Kummerkastenantwort 264: Bin ich bi, pan oder omnisexuell? Genderfluid oder genderindifferent?

Hallo! Ich bin etwas verwirrt ob ich Bi-Pan oder Omnisexuell bin. Ich habe vor knapp zwei Jahren herausgefunden, dass ich mich zu Frauen und Männern sexuell angezogen fühle (ich selber bin weiblich) und habe mich seitdem als Bisexuell gelabelt. Allerdings hätte ich auch kein Problem damit, mit einer Person eines anderen Geschlechts zusammen zu sein/Sex zu haben (z.B. nonbinär). Ich habe aber auch nur sexuelle Erfahrungen mit Frauen und Männern gehabt, die cis sind, deswegen kann ich nicht sicher sagen, ob ich mich zu einer nonbinären Person sexuell angezogen fühle. Ich habe bisher auch nur Cis-Männer und Frauen getroffen.
Mir ist aber auch aufgefallen, dass sich Bisexuell richtiger (oder angenehmer,schöner) anfühlt, wenn ich ihn auf mir anwenden will, als omni oder pan. Ich bin gerade also sehr verwirrt bezüglich meiner Sexualität.

Zum anderen habe ich auch eine Frage bezüglich der Geschlechtsidentität. Ich glaube nicht an Geschlechterrollen und fühle mich deswegen einfach nur “menschlich”, auch wenn ich mich manchmal weiblich fühle und präsentiere, aber auch Momente habe, indem ich mich männlich fühle (Das aber nicht so oft vorkommt wie das weibliche Gefühl).
Bin ich dann Genderindifferent oder genderfluid?

Ich hoffe ihr könnt mir etwas helfen, da mich die ganzen Begriffe noch sehr verwirren und die Definitionen von manchen Begriffen von Seite zu Seite( Person zu Person) anders sind.

Habt einen schönen Tag und danke für die Antwort im vorraus!

Hallo du!

Zuerst mal zum Thema Sexualität: Welches dieser Labels du verwendest, bleibt letztlich dir überlassen. Du schreibst, dass du dich mit “bi” am wohlsten fühlst und dass es sich passender anfühlt als die anderen beiden – ich denke, es spricht rein gar nichts dagegen, dass du dann auch das Label “bi” bzw. “bisexuell” weiter verwendest. Eine Definition von bi, die wir verwenden, ist: Anziehung zu Menschen des eigenen Geschlechts und anderer Geschlechter. Eine andere Definition ist: Anziehung zu Menschen zweier oder mehrerer Geschlechter. Beide Definitionen treffen ja auf dich zu, egal, ob du dir genau sicher bist, zu Menschen welcher Geschlechter du dich genau hingezogen fühlst. Im Aktivismus bisexueller Menschen wurde sich schon lange dafür eingesetzt, dass auch Anziehung zu nichtbinären Menschen mit dem Begriff “bisexuell” beschrieben werden kann, und das Label war immer schon inklusiv für alle trans Menschen.

Pan- und omnisexuell sind Begriffe, die mehr oder weniger das gleiche beschreiben, je nach Definition. Und diese beiden Begriffe bedeuten mit manchen Definitionen das Gleiche wie bisexuell. Letztlich ist es also nur eine Frage deines eigenen Geschmacks und deiner persönlichen Definition, welches Label für dich am besten passt. Bei Bisexualität gibt es den Vorteil, dass die meisten Menschen das Wort kennen und sich etwas darunter vorstellen können, aber auch den Nachteil, dass viele Menschen denken, bisexuell bedeutet eine Anziehung nur zu Männern und Frauen. Aber auch dieses Missverständnis kann mit einer kurzen Definition deinerseits erklärt werden, wenn es denn einmal eine Rolle spielen sollte. Letztlich spricht also nichts dagegen, dass du dich weiter als bisexuell bezeichnest.

Und bei deiner Geschlechtsidentität ist es genauso: Letztlich kannst du dich entscheiden, mit welchem der beiden Begriffe du dich wohler fühlst, welcher hilfreicher ist und dich besser beschreibt, oder ob du vielleicht einfach beide Begriffe verwenden willst. Wenn du das Gefühl hast, dass eine Kombination aus beiden Labels dein Geschlecht am besten beschreibt, dann ist es voll in Ordnung, beide Begriffe zu verwenden – entweder zusammen oder abwechselnd, oder je nach Situation.

All diese Begriffe existieren nur, weil sie sich jemand ausgedacht hat und weil eine Gruppe von Menschen sich darin wiederfinden konnte und die Worte hilfreich fand. Es geht also nicht darum, genaue Definitionen auswendig zu können, sondern dich zu fragen, welche Begriffe für dich hilfreich sind, um dich zu beschreiben. Für manche Menschen reicht ein Label/Begriff, manche brauchen ein paar,  um sich genauer beschreiben zu können, und andere Menschen benutzen gar keinen dieser Begriffe, entweder, weil sie alle nicht passen, oder weil diese Person lieber ohne Schubladendenken leben möchte. Alles davon ist okay und nur du selbst kannst herausfinden, was für dich am besten funktioniert.

Ich wünsche dir alles Gute bei deinem weiteren Weg!

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 263: Bin ich trans oder hab ich keine Lust auf Sexismus?

