Kummerkastenantwort 229 – Darf ich mich als trans bezeichnen?

Hallo an alle die das lesen,
Ich habe eine sehr dringliche Frage weswegen ich mich an euch wende.

Ich überlege schon lange welche Geschlechtsidentität ich habe und es zerstört mich immer mehr und mehr.
Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen und ich kann auch unterschreiben dass ich mich damit auch identifizieren kann…Aber größtenteils kann ich das nicht.
Es fing schon vor der Pubertät an dass ich mich “anders” fühlte dennoch verdrängte ich diese Gedanken.
Es wird seit einem Jahr schlimmer.
Mittlerweile kann ich nachts nicht mehr schlafen da ich mich in meinen Träumen meistens als Junge sehe.
Ich habe mittlerweile auch Anzeichen einer Dysphorie (ich möchte mich ohne Arzt nicht selbst diagnostizieren)
Seit Monaten bin ich also auf der Suche nach einem Begriff für all das und bin auf Trans gestoßen, dennoch bezweifle ich dass dieser Begriff zu mir passt, da ich mich ja noch als Mädchen identifizieren kann, nun mal nicht immer.
Was meint ihr, was kann ich tun?
Besten Dank fürs Lesen.
Myr

Hallo Myr,

Was du beschreibst, gerade das eher unbestimmte Gefühl, anders zu sein, von sich mit anderem Geschlecht träumen und auch Dysphorie sind alles Dinge, die Personen, die trans sind, häufig erleben. Dabei bedingt sich das nicht automatisch gegenseitig. Es ist weder so, dass eins Dysphorie haben muss, um trans zu sein, noch hat eins automatisch Dysphorie, wenn eins trans ist.

Wer du tatsächlich bist, und was für ein Label dazu passt, ist am Ende eine Sache, die nur du allein herausfinden und damit auch festlegen kannst. Es gibt keinen faktischen Test, den ein*e Ärzt*in durchführen könnte, um festzustellen, ob eine Person trans ist. Transsein ist somit nichts, was jemand anders für dich diagnostizieren kann.

Es gibt einige etablierte Labels, die Geschlechtsidentitäten, jenseits von „ich bin (immer) eine Frau“ oder „ich bin immer ein Mann“ beschreiben. Es gibt da sehr allgemeine „nicht-binär“ das alle Identitäten, die nicht (nur) männlich oder weiblich sind, einschließt. Menschen, für die das eigene Geschlecht eher flüssig ist und sozusagen hin und her schwappen kann, wie eine Welle im Wasser, nutzen den Begriff „genderfluid“. Und dann ist da noch „demiboy“ oder auch „demiman“, was eine Identität beschreibt, die zwar irgendwie männlich, aber nicht 100 Prozent Mann ist. „Demi“ als Vorsilbe kommt aus dem griechischen und heißt so viel wie teilweise oder halb.
Neben diesen Labels gibt es noch viele weitere, bestimmte Geschlechtsidentitäten abbilden, vielleicht findest du was, was für dich gut klingt in unserem Glossar.
Es ist auch okay, sich da unsicher zu sein und das in den selbstgewählten Labels auszudrücken. Du hast sicher schon mal irgendwo das LGBTQ-Akronym gesehen, in dem manchmal mehr und manchmal weniger Buchstaben auftauchen. Das zweite Q, so es denn dabei ist, steht für „Questioning“ – das heißt fragend. Und auch das ist als eigene Bezeichnung völlig valide.

Ein Plan für dich könnte sein mit Freund*innen verschiedene Labels (und gegebenenfalls auch Namen und Pronomen) für dich auszuprobieren. Es auch queerfreundliche Ärzt*innen und Thereüeut*innen, die gut darin sind, dabei zu helfen, rauszufinden, was passende Labels für die eigene Identität wären. Und: auch wenn es oft drängend scheint, eine Antwort auf diese Fragen zu finden. Es sind große, tragende Fragen. Manchmal hilft auch Zeit lassen und nehmen.

