebe:

„Es kommt immer darauf an, wer fragt.“

Und, auch, wenn das eine eher lustige Antwort war, weil klar war, worauf die Frage eigentlich abzielte (nach Chancen mit einer/m von uns beiden Sex zu haben), gilt genau das: wir brauchen kein großflächiges Coming-Out für uns, aber wenn jemand mehr über polyamores Leben wissen möchte, erzählen wir gerne darüber – je nach Anlass, Fragesteller*in und Gegebenheit.