Kummerkasten Antwort 207 – Bin ich agender, wenn ich Geschlechterrollen ablehne?

Liebes Kummerkasten-Team
Ich bin vor einigen Tagen auf den Begriff “a-gender” gestoßen und finde ihn etwas verwirrend. Ich bin zeugungsfähig und hatte mich deshalb immer als Mann im Sinne des sex identifiziert, habe mich aber nie mit der sozialen Rolle, die mir aufgedrängt wird, anfreunden können.

Auf Englisch sprachigen Seiten wurde der Begriff “a-gender” mit “kein gender haben” übersetzt. Ich werde von meiner Umwelt jedoch meist als Mann gelesen und es werden daher auch gewisse Erwartungen und Normen an mich gerichtet. Bin ich, wenn ich diese ablehne a-gender?
Wenn gender sozial konstruiert ist (und sozial bedeutet, dass es trans-subjektiv ist) kann ich einfach behaupten kein gender zu haben, nur weil ich das gender nicht erfülle, das mir zugedacht wird?
Ich hoffe ihr könnt mir zu einer besseren Einsicht verhelfen.
Liebe Grüße
(A)

Hallo (A),

deine Frage ist sehr komplex und ich hoffe, dass ich sie gut beantworten kann. Du hast auf jeden Fall Recht damit, dass Geschlecht sozial konstruiert ist. Soziale Konstruktion ist aber kompliziert, sie passiert nicht nur gesellschaftlich, sondern auch in jeder einzelnen Person, und damit auch in dir. Dein persönliches Geschlecht ist dir nicht angeboren, sondern etwas, was im ständigen Wechsel zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und deinem Aussehen, deinem Tun, deiner Geschlechterpräsentation etc. entsteht.

Das bedeutet aber nicht, dass Geschlecht komplett zufällig, willkürlich oder frei wählbar ist. Und nur die Aussage (bzw. “Behauptung”) “Ich bin agender” macht eine Person noch nicht agender.

Was eine Person agender macht, ist allerdings genauso schwer zu beantworten wie die Frage, was eine Person zu einem Mann macht. Das einzige, was ich fragen kann, ist: Wie fühlst du dich denn? Wenn du in dich hineinhörst und nach den Dingen suchst, die dich zu dem Menschen machen, der du bist – verbindest du von diesen Dingen irgendwas mit Männlichkeit? Wichtig ist nämlich nicht, welches Geschlecht dir andere Menschen zuschreiben, das hat nichts mit deiner Identität zu tun. (Eine trans Frau, die noch ungeoutet ist und nach außen hin für die meisten Leute “wie ein Mann” aussieht, ist ja trotzdem noch eine trans Frau.)

Agender sein ist auch kein Zustand, der einfach eintritt, wenn eine Person Geschlechterrollen ablehnt. Es gibt sehr viele Menschen, die Rollen und Erwartungen ablehnen und sich trotzdem mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie zugewiesen wurden/werden. Das bedeutet: Du “darfst” dich auch dann als Mann identifizieren, wenn du mit vielen Dingen nicht einverstanden bist, die die Gesellschaft von Männern erwartet, und wenn du aktiv gegen diese Rollenbilder angehst. Männer können Makeup tragen, sich die Nägel lackieren, weinen, nicht an Sport interessiert sein, keine Lust auf Machogerede haben und trotzdem noch Männer sein – ganz egal, wie die Gesellschaft das findet.

ABER. Wenn du in dich reingehorcht hast und dabei feststellst, dass du dich nicht mit Männlichkeit identifizieren kannst, dass du kein Mann bist und auch keiner sein möchtest, und wenn du kein Geschlecht in dir findest – dann kann es durchaus sein, dass du agender bist. Letztlich ist einfach nur wichtig, mit welchem Begriff du dich identifizieren kannst und willst, mit welchem Begriff du dich am wohlsten fühlst und was dich am besten beschreibt.

In der Hoffnung, dass dich das jetzt nicht noch mehr verwirrt, wäre hier auch noch ein anderes mögliches Label für dich: Genderqueer. Genderqueer ist ein Begriff für alle Menschen, die nicht in die gesellschaftlichen Normen von Geschlecht passen. Vielleicht ist dir ja mit diesem Begriff vorerst geholfen?

Viele liebe Grüße und alles Gute,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 175 – Genderfluid? Agender? Demigirl?

