Kummerkasten Antwort 83 – Manchmal ein Junge, manchmal ein Mädchen?

Hallo,
ich weiß gar nicht wie ich Anfangen soll, ich bin momentan einfach irgendwie verwirrt und unglücklich. Und zwar fühle ich mich als Junge an Manchen Tagen wie ein Mädchen. Das hört sich jetzt wahrscheinlich komisch an, aber ich weiß nicht weiter. An manchen Tagen bin ich voll zufrieden und auch Glücklich während ich an anderen Tagen einfach nur herumsitze und sehr unglücklich bin aufgrund das ich mich manchmal eher als Mädchen fühle aber kein Mädchen bin. Wie nennt man denn sowas? Gibt’s dafür eine Erklärung?

Hallo lieber Mensch,

was du beschreibst, hört sich gar nicht mal so komisch an. Es klingt, als könntest du genderfluid sein – viele Menschen, denen es ähnlich geht wie dir, verwenden diesen Begriff, um zu beschreiben, dass sie nicht ein einziges, festes Geschlecht haben, sondern dass sie mehrere Geschlechter haben, zwischen denen sie ‘fließend’ wechseln. Oft wechselt das Geschlecht dieser Menschen zwischen männlich und weiblich, es kann aber auch zwischen anderen Geschlechtern wechseln. Wenn du dich zum Beispiel an manchen Tagen eher weiblich, aber nicht zu hundert Prozent weiblich fühlst, könnte es sein, dass du an diesen Tagen ein demigirl bist, also eine Person, die teilweise oder größtenteils weiblich ist, aber eben nicht vollständig.

Auf jeden Fall sind deine Erfahrungen mit deinem Geschlecht vollkommen in Ordnung und du bist nicht alleine. Vielleicht hilft es dir ja, dich mit anderen Leuten zu unterhalten, die genderfluid sind. Auf Social Media reden Menschen oft über ihre Erfahrungen mit fluidem Geschlecht, vielleicht gibt es da ja Menschen, denen du zuhören und mit denen du reden kannst. Und falls du noch weitere Fragen hast, kannst du dich jederzeit wieder gerne an uns wenden.

Viele Grüße und alles Gute,
Balthazar

Dritte Option

Die dritte Option ist eine Organisation, die sich für die Schaffung eines dritten juristischen Geschlechtseintrag einsetzte und den Eintrag “divers”, den es seit dem 01.01.2019 gibt kritisiert. Es geht auch hierbei nicht darum, dass es ein drittes Geschlecht gibt, der Name bezieht sich auf einen Schirmbegriff für alle möglichen Geschlechter.

*

Das Sternchen (*) wird auch als Form der geschlechtergerechten Sprache benutzt, beispielsweise ‘Leser*innen’, um auch nicht-binäre Menschen einzuschließen. Manche Menschen schreiben auch hinter Wörter wie “trans” oder “inter” ein *, um zu zeigen, dass an das Wort verschiedene Endungen wie “-sexuell”, “-geschlechtlich” und “-gender” angehängt werden können.

Kummerkastenantwort 71 – Was ist eigentlich ein Gender Bender?

Hallo liebe Gemeinschaft,

ich habe eine Frage zu meinem Geschlecht. Da ich mich noch nicht lange mit dieser Thematik beschäftige, was bedeutet “Gender Bender” ? Viele von meinen Freunden benutzen diesen Begriff.

Ich hoffe Ihr könnt mir helfen.

Hallo,

“Gender Bender” leitet sich von Gender benden oder Gender bending ab. Bend kommt dabei aus dem Englischen und bedeutet so viel wie “biegen” oder “beugen”. Im Englischen gibt es einen Ausdruck “to bend (the) rules” – das meint, dass sich Menschen Regeln sehr großzügig auslegen, es nicht ganz so eng sehen, was erlaubt ist, oder wie die Regeln gemeint waren – also ein sehr laxes Umgang mit dem Erlaubten.

Bei Gender Bending verhält es sich ähnlich. Die Gesellschaft hat sehr genaue Vorstellungen, wie Menschen aufgrund ihres Geschlechtes sind, was Frauen und Männer “dürfen”. Gender Bending ist jetzt, wenn Personen bewusst mit diesen Regeln spielen, sich bewusst an diesen ungeschriebenen Verboten reiben, und somit auch die Gesellschaft herausfordern – indem sie sehr untypische Dinge tun oder sehr typische nicht.

