Kummerkastenantwort 232 – Bin ich pan? Bin ich trans?

Hey,
puh, weiß nicht so recht wie ich anfangen soll.
Ich hatte bisher 2 Beziehungen zu Jungen/Männern, nachdem die zweite Beziehung in die Brüche gegangen ist, bin ich ins Grübeln gekommen ob, und habe gemerkt dass ich auch langsam mehr Interesse an Frauen bekomme, neben Männer. Bin nun seit 6 Monaten mit einer Trans* Frau zusammen und sehr glücklich. Ich bin selbst der Meinung dass mich weder das Geschlecht noch die Geschlechtsidentität eines Menschen interessiert, ist es dann berechtigt mich als Pan zu bezeichnen? Bi wäre mir fast schon wieder zu “eingeschränkt”.
Dazu sehe ich mich auch nicht als klassisch Mann oder Frau, es gibt Momente/Tage da bin ich sehr weiblich/feminin, dann wieder Tage da möchte ich gar nichts damit zutun haben und würde am liebsten weder als weiblich noch als männlich angesehen werden. Es ist wirklich schwer zu erklären für mich, verzeih mir die schwammigen Aussagen.
Bin hin und her gerissen zwischen Demigirl und genderfluid, würde gerne die Meinung von jemandem hören der sich wirklich damit auskennt.
Danke!

Hallo lieb* Unbekannte*r,

Erstmal: Bitte entschuldige, dass du schon so lange auf eine Antwort warten musstest, wir bekommen aktuell so viele Anfragen und kommen nicht ganz hinterher.

Ich kann mir vorstellen, dass deine Situation verwirrend für dich ist! Wie wir hier immer wieder schreiben, können wir dir nicht sagen, welche sexuelle Orientierung bzw. welches Geschlecht du hast. Niemand außer dir ist Expert*in für deine Identität! Und auch niemand kann dir sagen, ob du berechtigt bist, dich irgendwie zu labeln oder nicht.

Ich glaube, es ist oft einfach so: Schau, welcher Begriff und welche Beschreibung für dich am besten passt. Das muss auch nicht für immer stimmen und darf sich in deinem Leben auch nochmal verändern – sondern: welche Beschreibung passt für dich gerade am Besten?

Insofern: Wenn du findest, dass pansexuell dich gut beschreibt bist du absolut berechtigt, dich so zu nennen.

In Bezug auf dein Geschlecht gilt das natürlich auch. Und wenn du eben zwei Begriffe und Erklärungen für dich findest, die du beide magst – dann spricht auch nichts dagegen, beide zu verwenden.

Begriffe für sexuelle und geschlechtliche Identitäten sind auch nur ein Versuch, die Vielfalt von Menschen abzubilden – und können nie alles erfassen, was Menschen sind. Insofern: Benutz und verändere und kombiniere die Begriffe, so wie es für dich am Besten passt.

Melde dich gerne nochmal, wenn du Fragen hast oder erzähl uns, wie es für dich weiter geht!

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkastenantwort 230 -Kann sich Sexualität mit dem Geschlecht ändern?

Hallo an euch!
Erstmal ein riesen Lob an euch, ihr macht das toll!
Nun zu meiner Frage:
Kann sich eine Sexualität ändern wenn sein Geschlecht sich wechselt?
Es mag vielleicht etwas komisch klingen, dennoch würde es mich interessieren was ihr davon haltet.
Ich bin nämlich größtenteils Junge und gelegentlich ein Mädchen (so wie ich zur Welt kam) und als Mädchen kann ich sagen dass ich bisexuell bin aber als Junge würde ich eher einen Jungen als Partner haben als ein Mädchen.
Kann es sein dass ich einfach nur bisexuell bin in beiden Fällen oder dass ich bisexuell als Mädchen und Homosexuell als Junge bin?
Vielen Dank,
Jess

Hallo Jess,

Die kürzeste Antwort auf deine beiden Fragen ist „ja“. Die etwas längere ist: Ja, Label können sich abhängig von der Situation ändern.