Falls dir zu der Sache noch was einfällt oder du ein passendes Label gefunden hast, Lyr, freuen wir vom Queer Lexikon uns, wenn du uns nochmal schreibst.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 196 – Verwirrung über passende Labels

Hey, ich bin Männlich und derzeit 18 Jahre alt.
Ich grübel mal wieder.. es geht um meiner Sexuallität.. ich bin mir unsicher.. ich fühle mich größtenteils zu Frauen hingezogen.. stelle mir aber auch immer wieder mal Sexuelle dinge mit einem Typen vor.. nur Sexuelles.. eine Beziehung mit einen Typen kann ich mir nicht vorstellen.. ich habe mich eine kurze Zeit auch als Bi identifiziert.. aber das kann ja auch nicht sein 🤷 es fühlt sich einfach nicht passend an wenn ich sage “ich bin Hetero” idk.. in meiner Schulzeit hatte ich auch drei Typen.. mit denen ich mir auch Sexuelle dinge vorgestellt habe.. ich bin verwirrt .-.
ich will wissen als was ich mich identifizieren kann.. um auch endlich das grübeln darüber zu beenden.. kann man mir hier irgendwie helfen? Danke.

PS: Schöne Seite hier. Gefällt mir.

Hallo lieber Mensch,

danke für das Kompliment! Wir freuen uns, dass du deinen Weg hierher gefunden hast.

Zuerst mal kann ich dein Grübeln und deine Unsicherheit gut nachvollziehen. Und dann möchte ich etwas sagen, das vielleicht von einer Webseite, die sich als Lexikon versteht, etwas ironisch klingt: Es gibt nicht eine feste Definition von bi. Du schreibst, es kann nicht sein, dass du bi bist – ich vermute mal, weil du dir nur Sexuelles, aber keine Beziehungen mit Männern vorstellen kannst. Wenn du dich aber mit dem Label “bi” wohler fühlst als mit “hetero”, dann kannst du dich selbstverständlich damit beschreiben! In deinem Fall könnte die Definition von “bi” dann sowas sein, wie “(ausschließlich) sexuelle Anziehung zu Männern und Frauen (aber nicht unbedingt romantische Anziehung” – oder so ähnlich.

Andere Menschen, denen es so ähnlich geht wie dir, verwenden das sogenannte “Split Attraction Model” (auch SAM genannt); da geht es einfach nur darum, dass es verschiedene Arten von Anziehung gibt, z.B. romantische und sexuelle, und dass die verschiedenen Arten nicht unbedingt immer “zusammenpassen” müssen – du könntest dich also z.B. als bisexuell und heteroromantisch bezeichnen. Ob das passend und sinnvoll für dich ist, kannst aber nur du entscheiden. Falls dich das SAM mehr interessiert: Wir haben da mal eine Podcast-Folge dazu gemacht.

Wenn sich aber kein Label so richtig passend anfühlt: Du musst gar keins benutzen. Für manche Leute fühlen sich Labels einschränkend ein und sie beschreiben lieber mit mehr Worten, was sie wollen, was ihnen gefällt und mit welchen Menschen sie sich was vorstellen können. Auch das wäre eine vollkommen verständliche und akzeptable Option für dich. Oder du könntest auch einen Überbegriff verwenden, z.B. “queer” – queer kann alle Menschen bezeichnen, die nicht in die gesellschaftliche Norm von Sexualität und Geschlecht passen, die also z.B. nicht (oder nicht ausschließlich) hetero sind.

Ich hoffe, bei diesen Optionen ist eine für dich dabei, die passt. Und wenn nicht: Es ist immer okay, auf der Suche oder unsicher zu sein! Menschliche Sexualität ist sehr komplex und es ist mehr als verständlich, wenn sie nicht in eine kleine, verständliche Box passt, die ein Wort wie “bi” oder “hetero” sein kann.