Heyy… ich bin erst kürzlich auf diesen Blog gestoßen und ich finde es toll wie ihr die verschiedenen genders erklärt. Ich habe bis jetzt nur solche Seiten auf englisch gefunden.
Ich habe erst vor zwei Wochen realisiert (oder mehr akzeptiert), dass ich non binary bin. Ein paar Tage davor habe ich realisiert, dass Sex für mich in Theorie toll ist, aber in der Praxis nicht meins ist (ich hatte keinen Sex ich habe einfach nur realisiert, dass ich nach zwei Minuten einfach abgeturnt bin) und identifiziere mich selbst seitdem als asexuell. Es war ein großer Schritt das zu akzeptieren, da ich davor erst akzeptiert hatte, dass ich auf Mädchen stehe und dass ich asexuell bin einfach verdrängt habe.
Ich habe Schwierigkeiten mit meinem Gender. Ich fühle mich meistens nicht wie ein Mädchen, bin mir nicht sicher ob ich ein Junge bin an Tagen wo ich mich nicht wie ein Mädchen fühle und fühle mich meist eigentlich wie gar nichts. Es gibt Tage (oder er Momente im Laufe des Tages) , da habe ich Probleme mit meiner Brust und andere Male da geht es eigentlich. Ich mag es eigentlich einen weiblichen Körper zu haben, fühle mich aber manchmal nicht wohl in meiner Haut (oder meinem Geschlecht). Es wäre am einfachsten sich als agender zu identifizieren aber ich weiß nicht ob es passt oder ob ich genderfluid bin oder einfach ein Demigirl? Pronomen sind übrigens kein Problem. Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich es nicht anders gewohnt bin. Allerdings mag ich meinen Namen überhaupt nicht und würde ihn an liebsten zu etwas neutralen ändern. Am liebsten River oder Sky.
Liebe Grüße

Lieber unbekannter Mensch,

Gender ist kompliziert und es ist vollkommen verständlich und in Ordnung, dass es schwierig ist für dich, die richtigen Worte zu finden. Ich finde, alle Begriffe, die du vorschlägst – agender, genderfluid, demigirl – passen sehr gut zu dem, was du über dein Geschlecht und deine Gefühle und Gedanken dazu geschrieben hast. Es ist gut möglich, alles drei zu sein. Vielleicht bist du ja genderfluid und dein Geschlecht wechselt zwischen agender und demigirl? Das könnte vllt. auch erklären, warum du manchmal Probleme mit deiner Brust hast und sie dir manchmal egal ist oder dich nicht stört.

Egal, welche Labels du verwendest, nur du entscheidest, welcher Name, welches Aussehen und was sonst noch dazu gehört. Und egal, ob du genau weißt, wann dein Geschlecht genau was ist, oder ob du es vllt. niemals ganz genau sagen kannst – du verdienst Respekt und Akzeptanz.

Ich hoffe, ich konnte etwas helfen und wünsche dir alles Gute.
Liebe Grüße,

Balthazar

PS: Danke für dein Lob! Es freut uns, dass unsere Arbeit bei den Menschen ankommt, die uns brauchen. 🙂

Kummerkasten Antwort 169: Gender Questioning?

Hallo liebes Queer-Lexikon-Team,
als erstes möchte ich einmal sagen, dass ich eure Seite echt mag und sie mir auch schon echt geholfen hat, mich als Bi zu identifizieren.
Jetzt frage ich mich aber noch, welches Geschlecht ich habe. Ich weiß, dass ihr mir das natürlich nicht sagen könnt, aber ich hätte gerne eure Meinung zu meiner Situation.
Also ich bin weiblich und konnte mich damit bisher eigentlich immer identifizieren, auch wenn ich nie wirklich auf Kleider und “Mädchenfarben” (ich hasse diese Einteilung) gestanden habe. Seit einiger Zeit, bin ich mir da jedoch nicht mehr so sicher. Ich fühle mich in meinem Körper (vor allem mit meiner Brust, etc.) sehr unwohl. Binding hat auch schon mein Interesse geweckt, allerdings muss ich mich momentan mit einer “Notlösung” zufrieden geben und mir mit Sport-BH´s behilflich sein. Es ist zwar nicht sonderlich bequem, aber ich fühle mich so schon etwas wohler. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich immer mehr das Bedürfnis habe, wie ein Junge auszusehen (aber ich möchte mich nicht komplett als Junge identifizieren). Mit meinem weiblichen Namen und weiblichen Pronomen habe ich jedoch kein Problem (vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich es mir anders nicht wirklich vorstellen kann).
Ich überlege in letzter Zeit wirklich oft, was genau das bedeuten soll, finde aber leider keine Lösung. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen oder mir zumindest einen Denkanstoß geben.