Die ausführliche ist: Label sind immer nur eine Annäherung. In einem Label kommt sozusagen das Ergebnis einer ganzen Menge Sachen zum Ausdruck. Wer bin ich? In wen verliebe ich mich (vielleicht)? Und all das in einem Wort zusammenzufassen, ist schwierig bis unmöglich, ohne dabei Feinheiten zu verlieren. Zum Beispiel bedeuten die Begriffe „heteroflexibel“ und „homoneugierig“ inhaltlich sozusagen erstmal das selbe und laufen da irgendwie auf „bisexuell“ raus – jedoch haben flexibel und neugierig einen sehr anderen Unterton.

Bei dir kommt dann ja noch dazu, dass sich dein Geschlecht tatsächlich wechselt. Das heißt, es geht nicht darum, mit einem Label irgendwie vereinfacht zu beschreiben, was für Beziehungen für dich der Idee nach passend wären, sondern das müsste auch gleich noch den Geschlechtswechsel mitbeinhalten. Das kann ein einzelnes Wort gar nicht leisten. Somit ist es allein schon von den Worten her sehr logisch, dass sich da was ändern könnte.

Wenn wir die Kiste jetzt sozusagen aufmachen und du sagst „als Junge ist es für mich so“ und „als Mädchen aber so“, dann beantwortest du dir deine Frage gewissermaßen selbst: Die sexuelle Orientierung ändert sich für dich abhängig vom Geschlecht. Und wenn das bei dir so ist, dann ist es möglich und kann sein.

Ich hoffe, das konnte dir ein wenig weiterhelfen. Falls du noch Fragen hast, kannst du dich auch gerne nochmal melden. In jedem Fall wünsche ich dir, Jess, alles Gute.

Liebe Grüße,
Xenia

Kummerkastenantwort 229 – Darf ich mich als trans bezeichnen?

Hallo an alle die das lesen,
Ich habe eine sehr dringliche Frage weswegen ich mich an euch wende.

Ich überlege schon lange welche Geschlechtsidentität ich habe und es zerstört mich immer mehr und mehr.
Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen und ich kann auch unterschreiben dass ich mich damit auch identifizieren kann…Aber größtenteils kann ich das nicht.
Es fing schon vor der Pubertät an dass ich mich “anders” fühlte dennoch verdrängte ich diese Gedanken.
Es wird seit einem Jahr schlimmer.
Mittlerweile kann ich nachts nicht mehr schlafen da ich mich in meinen Träumen meistens als Junge sehe.
Ich habe mittlerweile auch Anzeichen einer Dysphorie (ich möchte mich ohne Arzt nicht selbst diagnostizieren)
Seit Monaten bin ich also auf der Suche nach einem Begriff für all das und bin auf Trans gestoßen, dennoch bezweifle ich dass dieser Begriff zu mir passt, da ich mich ja noch als Mädchen identifizieren kann, nun mal nicht immer.
Was meint ihr, was kann ich tun?
Besten Dank fürs Lesen.
Myr

Hallo Myr,

Was du beschreibst, gerade das eher unbestimmte Gefühl, anders zu sein, von sich mit anderem Geschlecht träumen und auch Dysphorie sind alles Dinge, die Personen, die trans sind, häufig erleben. Dabei bedingt sich das nicht automatisch gegenseitig. Es ist weder so, dass eins Dysphorie haben muss, um trans zu sein, noch hat eins automatisch Dysphorie, wenn eins trans ist.

Wer du tatsächlich bist, und was für ein Label dazu passt, ist am Ende eine Sache, die nur du allein herausfinden und damit auch festlegen kannst. Es gibt keinen faktischen Test, den ein*e Ärzt*in durchführen könnte, um festzustellen, ob eine Person trans ist. Transsein ist somit nichts, was jemand anders für dich diagnostizieren kann.

