Kummerkastenantwort 274: Bin ich nichtbinär?

Hallo alle zusammen,

also meine Frage ist: Bin ich Nonbinär? Ich bin 18 und kann es nicht ganz sicher Sagen denn ich will Mädchen UND Junge sein. Mir gefällt beides sehr. Ich fühle mich auch nicht im Falschen Körper aber mögen tu ich ihn auch nicht sonderlich. Ich bevorzuge es aber auch wenn man mich eher mit Frau als mit Herr anspricht da ich eigentlich ein Mädchen bin. Wenn ich irgendwo online aber mein Geschlecht angeben muss wähle ich Männlich und bei Internetfreunden stelle ich mich auch mit einem anderen Namen vor als ich eigentlich heiße obwohl ich meinen echten Namen auch mag. Ich möchte auch oftmals das die Öffentlichkeit mich als einen Junge sieht und nicht als Mädchen. Kann es also sein das ich Nonbinary bin?

Hallo du,

es kann sehr gut sein, dass du nonbinary bist. Dein Geschlecht ist deins und nur du kannst entscheiden, was du daraus machst, wie du es beschreibst, wie du es präsentieren möchtest (z.B. durch Name, Kleidung, etc.) und was es für dich bedeutet.

Wenn der Begriff “nonbinary” sich für dich passend anfühlt, dann kannst du ihn gerne benutzen. “Nonbinary” bzw. “nichtbinär” ist ein Überbegriff für alle Geschlechter, die nicht ausschließlich nur männlich oder weiblich sind. Menschen, die sowohl weiblich als auch männlich sind, beschreiben sich manchmal als bigender. Auch dieser Begriff fällt unter den Überbegriff nonbinary. Um dich zu beschreiben, kannst du eins der beiden Wörter benutzen oder auch beide, oder du kannst dein Geschlecht in ganz andere Worte fassen – ganz so, wie es sich für dich am besten und passendsten anfühlt.

Auf jeden Fall machst du nichts verkehrt, und es ist schön, dass du auf unterschiedliche Art und Weise mit Geschlecht spielen kannst und dich ausprobieren kannst. Ich wünsche dir weiterhin alles Gute damit! Melde dich gerne bei uns, wenn du weitere Fragen hast oder wenn du uns in einer Weile erzählen möchtest, wie es dir ergangen ist. 🙂

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 273: Ich bin gleichzeitig binär und nicht-binär trans?

Hallo! Ich versuche schon seit fast einem Jahr herauszufinden, ob ich trans bin. Irgendwie möchte ich gleichzeitig ein binärer trans Mann und nichtbinär sein… Geht das überhaupt? Ich fühle mich mit beiden Labeln wohl, und wenn ich versuche, mich für eines zu entscheiden, bin ich irgendwie enttäuscht, weil ich dadurch das andere aufgebe. Außerdem habe ich ständig Selbstzweifel, weil ich das Gefühl habe, dass ich mir das alles nur einrede und dass ich in Wirklichkeit cis bin. Ich bin schließlich schon fast 20, und wenn ich wirklich kein Mädchen bin, hätte ich das nicht viel früher merken müssen? Könnt ihr mir helfen?

Hallo du,

erstmal vorneweg: Es gibt kein richtiges Alter, um herauszufinden, dass du trans bist. Dass alle trans Menschen das schon ab ihrer Kindheit wissen, ist ein Mythos – viele finden es in ihrer Pubertät heraus, andere erst Jahre später, wenn sie Zugang zu den richtigen Begriffen und Communities bekommen, und manche merken es erst sehr spät im Leben. Du bist also keinesfalls “spät dran”, sowas gibt es dabei gar nicht.

Ich verstehe aber diese Selbstzweifel auch. Viele queere Menschen haben die, das nennt sich “Imposter Syndrome” und gibt uns oft den Eindruck, dass andere Leute viel mehr trans/queer/nonbinary sind als wir selbst, dass wir uns das vielleicht alles nur einreden, weil wir dazugehören wollen etc. Du bist mit diesen Gefühlen nicht allein, aber das macht sie nicht wahr. Wer sich so viele Gedanken ums eigene Geschlecht macht, ist in den allerseltensten Fällen cis.

Und klar ist es möglich, gleichzeitig ein trans Mann und nichtbinär zu sein! Der Youtuber Aaron Ansuini z.B. identifiziert sich gleichzeitig als trans Mann und nichtbinär. Wenn bei dir beide Begriffe passen, dann gibt es keinen Grund, sie nicht beide zu verwenden. Labels sind dafür da, dir zu helfen, damit du dich besser erklären kannst, wenn du das Gefühl hast, dass beide Labels nützlich für dich sind, um dich besser zu beschreiben, dann darfst du sie selbstverständlich benutzen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 272: Bin ich nicht-binär?

Hey,

Ich bin mir nicht sicher was ich bin. Denn in letzter Zeit versuche ich sehr stark wie ein Junge rüberzukommen. Biologisch bin ich ein Mädchen, habe früher aber schon kaum Kleider getragen oder generell Mädchenhafte Sachen. In der Schule habe ich später dann aber Kleider getragen weil es mir zu dem Zeitpunkt dann gefallen hat. Jetzt ist der Wunsch ein Junge zu sein aber wieder stärker geworden, es ist so das ich mich jetzt nicht im falschen Körper fühle aber ich möchte gern ein Junge sein aber als Mädchen gibt es halt auch Sachen die ich mag. Bin ich dann Nonbinary? Denn das haben mir bereits zwei Personen vor nicht all zu langer Zeit gesagt mit denen ich darüber geredet habe, aber ich kann bin mir überhaupt nicht sicher ob das stimmt. Könnt ihr mir damit vielleicht helfen?