Alles Gute!
Balth

Kummerkastenantwort 183 – Beschreibt “demigirl” mich ausreichend?

Hello
Ich hab eine Frage
Und zwar bin ich als Mädchen geboren und fühle mich eigentlich auch wohl in meinem Körper aber manchmal, manchmal weiß ich nicht so ganz ob ich wirklich 100 % ein Mädchen bin. Also das klingt jetzt bestimmt komisch aber gibt es eine Geschlechts Beschreibung die dazu passt? Ich denke demigirl aber ich habe Angst, dass es nicht genug betont dass ich ja wirklich zum größten Teil ein Mädchen bin
Ich bin total am strugglen und brauche Hilfe

Hallo,

wir haben eine Antwort.
Ja. Demigirl kann das, was du schilderst, sehr gut abbilden. Es gibt weder ein Mindestmaß, das eine Person an Weiblichkeit mitbringen muss oder darf, um sich als Demigirl zu bezeichnen, noch eine Möglichkeit das irgendwie nachzumessen – da geht es einzig und allein um deine Selbstbezeichnung. Wie du deine Identität (auch) als Demigirl letztlich ausgestaltest, zu einem wie großen Teil du ein Mädchen bist, liegt allein bei dir – du kannst also zu einem überwältigenden Teil weiblich sein und dich als Demigirl bezeichnen oder auch nur zu einem sehr kleinen.

Andere Personen, die eine in Teilen weibliche Geschlechtsidentität für sich beschreiben, wählen als Label manchmal auch nicht-binäre Frau oder bezeichnen sich als queere Frauen.

Es gibt hier kein richtig oder falsch, und vor allem auch keine richtig oder falsch, das von außen jemand entscheiden kann. Es liegt also allein an dir, auszuprobieren und herausfinden, ob eine dieser drei Möglichkeiten, oder vielleicht auch ein ganz anderes Label für dich passend anfühlt. Ich wünsche dir viel Erfolg beim ausprobieren.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 108 – Welche Labels passen für mich?

Hallo zusammen!
seit einiger Zeit bin ich mir sowohl über meine Identität als auch über meine sexuelle Orientierung im Unklaren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Männer sexuell attraktiv finde oder nur neidisch auf ihr gutes Aussehen bin. Mittlerweile glaube ich aber, dass es das erstere sein könnte. Mein Herz hat auch schon höher geschlagen, als ich einen transsexuellen Mann gesehen habe. Ich kann definitiv sagen, dass ich auf Frauen stehe, aber bei Männern und anderen Identitäten bin ich mir nicht sicher. Wo könnte man das zuordnen?

Des Weiteren habe ich schon früh gemerkt, dass ich mich in der Gesellschaft von Frauen viel wohler fühle und mit ihnen auch besser unterhalten kann. Schon in der Schule hatte ich immer den Eindruck, dass sich Jungs nur für Fußball interessierten und ich mich nach diesem typisch patriarchalen männlichen Stereotyp verhalten sollte in ihrer nähe (wenig Emotionen, rau, der Gewalt zugeneigt, z.B. in Ballerspielen). Mein Verhalten würde man in eher konservativen Kreisen als feminin bezeichnen. Ich hätte auch nichts dagegen, weibliche Kleidung zu tragen (wobei ich diesen Begriff nicht mag, denn jeder sollte tragen, was einem gefällt unabhängig von Geschlecht oder Identität!). Daher frage ich mich, ob ich möglicherweise genderfluid bin, denn es gibt Zeiten, da ich mich schon als Mann identifiziere, in anderen Zeiten wünsche ich mir, ich wäre eine Frau, oft sogar, dass ich als Frau (nochmal) geboren werden könnte und neu anfangen könnte.

Ich frage mich auch, ob die LSBAATIPQQ+ Community auch Leute einschließt, die sich – wie ich auch – nicht mit ihrem Alter identifizieren. So habe ich bisweilen den Wunsch, wieder ein kleines Kind, häufig sogar ein Baby zu sein.