Hey liebes QueerLexikon-Team!
Ich habe mich bis jetzt immer als cis Lesbe identifiziert, habe aber in letzter Zeit immer wieder Zweifel ob ich mich wirklich als Frau fühle? Ich fühle mich häufig sehr uncomfortable mit meinen als “typisch weiblich” gelesenen Körpermerkmalen (Brüste, breite Hüften) und würde sie manchmal am liebsten verstecken oder verschwinden lassen.
Ein ganz großer Teil von dieser Uncomfortable-ness kommt glaube ich daher, dass ich mich irgendwie davor “ekle” von straighten Männern als sexuelles Objekt gesehen werden könnte. In der Gegenwart von Frauen oder anderen queeren Menschen fühle ich mich viel wohler in meiner Haut, aber wenn ich meine Bubble verlasse würde ich am liebsten einfach als genderlos oder androgyn wahrgenommen werden falls das Sinn macht?
Bin ich vielleicht trans* oder fühle ich mich nur in den engen Rollenbildern für Frauen nicht wohl? Woran könnte ich feststellen was von beiden denn nun mehr zutrifft?

Danke schon mal,
Grüße, L

Hallo L,

die Antwort auf deine Frage ist gar nicht so leicht. Es ist sehr verständlich, dass du dich unwohl fühlst, wenn hetero Männer deinen (weiblich gelesenen) Körper sexualisieren. Das geht sehr vielen so, auch, weil uns durch viele Medien beigebracht wird, dass “weibliche Körper” und vor allem “weibliche Körpermerkmale” immer auch sexy sind oder es sein müssen. Dieses Unwohlsein empfinden sowohl cis Frauen als auch Menschen, die zwar bei der Geburt weiblich zugewiesen wurden, aber nicht (oder nicht ausschließlich) weiblich sind.

Für viele Menschen, die bei der Geburt weiblich zugewiesen wurden und die ihr Geschlecht hinterfragen, ist das eine große Frage: Woher kommt das Unwohlsein mit dem Körper? Kommt es von dem Sexismus und der Objektifizierung, die sie erfahren, oder hat es vielleicht doch etwas mit einer trans Identität zu tun? Du schreibst, dass dein Unwohlsein eigentlich fast verschwindet, wenn du unter Frauen oder queeren Menschen bist – das deutet ja an sich darauf hin, dass das Unwohlsein eher von außen kommt und nichts über dein Inneres und dein Geschlecht aussagt. Aber das muss auch nicht unbedingt sein – wenn du feststellst, dass du das Label “trans” für dich doch irgendwie passend findest, dann ist das genauso richtig.

Wichtig ist, dass du dich kleiden und geben darfst, wie du möchtest, und dass es auch vollkommen in Ordnung ist, wenn sich das je nach Kontext ändert. Wenn du z.B. in der Öffentlichkeit deine Brüste lieber mit einem Binder verstecken willst und deine breiten Hüften mit weiter Kleidung kaschieren willst, dann ist das voll okay. Wenn du dann aber lieber in queeren Kreisen oder unter Frauen femininere Kleidung tragen möchtest oder deinen Stil vielleicht mal durchmischen möchtest, dann ist das genauso in Ordnung.

Vielleicht ist es gar nicht ganz so wichtig, wie du dein Geschlecht und dich genau benennst, solange du das tust, was dir gut tut. Wenn du aber doch gern ein Label hättest, dann lohnt es sich bestimmt, mit anderen trans Menschen und lesbischen Frauen, vor allem Butches, darüber zu reden. Die haben oft ähnliche Erfahrungen wie du gemacht und sich vielleicht schon die gleichen Fragen gestellt – vielleicht kannst du so herausfinden, welches Label sich für dich am passendsten anfühlt. Was ich auch sehr empfehlen kann, ist die Comedy von Rhea Butcher. Rhea hat sich lange als lesbische Butch identifiziert und hat sich vor einiger Zeit als trans und nichtbinär geoutet. In Rheas Comedy geht es viel um die Themen, zu denen du dir auch Fragen stellst.

Ich wünsche dir alles Gute bei deiner weiteren Suche! Melde dich gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast oder uns einfach nur erzählen möchtest, wie sich die Dinge bei dir entwickeln. 🙂

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 260: Ich bin keine “sie”, aber kleide mich gern feminin – Hilfe?

Moin!
Ich habe grade ein kleines Problem mit meinem Gender. Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich cisgender bin, fand es aber zunehmend unangenehmer mit meinem Namen oder den Pronomen “sie” angesprochen zu werden. Ich bin prinzipiell eher feminin und möchte auch weiblich wirken, sosehr dass ich zeitweise sogar ein Problem damit habe, zu weite Kleidung zu tragen. Auf der anderen Seite empfinde ich es am angenehmsten ohne das Wort “Mädchen” oder ohne irgendein Pronomen bezeichnet zu werden. Ich würde sagen, ich befinde ich in einer genderlosen Blase mit femininer Ausstrahlung und ich habe echt keine Ahnung wo ich überhabt anfangen soll nach meinem Gender zu suchen. Agender kann es nicht sein, wenn es mir nicht egal ist und ich nach wie vor feminin sein will, oder? Es wäre echt lieb, wenn ich eine ungefähre Richtung kriegen könnte, in der ich suchen kann. Bitte?

Moin zurück! 🙂

Deine Verwirrung ist verständlich, weil uns oft eingeredet wird, dass ein bestimmtes Verhalten, Aussehen, eine bestimmte Art Kleidung oder Haare uns sagen können, ob eine Person männlich oder weiblich ist. Das stimmt aber oft nicht.

