Kummerkastenantwort 236: Bin ich auch ein trans Mann, wenn ich manchmal Mädchensachen mag?

Hallo,

Ich Kämpfe seit einiger Zeit mit dem Gedanken Trans zu sein. Lange habe ich diesen Gedanken verdrängt, dann konnte ich ihn nicht akzeptieren. Inzwischen bin ich mir weitestgehend sicher dass ich eigentlich ein Mann bin (ich wurde als biologisches Mädchen geboren).
Ich habe starke Gender Dysporia und will sowohl meinen Körper als auch meinen Namen gerne ändern. Außerdem habe ich festgestellt dass ich mich mit “er” Pronomen besser fühle.
Nun gibt es jedoch einige Dinge die mich verwirren. So finde ich es zum Beispiel nicht mega schlimm mit “sie” Pronomen angesprochen zu werden. Und ich wünsche mir dass meine Schwester weiterhin Schwester zu mir sagen wird wenn ich mich oute. Auch manche Mädchensachen mache ich gerne. So ziehe ich zum Beispiel manchmal gerne Mädchenklamotten an und Schminke mich manchmal gern. Darf ich das aber wenn ich trans bin? Oder bin ich dann doch nicht trans?
Ich habe das Gefühl nicht hundertprozentig Mann zu sein. Also von meinem Gefühl her würde ich sagen ich bin zu 80 oder 90% Mann und der Rest ist Frau.
Ich habe von dem Begriff Bigender gehört und finde ihn passend. Kann man trans und Bigender sein? Oder bin ich einfach ein etwas femininer Mann?
Wenn ich nicht zu 100% Mann sein will, kann ich dann überhaupt Hormontherapie und OPs oder so was machen?

Und noch etwas. Früher wurde ich gemobbt weil ich mich nicht Mädchenhaft genug verhalten habe. Wenn ich mich jetzt als Mann oute und dann aber nicht männlich genug wirke habe ich Angst dass mir das selbe andersrum wieder passiert. Ich bin einfach körperlich nicht stark genug, bin sehr sensibel und auch sonst nicht typisch männlich. Aber auch nicht typisch weiblich weil ich mich damit eben nicht identifizieren kann.

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen, denn ich bin so verwirrt und weiß nicht wen ich sonst um Hilfe fragen kann. Danke

Hallo lieb* Unbekannte*r,

Wie wir hier immer wieder schreiben: Wir können dir nicht sagen, welches Geschlecht du hast. Das kannst nur du und niemand sonst wissen. Wir können dir hier nur unsere Gedanken zu deinen Fragen mitteilen. Was du damit machst, ist deine Sache.

Um eins vorneweg ganz klar zu sagen:

Ja! Ja, du kannst ein trans Mann sein, auch wenn du “sie” Pronomen nicht total schlimm findest. Ja, du kannst ein trans Mann sein, wenn du als “Schwester” bezeichnet werden willst. Ja, du jannst ein trans Mann sein, wenn du gerne “Mädchen-“klamotten trägst. Ja, du kannst ein trans Mann sein, wenn du Make-Up magst.

Du musst kein biertrinkender Macho-Muskelprotz sein, um ein trans Mann zu sein. Du bist du, und die einzig wichtige Frage ist, ob du findest, dass das Wort “Mann” dich gut beschreibt.

Zu deiner bigender-Frage: Ja, du kannst auch trans und bigender sein. Trans bedeutet einfach nur, dass das Geschlecht, dass du bei deiner Geburt zugewiesen bekommen hast für dich nicht, nicht immer oder nicht vollständig passt. Insofern bist du (wenn du den Begriff für dich benutzen willst) auch trans, wenn du bigender bist. (Bei deiner Beschreibung musste ich übrigens an den Begroiff demiboy denken – vielleicht ist das auch ein guter Begriff für dich?)

Es kann aber natürlich auch sein, dass du ein femininer Mann bist und nicht bigender oder demiboy. Das kannst nur du wissen und über dich selber herausfinden.