Ich freue mich schon auf eure Antwort! 😀

LG

Hallo liebe*r Unbekannte*r,

zuerst einmal möchte ich sagen, dass es immer vollkommen okay ist, nicht genau zu wissen, wer man ist oder auf wen man steht – manche Menschen brauchen sehr lange, um das herauszufinden, manche verstehen das erst sehr spät in ihrem Leben, andere können das nie so genau sagen. Und das ist vollkommen okay. Es gibt keine Regel, die sagt, dass du genau wissen musst, wer du bist. Viele Menschen in deiner Situation entscheiden sich, ganz auf Labels zu verzichten oder ein Label zu verwenden, das mehr ein Überbegriff ist, wie zum Beispiel “queer” oder “polyromantisch/polysexuell”. Selbst ein Begriff wie “bisexuell” kann so ausgelegt werden, wie du es gerne möchtest – in deinem Fall könntest du es so auslegen, dass es bedeutet, dass du auf Frauen und evtl. Menschen anderer Geschlechter stehst. Wenn du dich noch nicht konkret festlegen willst, dann helfen dir vielleicht so Begriffe wie “bicurious” (zu dem ich bisher keine deutsche Entsprechung kenne, aber vielleicht möchtest du den Begriff aus dem Englischen übernehmen oder dir selbst eine deutsche Entsprechung ausdenken) oder “questioning”, also “fragend” (wie auch bei bicurious kenne ich dazu kein deutsches Wort – vielleicht tut es “unentschlossen” aber ganz gut). Beide Begriffe werden von Menschen verwendet, die sich noch nicht ganz sicher sind, zu wem sie eigentlich hingezogen sind. Wichtig ist aber auch: Egal, für welches Label du dich entscheidest – falls du nach einer Zeit bemerkst, dass es doch nicht oder nicht mehr passt, dann kannst du es jederzeit ändern. Du musst keine Entscheidung für den Rest deines Lebens treffen; Sexualität ist für viele Menschen fließend und in ständigem Wandel.

Es kann nach deinen Beschreibungen sehr gut sein, dass du genderfluid bist oder irgendwo anders unter die Schirmbegriffe “trans”, “genderqueer”, “gendervariant”, “nichtbinär” oder “gender non-conforming” (also nicht deinem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht und dessen Normen entsprechend) fällst. Am besten findest du das heraus, indem du dich ausprobierst – zum Beispiel mit verschiedener Kleidung -, indem du dich mit anderen austauschst, die auch genderfluid sind oder andere Erfahrungen mit trans sein gemacht haben, und indem du weitere Informationen sammelst. Mit der Zeit wirst du sicher herausfinden, was sich für dich richtig anfühlt und was nicht. Egal, ob du ein Label dafür findest oder nicht, du kannst immer du selbst sein und schuldest niemandem eine Erklärung oder eine einfache Schublade dafür, in die dich andere Menschen packen können. (Und du hast vollkommen Recht: Kleidung hat kein Geschlecht und alle sollten tragen dürfen, was sie wollen!)

 Die Sache mit dem Alter kann ich dir leider nicht so gut beantworten. Das hat erstmal nichts mit LSBAATIPQQ+ Sein zu tun, aber vielleicht findest du da in Kink Communities weiter Auskunft darüber – es gibt dort das so genannte Age Play, was allerdings nicht unumstritten ist, also achte gut darauf, woher du deine Informationen beziehst und welche Bedürfnisse hier angesprochen werden. Wir kennen uns mit dieser Thematik nicht gut genug aus, um darüber weiter Auskunft zu geben.

Wir wünschen dir alles Gute!
Viele Grüße,

Balth

Kummerkasten Antwort 93 – Sind queere Menschen zu empfindlich?