Vielleicht hilft dir das: Wir unterscheiden manchmal zwischen dem Geschlecht einer Person und Geschlechtspräsentation. Geschlechtspräsentation ist alles, was wir nach außen tragen und was andere Menschen benutzen, um uns in ein bestimmtes Geschlecht zuzuordnen, z.B. Kleidung, Haare, Makeup, Verhalten oder die Art, wie wir unseren Körper bewegen. Viele Menschen benutzen ihre Geschlechtspräsentation, um damit ihr Geschlecht nach außen zu zeigen; also tragen Männer z.B. Bärte, Hemden und kurze Haare, Frauen lange Haare, Makeup und Kleider. Aber das Geschlecht einer Person stimmt nicht immer mit der Geschlechtspräsentation überein. Viele Frauen tragen kurze Haare und fühlen sich in einem Anzug wohler als in einem Kleid. Manche Männer tragen Nagellack  oder Makeup, weil es ihnen Spaß macht. Inzwischen gibt es sehr viel mehr Spielraum für Geschlechtspräsentationen – so können z.B. Männer wie Billy Porter ein Abendkleid auf dem roten Teppich tragen, oder Frauen wie Cameron Esposito und Hannah Gadsby sich maskulin kleiden und geben, z.B. in Anzügen und mit kurzen Haaren. Das Geschlecht dieser Personen ändert sich aber nicht, egal, wie sie sich nach außen hin präsentieren.

So könnte es ja bei dir auch sein, oder? Dein Geschlecht ist das, was in dir drin ist – manche würden vielleicht sagen, “wie du dich fühlst”, auch wenn das nicht ganz stimmt, denn Geschlecht ist ja nicht nur irgendein Gefühl. Wie du dich nach außen hin präsentierst, muss nichts damit zu tun haben. Es kann also durchaus sein, dass deine Präsentation nach außen eine feminine ist, und du innerlich trotzdem vielleicht agender oder nichtbinär bist. Agender sein bedeutet nur, keine Geschlechtsidentität bzw. kein Geschlecht zu haben – aber wir haben ja trotzdem alle einen Körper, auch agender Menschen, und diesen Körper können wir gestalten, wie wir wollen. Es gibt keine bestimmten Regeln, wie eine Person aussehen oder sich kleiden muss, die agender ist. Das darfst du ganz allein bestimmen.

Und egal, wie du aussiehst, du verdienst es auf jeden Fall, so angesprochen zu werden, wie du dich wohl fühlst! Wenn dir keine Pronomen und keine weiblich gegenderten Bezeichnungen wie “Mädchen” lieber sind, dann darfst du darauf bestehen, dass Leute dich nicht so ansprechen, egal, wie du aussiehst.

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem weiteren Weg!
Liebe Grüße,

Balthazar

Kummerkastenantwort 259: Nicht typisch männlich oder weiblich – was ist mit mir los?

Ich wusste lange nicht, wie ich das alles formulieren sollte.
Ich bin 15 Jahre alt und biologisch gesehen bin ich ein Junge, psychisch gesehen weis ich es nicht. das Thema beschäftigt mich schon länger und kürzlich habe ich angefangen mich genauer zu informieren. Ich habe verschiedene Bezeichnungen gefunden, die aber alle nicht wirklich passen. Überhaupt konnte ich mit Begriffen wie “typisch männlich” oder “typisch weiblich” nie so richtig etwas anfangen.
Ich fühle mich in vielen Situationen komisch, oder bin mir unsicher. Mein Spiegelbild bzw. mein Körper kommt mir oft fremd vor. In manchen Situationen verhalte ich mich “typisch weiblich” in anderen wieder “typisch mänlich”, was dazu führt, dass Menschen in meiner Umgebung mich für seltsam halten.
Ich weis nicht, ob es mir als Mädchen besser gehen würde, weil ich nicht weis wie es ist eines zu sein. Auch weis ich
nicht, ob ich überhaupt ein Mädchen sein will, oder ein Junge, oder gar nichts.
Bis jetzt weis niemand davon, da ich jemandem schlecht etwas erklären kann, das ich selbst nicht verstehe.
Eine Frage habe ich nicht direkt, ich würde nur gerne wissen, was mit mir los ist.
Ich hoffe jemand kann mit dem ganzen etwas anfangen und mir vielleicht helfen, oder (wenn ich hier falsch sein sollte) mir sagen, wo man mir weiterhelfen könnte.
Danke im Voraus.

Hallo du!

Bei uns bist du auf jeden Fall richtig, wir sind für genau solche Fragen wie deine da! Ich verstehe deine Verwirrung sehr gut, und zuerst mal möchte ich sagen, dass du vollkommen okay bist, genau so, wie du bist. Du bist du selbst, und das ist auch gut so.

