Kummerkastenantwort 221: Ich bin über mein Geschlecht verwirrt.

Hallo erstmal
Ich bin 15 Jahre und sehr verwirrt.
Ich bin mir nicht sicher, was mein Geschlecht angeht. Mir ist es egal ob man er oder sie nutzt und es interessiert mich nicht, wenn ein Kleidungsstück eher “männlich” oder “weiblich” ist. Ich habe mich über neutrale Geschlechter informiert und bin trotzdem verwirrt. Ich möchte mehr Klarheit, was mein Geschlecht angeht haben. Ich plane mein Outing als pansexuel und würde mich dabei auch direkt mit meinem Geschlecht outen.

Liebe Grüße von kiri

Hallo Kiri,

das ist natürlich nicht ganz einfach – wenn du einerseits merkst, dass die Labels, die kennst, nicht so richtig passen, du aber andererseits gerne eines Nutzen möchtest. Für sich genau genommen ist beides ja auch erstmal kein Problem.

Wenn du dir unsicher bist, was für ein Geschlechtslabel für dich passend ist, kannst du überlegen, ein sehr breites, in das sehr viel hinfällt zu nutzen: Enby, für nicht-binäre Person oder Neutrois als ein Label für ein neutrales Geschlecht.

Eine andere Möglichkeit ist, offensiv mit dieser Unsicherheit umzugehen, und als Label tatsächlich „questioning“ zu nutzen. Das zeigt sehr klar, dass du selbst fragend bist – ist valide und benennt das ganze treffend.

Für die Pronomen kannst du zu jeden Label, die Pronomen, die du nutzen willst, benennen. Es wäre also auch ok, zu sagen, „ich bin ein Mann und verwende sie/ihr-Pronomen“. Nicht unbedingt üblich, aber möglich. Du kannst hier also frei kombinieren, was sich richtig anfühlt. Ein Label bindet dich nicht an bestimmte Pronomina.

Hoffentlich war das für dich ein wenig hilfreich. Ich wünsche dir in jedem Fall ein gutes und sicheres Coming Out, unabhängig davon, was du dabei für Label benennst. Wenn du möchtest, kannst du auch gerne noch mal kurz schreiben, wenn du out bist, und erzählen, wie und ob du dich entschieden hast.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 219: Welches Geschlecht habe ich?

Hallo ich bin männlich 18 und bin einfach nur verwirrt ich bin zwar ein Mann doch fühle ich mich auch als frau als ob ich beider Geschlechter in mir habe. Naja ich weiß hat nicht wo ich hin gehöre ich will kein OP oder so mach mich mag eigentlich mein Körper ober trotzdem wäre ich hin und wieder auch eine Frau das verwirrt mich halt so

Hallo,

So ein Durcheinander im Kopf ist manchmal ziemlich anstrengend. Ich habe sicher von außen keine umfassende Lösung oder die ultimative Antwort. Gerne teile ich aber ein paar Gedanken, in der Hoffnung, dass sie ein wenig Struktur geben können:

Körper und Geschlecht bedingen sich nicht. Männer können Brüste haben, Frauen Bärte. Das ist zwar bisher nicht üblich, aber möglich. Daher ist es vollkommen ok, trans zu sein, aber sich körperlich nicht verändern oder verändern lassen zu wollen.

Ausprobieren ist in Ordnung. Du musst nicht erst hundertprozentig sicher sein, um ein Coming Out zu haben. Es ist valide auch unsicher „rauszukommen“ und im Coming Out erstmal etwas zu sagen wie „ich bin mir nicht sicher, aber ich könnte eine Frau sein und möchte ab jetzt sie-Pronomen nutzen“. Vielleicht auch erstmal nur in einem sehr kleinen Kreis von Freund*innen und dann mal weitersehen.

Geschlecht ist nicht statisch. Es kann durchaus sein und macht dich nicht weniger trans oder queer, dass du an einigen Tagen, Wochen oder sogar über Monat eine sehr andere Identität hast als sonst. Fluide Geschlechter sind valide.

Ich wünsche weiterhin viel Erfolg beim Entwirren im Kopf.
Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 188 – Bin ich immer noch aro/ace, wenn ich in einer Beziehung bin?