Viele Grüße

Hallo liebe unbekannte Person,

danke für deine Frage und dein Lob! Es freut uns sehr, dass wir dir schon so gut helfen konnten. Ich versuche gerne, dir noch ein wenig mehr zu helfen, auch wenn du natürlich recht hast: Ich kann dir leider nicht sagen, welches Geschlecht du hast. Ich kann dir allerdings ein paar Begriffe geben, die dir vielleicht helfen.

Dein Wunsch, maskuliner auszusehen und wahrgenommen zu werden, kann bedeuten, dass du trans bist. Allerdings schreibst du auch, dass du dich nicht komplett als Junge identifizieren möchtest (oder kannst?) – das könnte bedeuten, dass du möglicherweise ein demiboy bist oder nichtbinär. Vielleicht bist du ja nicht vollkommen männlich, sondern nur teilweise, oder vielleicht ändert sich dein Geschlecht manchmal, oder vielleicht hat es auch gar nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun, weil du einfach nur du bist? Das alles kann unter dem Überbegriff “nichtbinär” zusammengefasst werden.

Eine andere Möglichkeit ist, dich als Butch zu identifizieren. Maskuliner wirken zu wollen, ist nicht unbedingt etwas, was nur trans Männern oder trans männlichen Personen vorbehalten ist – es gibt viele Butches, die sich als weiblich oder als Frauen identifizieren, aber gerne maskulin aussehen und/oder eine männliche Geschlechterrolle einnehmen.

Die beiden Optionen – also nichtbinär sein und Butch sein – schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus: Du kannst auch beides gleichzeitig sein. Beispiele für nichtbinäre oder trans Butches sind Leslie Feinberg und Rhea Butcher. Viele Butches haben ein kompliziertes Verhältnis zu Geschlecht oder hinterfragen Geschlechterkategorien überhaupt – so wie du auch selbst sagst, die Einteilung von allem von Farben über Namen bis hin zu Körpern in “männlich” und “weiblich” sind vielleicht gar nicht nötig, und viele Butches zeigen Wege dazwischen oder drumherum auf.

Egal, ob du ein Label für dich findest oder nicht: Deine Gefühle und Gedanken zu deinem eigenen Geschlecht sind vollkommen gut und in Ordnung. Ich hoffe, dass du deinen Weg findest.

Noch ein paar Tipps zum Binden: Das Abbinden von Brüsten mit Sport-BHs kann gefährlich sein, wenn du einen zu engen BH oder zwei übereinander trägst. Achte gut auf deinen Körper und die Warnsignale, die er dir sendet. Solange du keinen Binder hast, sind weite, locker sitzende Oberteile oder mehrere Schichten (z.B. ein T-Shirt, ein Hoodie und eine Jacke) auch immer gute Möglichkeiten, um deine Brust zu kaschieren. Weitere Infos zu sicherem Binden und dazu, wo du wie (auch günstig oder kostenlos) an einen Binder kommen kannst, findest du in unserer Binder-Broschüre.

Viele Grüße und alles Gute,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 131 – Bin keine Frau und kein Mann?

Hi ich bin mir bei meiner Identität nicht sicher was ich aber weiß ist das ich nicht hetoro bin ich weiß aber nicht ob ich eine Frau oder ein man sein will ich bin irgendwie keines oder beides und weiß nicht wie ich damit umgehen soll

Hallo lieber unbekannter Mensch,

erst mal: Es ist vollkommen okay, unsicher mit der eigenen Identität und dem Geschlecht zu sein. Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, mit dem alle Menschen anders umgehen. Es ist absolut in Ordnung, wenn du dir Zeit nimmst, dich damit zu beschäftigen und dich zu hinterfragen.

Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, werden auch nichtbinär genannt. Das bedeutet erstmal nur, dass dieser Mensch keine Frau und kein Mann ist (oder manchmal kann es auch bedeuten, dass diese Person nur teilweise oder nur manchmal männlich oder weiblich ist). Nichtbinär ist ein eigenes Geschlecht, bzw. eine eigene Geschlechtsidentität, kann aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Identitäten sein, die nicht (oder nicht vollkommen) männlich oder weiblich sind.

Hier sind zwei Begriffe, die unter den Schirmbegriff “nichtbinär” fallen und die dir vielleicht helfen können, dich zu beschreiben:

  • Agender: Agender sind Menschen, die kein Geschlecht haben oder sich nicht mit den existierenden Begriffen und Konzepten von Geschlecht identifizieren (können oder wollen).
  • Bigender: Bigender sind Menschen, die sich mit zwei Geschlechtern identifizieren können, zum Beispiel in deinem Fall vielleicht männlich und weiblich. Bigender Menschen haben vielleicht beide dieser Geschlechter gleichzeitig, oder es kann auch sein, dass sie abwechselnd mal eins und mal das andere Geschlecht sind – oder eine Mischung aus beidem.

Mehr Begriffe für nichtbinäre Geschlechter findest du auch in unserem Glossar.

Ich hoffe, das hilft dir ein bisschen weiter.
Alles Gute und liebe Grüße, Balth

Kummerkasten Antwort 66 – Wie finde ich meine Geschlechtsidentität heraus? Wie kann ich mit übergriffigen und verletzenden Sprüchen umgehen?

Hallo,

ich hab keine Ahnung, ob ich hier richtig bin, aber ich weiß nicht, wohin ich mich sonst wenden kann. :-/

Ich bin biologisch gesehen ein Mädchen (jetzt 21 Jahre alt), aber ich wollte schon im Kindergarten lieber ein Junge sein. Ich wollte mich so verhalten wie ein Junge und auch so aussehen. Von meiner Familie und meinen Mitschülern habe ich deswegen viel Ablehnung/Kritik/Spott erhalten. In der Unterstufe haben mich die anderen Kinder “Zwitter” genannt. Sie haben das als Beleidigung gemeint, trotzdem frage ich mich immer häufiger, ob sie nicht vielleicht recht hatten.
Als ich noch jünger war, wurde ich sehr oft für einen Jungen gehalten und hab mich jedes Mal gefreut, wenn mich jemand “er” genannt hat. Dann bekam ich Brüste und hatte (weil meine Eltern das schön fanden) lange Haare und das war erst mal vorbei. Seit ich mir letztes Jahr die Haare abgeschnitten habe, werde ich auf der Straße wieder häufig als “Herr” angesprochen.

Ich habe ein massives Problem mit meinem Busen und frage mich jedes Mal, wenn ich vorm Spiegel stehe, wer sich diesen Mist ausgedacht hat. Allerdings will ich auch keinen Penis. Ich hasse meinen Busen, aber ich weiß nicht, ob ich ihn “genug” hasse um dafür eine OP auf mich zu nehmen. Ich werde auch nicht gerne als “Frau” angeredet (und oft zweifle ich auch an meinem weiblichen Vornamen). Allerdings käme es mir auch komisch vor, den Rest meines Lebens als “Herr” angesprochen zu werden (und ob ich gerne einen männlichen Vornamen hätte, weiß ich auch nicht).

Dadurch, dass meine Figur offensichtlich “weiblich” ist und mein Kleidungsstil inklusive Frisur und Verhalten eher “männlich”, wirke ich auf mein Umfeld sehr irritierend. Und werde leider nach wie vor extrem oft auf der Straße angepöbelt. Meistens von irgendwelchen Jugendlichen und mit dem Standardsatz: “Bist du Junge oder Mädchen oder was?” Meistens zucke ich dann zusammen und fühle mich scheiße. Vor allem, weil sie ja irgendwie recht haben und ich selber nicht weiß, wer oder was ich eigentlich bin.

Ich hab im Internet nach Tests zu dem Thema gesucht, aber nichts gefunden. Habt ihr vielleicht einen Rat, wie ich rauskriegen kann, was meine Geschlechtsidentität bzw. Gender ist? (Asexuell bin ich auf jeden Fall) Und irgendeinen Tipp, was ich tun kann, um die ganzen dummen Sprüche besser zu ertragen?

Viele Grüße und Danke,
L

Hallo L,
unsere Fragenbox ist genau für Fragen wie deine da.

