Kummerkastenantwort 2.795: Wieso brechen cis Leute Geschlechterstereotype nicht so oft?

Lieber queerer Kummerkasten,

ich hab eine Frage zu den Geschlechterrollen und wie man als trans* Person mit Gender- und Körperdysphorie umgehen soll, wenn man nicht das Gefühl hat, dass man jemals wirklich ernst genommen werden wird:
Ist es von cis-Menschen zu viel verlangt, dass sie auch mal öfters wirklich radikal mit den Rollenbildern brechen (v.a. was Kleidung betrifft)? Dass sie sich also wirklich nicht einschränken lassen und auch dahin gehen, wo es unbequem wird, weil sie vielleicht von anderen Leuten angestarrt werden könnten? Also zumindest von den cis-Menschen, die sonst auch meinen, dass sie Rollenbilder ignorieren/abschaffen wollen. Es ist ja eigentlich kein Argument zu sagen, dass sie sich an die Geschlechterrollen halten, weil sie cis sind, aber gleichzeitig meinen, dass alles was mit Rollenbildern zu tun hat, konstruiert und überholt ist. Ich fühle mich manchmal in Menschenmengen nämlich allein schon bei dem Gedanken, dass ich „aus der Norm falle“ extrem unwohl und wie ein Freak und glaube, dass es deutlich leichter wäre, wenn auch cis-Menschen ihre Ideen in die Tat umsetzen würden und wirklich anfangen, die Rollenbilder aktiv zu ignorieren und damit mehr zu experimentieren (also mehr tun, als das kleine „leichte“ Regeln brechen, wie wenn z.B. Männer Nagellack tragen, aber sonst komplett in ihrer Rolle bleiben). Ich weiß, dass viele meinen, dass man damit geduldig sein sollte, aber ich glaube momentan eher, dass man mit Babysteps nur erreichen wird, dass es irgendwann z.B. einen Nagellack für Frauen und einen für Männer geben wird (genauso wie jetzt schon mit Hosen, T-Shirts, Skin-Care-Produkten, usw.) , also dass man immer in binären Rollen denken wird, anstatt aufhört alles in diese Rollen aufzuteilen.
Eigentlich müsste man als trans* Person ja dann auch denken, dass man sich auch nicht an die Rollenbilder anpassen muss/sollte, weil man sie dadurch nur stärkt, aber ich habe trotzdem oft den Drang dazu bzw. spüre eben die Genderdysphorie.

Hallo,

cis Menschen können Rollenbilder brechen, wenn sie das bezogen auf sich selbst möchten. Sie haben in der Regel kein Bedürfnis aus der konstruierten Norm zu fallen, auch wenn das für queere Menschen vielleicht eine schöne Beobachtung wäre. Generalisiert von cis Menschen und trans Menschen zu sprechen ist auch möglicherweise nicht hilfreich.

Leider kannst du nicht bewirken, dass viele cis Menschen um dich herum gender nonconforming werden. Möchtest du verlangen, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen sich so verhält, wie es es dir richtig erscheint? Passiert nicht genau das den queeren Menschen? Egal ob cis oder trans, jede*r sollte eigenen Wünschen folgen dürfen und sich ausdrücken. Erst wenn wir aufhören gegeneinander Forderungen zu stellen und gegenseitig erlauben zu sein, wird es weniger auffallen, wer einen Nagellack trägt.

Es ist gleichzeitig in einer heteronormativen cis Gesellschaft bequem und naheliegend, die vorgefertigten Rollen zu erfüllen. Sie zu ignorieren wäre mit Schwierigkeiten, Widerstand, aber auch vielleicht mit Diskriminierung verbunden. Wozu sollte eine cis Person diese Erfahrung machen wollen?

Es ist möglich, sich der Geschlechterrollen bewusst zu sein und gleichzeitig sich beispielsweise kurvige Hüften als eine trans Frau zu wünschen, auch wenn das im Widerspruch zu stehen scheint. Menschen sind sehr komplex und manchmal widersprüchlich.

Gegen Dysphorie gibt es viele Maßnahmen, unter anderem aus dem Bereich der Transition. Auch eine begleitende Therapie kann hilfreich sein, das Gefühl nicht ernst genommen zu werden, besser zu verstehen.

Viele Grüße,

Elizy

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