Folge 11 – Konsens

In dieser Folge geht es um Konsens, also Zustimmung in Bezug auf sexuelle Handlungen. Wir freuen uns über Fragen, Kommentare und Feedback.

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Hallo und herzlich willkommen zur heutigen Folge über Konsens. Diese Folge ist etwas ganz besonderes, weil das Script dieses Mal nicht von uns kommt, sondern von Louzie, die Annika auf einer Konferenz getroffen hat, wo Louzie über dieses Thema einen Vortrag gehalten hat. Konsens bedeutet, einer Meinung zu sein oder zuzustimmen. Dabei ist es erstmal ganz egal, über was, oder worum es geht. Wir wollen uns hier aber nicht so allgemein mit Konsens beschäftigen, sondern mit Konsens in Sexualität und Beziehungen. In unserer Folge über Safer Sex haben wir das Thema Konsens schon mal angesprochen und die allerwichtigsten Sachen dazu kurz und knapp gesagt. Heute wollen wir uns dem Thema nochmal ausführlicher widmen.

Was ist Konsens?

Wie wir bereits in Folge 8 gesagt haben bedeutet Konsens, „dass alle beteiligten Menschen mit einer Situation einverstanden sind und genau wissen, was passiert.“ Das klingt super einfach, ist aber in der Praxis ganz schön kompliziert. Was ist denn eine „Situation“? Und wie soll ich wissen was passiert, wenn ich vielleicht noch gar keine Vorstellung davon habe, was auf mich zukommt? Und was mache ich wenn ich feststelle, dass ich mich geirrt habe, und dass das was vorher so toll klang, sich irgendwie dann doch nicht gut anfühlt? Um mit solchen Fragen und Problemen umzugehen, wurden verschiedene Konzepte entwickelt, die wir heute vorstellen wollen. Sie heißen „Nein heißt nein“, Zustimmungskonzept und „enthusiastischer Konsens“. Alle drei Konzepte gehen davon aus, dass es schwierig sein kann, sich in intimen Situationen immer einig zu sein, und sogar immer mitzubekommen, ob für mich und andere gerade alles okay ist. Jedes Konzept nimmt sich dann bestimmte Aspekte dieses Problems genauer vor und entwickelt Wege, wie wir damit umgehen können.

„Nein heißt nein!“

Die systematische Beschäftigung mit einvernehmlicher Sexualität, auf die wir uns hier beziehen, ging vor etwa 30 Jahren in den USA los. An US-amerikanischen Unis gab es das weit verbreitete Problem von Studentenverbindungen-Parties: Junge Männer waren in Studenten-Organisationen organisiert, den so genannten Fraternities, also Bruderschaften oder Studentenverbindungen. Sie wohnten in Gemeinschaftsunterkünften ihrer Organisation, die sich auf dem Gelände der Unis befanden. Dort veranstalteten sie große Parties mit viel Alkohol und Drogen, in deren Verlauf sie Sex mit ihren betrunkenen Mit-Studentinnen hatten – oft gegen den Willen der Studentinnen. Sie vergewaltigten also die jungen Frauen auf dem Campus, und oft sogar geplant und in Gruppen! Wenn die Studentinnen versuchten etwas dagegen zu tun, z.B. die Männer zur Rede zu stellen oder die Vergewaltigungen an die Unileitung zu melden, wurden sie nicht ernst genommen oder es wurde ihnen sogar eine Mitschuld daran gegeben, was ihnen passiert war. Dieses Problem war so verbreitet, dass es einen eigenen Namen bekam: „rape culture“, auf deutsch „Vergewaltigungskultur“. Auch dazu haben wir in der Vergangenheit schon ein Video gemacht.

Als Versuch, an dieser Vergewaltigungskultur an den Unis etwas zu ändern entwickelten

Feminist_innen das „Nein heißt nein!“-Konzept. Hier geht es darum, dass ein „Nein“, wenn es um Sex geht, immer gilt und immer respektiert werden muss. Es ist egal ob die Person, die nein sagt – und das waren in den allermeisten Fällen junge Frauen – nüchtern oder betrunken ist, ob sie vorher irgendwann mal ja gesagt hat, ob sie es zum Beispiel okay fand zu küssen und dann angeblich kein Recht mehr hätte anschließend nicht auch Sex haben zu wollen – wenn sie nein sagt, muss aufgehört werden! „Nein heißt nein!“ richtet sich also vor allem gegen die Argumente des so genannten „Victim Blaming“, also den Gründen mit denen in einer Vergewaltigungskultur den Opfern eine Mitschuld oder sogar die alleinige Schuld dafür zugeschoben wird, was ihnen passiert ist. Schon seit Mitte der 1990er Jahre wird „Nein heißt nein“ an vielen US-amerikanischen Unis mit