Hallo du,

ob du nonbinary bist, kann dir leider niemand sagen – das ist etwas, was nur du selbst wissen kannst. Ich kann aber ein paar vielleicht hilfreiche Dinge sagen.

Zuerst mal ist es gar nicht so wichtig, ob die Kleidung, die du trägst, oder die Sachen, die du magst, eigentlich für Mädchen oder für Jungen gedacht sind. Diese Sachen müssen nicht unbedingt etwas mit deinem Geschlecht zu tun haben – das hat sich ja auch nur irgendwer ausgedacht, dass z.B. Kleider und rosa nur für Mädchen sind und früher war rosa eigentlich eine Jungenfarbe, und auch Jungen haben Kleider getragen. Und auch heute können alle Menschen alle Kleidung tragen, was sie wollen, ohne, dass es etwas mit ihrem Geschlecht zu tun haben muss. Viele männliche Stars tragen jetzt z.B. auf dem roten Teppich Kleider, Makeup, Nagellack, Schmuck usw. Das ändert aber nichts an ihrem Geschlecht.

Wenn du den Wunsch hast, ein Junge zu sein, dann bist du vielleicht einfach ein Junge, der auch Sachen mag, die “für Mädchen” gedacht sind. Das ist vollkommen okay.

Es kann aber auch sein, dass du nonbinary bist. Dieses Wort hat ganz viele Bedeutungen: Es kann z.B. heißen, dass du kein Junge und kein Mädchen bist, sondern irgendwas dazwischen, oder außerhalb von diesen zwei Geschlechtern. Es kann aber auch bedeuten, dass du nur teilweise ein Junge bist (das wird oft als demiboy bezeichnet), oder dass dein Geschlecht sich ab und zu ändert (auch “genderfluid” genannt), oder was ganz anderes, was nur du in Worte fassen kannst.

Wenn nichts von beidem sich wirklich richtig für dich anfühlt, ist das auch in Ordnung. Du musst nicht alle Antworten auf deine Fragen finden, vor allem nicht sofort. Es ist okay, sich eine Zeitlang (oder auch für immer) unsicher zu sein, wer du bist und welche Begriffe dich gut beschreiben. Wichtig ist einfach nur, dass du tust, was dir gut tut und Freude macht – das bedeutet auch, dass du dich anziehen darfst, wie du willst, dich ansprechen lassen darfst, wie es sich für dich richtig und gut anfühlt, und sowieso einfach ausprobierst, was dir gut passt und was sich nicht richtig anfühlt.

Dafür wünsche ich dir alles Gute und sende viele liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 271: Ich bin überfordert mit den vielen Definitionen von nonbinary

Hi,
ich hab mir mehrere Artikel über die verschiedenen Arten von nonbinary/genderfluid (kann man das so sagen) durchgelesen und bin jetzt n bisschen überfordert.

Ich hab mir die Definitionen von den “Unterarten “(ich weiß nicht wie ich es sonnst nennen soll) angeschaut und konnte mich irgendwie keiner wirklich zuordnen.
Ich bin biologisch gesehen eine Frau, aber fühlen tue ich mich als Mensch. Weder die Bezeichnung Mann oder Frau trifft für mich auf mich zu. Trotzdem sehe ich mich selbst nicht als was ganz anderes.
Mir war es auch immer schon egal ob ich jetzt als Männlich oder Weiblich angesehen wurde. Ich hab da auch so nicht wirklich drüber nachgedacht, aber trotzdem hat es mich bei z.B. Anmeldungen immer gestört, dass es dort nur die Auswahlmöglichkeiten Männlich, Weiblich und Keins standen, da ich mich, wie oben schon gesagt, nicht wirklich irgendetwas von den dreien zuordnen konnte.

Mittlerweile bin ich deshalb ziemlich verzweifelt, da ich keine Ahnung hab wo ich mich unterordnen kann.
Aus diesem Grund frag ich hier mal nach ob mir jemand, der vielleicht ein bisschen mehr Ahnung hat als ich, darauf antworten kann.

PS: Ich möchte keinen mit beider Ausdrucksweise beleidigen also falls sich jemand auf den Schlips getreten fühlt tut es mir wirklich leid

Hallo du,

zuerst mal ist es vollkommen okay, wenn du dich mit den Begrifflichkeiten nicht 100% auskennst, das ist keine Beleidigung oder so, du bist ja noch dabei zu lernen. 🙂

Außerdem kann ich sehr gut verstehen, dass du von diesen ganzen Begriffen und Definitionen überfordert bist – es sind immerhin ganz schön viele, und je nachdem, wen du fragst, haben viele dieser Labels ganz unterschiedliche Definitionen.

Welches Label denn jetzt das richtige für dich ist, das kann ich dir leider nicht beantworten, das kannst nur du wissen. “Mensch” ist schonmal ein sehr guter Begriff, mit dem du dich ja anscheinend auch gut beschreiben kannst.