“Typisch männlich” und “typisch weiblich” sind zwei Kategorien, in die Menschen oft (zwangsweise) einsortiert werden, weil die Gesellschaft glaubt, dass es dann für alle leichter ist – das ist aber für viele Menschen nicht der Fall. Im Gegenteil: Für viele macht es alles noch komplizierter, in eine von diesen beiden Schubladen passen zu müssen – zum Beispiel ja auch für dich. Es ist vollkommen in Ordnung, mal so und mal so zu sein. Das hat sich ja auch nur irgendwer mal ausgedacht, welche Dinge wir in der Gesellschaft als männlich oder weiblich sehen, und alle, die was anderes behaupten, haben Unrecht. Schließlich können ja auch Männer fürsorglich sein und z.B. mit alten oder kranken Menschen oder Kindern arbeiten, Frauen können auch Fußball spielen, Männer sind auch mal traurig und weinen, Frauen sind auch gute Führungskräfte, usw. Viele von diesen Eigenschaften gelten als “typisch männlich” oder “typisch weiblich”, aber letztlich hat es nichts mit dem Geschlecht zu tun, was ein Mensch gut oder nicht so gut kann, wie ein Mensch Gefühle zeigt und vieles mehr. Wir sind einfach alle nur Menschen, und wir sind unterschiedlich – und das ist auch gut so.

Es kann allerdings schwierig sein, man selbst zu sein, vor allem wenn man nicht in die Schubladen “typisch männlich” und “typisch weiblich” passt – du schreibst ja, dass Menschen in deinem Umfeld dich dafür oft seltsam finden, und damit bist du nicht allein. Das heißt aber nicht, dass mit dir was falsch ist – du hast jedes Recht, ganz du selbst zu sein, egal, ob das jetzt in die Schublade “männlich” oder “weiblich” gehört, in eine Schublade dazwischen oder in eine ganz andere Schublade (das gibt es – vielleicht ist dir der Begriff nichtbinär schon einmal begegnet), oder vielleicht gefallen dir Schubladen und Kategorien auch einfach gar nicht und du möchtest am liebsten einfach nur du selbst sein, ohne irgendwelche Regeln, ob das jetzt männlich oder weiblich oder sonstwas ist.

Du schreibst, dass du nicht weißt, was dir wirklich gut tun würde, und das weiß ich leider auch nicht. Ich kann dir aber sagen: Hör in dich hinein und versuche herauszufinden, was sich für dich gut und richtig anfühlt. Vielleicht bist du ja tatsächlich doch ein Mädchen und es würde dir besser gehen, das zu wissen und mit der Welt zu teilen? Oder vielleicht bist du ja keins von beidem, wie du sagst? Hab keine Angst, Dinge auszuprobieren, auf die du Lust hast, egal, ob das jetzt bestimmte Hobbies, Kleidungsstücke, Verhaltensweisen oder sonst was sind. Auch für deinen Körper gilt: Achte auf dich und tu, was dir gut tut. Was kannst du tun, damit du dich in deinem Körper weniger fremd fühlst? Helfen bestimmte Kleidungsstücke, bestimmte Bewegungen, hilft dir vielleicht eine Sportart oder Meditation? Wenn du einfach darauf schaust, dass du Dinge tust, die dir gut tun, dann ist es vielleicht erstmal noch gar nicht so wichtig, wie genau du dich jetzt einordnen willst  und welche Schublade vielleicht die beste für dich ist – vielleicht ja auch gar keine.

Ich kann außerdem verstehen, dass es schwierig ist, über dieses Thema zu reden, vor allem, wenn du noch keine genauen Worte gefunden hast, um dich zu erklären. Allerdings finde ich, du konntest dich in deiner Nachricht schon sehr gut und klar ausdrücken, und vielleicht findest du ja auch bald mal eine oder ein paar Personen in deinem engeren Umfeld, denen du vertraust und mit denen du über diese Dinge reden kannst – nach meiner Erfahrung bringt es sehr viel, einfach mal mit anderen darüber zu reden.

Viel Glück dafür! Schreib uns gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast oder einfach nur erzählen möchtest, wie es gelaufen ist.

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 248 – Kann ich mehrere Identitäten/Labels haben?

TW: In diesem Beitrag wird sexuelle Gewalt erwähnt (aber nicht im Detail).

Hallo liebes Team vom Queer Lexikon,
ich finde euch einfach Klasse, wie ihr den Menschen helft ist einfach genial.
Heut bräuchte ich mal eure Meinung/Hilfe.

1. Ich habe schon einige Beziehungen mit Frauen und Männern geführt. Auch mit Trans – Boys, schwulen, bisexuellen. Mir ist eigentlich egal, solange mir die Person gefällt und mir guttut.

2. Geboren bin ich als Mann, möchte mich nicht um operieren, fühle mich aber nicht in allen Situationen so. In vielen Situationen verhalt ich mich lieber Weiblich. Aber es gibt auch Situationen, wo ich mich männlich verhalte. Oder sogar gar nicht weiß, was ich genau bin. Ich trage auch selten heimlich zuhause Kleider und schmink mich, würde auch gern so auf die Straße gehen, trau mich das aber nicht. Diesen Zustand von Schminken möchte ich nicht in allen Situationen ausleben. Ich fühl mich oft einfach in dieses Geschlecht der Männlichkeit hineingestopft (Ich hoffe man kann verstehen was ich meine).

3. Ich hatte auch mit einigen Geschlechtern sex. Nur dieser gefällt mir bei allen nicht besonders, dies kann vielleicht auch an der sexuellen Gewalt, die ich von Fremden, im Alter von 16 erfahren musste, liegen. Also ich fühle mich schon zu Menschen hingezogen, also Kuscheln, Küssen, streicheln etc. gefällt mir, nur alles was weiter geht, das geht irgendwie nicht.

Meine Frage ist jetzt eigentlich was bin ich?
Kann ich mehreres gleichzeitig sein, da ja Punkt 1,2 und 3 vollkommen andere Dinge sind?
Es wäre toll, wenn ihr das Beantworten könntet.