Ich lese ziemlich oft, dass du Dinge nicht weißt, also, ob du einen anderen Vornamen nutzen magst, ob du dir etwas bis zum Ende deines Lebens vorstellen kannst, … da möchte ich dir mitgeben, dass es völlig in Ordnung ist, gerade auch sowas nicht zu wissen, sich damit unsicher zu sein und auch kein (festes) Label dafür zu haben oder zu finden. Und: es gibt immer Veränderung. Es ist also möglich, aber nicht vorhersehbar, dass Aspekte, die jetzt Teil deiner Identität sind, es irgendwann nicht mehr sind. Das ist aber völlig valid.

Wenn du sagst, dass du keinen Penis haben willst, obwohl du dich meistens wohler fühlst, wenn du männlich gelesen wirst, ist das einerseits kein Widerspruch, da niemand dir vorgeben darf oder kann, wie dein Körper zu sein hat, und andererseits ist vielleicht auch gerade die Frage, wie du gerne angesprochen wirst, etwas, dem du gezielt nachgehen und es ausprobieren kannst, was sich richtig anfühlt, indem du zum Beispiel Freund*innen bittest, bestimmte Prononem und Anreden auszuprobieren.

Zu deinen Brüsten: Vielen, die wegen ihrer Brüste dysphorisch sind, helfen Binder. Wir haben mal eine kurze Broschüre mit den wichtgisten Informationen dazu zusammengestellt. Vielleicht ist das etwas, was du mal ausprobieren könntest.

Die Art von Übergriffigkeit, die du beschreibst, hängt stark damit zusammen, dass unsere Gesellschaft sehr normativ geprägt ist. Das heißt, dass es bestimmte Normen und Regeln gibt, die scheinbar für alle gelten und dadruch auch von allen eingefordert werden. Das trifft insbesondere queere Menschen, da diese Normen auch vorsehen, dass alle hetero und cis sind. Wir finden das auch ziemlich uncool, und würden das gerne am liebsten Gestern beendet haben, aber das ist eine Sache, der wir wohl nicht schnell beikommen werden – sondern nur damit, dass die Gesellschaft offener und aufgeklärter wird. Und das dauert.
Gleichzeitig gilt. Es ist ok, dass du dich da verletzt fühlst. Das nichts, wo “drüber stehen” müsstest, oder “aushalten solltest”. Vielen hilft es, ein*e Freund*in, Therapeut*in, Bezugsperson, Seelsorger*in oder ganz allgemein eine Vertrauensperson zu haben, um über solche Erfahrungen zu sprechen, besser verarbeiten und damit umgehen zu können.

Zu deiner eigentlichen Frage, ob wir dir helfen können, herauszufinden, was deine Geschlechtsidentät ist: Nicht wirklich. Das ist etwas, das nur du selbst dir zuschreiben kannst und darfst. Das schöne daran ist, dass das auch bedeutet, dass niemand jemals das Recht hat, dir in diesem Bereich irgendwas vorzuschreiben, was und wie du zu leben hast. Wie schon gesagt, musst du deine Geschlechtsidentität auch nicht konkret benennen können oder ein Label für sie haben.
Ich kann aber auch verstehen, wenn du sagst, dass du auf jeden Fall eines haben magst, weil Label eben auch halt und Sicherheit geben können. Auch da gilt: ich kann dir keines vorschreiben, ich lade dich aber gerne ein, mal in unser Glossar zu schauen, vielleicht findest du da etwas, das dich anspricht. Einige der Begriffe dort sind eher spezifisch, andere weiter gefasst. Für manche reicht es völlig, wenn sie von sich sagen können, dass sie trans oder nicht-binär sind. Anderen ist es wichtiger, dass ihr Label sehr genau beschreibt, wer sie sind.