Viele Menschen, die nicht so genau wissen, wohin mit sich, verwenden auch oft einen Überbegriff wie “genderqueer” oder “nonbinary”/”nichtbinär”, um sich zu beschreiben. Weil die meisten Leute eh nicht so genau wissen, was diese Begriffe bedeuten, kannst du ein mögliches Coming Out auch immer gleich benutzen, um zu erklären, was der gewählte Begriff für dich bedeutet. Zum Beispiel: “Ich sehe mich nicht als männlich oder weiblich, deshalb benutze ich das Wort ‘nonbinary’, um mich zu beschreiben.” Oder: “Ich bin genderqueer; das bedeutet für mich, dass es mir egal ist, als welches Geschlecht mich andere Leute sehen, weil ich einfach nur ich bin.”

Wenn sich aber diese Labels nicht gut anfühlen, musst du sie auch nicht benutzen. Du kannst dich auch z.B. entscheiden, vorerst oder für immer ganz auf Labels zu verzichten, oder du kannst dir auch selbst einen Begriff ausdenken, der dich gut beschreibt.

Was vielleicht helfen auch könnte wären Gespräche mit anderen Personen, die nonbinary sind. Oft hilft es, über eigene Erfahrungen zu reden, sie mit anderen zu vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu sehen. Das kann dir zeigen, was sich für dich passend anfühlt und in welcher Community du dich wohl fühlst. Möglichkeiten, mit anderen nonbinary Leuten in Kontakt zu kommen, gibt es z.B. in lokalen queeren Jugendgruppen, in Gruppenchats oder auf Social Media.

Ich wünsche dir alles Gute für deine weitere Suche und hoffe, du findest Worte, mit denen du dich wohl fühlst und die dir helfen.

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 270 – Wie funktioniert nonbinary top surgery in Deutschland?

TW: In dieser Nachricht geht es um Dysphorie, Operationen und die Darstellung von Trans-sein als Krankheit/psychische Störung.

Hey, ich bin L. und nonbinary. Zuerst einmal wollte ich euch danke sagen, dass ihr das alles hier macht, ich glaube das hat schon vielen Leuten extrem geholfen und man fühlt sich auch einfach ein bisschen weniger allein, einfach danke
Ich bin im weiblichen Körper geboren, aber kann mich damit überhaupt nicht identifizieren. Wenn, dann eher noch damit ein junge/Mann zu sein, aber auch das nicht wirklich. Ich identifiziere mich seit einiger Zeit jetzt schon als nonbinary, einfach weil es das einzige ist was sich wirklich vollkommen richtig anfühlt. Aber ich hab ein Problem. Ich hab extrem mit dysphoria zu kämpfen vorallem chest-dysphoria. Ich hätte nichts lieber als eine top surgery um eine flache Brust zu bekommen. Allerdings finde ich nirgendwo wirklich etwas darüber wie das in Deutschland ist, wenn man nicht eindeutig ein transmann ist und auf testosteron. Ich weiß dass man z. b. in Amerika teilweise auch als nicht binäre Person (und ohne testo) eine top surgery bekommen kann, aber wie ist das hier? Hab ich überhaupt eine Möglichkeit oder mach ich mir all die Hoffnungen total umsonst? Und vor allem wie und wo fange ich an? Ich weiß gar nicht was ich tun soll, nur dass ich das Gefühl habe so nicht mehr leben zu können, es muss sich etwas ändern, ich brauche diese top surgery, wirklich.

Ich hoffe ihr könnt mir irgendwie helfen, und danke schon mal im voraus, allein schon für’s bis hier hin durchlesen

Hallo L.,

Es gibt in Deutschland 2 Optionen, was eine Mastektomie (also top surgery) angeht:

Du kannst die Operation selbst zahlen, was teuer ist, aber in anderer Hinsicht weniger Barrieren hat. Die Kosten liegen in Deutschland je nach Operateur*in/Krankenhaus zwischen ca. 3500 und 8000 €. Als selbstzahlende Person macht es keinen Unterschied, ob du auf Testosteron bist oder nicht. Die meisten Ärzt*innen operieren auch Personen, die nicht auf Testo sind. Mit den genauen Anforderungen für eine Mastektomie als selbstzahlende Person kenne ich mich nicht aus und ich glaube es variiert auch von Ärzt*in zu Ärzt*in, was gefordert wird.

Die zweite Option ist, die Operation von der Krankenkasse zahlen zu lassen. In dem Fall entstehen für dich sehr viel weniger Kosten, weil die Krankenkassen Mastektomien übernehmen, wenn sie medizinisch notwendig sind. Dafür kann es sein, dass es um einiges länger dauert, bis zur OP, weil die Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragt werden muss und du dafür einiges an Unterlagen sammeln und erstellen musst.

Eine wichtige Info vorab: grundsätzlich können so viele Anträge auf Kostenübernahme gestellt werden, wie mensch will. Wenn die Krankenkasse einen Antrag ablehnt, kann Widerspruch eingelegt werden. Tipps dazu und Mustervorlagen finden sich in der Broschüre „Praxistipps“ vom Bundesverband Trans*.

Als Nachweis für diese Notwendigkeit fordern die Krankenkassen ein psychiatrisches/psychotherapeutisches Indikationsschreiben. Der erste Schritt ist also, eine*n Therapeut*in bzw. Psychiater*in zu finden, die*der dir ein Indikationsschreiben ausstellen kann, idealerweise eine Person, die schon mal mit trans Personen gearbeitet hat. Auf transmann.de/adressen/ findet sich eine Liste von Therapeut*innen, die Indikationsschreiben erstellen. Es lohnt sich aber auf jeden Fall auch, in lokalen trans und nicht-binären Gruppen nach Empfehlungen zu fragen, auch um einzuschätzen, ob die*der Therapeut*in nicht-binär-freundlich ist.