Liebe Grüße ?.

Postskriptum: Dankeschön im Voraus.

Hallo du,

um deine wichtigste Frage zuerst zu beantworten: Selbstverständlich kannst du “mehreres gleichzeitig” sein – es gibt keine Begrenzung, wieviele Labels du benutzen darfst und kannst. Du kannst einfach so viele verwenden, wie du brauchst, um dich gut zu beschreiben. Es gibt sogar einige Menschen, die in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Labels verwenden. Alles, was dir hilft, dich zu beschreiben, ist in Ordnung.

  1. Viele Menschen, denen das Geschlecht (und die Sexualität) ihrer Partner*innen egal ist, verwenden den Begriff “pan”, bzw. “pansexuell” oder “panromantisch” für sich. Pan sind Menschen, die sich grundsätzlich zu allen Menschen hingezogen fühlen können, ganz unabhängig vom Geschlecht. Panromantik beschreibt dabei die romantische Anziehung, also den Wunsch, mit diesen Menschen in einer Beziehung zu sein und/oder romantische Nähe zu erleben, Pansexualität beschreibt die sexuelle Anziehung, also den Wunsch, diesen Menschen sexuell/intim näher zu kommen. Für manche Menschen ist es sinnvoll, die romantische und die sexuelle Ebene zu trennen, für andere nicht. Du kannst selbst entscheiden, was für dich besser passt.
  2. In unserer Gesellschaft sind Geschlechterrollen sehr eng definiert, und vor allem Männern werden nicht viele Freiheiten darüber gegeben, wie sie ihr Geschlecht ausdrücken dürfen. Aber auch Männer können und dürfen Makeup und Kleider tragen, wie z.B. Stars wie Keiynan Lonsdale und Billy Porter uns vormachen – die sind trotzdem immer noch Männer, aber definieren neu, was es bedeutet, ein Mann/männlich zu sein. Du darfst gerne jederzeit alle diese Dinge, zu denen du ein Bedürfnis hast – Makeup und Kleider tragen, dich feminin/weiblich verhalten etc. – tun, und dich trotzdem noch als Mann bezeichnen. Wenn du das möchtest. Wenn du aber den Eindruck hast, dass das nicht ganz passt, gibt es vielleicht andere Begriffe, die besser passen. Du beschreibst z.B. dass deine Art, dein Geschlecht auszudrücken, sich je nach Situation ändert; das könnte z.B. dafür sprechen, dass du genderfluid bist. Genderfluid sind Menschen, deren Geschlecht sich je nach Situation oder mit der Zeit immer wieder ändern kann. Viele Menschen, die Männlichkeit (und Weiblichkeit) zu einengend finden und sich darin nicht wiederfinden, bezeichnen sich auch als genderqueer, gender-nonconforming oder nichtbinär. Oder es kann sein, dass du evtl. eine trans Frau bist. Nicht alle trans Frauen wollen ihren Körper verändern, und viele trauen sich nicht, ihre Weiblichkeit offen auszuleben, weil sie Angst haben vor Diskriminierung und Gewalt. Vielleicht horchst du einfach mal ganz tief in dich hinein und schaust, welcher dieser Begriffe sich für dich richtig und passend anfühlt – oder du kannst sie auch alle mal für eine Zeit ausprobieren, wenn du dir noch unsicher bist, ob irgendwas davon passt, und wenn ja welches. Wichtig ist dabei immer, dass du auf dich achtest und nichts tust, was sich nicht gut und richtig anfühlt.
  3. Es ist schwierig, die sexuelle Anziehung von den negativen Erfahrungen zu unterscheiden, die du in der Vergangenheit im Bezug auf sexuelle Gewalt gemacht hast – für manche Menschen ist das auch ganz untrennbar. Es klingt für mich, als könntest du asexuell sein – du schreibst, du fühlst dich zu Menschen hingezogen und magst auch Intimitäten wie Kuscheln, aber dir gefällt Sex nicht so. Asexuell sein bedeutet, dass du keine sexuelle Anziehung gegenüber anderen Menschen empfindest. Wenn es dir wichtig ist zu unterscheiden, dann kannst du tief in dich hineinhören und überlegen, ob du tatsächlich kein sexuelles Interesse an anderen hast, oder ob du nur vorsichtig geworden bist im Bezug auf sexuelle Aktionen, weil du Angst davor hast, verletzt oder benutzt zu werden. Wichtig ist aber so oder so, dass du wiederum auf dich achtest und einfach schaust, was dir wirklich gut tut und was du möchtest.

Ich hoffe, ich konnte dir damit weiterhelfen und wünsche dir alles Gute! Danke auch für das liebe Kompliment – wir sind gerne für euch da und Kommentare wie deiner motivieren uns immer total und bestärken uns in unserer Arbeit. <3

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 245 – Geschlecht ist verwirrend

Hi Leute.
Ich stelle mich jetzt einfach mal kurz vor, ich bin ein 18 Jahre altes Mädchen, bin asexuell und panromantik. So viel weiß ich mittlerweile aber mir stellt sich immer die Frage was für ein Geschlecht ich bin. Ich weiß ich bin eine Frau aber fühle mich so nicht wohl. Also ich akzeptiere größtenteils meinen Körper aber das wars auch schon. Ich hatte schon immer kurze Haare, wollte mich nie schinken und fühle mich in Frauen Klamotten unwohl. Ich trage meist weite pullover weil ich meinen zum Glück sehr kleinen Vorbau nicht so mag und am liebsten einen Binder tragen würde. Aber dann gibt es vereinzelt Tage wo ich wiederum voll das Mädchen raushängen lasse mit Kleid schminke ect. Ich bin sogar mit meinem Namen zufrieden (Nadine) der ja keine neutrale oder männlich version hat. Ich bin einfach richtig verwirrt. Ich hoffe ihr könnt mir helfen und so grob sagen was ich bitteschön bin, es belastet mich nämlich ziemlich und gibt mir zu denken.