Grundsätzlich kannst du auch eine medizinische und rechtliche Transition machen, wenn du bigender bist oder ein femininer trans Mann. Das einzige Problem sind  manchmal die Gutachter*innen, die für das Gericht bescheinigen müssen, dass du trans bist. Sie haben manchmal sehr spezifische Vorstellungen von Männlichkeit. Informiere dich bei einer trans Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe in deiner Nähe bevor du zu den Gutachter*innen gehst, die können dir Tipps geben.

Ich kann gut verstehen, dass du Angst vor Mobbing hast, wenn du ein femininer Mann bist. Und ich wünschte, ich könnte dich beruhigen und sagen, dass das nicht passieren wird. Das kann ich leider nicht versprechen. Ich kann dir nur raten, dir Verbündete zu suchen (am Besten bevor du dich outest), z.B. ein*e Lehrer*in, den*die du magst, Freund*innen, Sozialarbeiter*innen etc. , die dir im Zweifelsfall zur Seite stehen.

Ich wünsche dir alles Gute! Schreib uns gerne nochmal und erzähl uns, wie deine Geschichte weitergeht!

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkastenantwort 230 -Kann sich Sexualität mit dem Geschlecht ändern?

Hallo an euch!
Erstmal ein riesen Lob an euch, ihr macht das toll!
Nun zu meiner Frage:
Kann sich eine Sexualität ändern wenn sein Geschlecht sich wechselt?
Es mag vielleicht etwas komisch klingen, dennoch würde es mich interessieren was ihr davon haltet.
Ich bin nämlich größtenteils Junge und gelegentlich ein Mädchen (so wie ich zur Welt kam) und als Mädchen kann ich sagen dass ich bisexuell bin aber als Junge würde ich eher einen Jungen als Partner haben als ein Mädchen.
Kann es sein dass ich einfach nur bisexuell bin in beiden Fällen oder dass ich bisexuell als Mädchen und Homosexuell als Junge bin?
Vielen Dank,
Jess

Hallo Jess,

Die kürzeste Antwort auf deine beiden Fragen ist „ja“. Die etwas längere ist: Ja, Label können sich abhängig von der Situation ändern.

Die ausführliche ist: Label sind immer nur eine Annäherung. In einem Label kommt sozusagen das Ergebnis einer ganzen Menge Sachen zum Ausdruck. Wer bin ich? In wen verliebe ich mich (vielleicht)? Und all das in einem Wort zusammenzufassen, ist schwierig bis unmöglich, ohne dabei Feinheiten zu verlieren. Zum Beispiel bedeuten die Begriffe „heteroflexibel“ und „homoneugierig“ inhaltlich sozusagen erstmal das selbe und laufen da irgendwie auf „bisexuell“ raus – jedoch haben flexibel und neugierig einen sehr anderen Unterton.

Bei dir kommt dann ja noch dazu, dass sich dein Geschlecht tatsächlich wechselt. Das heißt, es geht nicht darum, mit einem Label irgendwie vereinfacht zu beschreiben, was für Beziehungen für dich der Idee nach passend wären, sondern das müsste auch gleich noch den Geschlechtswechsel mitbeinhalten. Das kann ein einzelnes Wort gar nicht leisten. Somit ist es allein schon von den Worten her sehr logisch, dass sich da was ändern könnte.

Wenn wir die Kiste jetzt sozusagen aufmachen und du sagst „als Junge ist es für mich so“ und „als Mädchen aber so“, dann beantwortest du dir deine Frage gewissermaßen selbst: Die sexuelle Orientierung ändert sich für dich abhängig vom Geschlecht. Und wenn das bei dir so ist, dann ist es möglich und kann sein.

Ich hoffe, das konnte dir ein wenig weiterhelfen. Falls du noch Fragen hast, kannst du dich auch gerne nochmal melden. In jedem Fall wünsche ich dir, Jess, alles Gute.

Liebe Grüße,
Xenia

Kummerkastenantwort 231 – bin ich biegender oder genderfluid?

hallo ich bin Tanja

mein Problem ist : ich fühle mich an manchen Tagen wie ein Junge und gleichzeitig wie ein Mädchen ich weiß aber nicht ob ich Bigender bin oder doch genderfluid. Ich hoffe jemand kann mir helfen

Hallo Tanja,

was für ein Label für dich passt, liegt allein an dir festzulegen. Ich werde im folgenden auf die beiden Label, bei denen du dir unsicher warst etwas näher eingehen und Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausarbeiten.