Es gibt einige etablierte Labels, die Geschlechtsidentitäten, jenseits von „ich bin (immer) eine Frau“ oder „ich bin immer ein Mann“ beschreiben. Es gibt da sehr allgemeine „nicht-binär“ das alle Identitäten, die nicht (nur) männlich oder weiblich sind, einschließt. Menschen, für die das eigene Geschlecht eher flüssig ist und sozusagen hin und her schwappen kann, wie eine Welle im Wasser, nutzen den Begriff „genderfluid“. Und dann ist da noch „demiboy“ oder auch „demiman“, was eine Identität beschreibt, die zwar irgendwie männlich, aber nicht 100 Prozent Mann ist. „Demi“ als Vorsilbe kommt aus dem griechischen und heißt so viel wie teilweise oder halb.
Neben diesen Labels gibt es noch viele weitere, bestimmte Geschlechtsidentitäten abbilden, vielleicht findest du was, was für dich gut klingt in unserem Glossar.
Es ist auch okay, sich da unsicher zu sein und das in den selbstgewählten Labels auszudrücken. Du hast sicher schon mal irgendwo das LGBTQ-Akronym gesehen, in dem manchmal mehr und manchmal weniger Buchstaben auftauchen. Das zweite Q, so es denn dabei ist, steht für „Questioning“ – das heißt fragend. Und auch das ist als eigene Bezeichnung völlig valide.

Ein Plan für dich könnte sein mit Freund*innen verschiedene Labels (und gegebenenfalls auch Namen und Pronomen) für dich auszuprobieren. Es auch queerfreundliche Ärzt*innen und Thereüeut*innen, die gut darin sind, dabei zu helfen, rauszufinden, was passende Labels für die eigene Identität wären. Und: auch wenn es oft drängend scheint, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Es sind große, tragende Fragen. Manchmal hilft auch Zeit lassen und nehmen.

Falls dir zu der Sache noch was einfällt oder du ein passendes Label gefunden hast, Lyr, freuen wir vom Queer Lexikon uns, wenn du uns nochmal schreibst.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 231 – bin ich biegender oder genderfluid?

hallo ich bin Tanja

mein Problem ist : ich fühle mich an manchen Tagen wie ein Junge und gleichzeitig wie ein Mädchen ich weiß aber nicht ob ich Bigender bin oder doch genderfluid. Ich hoffe jemand kann mir helfen

Hallo Tanja,

was für ein Label für dich passt, liegt allein an dir festzulegen. Ich werde im folgenden auf die beiden Label, bei denen du dir unsicher warst etwas näher eingehen und Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten.

Bigender ist ein nicht-binäres Label, das beschreibt, dass eine Person zwei Geschlechter hat. Zum Beispiele Mann und Frau oder Frau und Agender. Dabei macht Bigender nicht direkt eine Angabe dazu, wie die beiden im Verhältnis stehen oder wie und ob sich die beiden Identitäten abwechseln. Für viele Menschen, die Bigender sind, ist das aber eine eher statische Angelegenheit. Beide Geschlechter sind immer oder meistens da und in der Regel ändert sich auch nicht, wie stark beide jeweils ausgeprägt sind.

Genderfluid ist auch eine nicht-binäre Identität. Der Fokus liegt aber darauf, dass sie immer im Fluss ist und sich dauerhaft, oder zu bestimmten, mehr oder weniger häufigen Auslösern, ändern kann. Von wo nach wo dabei das Geschlecht fließt, steckt nicht im Label direkt drin. Genausowenig, ob und wie sehr es dabei Zwischenstadien gibt.

Die beiden Label unterscheiden sich also am stärksten im Hinblick auf die Frage, welche und wie viele Geschlechter über die Zeit vorkommen. Bei Bigender sind das genau zwei, bei Genderfluidität sind es -theoretisch- beliebig viele. Genderfluid legt den Fokus dabei auf die Veränderlichkeit. Bigender muss auch keine statische Identität sein, kann das aber. Genderfluid kann sich quasi auf dem Spektrum zwischen zwei Identitäten abspielen, aber auch zwischen mehr als zwei Identitäten.

Vielleicht kannst du anhand dieses Vergleichs für dich etwas abstecken, welches der Label für dich besser passt. Ich wünsche dir alles Gute für deine Suche.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 228 – muss ich mich für meinen Namen rechtfertigen?