LG eure Nadine

Hallo Nadine,

Ich verstehe deine Verwirrung sehr gut – Geschlecht kann echt kompliziert sein. Du schreibst, dass du eine Frau bist, dich damit aber nicht wohl fühlst. Woran machst du es denn fest, dass du eine Frau bist? An deinem Körper? Der Art und Weise, wie du aufgewachsen und erzogen worden bist? Wie du aussiehst? All das kann dein Geschlecht beeinflussen, muss es aber nicht, wenn du den Eindruck hast, dass es nicht passt. Was Geschlecht wirklich ist, ist nur sehr schwer zu beschreiben, aber es muss jedenfalls nichts damit zu tun haben, wie dein Körper aussieht oder mit welchem Spielzeug du als Kind gern gespielt hast oder so. Geschlecht ist tief in dir drin, und deshalb kannst letztlich nur du sagen, ob du eine Frau bist oder nicht.

Wichtig ist zuerst mal: Du bist nicht alleine. Es gibt super viele Menschen, die genauso verwirrt sind wie du, die auch nicht so richtig klar kommen mit den Kategorien und Schubladen, in die wir alle gesteckt werden, und die sich genauso fragen wie du, was das alles bedeutet. Und es ist voll okay, so zu sein.

Es kann absolut sein, dass du eine Frau bist. Frauen dürfen maskuline Kleidung tragen, ihre Brust abbinden wollen, kurze Haare tragen und das alles, und trotzdem immer noch Frauen sein. In lesbischen Communities werden solche Frauen oft als Butches beschrieben. Es ist vollkommen egal, wie du aussiehst, was du tust und wie du dich verhältst – solange du dich als Frau fühlst, bist du eine Frau.

Wenn du aber merkst, dass der Begriff “Frau” sich einfach nicht richtig für dich anfühlt, dann kann es auch sein, dass du z.B. trans und/oder nichtbinär bist. Trans sind alle Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde – in deinem Fall weiblich. Das muss aber nicht gleich bedeuten, dass du deshalb ein Mann bist. Es gibt super viele Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, oder nur ein bisschen weiblich, oder nur manchmal maskulin, oder vielleicht beides, oder ein ganz anderes Geschlecht, das nichts mit Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun hat. Diese Menschen nennen sich oft nichtbinär.

Du schreibst, dass es sich bei dir manchmal ändert, mit welcher Kleidung und mit welchen Teilen deines Körpers du dich wohl fühlst. Das könnte darauf hinweisen, dass du genderfluid bist. Genderfluid sind Menschen, deren Geschlecht sich ändert, entweder nur ab und zu oder sehr oft, und manchmal auch je nach Situation.

Vielleicht hilft dir einer dieser Begriffe weiter. Falls dir noch irgendetwas unklar ist, kannst du gern jederzeit weiter nachfragen. Am wichtigsten finde ich immer, dass du einfach tust, was sich für dich gut und richtig anfühlt, und dass du immer so gut wie möglich auf deine Instinkte hörst. Wenn du gerne mal einen Binder tragen möchtest, dann kannst du das ganz einfach ausprobieren, ohne erst zu überlegen, ob das jetzt zu deinem Geschlecht oder deiner Identität passt. Wenn du Lust hast auf Makeup und Kleider, dann kannst du das genauso machen, wie du Lust hast. Du musst dich nicht in irgendeine enge Schublade zwängen, sondern verdienst immer Respekt und Akzeptanz, egal, ob du deinen Begriff schon gefunden hast oder nicht.

Viele Grüße und alles Liebe,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 207 – Bin ich agender, wenn ich Geschlechterrollen ablehne?

Liebes Kummerkasten-Team
Ich bin vor einigen Tagen auf den Begriff “a-gender” gestoßen und finde ihn etwas verwirrend. Ich bin zeugungsfähig und hatte mich deshalb immer als Mann im Sinne des sex identifiziert, habe mich aber nie mit der sozialen Rolle, die mir aufgedrängt wird, anfreunden können.

Auf Englisch sprachigen Seiten wurde der Begriff “a-gender” mit “kein gender haben” übersetzt. Ich werde von meiner Umwelt jedoch meist als Mann gelesen und es werden daher auch gewisse Erwartungen und Normen an mich gerichtet. Bin ich, wenn ich diese ablehne a-gender?
Wenn gender sozial konstruiert ist (und sozial bedeutet, dass es trans-subjektiv ist) kann ich einfach behaupten kein gender zu haben, nur weil ich das gender nicht erfülle, das mir zugedacht wird?
Ich hoffe ihr könnt mir zu einer besseren Einsicht verhelfen.
Liebe Grüße
(A)

Hallo (A),

deine Frage ist sehr komplex und ich hoffe, dass ich sie gut beantworten kann. Du hast auf jeden Fall Recht damit, dass Geschlecht sozial konstruiert ist. Soziale Konstruktion ist aber kompliziert, sie passiert nicht nur gesellschaftlich, sondern auch in jeder einzelnen Person, und damit auch in dir. Dein persönliches Geschlecht ist dir nicht angeboren, sondern etwas, was im ständigen Wechsel zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und deinem Aussehen, deinem Tun, deiner Geschlechterpräsentation etc. entsteht.