Bigender ist ein nicht-binäres Label, das beschreibt, dass eine Person zwei Geschlechter hat. Zum Beispiele Mann und Frau oder Frau und Agender. Dabei macht Bigender nicht direkt eine Angabe dazu, wie die beiden im Verhältnis stehen oder wie und ob sich die beiden Identitäten abwechseln. Für viele Menschen, die Bigender sind, ist das aber eine eher statische Angelegenheit. Beide Geschlechter sind immer oder meistens da und in der Regel ändert sich auch nicht, wie stark beide jeweils ausgeprägt sind.

Genderfluid ist auch eine nicht-binäre Identität. Der Fokus liegt aber darauf, dass sie immer im Fluss ist und sich dauerhaft, oder zu bestimmten, mehr oder weniger häufigen Auslösern, ändern kann. Von wo nach wo dabei das Geschlecht fließt, steckt nicht im Label direkt drin. Genausowenig, ob und wie sehr es dabei Zwischenstadien gibt.

Die beiden Label unterscheiden sich also am stärksten im Hinblick auf die Frage, welche und wie viele Geschlechter über die Zeit vorkommen. Bei Bigender sind das genau zwei, bei Genderfluidität sind es -theoretisch- beliebig viele. Genderfluid legt den Fokus dabei auf die Veränderlichkeit. Bigender muss auch keine statische Identität sein, kann das aber. Genderfluid kann sich quasi auf dem Spektrum zwischen zwei Identitäten abspielen, aber auch zwischen mehr als zwei Identitäten.

Vielleicht kannst du anhand dieses Vergleichs für dich etwas abstecken, welches der Label für dich besser passt. Ich wünsche dir alles Gute für deine Suche.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 189 – Kein Junge, kein Mädchen – irgendwie zwei Geschlechter?

Hey, ich bin 14 und weiblich
Ich habe nen kleines Problem galhabeal weil Ich mir echt nicht mehr sicher bin. Ich mag meinen weiblichen Körper zum Teil… Ich hasse aber meine brüste. Ich mag den Titel als Mädchen nicht aber junge gefällt mir auch nicht… Ich hatte früher immer Problem dabei ein “wirkliches” Mädchen zu sein. Da irgendwie alle meine Freunde jetzt trans sind bzw mich mehr zum nachdenken gebracht haben ob diese Verhaltensweisen nicht doch normal sind… Ich habe mittlerweile kurze Haare und trage sehr oft Sport bhs.. Ich liebe es wie ein Junge auszusehen aber manchmal trage ich auch sehr weibliches. Und irgendwie als junge kann ich es mir nicht vorstellen. Nun ist meine Frage bin ich tomboy oder doch was anderes was mich als Körper weiblich und als psychisch halb halb bezeichnet?

Zusätzlich noch eine andere frage. Ist es bi wenn ich mir vorstellen kann mit beiden Geschlechtern eine beziehung einzugehen… Ich finde den Körper einer Frau viel attraktiver aber verlieben tue ich mich hauptsächlich in Männer also der Charakter von männlichen ist mehr anziehend als bei einer Frau. Kurze gesagt bei einer Frau mag ich den Körper mehr
Und bei Männern den Charakter

help???

Hallo lieber unbekannter Mensch,

solche Fragen wie deine sind sehr nachvollziehbar, aber leider auch sehr kompliziert, weil niemand außer dir wissen kann, welches Geschlecht du hast bzw. welches Label du dafür benutzen möchtest – wir können dir das leider nicht einfach so vorschreiben. Was wir allerdings können, ist, dir ein paar Ideen und Hinweise zu geben.