Hallo
Also ich bin mir seid einiger zeit klar das ich BI und Genderfluid bin und konnte mich auch ein paar meinen Freunden outen, die es auch gut aufgenommen und eigentlich komplett aktzeptiert haben … auch meinen Neuen Namen der jetzt nicht halt ein wirklich typischer Name ist (Phoenix) haben sie aktzeptiert…. nur eine Freundin versteht es noch nciht wirklich und ich bin mir nicht sicher wie ich es ihr erklären soll…. sie meint wie ich das meine vowegen das ich zwischen meinen gender wechsle, denn schließlich könnt ich als Frau das gleiche wie ein Mann machen und umgekehrt … außerdem meint sie wäre der Name Phoenix schon sehr auffällig und dergleichen (ich hab mir den Namen aber bewusst und wegen der bedeutung ausgesucht und ich werde auch sabei bleiben)

Ich weiß einfach nicht wie ich ihr meine Situation am besten erklären soll
Habt ihr vielleicht eine Idee ?
Danke schon mal
Lg

Hallo Phoenix,

Erstmal: Schön zu lesen, dass deine Coming Outs zum Großteil gut aufgenommen wurden. Das ist leider noch nicht selbstverständlich.

Zu deiner Frage: Geschlecht zu erklären ist müßig. Ich kann verstehen, dass du deine Freundin da mit Argumenten und Logik überzeugen möchtest, aber ich befürchte, dass das schwierig werden könnte.
Und im Prinzip hat sie ja Recht: theoretisch gibt es nichts, was du nicht darfst oder nur darfst auf Basis deines Geschlechts. Das ist ja aber auch gar nicht der Punkt: Geschlechtsidentität ist ja kein Vehikel, um sich um Verbote herumzumogeln.
Genderfluidität ist von außen auch schwer nachzuvollziehen. Viele Menschen nehmen das eigene Geschlecht statisch war. Daher fällt es vielen auch schwer, damit umzugehen, wenn sie erfahren, dass es für andere, wie bei dir, fluide ist. Manchen hilft dabei, es vergleichen zu können. Ich als Linkshänderin finde sehr oft sehr unlogisch, wie Menschen Dinge mit der rechten Hand machen. Das ist etwas völlig anderes als Geschlecht, ja. Aber es hat die Gemeinsamkeit, dass ich gelernt habe, dass das eine Sache ist, die für andere Menschen anders ist wie für mich. Die bedeutet, dass die Welt in diesem einen Punkt für mich sehr anders sein kann als für andere. Vielleicht hilft deiner Freundin ein ähnlicher Vergleich, um zu verstehen, dass sie nicht hundert Prozent nachfühlen können muss, wie das für dich ist und warum das für dich so richtig und wichtig ist, sondern das irgendwann einfach annehmen zu können.
Für den Namen ist das ganz ähnlich. Die Entscheidung liegt und lag da bei dir. Niemand darf dir dabei reinreden. Deine Freundin hat da kein Recht zur Mitsprache. Das kann gerade unter Freund*innen schwierig sein – da da vieles zur Diskussion stehen kann, vieles gemeinsam beschlossen wird, ist es schon speziell, wenn das auf einzelne Dinge nicht zutrifft. Auch wenn das jetzt etwas plump wirkt und inhaltlich wenig hilfreich ist: Du machst das schon richtig. Du hast dir einen passenden Namen ausgesucht und du darfst bei dem bleiben, auch wenn andere Personen damit nicht einverstanden sind. Das auszudiskutieren kostet Zeit und Energie. Und ich will nichts schönreden, daran können Freund*innenschaften auch scheitern, du hast ein Recht darauf, als die Person, die du bist, Phoenix, wahrgenommen zu werden, und wenn alles nichts hilft, helfen am Ende nur getrennte Wege. Wobei ich dir wünsche, dass das nicht soweit eskaliert.

Du siehst, das ist in der Praxis eine etwas verfahrene Sache. In der Theorie aber ganz einfach. Du weißt, wer du bist, du teilst das mit und dann gilt das. Falls das in der Praxis nicht tut, kann das schwierig sein, weil es da eigentlich nicht viel zu diskutieren, zu begründen und zu argumentieren gibt.

Ich hoffe, dass diese Antwort dir eine Hilfe sein kann und wünsche dir alles Gute. Melde dich gerne nochmal, falls noch etwas unklar ist oder sich in der Sache was Neues ergibt.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 227 – Ist Genderfluid ein Ding?

Ich habe inzwischen öfter gehört, dass Genderfluid nicht existiert, also, dass die Menschen sich das bloß einreden. Ich bin verwirt. Ich selbst bezeichne mich auch als Genderfluid, heißt das, ich rede mir das nur ein?

