Kummerkasten Antwort 174 – Kein trans Mann, aber was dann?

Hallo,

ich bin mittlerweile 27 und stehe vor einem Dilemma.

Seit einigen Jahren hadere ich bewusst mit meiner Geschlechtsidentität. Vor 3 Jahren fing ich an zu denken ich sei vielleicht einfach “ein schwuler Mann in einem weiblichen Körper”.

Nach und nach wurde mir immer bewusster, dass ich mich mit dem weiblichen Aspekt irgendwie nicht richtig identifizieren kann.

Vor ca. einem Jahr wurde ich durch Kontakt zur Queercommunity auf trans und enby aufmerksam.

Jetzt aber zum richtigen Dilemma: retrospektiv passt relativ vieles auf trans. Als kleines Kind hab ich zum Beispiel eher versucht im Stehen zu pinkeln und war schon eher ein Tomboy (abgesehen von sehr kurzen Haaren, ich trage meine seit 20 Jahren schulterlang).

Ich fing Anfang diesen Jahres an auch Männerklamotten zu shoppen. Ein mulmiges Gefühl bleibt irgendwie, v.a. sozial.

Ich habe packing und binding alleine zu Hause ausprobiert: fühlt sich richtig an.

Wenn ich jetzt allerdings daran denke ich würde mich als TransMANN outen: Irgendwas funktioniert nicht.

Mann finde ich irgendwie den falschen Begriff. Ich sehe mich nicht so wie alle Männer um mich rum sind. Ich bin zwar gefühlt eher männlich aber irgendwie passt mir zur Gruppe Mann zu gehören auch nicht.

Was könnte ich sein? Wer bin ich?

Ich benutze übrigens seit ca. 3 Monaten mit Online-Freunden he/him und den Namen Alex. Fühlt sich gut an, ist aber eben meist auf Englisch. Auf Deutsch ist’s wieder seltsam.

Danke für Eure Hilfe schonmal,

Michelle

Hi du,

ich kann deine Suche und deine Verwirrung sehr gut nachvollziehen, und kenne deine Fragen auch selbst. Geschlecht ist nunmal einfach übel kompliziert und seltsam, wenn eins nur lange genug darüber nachdenkt.

Vielleicht hilft es dir ja zu wissen, dass die Art und Weise, wie du dich präsentierst, nichts damit zu tun haben muss, wie du dich identifizierst und welches Geschlecht du bist? Es gibt z.B. eine Menge Butches, die “Männerklamotten” tragen, sich maskulin geben, evtl. einen “Männernamen” tragen und er-Pronomen benutzen und sich trotzdem nicht als Männer identifizieren, sondern z.B. als Frauen oder nichtbinär oder eben einfach nur butch. Es gibt aber auch sehr viele Männer, die auch keine besondere Zugehörigkeit zur Kategorie “Mann” empfinden, die nicht in männliche Stereotype passen, die vielleicht das Gefühl haben, nicht viel mit anderen Männern gemeinsam zu haben und die trotzdem das Recht haben, sich als Männer oder männlich zu identifizieren, wenn sie das für sich selbst passend finden.

Wir wissen aber leider alle, dass die Gesellschaft echt Schwierigkeiten hat, wenn Sachen in Punkto Geschlecht nicht zusammenpassen – dann ist es meistens entspannter, ein praktisches Label bzw. eine Erklärung parat zu haben, weil es Dinge einfacher macht. Nach dem, was du beschreibst, wäre vllt. “demiboy” ein passendes Label für dich? Ein “Demiboy” ist ein Mensch, der sich nur teils mit Männlichkeit identifizieren kann, oder nur mit manchen Aspekten von Männlichkeit. Du könntest auch einen Überbegriff wie genderqueer oder nichtbinär verwenden, wenn du dich nicht genau festlegen willst.

Egal, welches Label du verwendest, nur du kannst entscheiden, welche Klamotten, welche Pronomen und was sonst noch alles für dich da dazugehört. Vielleicht möchtest du auf deutsch lieber erstmal auf Pronomen verzichten, wenn “er” sich nicht richtig anfühlt, oder vielleicht verschiedene eigene Pronomen ausprobieren?

Ich hoffe, das konnte dir ein wenig helfen.
Alles Gute und viele Grüße,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 100 – jung und nicht weiblich – aber was?