Hallo,
ich würde meine Frage gerne an Hand eines Beispieles/ Phänomens herleiten:
Wenn (oft sehr deutlich/ plump bei Kindern zu sehen) Kinder aber auch generell einfach Menschen einem Menschen begegnen, z.B. einem Mann mit langen Haaren/ einer Frau mit kurzen Haaren/ etwaigen anderen konträren Ausprägungen von Größe, Muskel- Gesichtsstrukturen, generell ehr androgynen oder maskulinen Attributen aber halt beim “Gegenteil” fragen diese ja oft “Bist du ein Junge oder ein Mädchen?” Und Leute die solche Aussehenszüge haben wissen das ja auch meistens, dass so eine Frage mal kommen kann und können die dann auch einfach annehmen ohne sich da groß was bei zu denken.
Gerade im Internet aber auch generell rund um die LGBTQ Community und Gespräche zu dem Thema kommt es mir häufig auch so vor, als ob da eine solche “Leichtigkeit” ehr weniger präsentiert wird bzw. Leute da sehr hohe Maßstäbe und ein extrem überdurchschnittliches Maß an PC einfordern – was, und das möchte ich auch betont herausstellen, ja auch seine Richtigkeit und Wichtigkeit für die Ernsthaftigkeit des Themas in der Öffentlichkeit hat. Jedoch wirkt es auch sehr abschreckend für Außenstehende, da diese sich im zweifel erst Informieren müssen oder sich nie wirklich tief genug eingearbeitet fühlen was dann wieder zu Abgrenzung und Desinteresse bzw zu weniger Verständnis führt.
Ich selber beschäftige mich mit dem Thema, weil es mich interessiert und es im Umgang mit Menschen neue Möglichkeiten bietet, aber auch ich habe da Fragen die nicht immer klar zu beantworten sind oder Bereiche, in denen es extrem schwer fällt sich zu bewegen, wenn man “kein Teil” der Community (im Sinne von diese nicht zu Probleme kennen/ sich nicht QUER o.ä zu fühlen) ist.
Ihr als Anlaufpunkt im Internet für Leute mit Problemen aber auch als Informationsseite für Interessierte wie mich, wie würdet ihr das “Befinden der LSBAATIPQQ+ Community” in der aktuellen Gesellschaft einschätzen?
Und wie würdet ihr den Umgang aber auch die Empfindlichkeit seitens der LSBAATIPQQ+ Community wenn es um die richtige Anrede/ “Benennung” geht einschätzen (es gibt da ja auch ab und zu Leute die hier berichten, dass es sie stark kränkt nicht richtig benannt/ gegendert zu werden (Artikel etc)) und vielleicht könnt ihr mir und anderen erklären, warum es so wirkt, als wären da Leute so viel schneller gekränkt? Also klar, man hat es als Abweicher von der gesellschaftlichen Norm immer schwer und ich kann verstehen, dass man da entweder abstupft oder sehr empfindlich wird, aber wie ist das auch mit der Verhältnismäßigkeit aus eurer Sicht?
Kann und muss man erwarten dass alle so Tief drinnen im Thema sind sich da perfekt ausdrücken zu können und gerade bei Abstufungen die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind (wie Mann/Frau), warum scheint es da nicht diese Toleranz wie bei der kindlichen Frage “Bist du ein Junge oder ein Mädchen?”zu Geben, die oft ja einfach von nicht mehr Zeugt als Interesse, Unwissenheit aber auch einer aufgeschlossenen Naivität bzw. was ist der richtige Weg sich in solchen Communitys zu verhalten, zu fragen und was sind absolute NoGos die eine klare Grenze brechen und wirklich triggern oder auch, was sind Punkte, wo diese Toleranz existiert oder auch aus eurer Sicht existieren sollte?