Für die Kostenübernahme ist es in der Regel notwendig, eine Diagnose gestellt zu bekommen. In Deutschland verwenden die Krankenkassen momentan noch die ICD-10, ein Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation. Es gibt schon ein Update, die ICD-11, aber die soll frühestens 2022 in der Praxis verwendet werden. Die Diagnosen für Transgeschlechtlichkeit im ICD-10 sind veraltet und pathologisierend (d.h. sie betrachten Trans-Sein als eine Krankheit bzw. psychische Störung). Die Diagnose, mit der du die besten Chancen hast, dass dein Antrag beim ersten Versuch angenommen wird, ist F64.0 „Transsexualismus“. Diese Diagnose wird oft als binäre Diagnose verstanden, weil darin von „dem anderen Geschlecht“ die Rede ist, sie kann aber so ausgelegt werden, dass es sich bei der trans Person nicht um „die andere Geschlechtsidentität“ sondern um „eine andere Geschlechtsidentität“ geht.

Die Sache mit dem Testosteron ist folgende: Wenn du einen Kostenübernahmeantrag an die Krankenkasse schickst, dann geben die den Antrag an eine Gruppe von Ärzt*innen weiter, die einschätzen sollen, ob die OP medizinisch notwendig ist. Das ist der so genannte Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK). Der MDK hat Richtlinien, an die er sich halten muss. Die Richtlinien zu trans OPs sind seit 2009 nicht mehr erneuert worden und deswegen steht dort noch drin, dass trans Personen vor einer Mastektomie mindestens 6 Monate auf Testosteron gewesen sein sollen – es sei denn, es gibt einen medizinischen Grund, der dagegenspricht. Hiergegen kann im Antrag argumentiert werden, denn in den aktuellen Behandlungsleitlinien, die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung 2018 veröffentlicht hat, wird eine Hormontherapie nicht als Voraussetzung gefordert. (Quelle, Seite 62) Das ist so auch in den Standards of Care festgehalten, die 2009 von der WPATH (World Professional Association for Transgender Health) veröffentlicht wurden. (Quelle, Seite 71)

Liebe Grüße,
Noah

Nachtrag von Balthazar: Ich hoffe, das war für einen ersten Überblick hilfreich. Melde dich gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast, und alles Gute für dich! <3

Kummerkastenantwort 264: Bin ich bi, pan oder omnisexuell? Genderfluid oder genderindifferent?

Hallo! Ich bin etwas verwirrt ob ich Bi-Pan oder Omnisexuell bin. Ich habe vor knapp zwei Jahren herausgefunden, dass ich mich zu Frauen und Männern sexuell angezogen fühle (ich selber bin weiblich) und habe mich seitdem als Bisexuell gelabelt. Allerdings hätte ich auch kein Problem damit, mit einer Person eines anderen Geschlechts zusammen zu sein/Sex zu haben (z.B. nonbinär). Ich habe aber auch nur sexuelle Erfahrungen mit Frauen und Männern gehabt, die cis sind, deswegen kann ich nicht sicher sagen, ob ich mich zu einer nonbinären Person sexuell angezogen fühle. Ich habe bisher auch nur Cis-Männer und Frauen getroffen.
Mir ist aber auch aufgefallen, dass sich Bisexuell richtiger (oder angenehmer,schöner) anfühlt, wenn ich ihn auf mir anwenden will, als omni oder pan. Ich bin gerade also sehr verwirrt bezüglich meiner Sexualität.

Zum anderen habe ich auch eine Frage bezüglich der Geschlechtsidentität. Ich glaube nicht an Geschlechterrollen und fühle mich deswegen einfach nur “menschlich”, auch wenn ich mich manchmal weiblich fühle und präsentiere, aber auch Momente habe, indem ich mich männlich fühle (Das aber nicht so oft vorkommt wie das weibliche Gefühl).
Bin ich dann Genderindifferent oder genderfluid?

Ich hoffe ihr könnt mir etwas helfen, da mich die ganzen Begriffe noch sehr verwirren und die Definitionen von manchen Begriffen von Seite zu Seite( Person zu Person) anders sind.

Habt einen schönen Tag und danke für die Antwort im vorraus!

Hallo du!

Zuerst mal zum Thema Sexualität: Welches dieser Labels du verwendest, bleibt letztlich dir überlassen. Du schreibst, dass du dich mit “bi” am wohlsten fühlst und dass es sich passender anfühlt als die anderen beiden – ich denke, es spricht rein gar nichts dagegen, dass du dann auch das Label “bi” bzw. “bisexuell” weiter verwendest. Eine Definition von bi, die wir verwenden, ist: Anziehung zu Menschen des eigenen Geschlechts und anderer Geschlechter. Eine andere Definition ist: Anziehung zu Menschen zweier oder mehrerer Geschlechter. Beide Definitionen treffen ja auf dich zu, egal, ob du dir genau sicher bist, zu Menschen welcher Geschlechter du dich genau hingezogen fühlst. Im Aktivismus bisexueller Menschen wurde sich schon lange dafür eingesetzt, dass auch Anziehung zu nichtbinären Menschen mit dem Begriff “bisexuell” beschrieben werden kann, und das Label war immer schon inklusiv für alle trans Menschen.