  1. Es gibt keine Vorschriften, wie ein “männlicher” oder “weiblicher” Körper auszusehen hat. Wenn dir deine Brüste nicht in den Kram passen, du sie lieber versteckst, abbindest oder ganz loswerden möchtest, dich aber trotzdem als Frau oder weiblich identifizierst, fühlst oder bezeichnen möchtest, dann bist du es.
  2. Du schreibst, du kannst es dir nicht vorstellen als Junge – wenn das Label “Junge” oder “männlich” sich nicht richtig für dich anfühlt, dann musst du es auch nicht benutzen. Du kannst dich aber fragen, was genau sich daran für dich nicht richtig anfühlt – sind es die gesellschaftlichen Erwartungen und die Geschlechterrollen, die von Jungen erwartet werden? Oder ist es das Junge sein an sich, was für dich nicht richtig passt? Genauso kannst du dich fragen, was dir an Weiblichkeit nicht passt, oder an den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Mädchen und Frauen gestellt werden. Das kann dir helfen, dein eigenes Geschlecht und dein Empfinden ein bisschen zu trennen von gesellschaftlichen Bildern und Erwartungen. Nur, weil die Gesellschaft sehr klare Vorstellungen hat, wie Jungen und Mädchen sein sollen, heißt das nicht, dass irgendwas davon auf dich zutrifft. Du bist, wer du bist, und das ist auch gut so.
  3. Wenn du dich weder im Begriff “Junge” noch in “Mädchen” so richtig wiederfindest und wohlfühlst, möchtest du dich vielleicht als nichtbinär bezeichnen. Nichtbinär sind einfach alle Leute, die nicht männlich oder weiblich sind, oder nur teilweise, oder nur manchmal.
  4. Nichtbinär ist aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Geschlechter, z.B. genderfluid. Wenn du dich manchmal in weiblichen Kleidern wohlfühlst, manchmal aber nicht, dann kann es sein, dass dein Geschlecht fließend ist und sich manchmal ändert.
  5. Du schreibst von einer “halb halb” Geschlechtsidentität – darauf trifft z.B. der Begriff “bigender” zu. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechtsidentitäten haben, z.B. männlich und weiblich, oder weiblich und nichtbinär. Diese zwei Geschlechter können je nach Person z.B. gleichzeitig da sein, sich abwechseln, oder sich ständig mischen.
  6. Du selbst schlägst den Begriff “Tomboy” vor. Fühlt der sich für dich richtig an? Ist das ein Begriff, den du gerne für dich verwenden möchtest? Dann spricht nichts dagegen, den zu benutzen.
  7. Wichtig ist vor allem, dass du einfach weiterhin tust, was dir gut tut und was sich für dich richtig anfühlt. Egal, welches Label du verwendest, um dich und dein Geschlecht zu beschreiben, keines davon kann dir vorschreiben, wie du aussehen sollst, welche Klamotten du tragen darfst, mit welcher Sprache du dich wohl fühlst usw. Du weißt am allerbesten, was für dich richtig ist.

Zu deiner Frage mit Bisexualität interessiert dich vielleicht das sogenannte Split Attraction Model: Es gibt Menschen, die eine unterschiedliche romantische und sexuelle Orientierung haben, also wie in deinem Fall z.B. sexuell zu Frauen und romantisch zu Männern hingezogen sind. Wir haben da vor einer Weile mal eine Folge der Buchstabensuppe dazu gemacht, die findest du hier. Du kannst aber selbst bestimmen, ob du das Split Attraction Model verwenden willst, um über deine Anziehung zu reden, oder ob du findest, dass “bi” deine Gefühle und deine Anziehung besser beschreibt. Du kannst auch je nach Situation verschiedene Labels verwenden, wenn das für dich am nützlichsten ist.

Ich hoffe, diese vielen Begriffe waren nicht überfordernd und konnten dir ein bisschen helfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Balth

Kummerkasten Antwort 170: Welches Geschlecht habe ich?

