“Kein Bock Club. Warum wir auch mal keine Lust auf Sex haben” – eine Rezension

Diese Rezension wurde von einem Queer Lexikon Teammitglied verfasst.
Der Kiwi Space Verlag hat uns Maria Popovs “Kein Bock Club. Warum wir auch mal keine Lust auf Sex haben” als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Maria Popov kennt ihr vielleicht aus den sozialen Medien, z. B. vom funk-Format “Auf Klo” auf YouTube. Der Klappentext verspricht “eine Einladung, Sexualität neu zu denken: zärtlicher, ehrlicher, mutiger”. Diese Einladung ist aktuell als Paperback für 18€ und als E-Book für 16,99€ zu haben und umfasst inklusive Quellen 320 Seiten. Und da ich mich mit dem ebenfalls auf dem Klappentext genannten “keinen Bock auf […] Männer” identifizieren kann, darf ich heute eine Rezension schreiben.
Das Buch umfasst zehn Kapitel, die sich verschiedenen Themen wie ersten Malen, Dating, Feminismus, Beziehungen, Freund*innenschaften und auch Männer widmen. Ich habe Schwierigkeiten, eine treffende Zusammenfassung zu formulieren, denn es ist relativ breit gefächert, ohne auf den Punkt zu benennen, wie die einzelnen Bestandteile ins große Ganze passen, oder was das große Ganze überhaupt ist. Es geht im Buch um Asexualität, aber nicht nur. Es geht generell um Gründe, keinen Bock zu haben, um Labels, darum, wie gesellschaftlich mit Bock umgegangen wird, und viel um Unsicherheiten und die Frage danach, was eigentlich als normal angesehen ist – oder als normal angesehen werden sollte.
Was mir gut gefallen hat:
Die einzelnen Kapitel und auch einige Abschnitte fangen damit an, dass Maria Popov von ihren eigenen Erfahrungen erzählt. Sie nimmt uns mit in ihr Jugendzimmer, zu ihrem ersten Kuss, in ihre WG, zu ihrer Familie und auf Dates und erzählt dabei von ihren Unsicherheiten, aber auch von einem unglaublichen Lernprozess über und zu sich selbst. Hut ab für so viel Ehrlichkeit und Vulnerabilität, denn auch wenn es vermutlich befreiend sein kann, über die eigenen Erlebnisse zu schreiben, sind es doch sehr persönliche Einblicke, die Leser*innen bekommen. Es gelingt der Autorin gut, eigene Erlebnisse und gesellschaftliche Zusammenhänge, die sie kommentieren möchte, zu verflechten, sodass ein flüssiger Text entsteht. Sie bezieht an einigen Stellen auch Studienergebnisse ein, insgesamt ist das Buch allerdings eher kurzweilig geschrieben.
Außerdem schätze ich die klare Positionierung für trans Menschen und ihre Rechte sehr. Dazu gibt es direkt am Anfang einen Absatz. Wenn auch trans Personen an manchen Stellen im Text nicht konsequent mitgedacht werden, finde ich erleichternd zu wissen: Hier ist keine heimliche Agenda versteckt, die trans Personen ihre Rechte absprechen will, sondern die Autorin versucht ernsthaft, trans Personen mitzudenken und kritisiert auch TERFs und co. Genauso mag ich, dass Barrieren in der Sexualaufklärung sowie die Unsichtbarmachung (der Sexualität) von Menschen mit Behinderung erwähnt werden. Danke!
Was mir weniger gut gefallen hat:
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht ganz sicher, was denn jetzt genau das Ziel des Kein Bock Clubs ist und wen dieser umfassen soll. Vielleicht finde ich diese Bezeichnung sogar eher hinderlich, denn: So wie ich es verstehe argumentiert die Autorin dafür, einen größeren Fokus auf Formen von Intimität zu legen, die kein Sex sind. Sex soll stattdessen sowohl zwischenmenschlich als auch gesellschaftlich aus dem Fokus gerückt werden. Unabhängig davon, ob jemand asexuell ist, oder aus anderen Gründen keinen Bock hat (wobei natürlich sehr wichtig ist, dass besser über die Existenz von Asexualität aufgeklärt wird). Nun ist aber der Punkt, dass höchstwahrscheinlich alle Menschen an irgendeinem Punkt in ihrem Leben mal keinen Bock auf Sex hatten, und wenn auch “nur” aufgrund von bspw. Trauer oder einer Krankheit, und damit dem Kein Bock Club angehören (können). Bei all dem gehe ich soweit mit, aber ist dann nicht der Club an sich hinfällig? Vielleicht ist er auch nur ein Stilmittel, die Autorin differenziert zumindest solide zwischen verschiedenen Gründen, aus denen Leute keinen Bock haben können, aber der übergeordnete Rahmen kommt mir irgendwie unfertig vor. Das wird leider auch davon unterstrichen, dass einige Argumentationen in sich widersprüchlich sind, Definitionen nicht zueinander passen, und Gedanken nicht konsequent zu Ende gedacht wirken. Die Definition von Asexualität lässt bspw. spätere Ausführungen unschlüssig wirken und greift zu kurz. Auch werden, oft aus humoristischen Gründen, Verallgemeinerungen getroffen, die bestehende Klischees verfestigen und genau auf Grundlage der Normen funktionieren, die die Autorin kritisiert.