Pan- und omnisexuell sind Begriffe, die mehr oder weniger das gleiche beschreiben, je nach Definition. Und diese beiden Begriffe bedeuten mit manchen Definitionen das Gleiche wie bisexuell. Letztlich ist es also nur eine Frage deines eigenen Geschmacks und deiner persönlichen Definition, welches Label für dich am besten passt. Bei Bisexualität gibt es den Vorteil, dass die meisten Menschen das Wort kennen und sich etwas darunter vorstellen können, aber auch den Nachteil, dass viele Menschen denken, bisexuell bedeutet eine Anziehung nur zu Männern und Frauen. Aber auch dieses Missverständnis kann mit einer kurzen Definition deinerseits erklärt werden, wenn es denn einmal eine Rolle spielen sollte. Letztlich spricht also nichts dagegen, dass du dich weiter als bisexuell bezeichnest.

Und bei deiner Geschlechtsidentität ist es genauso: Letztlich kannst du dich entscheiden, mit welchem der beiden Begriffe du dich wohler fühlst, welcher hilfreicher ist und dich besser beschreibt, oder ob du vielleicht einfach beide Begriffe verwenden willst. Wenn du das Gefühl hast, dass eine Kombination aus beiden Labels dein Geschlecht am besten beschreibt, dann ist es voll in Ordnung, beide Begriffe zu verwenden – entweder zusammen oder abwechselnd, oder je nach Situation.

All diese Begriffe existieren nur, weil sie sich jemand ausgedacht hat und weil eine Gruppe von Menschen sich darin wiederfinden konnte und die Worte hilfreich fand. Es geht also nicht darum, genaue Definitionen auswendig zu können, sondern dich zu fragen, welche Begriffe für dich hilfreich sind, um dich zu beschreiben. Für manche Menschen reicht ein Label/Begriff, manche brauchen ein paar,  um sich genauer beschreiben zu können, und andere Menschen benutzen gar keinen dieser Begriffe, entweder, weil sie alle nicht passen, oder weil diese Person lieber ohne Schubladendenken leben möchte. Alles davon ist okay und nur du selbst kannst herausfinden, was für dich am besten funktioniert.

Ich wünsche dir alles Gute bei deinem weiteren Weg!

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 263: Bin ich trans oder hab ich keine Lust auf Sexismus?

Hey liebes QueerLexikon-Team!
Ich habe mich bis jetzt immer als cis Lesbe identifiziert, habe aber in letzter Zeit immer wieder Zweifel ob ich mich wirklich als Frau fühle? Ich fühle mich häufig sehr uncomfortable mit meinen als “typisch weiblich” gelesenen Körpermerkmalen (Brüste, breite Hüften) und würde sie manchmal am liebsten verstecken oder verschwinden lassen.
Ein ganz großer Teil von dieser Uncomfortable-ness kommt glaube ich daher, dass ich mich irgendwie davor “ekle” von straighten Männern als sexuelles Objekt gesehen werden könnte. In der Gegenwart von Frauen oder anderen queeren Menschen fühle ich mich viel wohler in meiner Haut, aber wenn ich meine Bubble verlasse würde ich am liebsten einfach als genderlos oder androgyn wahrgenommen werden falls das Sinn macht?
Bin ich vielleicht trans* oder fühle ich mich nur in den engen Rollenbildern für Frauen nicht wohl? Woran könnte ich feststellen was von beiden denn nun mehr zutrifft?

Danke schon mal,
Grüße, L

Hallo L,

die Antwort auf deine Frage ist gar nicht so leicht. Es ist sehr verständlich, dass du dich unwohl fühlst, wenn hetero Männer deinen (weiblich gelesenen) Körper sexualisieren. Das geht sehr vielen so, auch, weil uns durch viele Medien beigebracht wird, dass “weibliche Körper” und vor allem “weibliche Körpermerkmale” immer auch sexy sind oder es sein müssen. Dieses Unwohlsein empfinden sowohl cis Frauen als auch Menschen, die zwar bei der Geburt weiblich zugewiesen wurden, aber nicht (oder nicht ausschließlich) weiblich sind.

Für viele Menschen, die bei der Geburt weiblich zugewiesen wurden und die ihr Geschlecht hinterfragen, ist das eine große Frage: Woher kommt das Unwohlsein mit dem Körper? Kommt es von dem Sexismus und der Objektifizierung, die sie erfahren, oder hat es vielleicht doch etwas mit einer trans Identität zu tun? Du schreibst, dass dein Unwohlsein eigentlich fast verschwindet, wenn du unter Frauen oder queeren Menschen bist – das deutet ja an sich darauf hin, dass das Unwohlsein eher von außen kommt und nichts über dein Inneres und dein Geschlecht aussagt. Aber das muss auch nicht unbedingt sein – wenn du feststellst, dass du das Label “trans” für dich doch irgendwie passend findest, dann ist das genauso richtig.

Wichtig ist, dass du dich kleiden und geben darfst, wie du möchtest, und dass es auch vollkommen in Ordnung ist, wenn sich das je nach Kontext ändert. Wenn du z.B. in der Öffentlichkeit deine Brüste lieber mit einem Binder verstecken willst und deine breiten Hüften mit weiter Kleidung kaschieren willst, dann ist das voll okay. Wenn du dann aber lieber in queeren Kreisen oder unter Frauen femininere Kleidung tragen möchtest oder deinen Stil vielleicht mal durchmischen möchtest, dann ist das genauso in Ordnung.