Aufklärungskampagnen, Plakaten und manchmal sogar mit verpflichtenden Seminaren unter den Studierenden verbreitet, damit alle wissen, dass sie das Recht haben, „Nein“ zu sexuellen Handlungen zu sagen, und dass sie das Recht haben, dass dieses „Nein“ auch respektiert wird.

Seit dem Ende der 1990er Jahre wurde der Slogan „Nein heißt nein!“ auch in Deutschland mehr verbreitet, vor allem von Feminist_innen. Seit 2016 ist dieser Grundsatz auch endlich Teil der deutschen Gesetze, wenn es vor Gericht um sexualisierte Gewalt geht.

Zustimmungskonzept

Ein großes Problem, das einige Menschen bei dem Ansatz „Nein heißt nein!“ sahen war, dass es immer erst soweit kommen muss, dass eine Person merkt dass sie nicht möchte oder dass sich etwas nicht gut anfühlt. Die Grundannahme ist also erstmal, dass in Sexualität zwischen Menschen alles okay ist, bis eine Person widerspricht oder „Stopp“ sagt. Was aber, wenn ich nicht gut Stopp sagen kann – weil ich nicht nüchtern bin, weil ich mich nicht traue, oder einfach weil ich die andere

Person nicht verletzen will? Wann habe ich laut genug Stopp gesagt dass es auch als „Nein“ gilt?

Für solche Schwierigkeiten wurde seit Beginn der 2000er Jahre das sogenannte Zustimmungskonzept entwickelt, dass auch das „Ja heißt ja!“- oder „Nur ja heißt ja“-Konzept heißt. Hier wird die Perspektive einfach umgedreht: Wenn es um Sex oder Intimität geht, ist erstmal gar nichts okay und es muss immer gefragt werden. Erst wenn jemand zu etwas „Ja“ sagt, wird es okay. Ich muss also nicht mehr beweisen, dass ich mich nicht küssen lassen wollte, sondern die Person die mich geküsst hat muss mich vorher fragen! Dieser Ansatz gibt allen Beteiligten ein großes Maß an Sicherheit: Wenn zuerst gefragt wird, wissen alle was passieren soll und ob das okay ist. Das heißt auch, dass ich, wenn ich etwas tun möchte, sicher sein kann, dass mein Gegenüber das auch möchte, wenn er oder sie dazu „Ja“ gesagt hat. Ich muss keine Angst davor haben, dass ich versehentlich ein „Nein“ übergehe, weil ich etwa fälschlicherweise Schweigen als Zustimmung interpretiert habe. Auch an den US-amerikanischen Unis wird inzwischen nicht mehr einfach „Nein heißt nein!“ verbreitet, sondern die Aufklärungskampagnen heißen zum Beispiel „Konsens ist sexy“ oder „Projekt Respekt“ und beschäftigen sich vielfältiger damit, was einvernehmliche Sexualität eigentlich bedeutet.

In Deutschland und Österreich wurde dieses Konzept besonders in queeren und feministischen Szenen aufgegriffen. Hier stand lange Zeit vor allem das Thema im Vordergrund, sich selbst genauer zu hinterfragen und erst einmal selbst zu lernen, besser über Intimität und Sexualität zu kommunizieren.

Enthusiastischer Konsens

Manche Menschen finden aber, dass auch „Ja heißt ja“ immer noch am Kern der Sache vorbei geht. Ihrer Meinung nach gibt es unausgesprochene Vorannahmen, auf denen „Nein heißt Nein!“ und „Ja heißt ja“ aufbauen. Die meisten haben bei diesen Konzepten das Bild im Kopf, dass es ein Mann ist der etwas tut und fragen muss, und dass es eine Frau ist, mit der etwas getan wird, der potenziell etwas angetan wird, und die zustimmen soll, damit ihr nichts Schlimmes passiert. Was aber, wenn plötzlich zwei Schwule Männer miteinander intim werden? Oder zwei lesbische Frauen? Was ist mit den heterosexuellen Frauen, die lieber selbst aktiv werden, anstatt Dinge „mit sich machen“ zu  lassen? Und überhaupt, wieso ist Sexualität eigentlich immer gleich bedrohlich und gefährlich? Wieso geht es überhaupt die ganze Zeit um Sex, und so wenig um Küssen und Kuscheln und andere Wege, miteinander intim zu sein? Sind die dann etwa weniger problematisch?