Hallo,

Es ist ungemütlich, und unschön, sowas hören zu müssen. Ich bin sehr vom Gegenteil überzeugt. Identitäten und Geschlecht ist nichts statisches, nichts, das für die Ewigkeit feststeht. Geschlecht kann fluide sein, Geschlecht darf fluide sein und daran ist nichts verwerflich oder falsch.

Die einzige Person, die entscheidet, ob du genderfluid bist, bist du. Niemand sonst kann das wissen und niemand hat das Recht, sich da einzumischen.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 199 – Ich möchte einen neuen Namen, wie sag ich das meinem Umfeld?

Hallo,
ich habe mich schon seit einer ganzen Zeit für mich als Genderfluid geoutet, nur habe ich noch niemandem davon erzählt, da ich von meinem Umfeld immer so aktzeptiert wurde. Jedoch habe ich schon seit einigen Monaten das Bedürfnis mit einem anderen Namen angeprochen zu werden. Ich weiß nur icht, wie ich es meinem Umfeld sagen soll, da ich mich noch nie erklären musste und angst habe, dass wenn ich mich erkläre dann doch blöde Sprüche kommen
LG

Hallo lieber unbekannter Mensch,

es ist schön, dass dein Umfeld dich bisher so akzeptiert hat, wie du bist. Ein Outing kann trotzdem ein großer Schritt sein. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit so einer Situation umzugehen, und welche für dich die richtige ist, kannst du wohl selbst am besten beurteilen.

Du könntest dich z.B. zuerst mal nur bei einer oder zwei Personen aus deinem Freund*innenkreis oder aus der Familie outen, bei denen du am ehesten das Gefühl hast, dass sie dich verstehen und unterstützen. Es ist immer leichter, sich zu outen, wenn du Leute hast, die dir dabei den Rücken stärken. Das müssen aber auch nicht unbedingt Leute aus deinem engsten Kreis sein – Unterstützung findest du z.B. auch in queeren Gruppen bei dir vor Ort oder online. Es hilft manchen Menschen auch, sich erst bei einer Person zu outen, mit der sie nicht so eng sind, weil dann das Risiko, verletzt zu werden, auch geringer sein kann.

Möglich wäre z.B. auch, deinem Umfeld einfach nur den neuen Namen zu sagen, mit dem du angesprochen werden willst, ohne dich sofort zu erklären. Viele Leute ändern aus verschiedenen Gründen ihre Namen oder Spitznamen, und du kannst ja auch einfach nur sagen, dass du mal was neues ausprobieren willst, dich mit dem alten Namen nicht mehr wohl fühlst, oder so was ähnliches – ohne Wörter wie “genderfluid” o.ä. zu verwenden.

Irgendwelche Sprüche oder unangenehme Nachfragen können immer kommen, weil die meisten Leute noch nie eine genderfluide Person getroffen haben. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, deinem Umfeld ein Zeitfenster zu geben, in dem du auf Fragen antwortest, z.B. einen Tag oder eine Woche – dann können die Leute alle ihre Fragen auf einmal loswerden, und das ist dann zwar für einen kurzen Zeitraum sehr anstrengend für dich, aber danach kannst du es dann hoffentlich auch abhaken. Oder du lässt jemensch anderes die Beantwortung aller Fragen übernehmen, z.B. uns. 😉 Dann musst du dir das alles nicht anhören und wir kümmern uns drum. Hier könnte dann dein Umfeld nochmal genau nachlesen, was welche Griffe bedeuten, und wir können auch Fragen beantworten und Unsicherheiten klären.

Ich wünsche dir alles Gute und drücke die Daumen, dass dein Umfeld dich auch weiterhin so akzeptiert, wie du bist!
Balth

Kummerkasten Antwort 197 – Wie oute ich mich vor meinen Eltern?