Hey.
Ich habe mir ein paar Fragen und Antworten von anderen Menschen durchgelesen, aber irgendwie beschreibt keine einzige wirklich mich.
– Ich bin weiblich, trage aber nicht gerne weibliche Klamotten, möchte aber auch nicht männlich sein, und andererseits mag ich das Personalpronomen “sie” nicht und will keine Brüste haben. –
Ich möchte auch eigentlich nicht, dass irgendwer davon erfährt. Zudem bin ich noch ziemlich jung.

Hey Unbekannte*r,

danke für deine Frage. Was du beschreibst, klingt für mich, als könntest du agender sein oder vielleicht eine andere nichtbinäre Identität haben. Nichtbinär ist ein Label aus dem Bereich von trans Identitäten und beschreibt alle Menschen, die sich nicht ausschließlich als männlich oder weiblich definieren. Wer nichtbinär (oder trans im Allgemeinen) ist, kann sich nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren – in deinem Fall weiblich. Es gibt noch sehr viel mehr Geschlechter als nur männlich und weiblich, das wird aber in unserer Gesellschaft oft versteckt, und es ist deswegen verständlich, dass du verwirrt bist. Das ist voll okay.

Nichtbinär ist ein Überbegriff für sehr viele verschiedene Geschlechter, die nicht männlich oder weiblich sind – agender ist eins davon. Wer agender (oder auch genderlos oder geschlechtslos) ist, hat kein Geschlecht oder kann mit Geschlecht an sich nichts anfangen. Vielleicht kannst du ja mit einem dieser Begriffe etwas anfangen? Wenn nicht, ist es auch voll okay – du bist überhaupt nicht verpflichtet, dich auf ein Label festzulegen. Stattdessen kannst du auch einfach nur tun, was sich gut und richtig anfühlt, ohne es genau benennen zu müssen. Du könntest z.B. deine Brüste mit einem Binder abbinden – wie das geht und was du dabei beachten musst, kannst du in unserer Binderbroschüre erfahren. Du kannst außerdem mit Pronomen experimentieren, wenn “sie” sich nicht gut anfühlt. Vielleicht passt dir ja “er” oder “es” besser, oder vielleicht möchtest du dir ein eigenes Pronomen überlegen? Viele nichtbinäre Menschen in Deutschland mögen es aber auch, kein Pronomen zu verwenden, also statt Pronomen einfach immer nur den eigenen Namen oder eine Kurzform davon zu benutzen. Vielleicht fühlst du dich sicher genug, um ein paar Freund*innen oder Familienmitglieder zu bitten, andere Pronomen für dich zu verwenden. Wenn du dich das nicht traust, kannst du die neuen Pronomen aber vielleicht auch einfach nur anonym und online ausprobieren, z.B. auf einem Social-Media-Account oder so.

Es ist vollkommen okay, sich nicht zu outen. Du bist überhaupt nicht verpflichtet, irgendwem dein Geschlecht zu offenbaren und wem du es erzählst oder nicht erzählst, bleibt ganz allein deine Sache. Es ist vollkommen okay, es niemandem zu erzählen, oder nur ganz wenigen Leuten – es ist voll und ganz deine Entscheidung, wie du dich vor wem outest. Außerdem darfst du dir dafür so viel Zeit lassen, wie du brauchst.

Ganz viel Erfolg bei deiner Selbstfindung! Komm jederzeit vorbei, wenn du noch weitere Fragen hast. 🙂
Viele Grüße,

Balthazar

Gender Euphorie

Gender Euphorie: Gender Euphorie bezeichnet das Gefühl, das nichtbinäre und trans Personen empfinden, wenn ihre Geschlechtsidentität durch Außenwahrnehmung bestätigt wird, beispielsweise, wenn die richtigen Pronomen verwendet werden. Gender Euphorie kann als Gegenkonzept zu Dysphorie gesehen werden.

Folge 2: Geschlecht und Sprache

Hallo und herzlich willkommen zur zweiten Folge unseres Podcasts „Buchstabensuppe“. Heute geht es um das Thema Geschlecht und Sprache. Was diese beiden Themen miteinander zu tun haben, klären wir gleich am Anfang. Dann werden wir uns drei wichtige Ebenen anschauen, in denen Sprache und Geschlecht zusammenwirken, nämlich geschlechtergerechte Sprache, Pronomen und Sprachhandeln. Keine Sorge, wir erklären ganz von vorne, was das überhaupt ist.

 

Geschlecht und Sprache ✨ Generisches Maskulinum wegglitzern! ✨

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