Gender Bending beinhaltet rein praktisch eine Menge Dinge, die Menschen, die nicht cis sind, häufig auch tun, um ein besseres Passing zu erreichen. Das Tragen von bestimmter Kleidung, das Benutzen von Make-Up oder das Zeigen bestimmter Posen und Haltungen. Der Unterschied hier liegt hauptsächlich im Zweck. Gender Bending kann ein Selbstzweck sein – ein pures Auflehnen gegen die überholten Regeln – und völlig unabhängig des eigenen Geschlechts stehen. Beiden, dem Streben nach Passing und dem Gender Benden, gemein ist, dass es auch darum geht, sich auszuprobieren, zu erkunden, und zu schauen, womit eins sich wohlfühlen kann.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 66 – Wie finde ich meine Geschlechtsidentität heraus? Wie kann ich mit übergriffigen und verletzenden Sprüchen umgehen?

Hallo,

ich hab keine Ahnung, ob ich hier richtig bin, aber ich weiß nicht, wohin ich mich sonst wenden kann. :-/

Ich bin biologisch gesehen ein Mädchen (jetzt 21 Jahre alt), aber ich wollte schon im Kindergarten lieber ein Junge sein. Ich wollte mich so verhalten wie ein Junge und auch so aussehen. Von meiner Familie und meinen Mitschülern habe ich deswegen viel Ablehnung/Kritik/Spott erhalten. In der Unterstufe haben mich die anderen Kinder “Zwitter” genannt. Sie haben das als Beleidigung gemeint, trotzdem frage ich mich immer häufiger, ob sie nicht vielleicht recht hatten.
Als ich noch jünger war, wurde ich sehr oft für einen Jungen gehalten und hab mich jedes Mal gefreut, wenn mich jemand “er” genannt hat. Dann bekam ich Brüste und hatte (weil meine Eltern das schön fanden) lange Haare und das war erst mal vorbei. Seit ich mir letztes Jahr die Haare abgeschnitten habe, werde ich auf der Straße wieder häufig als “Herr” angesprochen.

Ich habe ein massives Problem mit meinem Busen und frage mich jedes Mal, wenn ich vorm Spiegel stehe, wer sich diesen Mist ausgedacht hat. Allerdings will ich auch keinen Penis. Ich hasse meinen Busen, aber ich weiß nicht, ob ich ihn “genug” hasse um dafür eine OP auf mich zu nehmen. Ich werde auch nicht gerne als “Frau” angeredet (und oft zweifle ich auch an meinem weiblichen Vornamen). Allerdings käme es mir auch komisch vor, den Rest meines Lebens als “Herr” angesprochen zu werden (und ob ich gerne einen männlichen Vornamen hätte, weiß ich auch nicht).

Dadurch, dass meine Figur offensichtlich “weiblich” ist und mein Kleidungsstil inklusive Frisur und Verhalten eher “männlich”, wirke ich auf mein Umfeld sehr irritierend. Und werde leider nach wie vor extrem oft auf der Straße angepöbelt. Meistens von irgendwelchen Jugendlichen und mit dem Standardsatz: “Bist du Junge oder Mädchen oder was?” Meistens zucke ich dann zusammen und fühle mich scheiße. Vor allem, weil sie ja irgendwie recht haben und ich selber nicht weiß, wer oder was ich eigentlich bin.

Ich hab im Internet nach Tests zu dem Thema gesucht, aber nichts gefunden. Habt ihr vielleicht einen Rat, wie ich rauskriegen kann, was meine Geschlechtsidentität bzw. Gender ist? (Asexuell bin ich auf jeden Fall) Und irgendeinen Tipp, was ich tun kann, um die ganzen dummen Sprüche besser zu ertragen?

Viele Grüße und Danke,
L

Hallo L,
unsere Fragenbox ist genau für Fragen wie deine da.

Ich lese ziemlich oft, dass du Dinge nicht weißt, also, ob du einen anderen Vornamen nutzen magst, ob du dir etwas bis zum Ende deines Lebens vorstellen kannst, … da möchte ich dir mitgeben, dass es völlig in Ordnung ist, gerade auch sowas nicht zu wissen, sich damit unsicher zu sein und auch kein (festes) Label dafür zu haben oder zu finden. Und: es gibt immer Veränderung. Es ist also möglich, aber nicht vorhersehbar, dass Aspekte, die jetzt Teil deiner Identität sind, es irgendwann nicht mehr sind. Das ist aber völlig valid.

Wenn du sagst, dass du keinen Penis haben willst, obwohl du dich meistens wohler fühlst, wenn du männlich gelesen wirst, ist das einerseits kein Widerspruch, da niemand dir vorgeben darf oder kann, wie dein Körper zu sein hat, und andererseits ist vielleicht auch gerade die Frage, wie du gerne angesprochen wirst, etwas, dem du gezielt nachgehen und es ausprobieren kannst, was sich richtig anfühlt, indem du zum Beispiel Freund*innen bittest, bestimmte Prononem und Anreden auszuprobieren.