Hi, erstmal. Bis vor kurzem war ich mir sicher, dass ich aromatisch und asexuell bin, aber zur Zeit zweifel ich daran.
Ich habe keine Interesse an Sex und habe nie geliebt, wie es immer beschrieben wird. (Schmetterlinge im Bauch usw.) Seit einem Monat habe ich einen Freund (er weiß, dass ich aro/ace bin) und Frage mich jetzt ob ich wirklich noch aromatisch bin?

Ich habe nichts dagegen mit ihm irgendwo zu sitzen oder zu kuscheln, aber mehr brauche ich nicht. Auch ein Kuss ist drin, ohne dass es mich komplett stört. Jedoch wird immer gesagt, das Aro’s in keiner Beziehung sind, keine eingehen würden und auch absolut keine Interesse daran hegen.
Jetzt bin ich einfach verwirrt und weiß nicht mehr wo ich dazu gehöre…
Weiß jemand was los ist?

Hallo,

Die kürzeste Antwort auf deine Frage ist: Ja, du bist immer noch aromantisch.

Aromantik heißt einerseits nicht, dass Menschen, die aromantich sind, keine Beziehungen eingehen dürften. Andererseits ist Aromantik auf einem Spektrum definert – während es aromantische Personen gibt, die tatsächlich keine Beziehungen führen, schließt das nicht aus, dass es andere gibt, die genau das tun.

Und ja, es stimmt, dass häufig gesagt wird, dass aromantische Personen keine Beziehungen eingehen und viele Personen, die aromantisch sind, gehen auch keine ein. Das heißt aber nicht, dass sie das nicht dürfen und dass es nicht auch viele gibt, die das trotzdem tun. Es gibt ja zum Glück keine aro/ace-Polizei, die dich aus deiner Orientierung exkommunizieren kann.

Wie in jeder Beziehung gilt, dass die Personen, die in ihr sind, diese einvernehmlich ausgestalten und ausgestalten dürfen. Anders gesagt: Wenn du, wie du sagst, mit einem Kuss ok bist, und dein Freund auch, dann spricht nichts dagegen, dass ihr das auch macht. Das macht eure Beziehung nicht weniger valide und gibt auch niemandem das Recht, gegenteiliges zu behaupten.

Also. Zu deiner letzten Frage, was los ist: So wie ich das lese, hast du einen Freund und bist aro/ace. Das eine ändert nichts am anderen, auch nicht, wenn das noch so viele Menschen behaupten.

Ich wünsche dir alles Gute für die Beziehung mit deinem Freund und hoffe, dass ich dir weiterhelfen konnte.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 183 – Beschreibt “demigirl” mich ausreichend?

Hello
Ich hab eine Frage
Und zwar bin ich als Mädchen geboren und fühle mich eigentlich auch wohl in meinem Körper aber manchmal, manchmal weiß ich nicht so ganz ob ich wirklich 100 % ein Mädchen bin. Also das klingt jetzt bestimmt komisch aber gibt es eine Geschlechts Beschreibung die dazu passt? Ich denke demigirl aber ich habe Angst, dass es nicht genug betont dass ich ja wirklich zum größten Teil ein Mädchen bin
Ich bin total am strugglen und brauche Hilfe

Hallo,

wir haben eine Antwort.
Ja. Demigirl kann das, was du schilderst, sehr gut abbilden. Es gibt weder ein Mindestmaß, das eine Person an Weiblichkeit mitbringen muss oder darf, um sich als Demigirl zu bezeichnen, noch eine Möglichkeit das irgendwie nachzumessen – da geht es einzig und allein um deine Selbstbezeichnung. Wie du deine Identität (auch) als Demigirl letztlich ausgestaltest, zu einem wie großen Teil du ein Mädchen bist, liegt allein bei dir – du kannst also zu einem überwältigenden Teil weiblich sein und dich als Demigirl bezeichnen oder auch nur zu einem sehr kleinen.

Andere Personen, die eine in Teilen weibliche Geschlechtsidentität für sich beschreiben, wählen als Label manchmal auch nicht-binäre Frau oder bezeichnen sich als queere Frauen.

Es gibt hier kein richtig oder falsch, und vor allem auch keine richtig oder falsch, das von außen jemand entscheiden kann. Es liegt also allein an dir, auszuprobieren und herausfinden, ob eine dieser drei Möglichkeiten, oder vielleicht auch ein ganz anderes Label für dich passend anfühlt. Ich wünsche dir viel Erfolg beim ausprobieren.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 182 – Bin ich trans?