Hallo mein Name ist Alec und ich bin 14 Jahre alt.
ich brauche eure Hilfe. Ich bin genderfluid und habe den Drang mich vor meinen Eltern zu outen ich habe aber Angst vor der Reaktion wegen meinem geringen Alter. Ich möchte nicht das sie denken es ist nur eine Phase. Ich bin außerdem auch Panromantik und Demisexuell. Das würde ich ihnen zwar nicht erzählen aber halt dass mit dem Genderfluid.
Am Anfang war es auch noch gar nicht so schlimm. Mein alter Name war Sophie und natürlich werde ich auch so angesprochen. Seit dem letzten Wochenende wo ich bei einer Freundin war hat sich das jedoch komplett verändert. Ich habe mich halt bei mir geoutet und sie hat mich das ganze Wochenende Alec genannt (wofür ich ihr auch sehr dankbar bin).
Nun zu dem Problem: Wenn ich von meinen Eltern als Sophie angesprochen werde ist es für mich extrem verletzend und es tut einfach nur weh. Wie oben erwähnt habe ich aber Angst vor der Reaktion also was soll ich tun?
Liebe Grüße Alec

Hallo Alec!

Erstmal ist es total schön zu hören, dass du eine so gute Freundin hast, die dich akzeptiert und so annimmt, wie du bist! Das freut mich sehr für dich. Ist es vielleicht möglich, diese Freundin mitzubringen zu dem Coming Out-Gespräch mit deinen Eltern? Das könnte dir mehr Sicherheit geben, wenn du eine Person dabei hast, die ganz auf deiner Seite ist.

Ich würde dir jetzt gerne sagen, dass du keine Angst haben musst und dass das Coming Out auf jeden Fall sofort gut laufen wird – das stimmt leider nicht immer, und ich  finde es wichtig, das auch ehrlich zu sagen. Es kann immer sein, dass deine Eltern dir nicht glauben, dich nicht ernst nehmen, oder anders verletzend und negativ reagieren. Deswegen pass bitte gut auf dich auf und plane vielleicht eine Möglichkeit, um Abstand und Hilfe zu bekommen, z.B. durch die Freundin, die schon Bescheid weiß. Vielleicht kannst du dich auch erst noch bei ein paar anderen Leuten outen, von denen du dir sicher sein kannst, dass sie dich unterstützen – bei anderen Freund*innen, Geschwistern oder bei Erwachsenen, die du vertraust, z.B. Verwandten, Lehrer*innen o.ä.

Viele, die in deiner Situation sind, outen sich auch nicht direkt, sondern sprechen z.B. mal vorsichtig das Thema an, ohne direkt klar zu machen, dass es um sie geht. Vielleicht sowas wie “ich hab vor kurzem einen interessanten Artikel gelesen, da ging es um eine genderfluide Person”. So könntest du das Wort schon mal erklären und herausfinden, wie deine Eltern reagieren.

Gib auf jeden Fall gut auf dich acht! Ich drücke dir die Daumen, dass alles gut läuft und deine Eltern verständnisvoll und unterstützend sind.
Alles Gute!
Balth

Kummerkasten Antwort 195 – Darf ich mich trans nennen?

Hallo wertes Team,
Ich bin sehr verwirrt und brauche eure Hilfe.
Ich habe Dysphorie und versuche es auch zu unterbinden.
Aber mein Wunsch, ein Junge zu sein, ist nicht permanent.
Ich kann mich zum Teil als Mädchen verstehen und bin auch völlig okay damit aber dann stehe ich von Zeit zur Zeit vor dem Spiegel und habe das Gefühl nicht ich zu sein. Pronomen und Namen habe ich zwar im Internet geändert und ich freue mich auch wenn Menschen mich als “er” ansprechen aber das nunmal nicht immer.
Ich hab das Gefühl ich habe zwei Personen in mir.
Ich habe keine Ahnung ob ich mich als trans identifizieren kann und darf.
Es verzweifelt mich sehr.
Ich habe keine Ahnung wo ich stehe oder was ich jetzt machen soll.
Ein guter Rat wäre sehr hilfreich.
Danke!
Viele Grüße,
Basti

Hallo Basti,

nach unserem  Verständnis sind trans alle Leute, die nicht, nicht vollkommen oder nicht immer das Geschlecht haben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Danach bist du auf jeden Fall trans! Sowieso finden wir es nicht richtig, irgendwelchen Leuten zu verbieten, irgendwelche Labels oder Begriffe für sich zu verwenden – alle Menschen wissen selbst am besten, welche Begriffe am besten zu ihnen passen und niemand hat das Recht, anderen vorzuschreiben, welche Labels sie benutzen sollen.