Das bedeutet aber nicht, dass Geschlecht komplett zufällig, willkürlich oder frei wählbar ist. Und nur die Aussage (bzw. “Behauptung”) “Ich bin agender” macht eine Person noch nicht agender.

Was eine Person agender macht, ist allerdings genauso schwer zu beantworten wie die Frage, was eine Person zu einem Mann macht. Das einzige, was ich fragen kann, ist: Wie fühlst du dich denn? Wenn du in dich hineinhörst und nach den Dingen suchst, die dich zu dem Menschen machen, der du bist – verbindest du von diesen Dingen irgendwas mit Männlichkeit? Wichtig ist nämlich nicht, welches Geschlecht dir andere Menschen zuschreiben, das hat nichts mit deiner Identität zu tun. (Eine trans Frau, die noch ungeoutet ist und nach außen hin für die meisten Leute “wie ein Mann” aussieht, ist ja trotzdem noch eine trans Frau.)

Agender sein ist auch kein Zustand, der einfach eintritt, wenn eine Person Geschlechterrollen ablehnt. Es gibt sehr viele Menschen, die Rollen und Erwartungen ablehnen und sich trotzdem mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie zugewiesen wurden/werden. Das bedeutet: Du “darfst” dich auch dann als Mann identifizieren, wenn du mit vielen Dingen nicht einverstanden bist, die die Gesellschaft von Männern erwartet, und wenn du aktiv gegen diese Rollenbilder angehst. Männer können Makeup tragen, sich die Nägel lackieren, weinen, nicht an Sport interessiert sein, keine Lust auf Machogerede haben und trotzdem noch Männer sein – ganz egal, wie die Gesellschaft das findet.

ABER. Wenn du in dich reingehorcht hast und dabei feststellst, dass du dich nicht mit Männlichkeit identifizieren kannst, dass du kein Mann bist und auch keiner sein möchtest, und wenn du kein Geschlecht in dir findest – dann kann es durchaus sein, dass du agender bist. Letztlich ist einfach nur wichtig, mit welchem Begriff du dich identifizieren kannst und willst, mit welchem Begriff du dich am wohlsten fühlst und was dich am besten beschreibt.

In der Hoffnung, dass dich das jetzt nicht noch mehr verwirrt, wäre hier auch noch ein anderes mögliches Label für dich: Genderqueer. Genderqueer ist ein Begriff für alle Menschen, die nicht in die gesellschaftlichen Normen von Geschlecht passen. Vielleicht ist dir ja mit diesem Begriff vorerst geholfen?

Viele liebe Grüße und alles Gute,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 175 – Genderfluid? Agender? Demigirl?

Heyy… ich bin erst kürzlich auf diesen Blog gestoßen und ich finde es toll wie ihr die verschiedenen genders erklärt. Ich habe bis jetzt nur solche Seiten auf englisch gefunden.
Ich habe erst vor zwei Wochen realisiert (oder mehr akzeptiert), dass ich non binary bin. Ein paar Tage davor habe ich realisiert, dass Sex für mich in Theorie toll ist, aber in der Praxis nicht meins ist (ich hatte keinen Sex ich habe einfach nur realisiert, dass ich nach zwei Minuten einfach abgeturnt bin) und identifiziere mich selbst seitdem als asexuell. Es war ein großer Schritt das zu akzeptieren, da ich davor erst akzeptiert hatte, dass ich auf Mädchen stehe und dass ich asexuell bin einfach verdrängt habe.
Ich habe Schwierigkeiten mit meinem Gender. Ich fühle mich meistens nicht wie ein Mädchen, bin mir nicht sicher ob ich ein Junge bin an Tagen wo ich mich nicht wie ein Mädchen fühle und fühle mich meist eigentlich wie gar nichts. Es gibt Tage (oder er Momente im Laufe des Tages) , da habe ich Probleme mit meiner Brust und andere Male da geht es eigentlich. Ich mag es eigentlich einen weiblichen Körper zu haben, fühle mich aber manchmal nicht wohl in meiner Haut (oder meinem Geschlecht). Es wäre am einfachsten sich als agender zu identifizieren aber ich weiß nicht ob es passt oder ob ich genderfluid bin oder einfach ein Demigirl? Pronomen sind übrigens kein Problem. Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich es nicht anders gewohnt bin. Allerdings mag ich meinen Namen überhaupt nicht und würde ihn an liebsten zu etwas neutralen ändern. Am liebsten River oder Sky.
Liebe Grüße

Lieber unbekannter Mensch,

Gender ist kompliziert und es ist vollkommen verständlich und in Ordnung, dass es schwierig ist für dich, die richtigen Worte zu finden. Ich finde, alle Begriffe, die du vorschlägst – agender, genderfluid, demigirl – passen sehr gut zu dem, was du über dein Geschlecht und deine Gefühle und Gedanken dazu geschrieben hast. Es ist gut möglich, alles drei zu sein. Vielleicht bist du ja genderfluid und dein Geschlecht wechselt zwischen agender und demigirl? Das könnte vllt. auch erklären, warum du manchmal Probleme mit deiner Brust hast und sie dir manchmal egal ist oder dich nicht stört.