Hallo,
ich frage mich seit Jahren ob ich trans bin, bin mir aber bis jetzt noch immer nicht sicher. Was soll ich tun?

Hallo,

Das schwierige dabei ist: Nur du kannst sagen, ob du trans bist. Kein*e Psycholog*in, kein*e Ärzt*in, kein*e Freund*in, keine Google-Suche, kein Buzzfeed-Quiz. Ideen haben, Wissen vermitteln, zuhören, ja, aber niemand kann dir hier wirklich etwas abnehmen, und das entscheiden oder festlegen.

Genausowenig musst du irgendetwas erfüllen, um trans zu sein. Es taucht immer mal dieses Konzept auf, dass Menschen, die trans sind, das schon immer gewusst haben müssen, oder dass das Erleben von Dysphorie eine notwendige Erfahrung ist, die alle Personen, die trans sind, verbindet. Das kann auf dich zutreffen, muss es aber nicht.

Das befreiende ist: Nur du kannst sagen, ob du trans bist. Es geht um dich, darum, wer du bist. Niemand unter der Sonne hat das Anrecht, dir da irgendetwas vorzuschreiben. Du hast aber das Recht, auszuprobieren, und zu ergründen, was für dich richtig ist. Make-Up mit Tutorials auf YouTube lernen? Haare abschneiden? Brüste abbinden? Entsprechende Klamotten besorgen? Geht alles. Und du musst nicht vorher wissen, dass das richtig ist. Du kannst das ausprobieren, und wenn du merkst, dass es dir nichts gibt, dann lässt du es wieder sein. Persönlichkeit und Identität sind auch nicht für alle Zeit statisch. Es ist ok, wenn du später irgendwann merken solltest, dass das Geschlecht, mit dem du lebst, nicht mehr passt, ein neues Coming In und anschließend auch neue Coming Outs zu haben. Dass es später mal anders sein könnte, macht deine Identität im hier und jetzt nicht weniger valide.

Und: du kannst, aber musst das nicht alleine durchprobieren. Wenn du Videospiele oder Pen &Paper magst, kannst du dir dort auch Charaktere mit verschiedenen Namen und Geschlechtern spielen, dich hineinversetzen und schauen, ob und wie gut das passt – oder eben nicht. Freund*innen oder Personen, denen du vertraust, kannst du bitten, Namen oder Pronomen für dich auszuprobieren.

Zuletzt: Wie so vieles ist Geschlecht und auch Trans-Sein auf einem Spektrum. Es gibt „ein bisschen trans sein“, und das ist valide. Es gibt kein richtig oder falsch. Manche Personen, die trans sind, streben sehr viele Transitionsmaßnahmen an, anderen reicht es, von ihren Freund*innen mit einem anderen Namen angesprochen zu werden. Wieder andere behalten Namen und Pronomen, wünschen sich aber körperliche Veränderungen. Genauso auch für Geschlecht. Es gibt keine Regel, kein Gesetz, das vorgeben würde, wie ein echter Mann, ein valides Enby oder eine richtige Frau sein muss.

Zusammengefast: niemand, auch ich nicht, kann oder darf dir sagen, ob du trans bist. Du kannst das, du darfst dich da ausprobieren, du musst das nicht von heute auf Morgen wissen und es ist ok, wenn sich die Labels, die du für dich wählst, auch mal wieder ändern. Es ist nichts falsch daran, trans zu sein. Es ist nichts falsch daran, nicht trans zu sein. Es ist ok, unsicher zu sein.

Ich wünsche dir frohes Ausprobieren, Freund*innen, die dich dabei begleiten und stärken können, und dass du bald ein wenig Sicherheit darin findest, ob du trans bist.

Liebe Grüße,

Xenia

Queer und Sexworker sein

Für den folgenden Gastbeitrag gibt es einige Content Notes: Sexwork, Sex, Genitalien, Transfeindlichkeit, Pornos, transfeindlicher Slur, Deadnaming, Misgendern, Dysphoria, Euphoria und Masturbation.