Ich hoffe meine Frage wurde einigermaßen klar “:) wäre auf jeden Fall cool da einen Einblick zu bekommen

Hallo unbekannter Mensch,

vielen Dank für deine Frage – auch wenn sie kompliziert ist, finde ich es sehr wichtig, dass wir über dieses Thema reden, weil da immer wieder sehr viele Missverständnisse entstehen. Gehen wir also Schritt für Schritt diese Themen durch, die du anschneidest. Klare Grenzen oder NoGos können wir hier leider nicht bieten – die sind für alle Menschen unterschiedlich und wir können da nicht für alle sprechen. Aber wir können über das Thema Empfindlichkeit reden.

Vielen queeren Menschen (aber auch anderen marginalisierten Gruppen wie z.B. be_hinderten Menschen oder BI_PoC) wird vorgeworfen, dass sie zu empfindlich sind, sich zu sehr an Kleinigkeiten aufhalten oder zu aggressiv reagieren, wenn eine Person einen Fehler macht. Scheinbar unbedeutende, harmlose Sätze oder Taten werden plötzlich zu einem riesigen Problem, und das, obwohl die Frage oder der Kommentar gar nicht böse gemeint war, vielleicht aus ehrlichem Interesse heraus kam und die andere Person wirklich nicht verstehen kann, warum das jetzt eine große Sache sein soll. Warum selbst kleine Worte (wie z.B. Pronomen) und Taten aber doch schon ein großes Problem sein können und warum diese Sachen nicht so harmlos sind, wie sie vielleicht aussehen, versuche ich hier mal aus ein paar Blickwinkeln zu beleuchten:

  1. Wir hören solche Fragen viel zu oft. Für unser Gegenüber kann es das erste Mal sein, dass x eine trans Person trifft, und dann ist es ganz aufregend, und so eine Frage wie “Bist du jetzt eigentlich ein Mann oder eine Frau?” ist für das Gegenüber ganz neu. Wir werden aber ständig damit konfrontiert. Das kann ganz schön an einer Person kratzen, vor allem, wenn diese Person binär trans ist, also zum Beispiel eine trans Frau ist, aber nie von außen als Frau wahrgenommen wird. Dann ist so eine harmlos gemeinte Frage eine schmerzhafte Erinnerung, dass wir immer noch nicht so wahrgenommen werden, wie wir wirklich sind.
  2. Oft sind die Fragen, die wir kriegen, sehr grenzüberschreitend. Trans Menschen werden z.B. oft gefragt, was sie denn “zwischen den Beinen” haben, lesbische Paare darüber ausgequetscht, wie sie denn jetzt eigentlich Sex haben, usw. Solche Dinge werden wir auch oft von Wildfremden gefragt, die von uns erwarten, dass wir mit ihnen über unsere Genitalien oder unser Sexleben reden, obwohl sie das mit anderen Leuten, die sie kaum kennen, selbst nie diskutieren würden. Und manchmal sind die Fragen auch ein bisschen subtiler, z.B. “Wer ist denn der Mann in der Beziehung?” oder “Und, hattest du schon deine OP?”, aber letztlich geht es oft immer noch darum, dass Menschen intime Details über uns erfahren wollen, die ihnen nicht zustehen.
  3. Von queeren Menschen wird oft erwartet, dass sie wandelnde Informationsquellen über ihre Identitäten sind. Menschen, die keinen Bezug zum Thema Bisexualität haben, quetschen dann ihren bisexuellen Bekannten über sein Leben uns seine Orientierung aus, und wenn die Person nicht antworten will oder sich nicht ernst genommen fühlt, weil es ständig nur um diese Themen geht, weil andere das “spannend” finden, dann werden andere schnell beleidigt. Wer sonst keine Berührungspunkte mit queeren Menschen hat, darf aber nicht von queeren Menschen erwarten, dass sie einem all die Fragen beantworten, die einem so im Kopf rumgehen – dafür gibt es Bücher, Aktivist*innen, oder Onlineplattformen wie uns, die speziell dafür da sind, um Informationen zu geben. 
  4. Manchmal sind Fragen, die wir gestellt kriegen, aber auch wirklich harmlos. Sie sind nett gemeint, halbwegs reflektiert und ohne verletzende Sprache gestellt – und trotzdem kann es sein, dass eine queere Person eine negative Reaktion darauf hat. Das kann daran liegen, dass viele von uns sehr viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, die sich in unserem Kopf festsetzen. Ein Vergleich: Eine Person, die mal von einem Hund gebissen wurde, hat vielleicht später Angst vor allen Hunden, egal wie niedlich und lieb sie sind. Eine schlechte Erfahrung kann ausreichen, um einen Menschen auch auf lange Frist zu verletzen, und dann kann es schwierig für uns sein, Menschen zu vertrauen, die uns Fragen stellen oder Kommentare über uns abgeben.