Daraufhin entstand das Konzept vom „enthusiastischen Konsens“, auf englisch „enthusiastic consent“. Der Fokus wird hier weg bewegt von den einzelnen Handlungen, zu denen dann jemand „ja“ oder „nein“ sagen muss, und hin zu Intimität und Sexualität als Prozess, der sich entwickelt, und indem zum Beispiel die gleiche Sache zu einem Zeitpunkt gut und zu einem anderen nicht gut sein kann. Natürlich gilt weiterhin, dass alle Beteiligten mit allem was passiert einverstanden sein müssen, aber „enthusiastic consent“ geht noch ein paar Schritte weiter. Intimität und Sexualität lassen sich in dieser Sichtweise mit einer „Reise“ vergleichen, wo die Beteiligten vorher planen, wo sie hinfahren und was sie unterwegs erleben wollen, anstatt dass sie einfach an jeder Kreuzung diskutieren, ob sie rechts oder links abbiegen oder doch weiter geradeaus fahren wollen. Mit dieser Perspektive kommen auch ganz andere Fragen auf, über die sich die Beteiligten einigen müssen:

Um im Bild der Reise zu bleiben: Wie lange wollen wir unterwegs sein? Nehmen wir lieber die Autobahn um schnell anzukommen, oder die Landstraße um was von der Gegend zu sehen? Oder vielleicht gleich das Fahrrad? Was ist, wenn es uns irgendwo unterwegs gut gefällt: Bleiben wir einfach da, oder fahren wir auf jeden Fall weiter bis wir unser Ziel erreicht haben? Und apropos, wer fährt eigentlich? Wechseln wir uns ab? Wie einigen wir uns, wenn wir unterwegs feststellen, dass es einer Person gut gefällt, die andere aber weiter möchte? Wie gehen wir damit um, wenn eine Person gar nicht gerne wegfährt, sondern lieber einen gemütlichen Urlaub zuhause verbringen möchte?

Hier wird das Gemeinsame in den Vordergrund gestellt und die Art und Weise, wie darüber kommuniziert wird. Und wenn alle Beteiligten sich auf etwas geeinigt haben, dann sind sie hoffentlich auch mit Begeisterung – enthusiastisch – dabei und es passieren nur Dinge, die für alle okay sind. Solange sich alle an die Vereinbarungen halten, natürlich.

Weiterführende Literatur und Quellen

Friedman, Jaclyn / Valenti, Jessica (2008): Yes means yes! Visions of female sexual power & a world without rape. Berkeley, USA: Seal press.

Holst, Sina / Montanari, Johanna (Hrsg) (2017): Wege zum Nein. Emanzipative Sexualitäten und queer-feministische Visionen. Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland 2016. Münster: edition assemblage.

Wildfell, Helen (2015): Consensuality. Navigating Feminism, Gender, and Boundaries. Towars loving relationships.

Hier bekommst du Hilfe, wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast:
https://weisser-ring.de/praevention/tipps/vergewaltigung

 

 

Folge 11 – Konsens

In dieser Folge geht es um Konsens, also Zustimmung in Bezug auf sexuelle Handlungen. Wir freuen uns über Fragen, Kommentare und Feedback.

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Das Script zu dieser Folge hat Louzie geschrieben, wir werden es bald hier hoch geladen haben und bedanken uns ganz herzlich für die gute Zusammenarbeit!
Hier findest du mehr Literatur und Quellen zum Thema:

  • Friedman, Jaclyn / Valenti, Jessica (2008): Yes means yes! Visions of female sexual power & a world without rape. Berkeley, USA: Seal press.
  • Holst, Sina / Montanari, Johanna (Hrsg) (2017): Wege zum Nein. Emanzipative Sexualitäten und queer-feministische Visionen. Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland 2016. Münster: edition assemblage.
  • Wildfell, Helen (2015): Consensuality. Navigating Feminism, Gender, and Boundaries. Towars loving relationships.

Hier bekommst du Hilfe, wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast:
https://weisser-ring.de/praevention/tipps/vergewaltigung

 

 

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3 Antworten

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