Vielleicht ist es gar nicht ganz so wichtig, wie du dein Geschlecht und dich genau benennst, solange du das tust, was dir gut tut. Wenn du aber doch gern ein Label hättest, dann lohnt es sich bestimmt, mit anderen trans Menschen und lesbischen Frauen, vor allem Butches, darüber zu reden. Die haben oft ähnliche Erfahrungen wie du gemacht und sich vielleicht schon die gleichen Fragen gestellt – vielleicht kannst du so herausfinden, welches Label sich für dich am passendsten anfühlt. Was ich auch sehr empfehlen kann, ist die Comedy von Rhea Butcher. Rhea hat sich lange als lesbische Butch identifiziert und hat sich vor einiger Zeit als trans und nichtbinär geoutet. In Rheas Comedy geht es viel um die Themen, zu denen du dir auch Fragen stellst.

Ich wünsche dir alles Gute bei deiner weiteren Suche! Melde dich gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast oder uns einfach nur erzählen möchtest, wie sich die Dinge bei dir entwickeln. 🙂

Viele Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 260: Ich bin keine “sie”, aber kleide mich gern feminin – Hilfe?

Moin!
Ich habe grade ein kleines Problem mit meinem Gender. Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich cisgender bin, fand es aber zunehmend unangenehmer mit meinem Namen oder den Pronomen “sie” angesprochen zu werden. Ich bin prinzipiell eher feminin und möchte auch weiblich wirken, sosehr dass ich zeitweise sogar ein Problem damit habe, zu weite Kleidung zu tragen. Auf der anderen Seite empfinde ich es am angenehmsten ohne das Wort “Mädchen” oder ohne irgendein Pronomen bezeichnet zu werden. Ich würde sagen, ich befinde ich in einer genderlosen Blase mit femininer Ausstrahlung und ich habe echt keine Ahnung wo ich überhabt anfangen soll nach meinem Gender zu suchen. Agender kann es nicht sein, wenn es mir nicht egal ist und ich nach wie vor feminin sein will, oder? Es wäre echt lieb, wenn ich eine ungefähre Richtung kriegen könnte, in der ich suchen kann. Bitte?

Moin zurück! 🙂

Deine Verwirrung ist verständlich, weil uns oft eingeredet wird, dass ein bestimmtes Verhalten, Aussehen, eine bestimmte Art Kleidung oder Haare uns sagen können, ob eine Person männlich oder weiblich ist. Das stimmt aber oft nicht.

Vielleicht hilft dir das: Wir unterscheiden manchmal zwischen dem Geschlecht einer Person und Geschlechtspräsentation. Geschlechtspräsentation ist alles, was wir nach außen tragen und was andere Menschen benutzen, um uns in ein bestimmtes Geschlecht zuzuordnen, z.B. Kleidung, Haare, Makeup, Verhalten oder die Art, wie wir unseren Körper bewegen. Viele Menschen benutzen ihre Geschlechtspräsentation, um damit ihr Geschlecht nach außen zu zeigen; also tragen Männer z.B. Bärte, Hemden und kurze Haare, Frauen lange Haare, Makeup und Kleider. Aber das Geschlecht einer Person stimmt nicht immer mit der Geschlechtspräsentation überein. Viele Frauen tragen kurze Haare und fühlen sich in einem Anzug wohler als in einem Kleid. Manche Männer tragen Nagellack  oder Makeup, weil es ihnen Spaß macht. Inzwischen gibt es sehr viel mehr Spielraum für Geschlechtspräsentationen – so können z.B. Männer wie Billy Porter ein Abendkleid auf dem roten Teppich tragen, oder Frauen wie Cameron Esposito und Hannah Gadsby sich maskulin kleiden und geben, z.B. in Anzügen und mit kurzen Haaren. Das Geschlecht dieser Personen ändert sich aber nicht, egal, wie sie sich nach außen hin präsentieren.

So könnte es ja bei dir auch sein, oder? Dein Geschlecht ist das, was in dir drin ist – manche würden vielleicht sagen, “wie du dich fühlst”, auch wenn das nicht ganz stimmt, denn Geschlecht ist ja nicht nur irgendein Gefühl. Wie du dich nach außen hin präsentierst, muss nichts damit zu tun haben. Es kann also durchaus sein, dass deine Präsentation nach außen eine feminine ist, und du innerlich trotzdem vielleicht agender oder nichtbinär bist. Agender sein bedeutet nur, keine Geschlechtsidentität bzw. kein Geschlecht zu haben – aber wir haben ja trotzdem alle einen Körper, auch agender Menschen, und diesen Körper können wir gestalten, wie wir wollen. Es gibt keine bestimmten Regeln, wie eine Person aussehen oder sich kleiden muss, die agender ist. Das darfst du ganz allein bestimmen.

Und egal, wie du aussiehst, du verdienst es auf jeden Fall, so angesprochen zu werden, wie du dich wohl fühlst! Wenn dir keine Pronomen und keine weiblich gegenderten Bezeichnungen wie “Mädchen” lieber sind, dann darfst du darauf bestehen, dass Leute dich nicht so ansprechen, egal, wie du aussiehst.

Ich wünsche dir alles Gute auf deinem weiteren Weg!
Liebe Grüße,

Balthazar

Kummerkastenantwort 259: Nicht typisch männlich oder weiblich – was ist mit mir los?