Hallo alle miteinander,
Ich habe eine sehr dringliche Frage an euch.
Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen, allerdings fühlte ich mich schon seitdem ich 13 war nicht immer als solches.
Ich trug schon immer nur Kapuzenpullover und Sneaker etc.
Nun, mittlerweile bin ich fast 19 und die “Symptome” wurde immer deutlicher.
Ich habe mittlerweile Brust Dysphorie und Haar Dysphorie doch das nicht immer. Ich kann mich als Frau verstehen, dennoch gibt es öfters mal Zeiten an dem ich mich eher als Mann verstehe.
Ich habe seit einem Jahr angefangen andere Pronomen und einen anderen Namen im Internet auszuprobieren und ich kam zu dem Schluss, dass ich mich wohl fühlte.
Nun sitze ich zwischen den Stühlen und weiß nicht mehr weiter.
Ich weiß nämlich nicht welche Identität meiner Beschreibung am besten passt.
Ich bin eine Person die eine Zugehörigkeit für sein Wohlbefinden benötigt.
Ich hoffe ihr könnt mir helfen.
Liebe Grüße,
Felix.

Hallo Felix,

was wir hier immer sagen, kann ich dir nun auch weitergeben: Wir können dir nicht sagen, welches Label du benutzen sollst. Ich kann dir aber gern einige Vorschläge machen und hoffen, dass vielleicht etwas dabei ist, was dir helfen kann und für dich passt.

Du schreibst, dass du dich sowohl als Frau, aber auch und öfter als Mann verstehst. Damit wäre es z.B. möglich, dass das Wort “bigender” für dich passt. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechter haben, entweder gleichzeitig oder auch abwechselnd. Wenn es dir wichtig ist zu betonen, dass dein Verständnis von deinem Geschlecht sich immer wieder ändert, dann findest du dich vllt. in dem Begriff “genderfluid” wieder. Das bedeutet, dass deine Geschlechtsidentität wechselt, mal männlich oder weiblich sein kann (- mal aber vielleicht auch ein ganz anderes Geschlecht). Vielleicht spielt die Identifikation mit dem weiblichen Geschlecht für dich gar keine so große Rolle, und dir ist viel wichtiger zu betonen, dass du dich größtenteils männlich identifizierst? Dann trifft vielleicht die Bezeichnung “demiboy” ganz gut auf dich zu. 

Wenn du lieber allgemeinere, weiter gefasste Begriffe suchst, dann könnte “nichtbinär” als Überbegriff oder “genderqueer” dir weiterhelfen.

Am allerwichtigsten ist schonmal, dass du weiterhin tust, was dir gut tut und womit du dich wohl fühlst. Mit deiner Namensänderung, den neuen Pronomen, deinen Klamotten und allem anderen bist du auf jeden Fall auf einem guten Weg. Achte gut auf dich, hör auf deine innere Stimme, hab keine Angst, mal ein Label auszuprobieren und es später zu wechseln, falls es nicht passt, und lass dich nicht entmutigen, wenn manches etwas länger braucht oder nicht gleich zu 100% passt. Du wirst deinen Weg schon finden, und du bist auf jeden Fall unterwegs in die richtige Richtung!

Alles Gute für dich!

Balthazar

Kummerkasten Antwort 167: Soll ich mich als bigender outen?