Das sind ein paar Gründe, warum viele queere Menschen Probleme haben mit bestimmten Fragen oder Kommentaren, und warum wir oft übermäßig “empfindlich” wirken. Queere Menschen führen solche Gespräche ständig, obwohl sie nicht verpflichtet sind, eine Informationsquelle zu sein oder sich verletzende und diskriminierende Sprache anzuhören, die oft aus Unwissenheit entsteht.  Wenn sie also etwas krasser reagieren, als ihr Gegenüber es vielleicht erwartet, dann liegt es daran, dass es sehr oft passiert, oft sehr schmerzhaft ist, und dass wir nicht immer die Nerven haben, nett und lächelnd auf alles zu reagieren. Das hat dann nichts mit Political Correctness zu tun, sondern damit, dass queere Menschen Respekt verdienen, und wenn wir ihn nicht kriegen, dann haben wir ein gutes Recht, uns zu beschweren oder uns aus dem Gespräch zu ziehen.

Natürlich ist es wichtig, dass wir voneinander lernen und unsere Erfahrungen miteinander teilen – so lernen wir am Besten mehr andere Lebensrealitäten kennen, die außerhalb von unserer eigenen sind. Das sollte aber trotzdem immer so passieren, dass alle Beteiligten mit dem Gespräch einverstanden sind und dass es niemandem schadet. Wer sich in einem Gespräch mit einer queeren Person vor dem Kopf gestoßen fühlt, weil die queere Person nicht so nett und zuvorkommend antwortet, wie x sich das wünscht, dann wird die Schuld sehr oft auf die queere Person geschoben, die dann empfindlich und “zu PC” genannt wird. Die wenigsten Leute suchen aber die Schuld bei sich selbst, oder sie springen direkt um zu “oh nein, ich bin ein furchtbarer Mensch und sollte nie wieder mit einer queeren Person reden”. Beides hilft uns nicht wirklich dabei, dass andere Leute uns besser verstehen. Wer einen Fehler macht, ist nicht automatisch ein schlechter Mensch, sondern sollte sich dafür entschuldigen und dafür sorgen, es in Zukunft besser zu machen. Und nicht beleidigt sein, wenn die Kritik nicht mit einem netten Lächeln kommt – denn dafür haben viele von uns einfach nicht den Nerv.

Zusammengefasst: Queere (und andere marginalisierte Menschen) wirken oft “zu empfindlich”, weil sie die gleichen Erfahrungen immer und immer wieder machen (was übrigens “Mikroaggressionen” genannt wird) und sich dabei einiges an Schmerz und Wut aufbauen kann. Wir sind aber genau angemessen empfindlich, und wer mit uns redet sollte sich fragen, a) ob die Gesprächsthemen angebracht sind und ob sie mit anderen über sowas reden würden (siehe Genitalien oder Sexleben) und b) ob es vielleicht berechtigt ist, dass die andere Person so reagiert. Wer dadurch Berührungsängste hat, sollte sich bewusst sein, dass ein Fehler eine Person nicht zum schlechten Menschen macht, und dass wir aus Fehlern lernen können, es in Zukunft besser zu machen (z.B. indem wir uns erstmal über bestimmte Themen informieren und die andere Person fragen, ob sie Lust auf dieses Gesprächsthema hat). 