Hi! Mein Name ist Ylvie und ich bin queer (Non-binary und pansexuell) und Sexworker. Meinen Job habe ich vor ca. drei Jahren, also mit 18, angefangen und nach einer langen Pause habe ich diese Tätigkeit wieder aufgenommen. Damals habe ich mich noch als cis und bisexuell bezeichnet, auch wenn es unangenehm war, wenn Menschen mich als Frau bezeichnet haben. Vor ein paar Monaten hatte ich dann mein Coming-Out, im privaten Bereich haben viele gut reagiert, andere eher schlecht, anderes habe ich aber auch nicht wirklich erwartet. Im Job war es jedoch ein wenig schwieriger.

Ein Photo von Ylvie, der diesen Text verfasst hat.

Größtenteils bin ich in meinem Job nicht geoutet, vorallem nicht auf den Clipseiten. Aber warum gebe ich mich als Cis aus? Aus Angst vor Anfeindungen, davor dass weniger Menschen meinen porn kaufen, weil ich keine Spoons (Spoons sind ein Symbolbild für meine Energie für einen Tag. Zum Beispiel wache ich an einem Tag mit 20, an einem andern Tag mit nur 10 Spoons, also wenig Energie, auf.) dafür habe, mich jeden Tag zu erklären. Auf meinem Twitter Account gehe ich offen damit um, queer zu sein, jedoch gibt es dort genau die Probleme, die ich fürchte – Transfeindlichkeit, ich werde ständig misgendert, Menschen lehnen es ab, meinen Content zu kaufen sobald sie erfahren, dass ich nicht cis bin. Also gebe ich auf anderen (Clip)seiten an, cis zu sein. Auch, weil es dort meist keine andere Option gibt. Höchstens FTM und MTF, das trifft aber beides nicht auf mich zu. Wie bei vielen Datingseiten ist es auch hier der Fall, dass mensch nur zwischen hetero, homo und bi auswählen kann, und da bi als Nächstes an pansexuell rankommt, gebe ich dies an (wobei dann mehr Anfragen für Content mit Frauen kommen, da ich aber nur alleine arbeite, muss ich dies immer ablehnen).

Ab und zu treffe ich mich mit Sugardaddys – auf den dafür zuständigen Seiten erwähne ich ebenso nichts von meiner Queerness, nur wenn die Personen meine privaten Datingprofile finden, erfahren sie es. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einem sehr netten Mann getroffen, welcher sich ebenso sofort korrigiert und entschuldigt hat, da er in der dritten Person von mir gesprochen und „sie“ anstatt „er“ verwendet hat. Dieser Mann hat eines meiner „normalen“ Datingprofile wo ich geoutet bin gefunden, und gibt sich ebenso sehr viel Mühe, die richtigen Pronomen zu nutzen. Das hat wirklich sehr gut getan, er war höflich, hat nachgefragt, welche Bezeichnung okay ist und welche nicht. Das ist leider nicht immer so. Wenn es andere nicht wissen und mich als Frau bezeichnen, sage ich nichts – schlichtweg aus Angst, dass sie das Verhältnis beenden oder gar keines beginnen wollen, dass sie mich eventuell auf der Seite melden, weil ich das falsche Geschlecht angegeben habe und somit „Männer hinters Licht führe“, wie es mir mal gesagt wurde.

Auch bekomme ich, besonders auf twitter, Nachrichten ob ich denn „noch“ einen Penis habe, ich werde als Tr*nny und Sh*m*le bezeichnet, fetischisiert, weil Menschen denken, ich sei eine trans Frau. Manchmal reicht es mir auch, wenn ich 10 mal am Tag misgendert werde, wenn 10 Mal am Tag Menschen meinen Deadname sehen, weil sie mir etwas per Paypal schicken. Dann muss ich mich stoppen, runterfahren, höflich bleiben, was mir nicht immer gelingt (dann trifft es aber die richtigen Personen, die sowieso nichts erwerben wollten).

Mein Job macht mir sehr viel Spaß, auch wenn es mich unglaublich viel Energie (und Nerven) kostet. Ich habe in den letzten Monaten viel lernen können, auch über meinen eigenen Körper. Ein Privileg was ich habe, abgesehen von meinem Weißsein, ist es, dass ich kaum Dysphoria habe. Es kommt selten vor, Euphoria taucht eher auf (und Körperschemastörung, was aber ein anderes Thema ist). Von daher ist es zu 80% der Zeit relativ einfach, Porn zu drehen. Ich habe keine Probleme damit, meine Genitalien zu sehen und zu fühlen, im Gegenteil, ich habe gelernt ihn zu lieben, durch Porn.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Sexwork mir geholfen hat und immer noch hilft. Jedoch ist dies nicht für jede Person, bzw. nicht jede Person ist dafür geschaffen, aber ich habe keine Entscheidungskraft darüber. Das muss jeder Mensch, welcher im legalen Alter ist, für sich selbst herausfinden, experimentieren, dabei aber auf sich und seine Bedürfnisse achten.

