Superquatsch

Ich habe Dinge im Internet gelesen. War ein Fehler.

Heute: superstraight.

Menschen haben da bereits clevere Dinge zu gesagt und ich will da auch gar nicht weiter auf die queere Dimension eingehen. Oder auf die stinkende Transfeindlichkeit. Das können andere besser.

Hier nur trockene Logik. Oh. Und eine kurze Erläuterung, was das eigentlich heißen soll.

Was ist es diesmal?

Na, was wohl?

Cissige Ideen, die irgendwo auf gammelnden Gedankenkomposten des Internets ans Tageslicht kamen. Irgendwo zwischen toxischer Meme-Culture und neuer Rechter. Klingt bekannt? Möglich, sorry. Und es ist eigentlich auch immer die gleiche Leier.

Dieses Mal heißt der Spaß superstraight und meint, dass Personen, die dieses Label nutzen, so straight sind, dass sie nur cis Personen des jeweilig binär anderen Geschlechts daten wollen / attraktiv finden.

Der Begriff schlägt in die selbe Kerbe wie das Konzept von “Gold-Star-Lesbians”, die sich ihr Sternchen darüber verdienen, dass sie niemals mit Personen, die nicht cis weiblich sind, Beziehungen eingehen würden. Das ist auch ziemlicher Unfug, allein schon, weil Leute in einer heteronormativen Gesellschaft nicht so unbedingt in jedem Alter schon wissen und es sich eingestehen können, wenn sie nicht hetero sind. Lesben, die schon mal Beziehungen mit Männern oder Jungs hatten, sind aber nicht weniger lesbisch, und Lesben, die nur Beziehungen mit cis Frauen hatten, macht das nicht zur “besseren” Lesbe.

Wie funktioniert das jetzt?

Alles, was ich hier aufbauen will, ist ein logisches Argument. Ich will hier nicht über überbordende Transfeindlichkeit, über Schulterschlüsse von Queerfeindlichkeit und neuer Rechter oder irgendwas von dem Schmonzes reden. Ein andermal.

Alles, was ich machen will, ist hier einen Finger redensartlich in die Wunde legen, und aufzeigen, wieso das Konstrukt schon der Idee nach völliger Mumpitz ist.

Logikfehler 1: Wissen

Einerseits weiß ich von den meisten Menschen gar nicht, was für Genitalien sie haben. Und ich glaube, dass trifft für die meisten Menschen zu. Wer von uns weiß denn auf einem Konzert zwischen 200 Menschen in einem halb dunklem Club Details über die Anatomie der Anwesenden? Circa niemand. Ich behaupte, das ist auch ganz okay so.

Weil ich aber per default erstmal gar nicht weiß, was für Genitalien eine Person hat, ist es eine gewagt-unsinnige These, sexuelle Orientierung spezifisch exakt darüber auszudefinieren. Es geht bei Labels für sexuelle Orientierung ja gerade auch nicht darum, zu sagen, für welche Beziehungen sich eine Person bewusst entscheidet, sondern auch um einen unterbewussten Teil, wer als attraktiv empfunden wird und wodurch.

Wer also “true superstraight” für sich claimen will, müsste dazu schon im Moment des Wahrnehmens einer anderen Person deren Intimbausatz (und zugewiesenes Geschlecht bei Geburt oder was auch immer) kennen. Aber das tun wir in der Regel nicht und das ist auch besser so. Das ist also als Label schon mal nicht praktikabel.

Die Annahme, das zu können, ist per se schonmal transfeindlich, weil es indirekt unterstellt, egal wie gutes Passing immer “durchschauen” zu können. Was schlicht auch nicht zutrifft.

Logikfehler 2: Annahmen über andere

Wieso sich überhaupt ein Label suchen, das offensiv sagt “ja, aber die nicht!”? Nun, um eine Grenze zu ziehen, um abzuwehren. Eine Abwehr ergibt aber nur Sinn, wenn es da einen (möglichen) Angriff gibt.

Und hier wirds schon wieder dünn. Wo ist denn der Angriff? Sind es die überwältigenden Horden von Personen, die nicht cis sind, und Leute daten wollen, die cis sind, so dass jene sich nicht erwehren können? lol. Glaubste selbst nicht. Und selbst wenn, behaupte ich, dass wir dann doch noch in der Lage sind neins zu akzeptieren.

Wenn also die Motivation dafür, zu sagen, dass eins so straight ist, dass trans Personen keine möglichen Partner*innen sind, ein Label zum Eigenschutz sein soll, dann ist das insbesondere trans- und nicht-binär-feindlich, weil es unterstellt, dass wir alle übergriffig und/oder lästig sind.

Logikfehler 3: Annahmen über sich selbst

Dazu kommt noch, dass von außen ein Label auch gar nicht ersichtlich ist. Niemand sieht von außen, ob wer jetzt straight oder superstraight ist (oder überhaupt, ob die Person jetzt straight ist, seis drum). Selbst wenn so eine besagte Schutzfunktion gewünscht wäre, weiß das eine andere Person, die gegebenfalls an Dates oder Beziehung initial interessiert wäre, ja gar nicht. Woher auch? Rein logisch kann dieses Label eine solche Schutzwirkung gar nicht entfalten.

Jetzt sagt ihr, aber Xenia, die Person kann sich das ja ins Profil schreiben oder kommunizieren.

Richtig. Kann sie. Führt dann auch wirklich zu dieser Schutzfunktion, weil dann alle wissen, dass die Person pauschal trans- und nicht-binär-feindlich agiert und somit einen Bogen um sie machen können. Easy.

Aber?

Aber was, wenn es wirklich weniger um Sexualität und sexuelle Orientierung sondern primär um Sex geht und das für die betreffende Person einfach nicht mit bestimmten Genitalien denkbar ist?

Das ist eine ganz andere Baustelle. Niemand mischt sich an der Stelle in good faith ein und schreibt vor, wer mit wem Sex haben darf oder muss.

Das ist in sich auch schon wieder so eine Unterstellung, dass trans und nichtbinäre Personen Sex einfordern oder erzwingen würden. Falls das irgendwo passiert, ist das abzulehnen und schlecht – da sind wir uns alle einig. Strukturell ist das aber nicht etwas, was bei trans und nichtbinären Menschen häufiger vorkommt als beim Rest der Bevölkerung.

Kurz gesagt: nein, Paul, niemand zwingt dich dazu, Sex mit irgendwem zu haben.

Uff.

Wäre schön, mal eine Woche durchzukommen, ohne, dass wer abenteuerlichen cissigen Schwachsinn zusammenfantasiert, der nicht mal in sich logisch ist.

Es fühlt sich einfach an wie bei Asterix, der mit Miraculix durchs Dorf schlendert, beiläufig feststellt, dass auf dem Marktplatz ne riesige Schlägerei ist. Und noch bevor er die Frage an den Druiden, worum es denn heute geht, fertig aussprechen kann, haarscharf ausweichen muss, um nicht von einem geworfenem Gegenstand der Diskussion, vergammeltem Fisch, getroffen zu werden.