Ansonsten klingt das, was du beschreibst, für mich ein wenig so, als könntest du genderfluid sein. Genderfluid sind Menschen, deren Geschlecht sich ändern kann: bei manchen nur gelegentlich, bei anderen häufiger, bei manchen zwischen vielen verschiedenen Geschlechtern, bei anderen nur zwischen zwei. Du beschreibst, dass du dich nur manchmal, nur zum Teil, wohl damit fühlst, als Mädchen gesehen zu werden – dich aber eigentlich selbst meist als Junge verstehst. Eine sich (oft) ändernde Geschlechtsidentität ist nicht nur möglich, sondern auch vollkommen in Ordnung, es ist nichts falsch mit dir. <3

Ich finde, es ist ganz großartig, wie du auf dich und deine Gefühle achtest. Zu deiner Frage, was du jetzt machen sollst: Ich würde sagen, du bist auf einem guten Weg. Du kannst weiter beobachten, was dir gut tut und was dich dysphorisch macht, weiter mit Menschen (ganz egal ob off- oder online) darüber reden, wie du wann angesprochen werden willst und einfach ausprobieren, was sich richtig anfühlt. Manche Leute, die genderfluid sind, ändern ab und zu ihre Pronomen, damit sie zu ihrem aktuellen Geschlecht und Ausdruck passen – online geht das ganz einfach, z.B. mit einem Hinweis im Profil, einer Signatur, einem Statusupdate o.ä. Auch offline ist das möglich, z.B. durch Pronomenbuttons oder eine Tafel/ein Whiteboard/ähnliches an deiner Zimmertür (wenn du zu Hause geoutet bist oder es sein möchtest). Ob du deine Pronomen ab und zu ändern möchtest, bleibt aber vollkommen dir überlassen – wenn du dich einfach grundsätzlich mit “er” am wohlsten fühlst, dann kannst du natürlich auch immer so ansprechen lassen, egal, wie du dich kleidest, verhältst, etc. Und egal, welche Gedanken und Gefühle du grade zu deinem Geschlecht hast, du darfst dich jederzeit und immer so kleiden und verhalten wie du möchtest, und musst dich nicht irgendwelchen Regeln anpassen. Und noch ein kurzer Hinweis: Dysphorie ist keine Pflicht, um trans zu sein. Es gibt viele trans Menschen, die nicht, nicht immer oder nur wenig Dysphorie empfinden. Dein Geschlecht ist deins und dein Körper ist deiner, und nur du weißt, was richtig ist, sich gut anfühlt und für dich passt.

Ich wünsch dir alles Gute!
Balthazar

Kummerkasten Antwort 189 – Kein Junge, kein Mädchen – irgendwie zwei Geschlechter?

Hey, ich bin 14 und weiblich
Ich habe nen kleines Problem galhabeal weil Ich mir echt nicht mehr sicher bin. Ich mag meinen weiblichen Körper zum Teil… Ich hasse aber meine brüste. Ich mag den Titel als Mädchen nicht aber junge gefällt mir auch nicht… Ich hatte früher immer Problem dabei ein “wirkliches” Mädchen zu sein. Da irgendwie alle meine Freunde jetzt trans sind bzw mich mehr zum nachdenken gebracht haben ob diese Verhaltensweisen nicht doch normal sind… Ich habe mittlerweile kurze Haare und trage sehr oft Sport bhs.. Ich liebe es wie ein Junge auszusehen aber manchmal trage ich auch sehr weibliches. Und irgendwie als junge kann ich es mir nicht vorstellen. Nun ist meine Frage bin ich tomboy oder doch was anderes was mich als Körper weiblich und als psychisch halb halb bezeichnet?

Zusätzlich noch eine andere frage. Ist es bi wenn ich mir vorstellen kann mit beiden Geschlechtern eine beziehung einzugehen… Ich finde den Körper einer Frau viel attraktiver aber verlieben tue ich mich hauptsächlich in Männer also der Charakter von männlichen ist mehr anziehend als bei einer Frau. Kurze gesagt bei einer Frau mag ich den Körper mehr
Und bei Männern den Charakter

help???