Ein Punkt, der mir noch wichtig ist: Maria Popov verwendet den Begriff der Spätzünderin und setzt sich auch kritisch mit diesem auseinander – ihre eigenen Erfahrungen entsprechen nur begrenzt dem, was man allgemein als Spätzünder*in beschreiben würde und sowieso ist der Begriff schwierig, denn wer hat zu entscheiden, was wann geschehen soll. Trotzdem sehe ich die Gefahr, dass dieser Teil des Buchs Unsicherheiten in Leser*innen verstärken kann, ganz nach dem Motto “Sie hatte ihren ersten Kuss schon mit X-Jahren und nennt sich Spätzünderin. Ich bin viel älter und habe noch niemanden geküsst, ich muss so viel nachholen”. Damit will ich der Autorin überhaupt nicht absprechen, “spätzünderig” genug zu sein, um den Begriff zu benutzen, sondern nur hervorheben, was eigentlich auch Message des Buchs ist: Niemand sollte Druck erfahren, an einem bestimmten Punkt oder überhaupt im Leben irgendwelche sexuellen/romantischen/Beziehungs- Erfahrungen zu machen, oder eben nicht zu machen, nur weil Normen/die Gesellschaft/der Freundeskreis/… das für richtig halten.
Was ich mir gewünscht hätte:
Content Notes bzw. Inhaltswarnungen! An einigen Stellen behandelt das Buch potenziell belastende Themen wie z. B. sexuelle Gewalt (okay, in einem Buch mit dem Thema vermutlich zu erwarten), Suizid, Gewaltverbrechen und Mord. Das hatte ich teilweise bei den jeweiligen Kapitelüberschriften nicht erwartet und wäre über eine kurze Content Note am Buchanfang, -Ende oder bei der jeweiligen Kapitelüberschrift dankbar gewesen.
Die Autorin erklärt, dass konservative “Feministinnen” Aufklärungsunterricht an Schulen kritisieren und am liebsten abschaffen würden, um die Kinder vor “Übersexualisierung” zu schützen. Es wird meiner Meinung nach deutlich, dass sie nicht viel von diesen Plänen hält und sich von derartigen Überlegungen distanziert. Was mir hier aber wichtig wäre: die Bedeutung von Aufklärung zu betonen, und zu erklären, dass eine alters-/entwicklungsgerechte Aufklärung essentiell zur Prävention von sexueller Gewalt ist.
Außerdem gibt es zwar ein Quellenverzeichnis (über Endnoten organisiert) und einige Quellen werden im Fließtext genannt, dort finden sich aber oft keine vollständigen Angaben. Das hätte mich für das einfachere Nachvollziehen der Quellen gefreut. Als Nice-to-Have hätte ich mir auch eine Leseliste gut vorstellen können, auf der ein paar zentrale Texte zum Thema übersichtlich gesammelt werden.
Fazit:
Der Anfang des Buchs hat mich ziemlich gut abgeholt – genau wie die zahlreichen Musikreferenzen, die einen roten Faden durch das Buch geben und auch ein bisschen einen Tumblr-Vibe (affectionately). Der Aspekt hat mich aber auch etwas verunsichert, wer genau die Zielgruppe dieses Buchs ist: Ich bin Mitte 20 und habe das Gefühl, alterstechnisch passt das ganz gut, würde aber natürlich vielen jüngeren Menschen wünschen, zu erfahren, dass sie keinen Bock haben dürfen. So oder so finde ich, dem Buch ist anzumerken, dass es mit viel Hingabe zum Thema geschrieben ist. Der Schreibstil wirkt authentisch und ich habe das Gefühl, sie bringt stark ihre eigene Stimme zum Ausdruck. Ich bin mir sicher, dass sich einige Personen in diesem Buch wiederfinden (so wie ich auch in einigen Teilen), sich gesehen fühlen und dabei unterstützt werden, sich selbst ein bisschen besser zu verstehen.


