Liebesgrüße nach London

Ein Beitrag von unserer Blogleitung Xenia.

In England sitzen eine Handvoll trans Jugendliche auf dem Gebäude des staatlichen Gesundheitsservice. Jetzt schon fast seit einer Woche. Warum tun sie das? Wie kam’s dazu?

7 Personen sitzen auf einer Kante auf einem Geübte. Zwischen ihnen hängt ein Banner mit der Aufschrift "we are not pawns in your politics". Hinter einen an den Fenstern des Gebäudes sind trans Flaggen und der Schriftzug "trans kids deserve better" geklebt.
Photo von trans kids deserve better.

Wie war das noch mit der Gesundheitsversorung für jugendliche trans Personen?

Schwierig. In einem Wort: schwierig. Es gibt einiges an wissenschaftlicher Literatur und jahrelange gute Erfahrung aus einigen wenigen spezialisierten Zentren, aber das Wissen ist in der Praxis häufig nicht verbreitet. Überhaupt kompetente Fachpersonen zu finden ist für Eltern wie trans Jugendliche schwierig. Im deutschsprachigen Europa und eigentlich fast überall.

Zusätzlich gibt es einige Gruppierungen, die sich immer wieder auch öffentlich Gehör verschaffen, die sich über die bestehende Wissenschaft und das Wohlbefinden von jungen trans Personen hinwegsetzen und ihnen jegliche medikamentöse Behandlung verwehren möchten. Zur schwierigen Versorgungslage kommt also auch noch eine ablehnende und unfreundliche öffentliche Stimmung für junge trans Personen.

Vorgeschichte 1 – Gesundheit in England

Das Gesundheitssystem im vereinigten Königreich ist anders organisiert als in Deutschland. Es gibt keine gesetzlichen Krankenversicherungen, wie wir sie kennen. Medizinische Anlaufsstellen werden vom NHS (national health service), dem Nationalen Gesundheitsservice betrieben und finanziert. Es gibt auch Privatpraxen und entsprechende private Versicherungen.

England hat dabei einen eigenen und weitgehend autonomen NHS ebenso Wales, Schottland und Nordirland. Die Proteste aktuell betreffen rein örtlich den NHS England, die Ausgangslage ist aber auch in den anderen Regionen vergleichbar.

Vorgeschichte 2 – Tavistock

Für trans Kinder und Jugendliche gab es bis 2023 im NHS in England den Gender Identity Development Service, kurz GIDS, angesiedelt in der Klinik in Tavistock. Das Problem: Sehr lange Wartezeiten und teilweise auch sehr lange Anreisewege, wenn für ganz England nur eine einzige Klinik zentral existiert. Der Plan: mindestens 2 regionale Zentren für trans Jugendliche im NHS England sollten Tavistock ablösen. Aktuellere Berichterstattung geht davon aus, dass diese regionalen Zentren, die sich gerade im Aufbau befinden, personell unterbesetzt sind und nicht bereit, diese Versorgung zu übernehmen.

Vorgeschichte 3 – Cass

Dieses Jahr wurde dann von Hillary Cass, einer Doktorin ohne Erfahrung in Transgesundheitsversorgung ein ausführlicher Überblick über die Versorgung von jungen trans Personen, über den Stand der Wissenschaft und mit Empfehlungen zur weiteren Versorgung veröffentlicht. Nach der Veröffentlichung zeigte sich, dass an der Erstellung Personen aus transfeindlichen US-amerikanischen Lobbygruppen beteiligt waren. Auch die Auswahl der bewerteten Studien und die Bewertungskriterien wurden und werden von Fachverbänden stark kritisiert. Einfach gesagt: Der Cass-Report hüllt sich in den Schein einer objektiven Auseinandersetzung, während er qualitativ fragwürdig und in seinen Forderungen schädlich ist. Zu vergleichbaren Forderungen nach einem Ende der Gesundheitsversorgung für junge trans Personen wie wir sie kennen, kam auch eine internes Papier der NHS. In der Folge werden im NHS keine Pubertätsblocker mehr an unter 18-jährige trans Personen verschrieben. Es gibt lediglich Ausnahmen für klinische Studien. Im Zuge des Cass-Reports durften auch private Anbieter Pubertätsblocker nicht weiter verordnen.

Der Protest

Am Tag der London Pride, dem Londoner CSD, kletterten nun trans Jugendliche auf das Hauptgebäude der NHS England, entrollten große Banner und klebten den Schriftzug “trans kids deserve better” in großen Plakaten entlang der Fenster. Und seit dem sitzen sie dort. Gemeinsam für ihre Gesundheitsversorgung. Ich hasse, dass sie es tun müssen, ich liebe, dass sie es tun. Eine der protestierenden Personen sagt dazu: “Gender-affirming healthcare is a matter of life and death for us, and we hope that our actions will bring awareness to this fact and encourage others to fight for the healthcare and dignity that we are so shamefully denied.” – also: “Geschlechtsbestätigende Maßnahmen sind für uns eine Frage von Leben und Tod, und wir hoffen, dass unsere Aktionen Bewusstsein dafür schaffen können und andere ermutigen können, für die Gesundheitsversorgung und Würde zu kämpfen, die uns aktuell derart schändlich verweigert wird.”

Belege

Ich hab mir das nicht ausgedacht:

2 Antworten

  1. Anonymous sagt:

    Danke für den Beitrag!

  2. Caro sagt:

    Hey Xenia (+Community)!
    Danke für diese wertvollen Beitrag <3
    Ich hoffe, den Kids und jungen Erwachsenen wurden zumindest Mikrofone gegeben, um laut zu werden. Die sind richtig mutig! Hoffentlich erreicht diese Demonstration die richtigen Menschen, um etwas zu verbessern.

    Der Beitrag hat mich über die Situation in Deutschland nachdenken lassen und ich frage mich, wie geschult denn "unsere" Ärzte sind bzw allgemein "unser" Gesundheitssystem am Ende des Tages ist, besonders zurückzuführen zum Thema Gender Health Gap. Wie sollen "unsere" Ärzte denn queere Menschen bei bestimmten Heilungsprozessen unterstützen können, wenn es bei Flinta Personen schon scheitert?
    Dazu werden bei uns aktuell in Kliniken und Praxen so viele Personengruppen (die Liste ist lang) nachweislich systemisch diskriminiert (bis hin zum Missbrauch), sowie gesellschaftlich "überhört/vergessen/gar nicht bemerkt".

    Frustrierend. Für unser Gesundheitssystem ist da leider noch sehr viel Luft nach oben!
    Daher kann ich nur an #metoo im Gesundheitswesen appelieren, erzählt eure Geschichten – wir sind nicht allein und wir können gemeinsam etwas gegen die Dunkelziffern tun.

    Passt gut aufeinander auf,
    Caro

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