Ich hoffe, das war hilfreich!
Viele Grüße,

Balthazar

LGBT Health Awareness Week

Die LGBT Health Awareness Week findet jährlich in der letzten Woche im März statt und soll Aufmerksamkeit darauf lenken, dass queere Menschen insgesamt ein erheblich höheres Risiko für schlechte physische und psychische Gesundheit haben als hetero und cis Menschen, sowie mehr Diskriminierung im medizinischen und psychologischen Sektor erfahren. Jedes Jahr finden verschiedene Aktionen online und offline statt, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen.

Kummerkasten Antwort 76 – Furry und queer?

Hallo.

Ich hatte noch nie eine Freundin, so wie man das eben schon in der Schule hat. Ich habe das bislang immer damit begründet, dass mein Umfeld immer sehr Jungs-lastig war, auch in der Hochschule. Da gab es ein paar schwule Männer, ich akzeptiere sie so wie sie sind. Da ist für mich nichts besonderes dabei, im Gegensatz zu meinen Eltern. Mittlerweile bin ich 27. Ich habe schnell akzeptiert, dass die Vorstellung von Sex nicht so meins ist und ich wohl asexuell sein könnte. Ich bin im zweiten Anlauf vor ein paar Monaten über Cosplay ins Furry-Fandom reingekommen. Aus unbekannten Gründen haben sich in dieser Gruppe überdurchschnittlich viele queree Menschen eingefunden. Trotzdem bedeutet ein Furry zu sein nicht zwingend queer zu sein. Aber trotzdem habe ich darüber nachgedacht, aber nichts so recht gefunden was mit mir ist. Ich fühle mich auch nicht so recht zu Männern hingezogen. Nur dass ich gerne einen sportlichen Körper haben will. Für mich ist es eine schöne Vorstellung mit einer Freundin zu kuscheln und aneinander zu liegen. Aromantisch bin ich wohl auch nicht? Mir ist aber aufgefallen, dass mir Charactere (Fursonas) ohne Geschlechtsdefinition besonders gefallen.

Hallo,

ich hoffe, ich kann deine Frage beantworten – in unserem Team kennen wir uns nicht gut mit dem Furry-Fandom aus, deswegen versuche ich mich vor allem auf den Teil mit der Sexualität und dem Geschlecht zu konzentrieren.

Es ist vollkommen okay, noch keine Beziehung gehabt zu haben und vielleicht auch insgesamt keine zu haben – es ist eine unfaire Erwartungshaltung von der Gesellschaft, dass alle Menschen eine (romantische, sexuelle) Paarbeziehung wollen und haben und dass sie am besten damit schon in der Schulzeit anfangen sollen. Viele Menschen haben keine Paarbeziehung, vor allem nicht in der Schulzeit, und es gibt viele verschiedene Gründe dafür.

Es klingt durchaus für mich so, als könntest du asexuell sein. Asexualität ist Teil der queeren Community, von daher ergibt es durchaus Sinn für mich, dass du dich unter queeren Furrys unter deinesgleichen fühlst. Kuscheln und körperliche Nähe haben ja an sich nichts mit Sex (und auch nicht unbedingt mit romantischen Gefühlen) zu tun, d.h. wenn du das Gefühl hast, dass das Label “asexuell” für dich passt, dann steht dem nichts im Wege.

Vielleicht ist das Furry-Fandom für dich auch ein Einstieg, um dich mehr mit Geschlecht auseinanderzusetzen. Du schreibst, dass dir die geschlechtsneutralen Varianten besonders gefallen – vielleicht kann dich das zum Nachdenken anregen über deine eigene Geschlechtsidentität oder die deiner bevorzugten Partner*innen. Du könntest dich ja mal mit dem Begriff “nichtbinär”/”nonbinary” auseinandersetzen, falls dich das interessiert.

Hoffentlich war das hilfreich. Weiterhin viel Erfolg bei deiner Suche!

Viele Grüße, Balthazar