Ich wusste lange nicht, wie ich das alles formulieren sollte.
Ich bin 15 Jahre alt und biologisch gesehen bin ich ein Junge, psychisch gesehen weis ich es nicht. das Thema beschäftigt mich schon länger und kürzlich habe ich angefangen mich genauer zu informieren. Ich habe verschiedene Bezeichnungen gefunden, die aber alle nicht wirklich passen. Überhaupt konnte ich mit Begriffen wie “typisch männlich” oder “typisch weiblich” nie so richtig etwas anfangen.
Ich fühle mich in vielen Situationen komisch, oder bin mir unsicher. Mein Spiegelbild bzw. mein Körper kommt mir oft fremd vor. In manchen Situationen verhalte ich mich “typisch weiblich” in anderen wieder “typisch mänlich”, was dazu führt, dass Menschen in meiner Umgebung mich für seltsam halten.
Ich weis nicht, ob es mir als Mädchen besser gehen würde, weil ich nicht weis wie es ist eines zu sein. Auch weis ich
nicht, ob ich überhaupt ein Mädchen sein will, oder ein Junge, oder gar nichts.
Bis jetzt weis niemand davon, da ich jemandem schlecht etwas erklären kann, das ich selbst nicht verstehe.
Eine Frage habe ich nicht direkt, ich würde nur gerne wissen, was mit mir los ist.
Ich hoffe jemand kann mit dem ganzen etwas anfangen und mir vielleicht helfen, oder (wenn ich hier falsch sein sollte) mir sagen, wo man mir weiterhelfen könnte.
Danke im Voraus.

Hallo du!

Bei uns bist du auf jeden Fall richtig, wir sind für genau solche Fragen wie deine da! Ich verstehe deine Verwirrung sehr gut, und zuerst mal möchte ich sagen, dass du vollkommen okay bist, genau so, wie du bist. Du bist du selbst, und das ist auch gut so.

“Typisch männlich” und “typisch weiblich” sind zwei Kategorien, in die Menschen oft (zwangsweise) einsortiert werden, weil die Gesellschaft glaubt, dass es dann für alle leichter ist – das ist aber für viele Menschen nicht der Fall. Im Gegenteil: Für viele macht es alles noch komplizierter, in eine von diesen beiden Schubladen passen zu müssen – zum Beispiel ja auch für dich. Es ist vollkommen in Ordnung, mal so und mal so zu sein. Das hat sich ja auch nur irgendwer mal ausgedacht, welche Dinge wir in der Gesellschaft als männlich oder weiblich sehen, und alle, die was anderes behaupten, haben Unrecht. Schließlich können ja auch Männer fürsorglich sein und z.B. mit alten oder kranken Menschen oder Kindern arbeiten, Frauen können auch Fußball spielen, Männer sind auch mal traurig und weinen, Frauen sind auch gute Führungskräfte, usw. Viele von diesen Eigenschaften gelten als “typisch männlich” oder “typisch weiblich”, aber letztlich hat es nichts mit dem Geschlecht zu tun, was ein Mensch gut oder nicht so gut kann, wie ein Mensch Gefühle zeigt und vieles mehr. Wir sind einfach alle nur Menschen, und wir sind unterschiedlich – und das ist auch gut so.

Es kann allerdings schwierig sein, man selbst zu sein, vor allem wenn man nicht in die Schubladen “typisch männlich” und “typisch weiblich” passt – du schreibst ja, dass Menschen in deinem Umfeld dich dafür oft seltsam finden, und damit bist du nicht allein. Das heißt aber nicht, dass mit dir was falsch ist – du hast jedes Recht, ganz du selbst zu sein, egal, ob das jetzt in die Schublade “männlich” oder “weiblich” gehört, in eine Schublade dazwischen oder in eine ganz andere Schublade (das gibt es – vielleicht ist dir der Begriff nichtbinär schon einmal begegnet), oder vielleicht gefallen dir Schubladen und Kategorien auch einfach gar nicht und du möchtest am liebsten einfach nur du selbst sein, ohne irgendwelche Regeln, ob das jetzt männlich oder weiblich oder sonstwas ist.

Du schreibst, dass du nicht weißt, was dir wirklich gut tun würde, und das weiß ich leider auch nicht. Ich kann dir aber sagen: Hör in dich hinein und versuche herauszufinden, was sich für dich gut und richtig anfühlt. Vielleicht bist du ja tatsächlich doch ein Mädchen und es würde dir besser gehen, das zu wissen und mit der Welt zu teilen? Oder vielleicht bist du ja keins von beidem, wie du sagst? Hab keine Angst, Dinge auszuprobieren, auf die du Lust hast, egal, ob das jetzt bestimmte Hobbies, Kleidungsstücke, Verhaltensweisen oder sonst was sind. Auch für deinen Körper gilt: Achte auf dich und tu, was dir gut tut. Was kannst du tun, damit du dich in deinem Körper weniger fremd fühlst? Helfen bestimmte Kleidungsstücke, bestimmte Bewegungen, hilft dir vielleicht eine Sportart oder Meditation? Wenn du einfach darauf schaust, dass du Dinge tust, die dir gut tun, dann ist es vielleicht erstmal noch gar nicht so wichtig, wie genau du dich jetzt einordnen willst  und welche Schublade vielleicht die beste für dich ist – vielleicht ja auch gar keine.