Hallo!
Ich bin zwar kein Jugendlicher mehr, aber ich hoffe, ihr könnt mir trotzdem weiterhelfen.
Ich bin mit weiblichen Genen geboren, aber identifiziere mich nicht “nur” als Frau. Von Anfang zwanzig an habe ich mich gefragt, ob ich trans bin, aber so richtig wohl fühlte ich mich mit diesem Label nie. Vor ca. 5 Jahren bin ich über den Begriff Bigender gestolpert und nach ein wenig Recherche wusste ich, dass ich dort “zu Hause” bin. Außerdem bin ich androsexuell. Ich fühle mich in Bezug auf manche Bereiche meines Lebens weiblich (z.b. als Mutter) und in anderen männlich (insbesondere was Liebe, Sexualität usw. angeht). Außerdem habe ich immer mal wieder Tage, an denen ich mich im allgemeinen eher männlich oder weiblich fühle.
Ich bin seit 13 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Wir lieben uns sehr, aber er könnte wahrscheinlich nicht damit umgehen, wenn er wüsste, dass er mit jemandem schläft, der sich in dem Moment als Mann sieht. Auch sonst weiß in meinem realen Leben niemand von meiner geschlechtlichen Identität, größtenteils weil wahrscheinlich niemand der Leute, die ich kenne, weiß, dass es neben schwul, lesbisch, bi und trans noch etwas anderes gibt. Sex als Mann mit einem Mann erlebe ich stellvertretend durch das Lesen von Gay Romance.
Nun zu meinem Problem: In letzter Zeit denke ich oft darüber nach mich zu outen. Ich habe nicht vor, an meinem Erscheinungsbild oder meinen Pronomen etwas zu ändern und will auch keinen geschlechtsneutralen Vornamen anzunehmen. Es fühlt sich nicht falsch an, wenn ich als “Frau XY” angesprochen werde. Ich mag meine Brüste und es stört mich auch nicht, wenn ich meine Periode habe.
Also warum? Was hätte ich davon, Unruhe in mein Leben zu bringen, wenn sich sowieso nichts ändern würde? Ich habe viele gesundheitliche und familiäre Belastungen (Kinder&demente Mutter), sodass ich mir nicht noch mehr aufhalsen will. Trotzdem lässt mich der Gedanke an ein Outing nicht los. Könnt ihr mir helfen, mich besser zu verstehen?
Schonmal danke im Voraus!
Gruß, Jutta

Hallo Jutta,

vielen Dank für deine Frage! Wir nehmen gerne Fragen aller Art von allen Menschen an, auch wenn sie nicht (mehr) jugendlich sind.

Ein Coming Out ist immer eine schwierige Entscheidung. Vor allem, wenn viel davon abhängt (eine langjährige Beziehung zum Beispiel), ist es mehr als verständlich, dass du zögerst. Es ist aber auch sehr verständlich, dass dich der Gedanke so sehr beschäftigt, dich deinen  nächsten anzuvertrauen, damit du die Möglichkeit bekommst, du selbst zu sein und dich nicht verstecken zu müssen. Ich möchte dich weder entmutigen, noch möchte ich leere Versprechungen machen – ich kann dir lediglich deine Optionen zeigen, die Entscheidung liegt allerdings ganz bei dir.

Eine Möglichkeit ist immer, deine bigender-Identität für dich zu behalten. Vor allem, wenn sich durch ein Coming Out nichts weiter ändern würde, ist das immer eine Option. Im Bezug auf queere Identitäten gibt es einen gewissen gesellschaftlichen Druck, sich outen zu müssen, aber in Wahrheit musst du gar nichts. Sich nicht zu outen (aus egal welchem Grund) ist vollkommen okay, und du bist niemandem verpflichtet.

Du sagst allerdings auch, dass dich der Gedanke nicht mehr los lässt – es ist vollkommen verständlich, dass du das Bedürfnis hast, dich darüber zu öffnen und mit vertrauten Menschen über dein Geschlecht (bzw. deine Geschlechter) zu reden. Vielleicht ist es da eine gute Möglichkeit, dich eng vertrauten Menschen zu outen? Vielleicht gibt es ja in deinem Freund*innenkreis Menschen, bei denen du mit einer positiven Reaktion rechnen kannst, oder vielleicht einfach Menschen, denen du grundsätzlich sehr vertraust? Ein Coming Out dort anzufangen, wo es nur wenige Hürden gibt, ist für viele Leute eine gute und bestärkende Option. Und wenn sich das erste Coming Out gut und richtig anfühlt, dann kannst du von da aus weitersehen und herausfinden, ob du dich noch vor anderen Menschen outen willst, und wenn ja, vor wem.

Viele Menschen versuchen auch, sich bei ihrem Coming Out langsam vorzutasten, indem sie Themen wie Queerness und Geschlecht in anderen Kontexten erwähnen. Du könntest zum Beispiel von einem Artikel erzählen, den du über eine bigender Person gelesen hast (da lässt sich sicher was finden), oder ein Youtube-Video von einer bigender Person teilen. So kannst du die Reaktionen deines Umfeldes auf diese Themen austesten, ohne dich direkt selbst verletzbar zu machen. Es bleibt allerdings zu bedenken, dass für viele diese Themen schwieriger zu begreifen sind, wenn sie nicht direkt mit ihnen zu tun haben – für eine fremde Person aus einem Artikel oder einem Video wird dadurch vllt. weniger Verständnis aufgebracht als für dich direkt. Sowas wie ein Artikel oder Video kann also ein guter Gesprächsstarter sein, muss aber nicht unbedingt und zu 100% widerspiegeln, wie eine Person auf dein persönliches Coming Out reagieren würde.