Einfach reingeschlittert

Im Internet gibt es nur wenig Berichte darüber, wie es ist, polyamourös zu sein. Wir haben also Menschen gefragt, ob sie uns ihre Coming Out-Geschichte erzählen wollen. Der heutige Text kommt von Lilly. Wenn du auch deine Geschichte erzählen willst, schreib uns an blog@queer-lexikon.net oder benutze unsere anonyme Askbox

Wie in so vieles in meinem Leben bin ich da einfach so reingeschlittert.

Ich befand mich mit meinem (mono)-Partner in einer ewiglangen Beziehung. Während ich immer wieder auszubrechen versuchte, Auslandsaufenthalte absolvierte, in Szene-Kneipen rumhing, mich tätowieren ließ, war für ihn klar: Er will ein Haus, Kinder, heiraten. Dass ich mich ausprobieren wollte, sprunghaft Hobbies wechselte und gelangweilt von seinen ewigen Spieleabenden war, nahm er großmütig hin und hielt weiter aus.

Ich lernte Hannah kennen. Hannah war in einer Beziehung mit einem nonbinary-Partner und polyamor. Sie zeigte mir, wie gut es funktionieren kann, mehrere romantische Beziehungen zu führen, wie harmonisch alle miteinander umgehen konnten. Ich traf Hannah immer häufiger und verliebte mich in sie.
Nach zahlreichen Gesprächen mit meinem Freund war klar, dass er sich auf das “Experiment poly” nicht einlassen wollte. Für ihn war es eine Phase, wie eben so vieles, was ich damals getan habe. Dass ich sein Lebenskonzept irgendwann teilen wollen würde, war in seinen Augen nur eine Frage der Zeit. Ich wusste: Ich passe nicht in sein Leben. Ich will das nicht, worauf er hinlebt, ich fühlte mich eingesperrt. Ich beendete die Beziehung und kam fest mit Hannah zusammen. Es war auf so vielen Ebenen neu, anders, fast erleuchtend – der Umgang aller beteiligten Personen war immer respektvoll, liebevoll. Es gab Szenen, in denen wir zu fünft händchenhaltend jede/r/s mit entsprechendem Partner die Straße runterliefen.
Nach einiger Zeit beendete Hannah auch die Beziehung mit mir. Sie war überzeugt, dass ich auch in das Konzept Polyamorie nicht passen würde, war überfordert damit, mich, die ich immer nur in sehr langen monogamen Beziehungen gelebt hatte, in ihre Art zu Lieben einzuführen.

Und hier bin ich jetzt, habe zwei wunderbare Beziehungen, lebe polyamor, kenne an meinem Wohnort diverse “Polys”, gehe monatlich zu einem Stammtisch und liebe die Entscheidung, die ich damals getroffen habe. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mehr über mich und meine Bedürfnisse, über romantische Liebe und Kommunikation gelernt, als ich mir jemals erhofft habe. Klar, es gab fürchterliche Phasen – ich habe geweint, geflucht, gelitten, und vor allem: gezweifelt!
Aber endlich, endlich, endlich bin ich angekommen und fühle mich wohl mit den Menschen, mit denen ich mich umgebe. Ich bin nach langer Zeit wieder glücklich und zufrieden – besonders mit mir selbst.

Geoutet bin ich bisher bei nur sehr wenigen Menschen – bis auf eine Ausnahme ist auch für sie meine Polyamorie nur eine “Phase”. Sie denken, ich verwende das Label als Freifahrtschein zum Fremdgehen – wenn ich erzähle, dass all meine Beziehungspartner voneinander wissen, sind sie überrascht. Vermutlich habe ich den Nachteil, generell als jemand bekannt zu sein, der viel ausprobiert und sich selbst verwirklichen möchte. Trotzdem wünsche ich mir, dass Polyamorie gesellschaftliche Akzeptanz findet. Denn das ist nicht nur eine Phase – für mich ist es ein Sich-endlich-Finden, ein Ankommen in sich selbst. Und ich möchte nicht mehr zurück.