Ich kann außerdem verstehen, dass es schwierig ist, über dieses Thema zu reden, vor allem, wenn du noch keine genauen Worte gefunden hast, um dich zu erklären. Allerdings finde ich, du konntest dich in deiner Nachricht schon sehr gut und klar ausdrücken, und vielleicht findest du ja auch bald mal eine oder ein paar Personen in deinem engeren Umfeld, denen du vertraust und mit denen du über diese Dinge reden kannst – nach meiner Erfahrung bringt es sehr viel, einfach mal mit anderen darüber zu reden.

Viel Glück dafür! Schreib uns gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast oder einfach nur erzählen möchtest, wie es gelaufen ist.

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 245 – Geschlecht ist verwirrend

Hi Leute.
Ich stelle mich jetzt einfach mal kurz vor, ich bin ein 18 Jahre altes Mädchen, bin asexuell und panromantik. So viel weiß ich mittlerweile aber mir stellt sich immer die Frage was für ein Geschlecht ich bin. Ich weiß ich bin eine Frau aber fühle mich so nicht wohl. Also ich akzeptiere größtenteils meinen Körper aber das wars auch schon. Ich hatte schon immer kurze Haare, wollte mich nie schinken und fühle mich in Frauen Klamotten unwohl. Ich trage meist weite pullover weil ich meinen zum Glück sehr kleinen Vorbau nicht so mag und am liebsten einen Binder tragen würde. Aber dann gibt es vereinzelt Tage wo ich wiederum voll das Mädchen raushängen lasse mit Kleid schminke ect. Ich bin sogar mit meinem Namen zufrieden (Nadine) der ja keine neutrale oder männlich version hat. Ich bin einfach richtig verwirrt. Ich hoffe ihr könnt mir helfen und so grob sagen was ich bitteschön bin, es belastet mich nämlich ziemlich und gibt mir zu denken.

LG eure Nadine

Hallo Nadine,

Ich verstehe deine Verwirrung sehr gut – Geschlecht kann echt kompliziert sein. Du schreibst, dass du eine Frau bist, dich damit aber nicht wohl fühlst. Woran machst du es denn fest, dass du eine Frau bist? An deinem Körper? Der Art und Weise, wie du aufgewachsen und erzogen worden bist? Wie du aussiehst? All das kann dein Geschlecht beeinflussen, muss es aber nicht, wenn du den Eindruck hast, dass es nicht passt. Was Geschlecht wirklich ist, ist nur sehr schwer zu beschreiben, aber es muss jedenfalls nichts damit zu tun haben, wie dein Körper aussieht oder mit welchem Spielzeug du als Kind gern gespielt hast oder so. Geschlecht ist tief in dir drin, und deshalb kannst letztlich nur du sagen, ob du eine Frau bist oder nicht.

Wichtig ist zuerst mal: Du bist nicht alleine. Es gibt super viele Menschen, die genauso verwirrt sind wie du, die auch nicht so richtig klar kommen mit den Kategorien und Schubladen, in die wir alle gesteckt werden, und die sich genauso fragen wie du, was das alles bedeutet. Und es ist voll okay, so zu sein.

Es kann absolut sein, dass du eine Frau bist. Frauen dürfen maskuline Kleidung tragen, ihre Brust abbinden wollen, kurze Haare tragen und das alles, und trotzdem immer noch Frauen sein. In lesbischen Communities werden solche Frauen oft als Butches beschrieben. Es ist vollkommen egal, wie du aussiehst, was du tust und wie du dich verhältst – solange du dich als Frau fühlst, bist du eine Frau.

Wenn du aber merkst, dass der Begriff “Frau” sich einfach nicht richtig für dich anfühlt, dann kann es auch sein, dass du z.B. trans und/oder nichtbinär bist. Trans sind alle Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde – in deinem Fall weiblich. Das muss aber nicht gleich bedeuten, dass du deshalb ein Mann bist. Es gibt super viele Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, oder nur ein bisschen weiblich, oder nur manchmal maskulin, oder vielleicht beides, oder ein ganz anderes Geschlecht, das nichts mit Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun hat. Diese Menschen nennen sich oft nichtbinär.

Du schreibst, dass es sich bei dir manchmal ändert, mit welcher Kleidung und mit welchen Teilen deines Körpers du dich wohl fühlst. Das könnte darauf hinweisen, dass du genderfluid bist. Genderfluid sind Menschen, deren Geschlecht sich ändert, entweder nur ab und zu oder sehr oft, und manchmal auch je nach Situation.

Vielleicht hilft dir einer dieser Begriffe weiter. Falls dir noch irgendetwas unklar ist, kannst du gern jederzeit weiter nachfragen. Am wichtigsten finde ich immer, dass du einfach tust, was sich für dich gut und richtig anfühlt, und dass du immer so gut wie möglich auf deine Instinkte hörst. Wenn du gerne mal einen Binder tragen möchtest, dann kannst du das ganz einfach ausprobieren, ohne erst zu überlegen, ob das jetzt zu deinem Geschlecht oder deiner Identität passt. Wenn du Lust hast auf Makeup und Kleider, dann kannst du das genauso machen, wie du Lust hast. Du musst dich nicht in irgendeine enge Schublade zwängen, sondern verdienst immer Respekt und Akzeptanz, egal, ob du deinen Begriff schon gefunden hast oder nicht.

Viele Grüße und alles Liebe,
Balthazar