Egal, welche Labels du verwendest, nur du entscheidest, welcher Name, welches Aussehen und was sonst noch dazu gehört. Und egal, ob du genau weißt, wann dein Geschlecht genau was ist, oder ob du es vllt. niemals ganz genau sagen kannst – du verdienst Respekt und Akzeptanz.

Ich hoffe, ich konnte etwas helfen und wünsche dir alles Gute.
Liebe Grüße,

Balthazar

PS: Danke für dein Lob! Es freut uns, dass unsere Arbeit bei den Menschen ankommt, die uns brauchen. 🙂

Kummerkasten Antwort 169: Gender Questioning?

Hallo liebes Queer-Lexikon-Team,
als erstes möchte ich einmal sagen, dass ich eure Seite echt mag und sie mir auch schon echt geholfen hat, mich als Bi zu identifizieren.
Jetzt frage ich mich aber noch, welches Geschlecht ich habe. Ich weiß, dass ihr mir das natürlich nicht sagen könnt, aber ich hätte gerne eure Meinung zu meiner Situation.
Also ich bin weiblich und konnte mich damit bisher eigentlich immer identifizieren, auch wenn ich nie wirklich auf Kleider und “Mädchenfarben” (ich hasse diese Einteilung) gestanden habe. Seit einiger Zeit, bin ich mir da jedoch nicht mehr so sicher. Ich fühle mich in meinem Körper (vor allem mit meiner Brust, etc.) sehr unwohl. Binding hat auch schon mein Interesse geweckt, allerdings muss ich mich momentan mit einer “Notlösung” zufrieden geben und mir mit Sport-BH´s behilflich sein. Es ist zwar nicht sonderlich bequem, aber ich fühle mich so schon etwas wohler. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich immer mehr das Bedürfnis habe, wie ein Junge auszusehen (aber ich möchte mich nicht komplett als Junge identifizieren). Mit meinem weiblichen Namen und weiblichen Pronomen habe ich jedoch kein Problem (vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich es mir anders nicht wirklich vorstellen kann).
Ich überlege in letzter Zeit wirklich oft, was genau das bedeuten soll, finde aber leider keine Lösung. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen oder mir zumindest einen Denkanstoß geben.

Viele Grüße

Hallo liebe unbekannte Person,

danke für deine Frage und dein Lob! Es freut uns sehr, dass wir dir schon so gut helfen konnten. Ich versuche gerne, dir noch ein wenig mehr zu helfen, auch wenn du natürlich recht hast: Ich kann dir leider nicht sagen, welches Geschlecht du hast. Ich kann dir allerdings ein paar Begriffe geben, die dir vielleicht helfen.

Dein Wunsch, maskuliner auszusehen und wahrgenommen zu werden, kann bedeuten, dass du trans bist. Allerdings schreibst du auch, dass du dich nicht komplett als Junge identifizieren möchtest (oder kannst?) – das könnte bedeuten, dass du möglicherweise ein demiboy bist oder nichtbinär. Vielleicht bist du ja nicht vollkommen männlich, sondern nur teilweise, oder vielleicht ändert sich dein Geschlecht manchmal, oder vielleicht hat es auch gar nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun, weil du einfach nur du bist? Das alles kann unter dem Überbegriff “nichtbinär” zusammengefasst werden.

Eine andere Möglichkeit ist, dich als Butch zu identifizieren. Maskuliner wirken zu wollen, ist nicht unbedingt etwas, was nur trans Männern oder trans männlichen Personen vorbehalten ist – es gibt viele Butches, die sich als weiblich oder als Frauen identifizieren, aber gerne maskulin aussehen und/oder eine männliche Geschlechterrolle einnehmen.

Die beiden Optionen – also nichtbinär sein und Butch sein – schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus: Du kannst auch beides gleichzeitig sein. Beispiele für nichtbinäre oder trans Butches sind Leslie Feinberg und Rhea Butcher. Viele Butches haben ein kompliziertes Verhältnis zu Geschlecht oder hinterfragen Geschlechterkategorien überhaupt – so wie du auch selbst sagst, die Einteilung von allem von Farben über Namen bis hin zu Körpern in “männlich” und “weiblich” sind vielleicht gar nicht nötig, und viele Butches zeigen Wege dazwischen oder drumherum auf.

Egal, ob du ein Label für dich findest oder nicht: Deine Gefühle und Gedanken zu deinem eigenen Geschlecht sind vollkommen gut und in Ordnung. Ich hoffe, dass du deinen Weg findest.

Noch ein paar Tipps zum Binden: Das Abbinden von Brüsten mit Sport-BHs kann gefährlich sein, wenn du einen zu engen BH oder zwei übereinander trägst. Achte gut auf deinen Körper und die Warnsignale, die er dir sendet. Solange du keinen Binder hast, sind weite, locker sitzende Oberteile oder mehrere Schichten (z.B. ein T-Shirt, ein Hoodie und eine Jacke) auch immer gute Möglichkeiten, um deine Brust zu kaschieren. Weitere Infos zu sicherem Binden und dazu, wo du wie (auch günstig oder kostenlos) an einen Binder kommen kannst, findest du in unserer Binder-Broschüre.

Viele Grüße und alles Gute,

Balthazar