Zu deiner zweiten Frage nach einem Tipp, wie du solche Sprüche besser ertragen kannst, kann ich dir leider auch keine einfache und keine sehr zufriedenstellende Antwort geben. Solange in unserer Gesellschaft diese Normen stehen, solange wird es solches übergriffiges Verhalten geben, und solange wird es schwierig bis unmöglich, bei den Täter*innen anzusetzen, was unweigerlich dazu führt, dass es bei Ratschlägen eher darum geht, wie wir uns schützen können. Das ist in sich schon eine eher unbefriedigende Ausgangslage.
So eine richtige Lösung ist es nicht, aber, manchmal hilft es sicher schon, etwas nicht hören zu müssen. Falls du also ein geeignetes mobiles Telefon besitzt oder noch in den tiefen deiner Schubalden irgendwo ein MP3 schlummert, könntest du Musik für unterwegs mitnehmen. Musik, mit der du dich wohl- und gut fühlst. Und wenn du die hörst, und deine Kopfhörer nach außen dicht genug sind, musst das am Ende wenigstens nciht mehr hören. Wie gesagt, nicht sehr befriedigend, aber vielleicht nützlich.
Und dann, wie oben schon angeschnitten, eine Vertrauensperson suchen und finden, mit der du drüber reden kannst, die dich vielleicht gelegentlich begleiten und entsprechend für dich da sein kann.

Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen und wünsche dir weiter viel Erfolg dabei, dich und deine Geschlechtsidentität kennen zu lernen.
Liebe Grüße
Xenia

Neue Kummerkastenantwort 45

Hey!

Wisst ihr, ich hab ewig lang darüber nachgedacht, mir die Brüste abzubinden und es eines Tages dann endlich getan- ich hab ewig gebraucht und zwei Rollen Verband, vor allem weil meine Brüste recht groß und unterschiedlich groß sind. Und obwohl es unangenehm war, fühlte es sich gut an, bei mir keine Brüste mehr zu sehen. Doch eine Frage meiner Psychologin ließ mich das Thema wieder fallen lassen: Ob ich einen Penis will. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Ich dachte eine Weile, ich wäre genderfluid, das würde vielleicht erklären, wie ich mal meine Brüste toll finde und wie ich sie mal am liebsten abreißen würde. Aber dann kann ich mir nicht wirklich vorstellen, einen Penis zu haben…

Vllt wisst ihr ja Rat?

Lea

Hallo Lea,

danke für deine Frage! Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, das wissen wir. Für viele Menschen braucht es lange, um die eigene Geschlechtsidentität kennenzulernen – das ist voll okay, nimm dir gerne alle Zeit, die du brauchst, um dir darüber im Klaren zu werden.

Wichtig zu wissen ist, dass Geschlecht und Genitalien nicht zusammenhängen müssen. Egal, welches Geschlecht oder welche fluiden Geschlechter du hast, ein Wunsch nach einem Penis muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Wenn du dich momentan mit deinen Genitalien nicht unwohl fühlst, dann ist das etwas Gutes und nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst, und das bedeutet nicht, dass du deswegen nicht genderfluid oder irgendeine andere Art von trans oder nichtbinär sein kannst. Viele Menschen, vor allem viele Ärzt*innen und Therapeut*innen, verbinden trans / nichtbinär / genderfluid sein immer mit einem Unzufriedensein mit dem eigenen Körper und vor allem mit den Genitalien – aber tatsächlich ist es für alle trans und nichtbinären Menschen ganz unterschiedlich, wie wohl oder unwohl sie sich mit welchen Teilen ihres Körpers fühlen!

Wenn es sich manchmal gut anfühlt für dich, dir die Brüste abzubinden, und du an anderen Tagen gar kein Problem mit deinen Brüsten hast, dann ist das vollkommen okay. Du solltest nur wissen, dass es gefährlich sein kann, dir die Brüste mit Verbandsmaterial abzubinden. Vor allem, wenn die Mullbinden/Verbände nicht elastisch ist, kannst du dir damit sehr schaden und zum Beispiel dein Brustgewebe, deine Rippen und/oder deine Lungen beschädigen. Wie du gut und sicher deine Brüste abbinden kannst, wenn du es brauchst, erfährst du in unserer Binderbroschüre hier.

Liebe Grüße und alles Gute für dich,

Balthazar

Gender

Gender: Gender beschreibt auf einer wissenschaftlichen Ebene das sozial konstruierte Geschlecht und auf einer aktivistischen und persönlichen Ebene die Geschlechtsidentität einer Person. Geschlechtsidentität bedeutet hier die persönliche Vorstellung vom eigenen Geschlecht und der eigenen Geschlechterrolle. Innerhalb der Gesellschaft ist Gender das Konzept, nach dem wir verschiedene Ideen wie sozialen Status, Geschlechtspräsentation, Rolle in der Gesellschaft, Lebensplanung und Sexualität in die Kategorien Männlichkeit und Weiblichkeit einordnen.