Zu deinen Brüsten: Vielen, die wegen ihrer Brüste dysphorisch sind, helfen Binder. Wir haben mal eine kurze Broschüre mit den wichtgisten Informationen dazu zusammengestellt. Vielleicht ist das etwas, was du mal ausprobieren könntest.

Die Art von Übergriffigkeit, die du beschreibst, hängt stark damit zusammen, dass unsere Gesellschaft sehr normativ geprägt ist. Das heißt, dass es bestimmte Normen und Regeln gibt, die scheinbar für alle gelten und dadruch auch von allen eingefordert werden. Das trifft insbesondere queere Menschen, da diese Normen auch vorsehen, dass alle hetero und cis sind. Wir finden das auch ziemlich uncool, und würden das gerne am liebsten Gestern beendet haben, aber das ist eine Sache, der wir wohl nicht schnell beikommen werden – sondern nur damit, dass die Gesellschaft offener und aufgeklärter wird. Und das dauert.
Gleichzeitig gilt. Es ist ok, dass du dich da verletzt fühlst. Das nichts, wo “drüber stehen” müsstest, oder “aushalten solltest”. Vielen hilft es, ein*e Freund*in, Therapeut*in, Bezugsperson, Seelsorger*in oder ganz allgemein eine Vertrauensperson zu haben, um über solche Erfahrungen zu sprechen, besser verarbeiten und damit umgehen zu können.

Zu deiner eigentlichen Frage, ob wir dir helfen können, herauszufinden, was deine Geschlechtsidentät ist: Nicht wirklich. Das ist etwas, das nur du selbst dir zuschreiben kannst und darfst. Das schöne daran ist, dass das auch bedeutet, dass niemand jemals das Recht hat, dir in diesem Bereich irgendwas vorzuschreiben, was und wie du zu leben hast. Wie schon gesagt, musst du deine Geschlechtsidentität auch nicht konkret benennen können oder ein Label für sie haben.
Ich kann aber auch verstehen, wenn du sagst, dass du auf jeden Fall eines haben magst, weil Label eben auch halt und Sicherheit geben können. Auch da gilt: ich kann dir keines vorschreiben, ich lade dich aber gerne ein, mal in unser Glossar zu schauen, vielleicht findest du da etwas, das dich anspricht. Einige der Begriffe dort sind eher spezifisch, andere weiter gefasst. Für manche reicht es völlig, wenn sie von sich sagen können, dass sie trans oder nicht-binär sind. Anderen ist es wichtiger, dass ihr Label sehr genau beschreibt, wer sie sind.

Zu deiner zweiten Frage nach einem Tipp, wie du solche Sprüche besser ertragen kannst, kann ich dir leider auch keine einfache und keine sehr zufriedenstellende Antwort geben. Solange in unserer Gesellschaft diese Normen stehen, solange wird es solches übergriffiges Verhalten geben, und solange wird es schwierig bis unmöglich, bei den Täter*innen anzusetzen, was unweigerlich dazu führt, dass es bei Ratschlägen eher darum geht, wie wir uns schützen können. Das ist in sich schon eine eher unbefriedigende Ausgangslage.
So eine richtige Lösung ist es nicht, aber, manchmal hilft es sicher schon, etwas nicht hören zu müssen. Falls du also ein geeignetes mobiles Telefon besitzt oder noch in den tiefen deiner Schubalden irgendwo ein MP3 schlummert, könntest du Musik für unterwegs mitnehmen. Musik, mit der du dich wohl- und gut fühlst. Und wenn du die hörst, und deine Kopfhörer nach außen dicht genug sind, musst das am Ende wenigstens nciht mehr hören. Wie gesagt, nicht sehr befriedigend, aber vielleicht nützlich.
Und dann, wie oben schon angeschnitten, eine Vertrauensperson suchen und finden, mit der du drüber reden kannst, die dich vielleicht gelegentlich begleiten und entsprechend für dich da sein kann.

Ich hoffe, ich konnte dir weiterhelfen und wünsche dir weiter viel Erfolg dabei, dich und deine Geschlechtsidentität kennen zu lernen.
Liebe Grüße
Xenia

Neue Kummerkastenantwort 45

Hey!