Hallo lieber unbekannter Mensch,

solche Fragen wie deine sind sehr nachvollziehbar, aber leider auch sehr kompliziert, weil niemand außer dir wissen kann, welches Geschlecht du hast bzw. welches Label du dafür benutzen möchtest – wir können dir das leider nicht einfach so vorschreiben. Was wir allerdings können, ist, dir ein paar Ideen und Hinweise zu geben.

  1. Es gibt keine Vorschriften, wie ein “männlicher” oder “weiblicher” Körper auszusehen hat. Wenn dir deine Brüste nicht in den Kram passen, du sie lieber versteckst, abbindest oder ganz loswerden möchtest, dich aber trotzdem als Frau oder weiblich identifizierst, fühlst oder bezeichnen möchtest, dann bist du es.
  2. Du schreibst, du kannst es dir nicht vorstellen als Junge – wenn das Label “Junge” oder “männlich” sich nicht richtig für dich anfühlt, dann musst du es auch nicht benutzen. Du kannst dich aber fragen, was genau sich daran für dich nicht richtig anfühlt – sind es die gesellschaftlichen Erwartungen und die Geschlechterrollen, die von Jungen erwartet werden? Oder ist es das Junge sein an sich, was für dich nicht richtig passt? Genauso kannst du dich fragen, was dir an Weiblichkeit nicht passt, oder an den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Mädchen und Frauen gestellt werden. Das kann dir helfen, dein eigenes Geschlecht und dein Empfinden ein bisschen zu trennen von gesellschaftlichen Bildern und Erwartungen. Nur, weil die Gesellschaft sehr klare Vorstellungen hat, wie Jungen und Mädchen sein sollen, heißt das nicht, dass irgendwas davon auf dich zutrifft. Du bist, wer du bist, und das ist auch gut so.
  3. Wenn du dich weder im Begriff “Junge” noch in “Mädchen” so richtig wiederfindest und wohlfühlst, möchtest du dich vielleicht als nichtbinär bezeichnen. Nichtbinär sind einfach alle Leute, die nicht männlich oder weiblich sind, oder nur teilweise, oder nur manchmal.
  4. Nichtbinär ist aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Geschlechter, z.B. genderfluid. Wenn du dich manchmal in weiblichen Kleidern wohlfühlst, manchmal aber nicht, dann kann es sein, dass dein Geschlecht fließend ist und sich manchmal ändert.
  5. Du schreibst von einer “halb halb” Geschlechtsidentität – darauf trifft z.B. der Begriff “bigender” zu. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechtsidentitäten haben, z.B. männlich und weiblich, oder weiblich und nichtbinär. Diese zwei Geschlechter können je nach Person z.B. gleichzeitig da sein, sich abwechseln, oder sich ständig mischen.
  6. Du selbst schlägst den Begriff “Tomboy” vor. Fühlt der sich für dich richtig an? Ist das ein Begriff, den du gerne für dich verwenden möchtest? Dann spricht nichts dagegen, den zu benutzen.
  7. Wichtig ist vor allem, dass du einfach weiterhin tust, was dir gut tut und was sich für dich richtig anfühlt. Egal, welches Label du verwendest, um dich und dein Geschlecht zu beschreiben, keines davon kann dir vorschreiben, wie du aussehen sollst, welche Klamotten du tragen darfst, mit welcher Sprache du dich wohl fühlst usw. Du weißt am allerbesten, was für dich richtig ist.

Zu deiner Frage mit Bisexualität interessiert dich vielleicht das sogenannte Split Attraction Model: Es gibt Menschen, die eine unterschiedliche romantische und sexuelle Orientierung haben, also wie in deinem Fall z.B. sexuell zu Frauen und romantisch zu Männern hingezogen sind. Wir haben da vor einer Weile mal eine Folge der Buchstabensuppe dazu gemacht, die findest du hier. Du kannst aber selbst bestimmen, ob du das Split Attraction Model verwenden willst, um über deine Anziehung zu reden, oder ob du findest, dass “bi” deine Gefühle und deine Anziehung besser beschreibt. Du kannst auch je nach Situation verschiedene Labels verwenden, wenn das für dich am nützlichsten ist.

Ich hoffe, diese vielen Begriffe waren nicht überfordernd und konnten dir ein bisschen helfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Balth