Wenn du dich vor Menschen outen willst, über deren Reaktion du dir unsicher bist (z.B. vor deinem Mann), dann ist es gut, wenn du dir vorher ein Sicherheits-Netzwerk aufgebaut hast, also Menschen, die dich auffangen und dich unterstützen können, falls etwas schief geht. Ich wünschte, dass wir davon nicht ausgehen müssten, aber leider kann es immer passieren, dass eine Person uns nicht annehmen kann, wie wir sind. Darum ist es wichtig, dass es Menschen gibt, auf die du dich verlassen kannst, egal ob die Bescheid wissen oder nicht.

Rückhalt kannst du z.B. auch in Communities finden. Vielleicht gibt es bei dir vor Ort eine Gruppe, einen Stammtisch o.ä. für nichtbinäre und trans Menschen mit Raum für Menschen, die bigender sind, oder vielleicht findest du eine Online-Gruppe, in der du dich austauschen kannst. Mit anderen über Erfahrungen zu reden, positive wie negative, und Unterstützung zu bekommen, ist immer hilfreich, vor allem, wenn du in anderen Kontexten nicht über das Thema bigender reden kannst.

Letztlich kannst nur du entscheiden, was für dich der richtige Weg ist. Wichtig ist nur: Ein Coming Out ist weder verpflichtend, noch muss es alle Menschen in deinem Umfeld umfassen. Nur du darfst entscheiden, vor wem du dich wie und wann outen möchtest.

Egal, wie du dich entscheidest, ich wünsche dir alles Gute. Der Kummerkasten und das Queer Lexikon sind jederzeit für dich da.

Alles Liebe,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 131 – Bin keine Frau und kein Mann?

Hi ich bin mir bei meiner Identität nicht sicher was ich aber weiß ist das ich nicht hetoro bin ich weiß aber nicht ob ich eine Frau oder ein man sein will ich bin irgendwie keines oder beides und weiß nicht wie ich damit umgehen soll

Hallo lieber unbekannter Mensch,

erst mal: Es ist vollkommen okay, unsicher mit der eigenen Identität und dem Geschlecht zu sein. Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, mit dem alle Menschen anders umgehen. Es ist absolut in Ordnung, wenn du dir Zeit nimmst, dich damit zu beschäftigen und dich zu hinterfragen.

Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, werden auch nichtbinär genannt. Das bedeutet erstmal nur, dass dieser Mensch keine Frau und kein Mann ist (oder manchmal kann es auch bedeuten, dass diese Person nur teilweise oder nur manchmal männlich oder weiblich ist). Nichtbinär ist ein eigenes Geschlecht, bzw. eine eigene Geschlechtsidentität, kann aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Identitäten sein, die nicht (oder nicht vollkommen) männlich oder weiblich sind.

Hier sind zwei Begriffe, die unter den Schirmbegriff “nichtbinär” fallen und die dir vielleicht helfen können, dich zu beschreiben:

  • Agender: Agender sind Menschen, die kein Geschlecht haben oder sich nicht mit den existierenden Begriffen und Konzepten von Geschlecht identifizieren (können oder wollen).
  • Bigender: Bigender sind Menschen, die sich mit zwei Geschlechtern identifizieren können, zum Beispiel in deinem Fall vielleicht männlich und weiblich. Bigender Menschen haben vielleicht beide dieser Geschlechter gleichzeitig, oder es kann auch sein, dass sie abwechselnd mal eins und mal das andere Geschlecht sind – oder eine Mischung aus beidem.

Mehr Begriffe für nichtbinäre Geschlechter findest du auch in unserem Glossar.

Ich hoffe, das hilft dir ein bisschen weiter.
Alles Gute und liebe Grüße, Balth