Wisst ihr, ich hab ewig lang darüber nachgedacht, mir die Brüste abzubinden und es eines Tages dann endlich getan- ich hab ewig gebraucht und zwei Rollen Verband, vor allem weil meine Brüste recht groß und unterschiedlich groß sind. Und obwohl es unangenehm war, fühlte es sich gut an, bei mir keine Brüste mehr zu sehen. Doch eine Frage meiner Psychologin ließ mich das Thema wieder fallen lassen: Ob ich einen Penis will. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Ich dachte eine Weile, ich wäre genderfluid, das würde vielleicht erklären, wie ich mal meine Brüste toll finde und wie ich sie mal am liebsten abreißen würde. Aber dann kann ich mir nicht wirklich vorstellen, einen Penis zu haben…

Vllt wisst ihr ja Rat?

Lea

Hallo Lea,

danke für deine Frage! Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, das wissen wir. Für viele Menschen braucht es lange, um die eigene Geschlechtsidentität kennenzulernen – das ist voll okay, nimm dir gerne alle Zeit, die du brauchst, um dir darüber im Klaren zu werden.

Wichtig zu wissen ist, dass Geschlecht und Genitalien nicht zusammenhängen müssen. Egal, welches Geschlecht oder welche fluiden Geschlechter du hast, ein Wunsch nach einem Penis muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Wenn du dich momentan mit deinen Genitalien nicht unwohl fühlst, dann ist das etwas Gutes und nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst, und das bedeutet nicht, dass du deswegen nicht genderfluid oder irgendeine andere Art von trans oder nichtbinär sein kannst. Viele Menschen, vor allem viele Ärzt*innen und Therapeut*innen, verbinden trans / nichtbinär / genderfluid sein immer mit einem Unzufriedensein mit dem eigenen Körper und vor allem mit den Genitalien – aber tatsächlich ist es für alle trans und nichtbinären Menschen ganz unterschiedlich, wie wohl oder unwohl sie sich mit welchen Teilen ihres Körpers fühlen!

Wenn es sich manchmal gut anfühlt für dich, dir die Brüste abzubinden, und du an anderen Tagen gar kein Problem mit deinen Brüsten hast, dann ist das vollkommen okay. Du solltest nur wissen, dass es gefährlich sein kann, dir die Brüste mit Verbandsmaterial abzubinden. Vor allem, wenn die Mullbinden/Verbände nicht elastisch ist, kannst du dir damit sehr schaden und zum Beispiel dein Brustgewebe, deine Rippen und/oder deine Lungen beschädigen. Wie du gut und sicher deine Brüste abbinden kannst, wenn du es brauchst, erfährst du in unserer Binderbroschüre hier.

Liebe Grüße und alles Gute für dich,

Balthazar

Gender

Gender: Gender beschreibt auf einer wissenschaftlichen Ebene das sozial konstruierte Geschlecht und auf einer aktivistischen und persönlichen Ebene die Geschlechtsidentität einer Person. Geschlechtsidentität bedeutet hier die persönliche Vorstellung vom eigenen Geschlecht und der eigenen Geschlechterrolle. Innerhalb der Gesellschaft ist Gender das Konzept, nach dem wir verschiedene Ideen wie sozialen Status, Geschlechtspräsentation, Rolle in der Gesellschaft, Lebensplanung und Sexualität in die Kategorien Männlichkeit und Weiblichkeit einordnen.

Binäres Geschlecht

binäres Geschlecht: Die Binarität der Geschlechter bezieht sich auf das westliche Geschlechtersystem, das nur zwei Optionen (und keine Zwischenstufen) zulässt, nämlich männlich und weiblich. Dies gilt für die gesamte Gesellschaft, z.B. die sozialen Rollen, Geschlechtsidentitäten und die körperlichen Geschlechter von Menschen. Damit wird so getan, als gäbe es intergeschlechtliche, nichtbinäre und andere Menschen, die nicht in dieses System passen, nicht. Dieses Geschlechtersystem wird gewaltvoll durchgesetzt, z.B. werden intergeschlechtliche Menschen medizinisch unnötigen Eingriffen ausgesetzt, damit sie einem binären Geschlechterbild entsprechen oder Jungen erleben Gewalt, wenn sie gerne Kleider tragen oder mit Puppen spielen wollen.

Genderfluid

Genderfluid: Genderfluid bezeichnet eine Geschlechtsidentität, die sich mit der Zeit oder bezogen auf bestimmte Situationen ändert. Das Geschlecht kann zwischen allen möglichen Geschlechtern wechseln, z.B. von männlich zu weiblich, aber auch von weiblich zu nonbinary, von nonbinary zu agender, etc. Im Unterschied zu einer genderqueeren Identität ändert sich die Identität und ist beispielsweise nicht immer außerhalb der Geschlechterbinarität zu verorten.

Gender indifferent

Gender indifferent: (englisch, ‚gleichgültig‘) Eine Bezeichnung für Personen, die keine besondere Beziehung zu ihrem Geschlecht haben, denen ihr Geschlecht also egal ist.