Kummerkasten Antwort 47: Ich verstehe mich selbst nicht.

Hallo Kummerkasten Team.
Ich bin mir im Moment unsicher über meine Geschlechtsidentität. Bisher habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, da ich, wie meine Freundinnen auch, für Jungs geschwärmt habe und neidisch war, wenn sie einen Freund hatten. Eine Beziehung kann man ich mir aber nicht vorstellen. Zu Jungs hingezogen fühle ich mich, aber sobald es darum geht auf sie zu zugehen, weiche ich innerlich zurück. Ich bin quasi immer in die Vorstellung verknallt und unfähig in der Wirklichkeit zu handeln. Mich schreckt die Vorstellung vom Kuscheln, Händchenhalten und sich ganz dem anderen hingeben ab.
Vor ein paar Wochen kamen mir dann plötzlich komische Gedankengänge. Ich hatte das Verlangen meine beste Freundin zu küssen oder ihr irgendwie näher zu kommen, meinen Kopf auf ihre Schulter zu legen, ihre Hand zu nehmen… Mir kam der Gedanke, dass ich viel lieber ein Mädchen als einen Jungen küssen würde, da ich mir das irgendwie schöner vorstelle.
In den Nächten habe ich aber trotzdem sowohl von der Nähe zu Mädchen als auch zu Jungen geträumt. Eine Sache ist aber immer gleich: Ich sehne mich nach Nähe.
Nachdem ich mich nun näher mit dem Thema befasst habe, fühle ich mich jedoch nur noch verwirrter…
Ich hoffe mir kann jemand helfen. Ich verstehe mich nämlich gerade selbst nicht und weiß nicht was ich will.
Charlotte

Hallo Charlotte,

Ich kann deine Verwirrung gut nachvollziehen. Die gute Nachricht ist: Das geht vielen queeren Menschen so. Viele brauchen eine Weile, um sich selbst zu verstehen und vielleicht sogar einen Begriff zu finden, der für einen passt.

Vielleicht hilft es dir, verschiedene Arten von Anziehung zu trennen: Die sexuelle Orientierung (= wen findest du sexuell anziehend) von der romantischen Anziehung (=in wen verliebst du dich, mit wem willst du eine romantische Beziehung führen) und der ästhetischen Anziehung (=wen findest du attraktiv), sowie der sensuellen Anziehung (=wen berührst du gerne, streichelst du gerne bzw. von wem willst du berührt werden, gestreichelt werden etc.). Für manche Menschen ist das nicht alles dasselbe. Vielleicht kannst du Jungen attraktiv finden (=ästhetische Anziehung), willst aber keinenen Sex mit ihnen haben (=sexuelle Orientierung), oder mit ihnen Händchen halten (=sensuelle Anziehung)?

So genau kannst du das natürlich nur du selbst sagen – ich kann dir nur sagen, worüber du mal nachdenken könntest. Es kann auch helfen, wenn du dich mit anderen queeren Jugendlichen, z.B. in einer Jugendgruppe austauschst.

Außerdem: Den ersten Schritt machen bei attraktiven Menschen ist immer schwer. Es kann sein, dass du einfach schüchtern bist – oder, vielleicht auch noch nicht bereit für eine sexuelle Beziehung…

Ich wünsche dir alles Gute und dass du bald nicht mehr verwirrt bist.

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkastenantwort 47 – Was, wenn ich fremd geoutet werde?

Hey,
ich (15 y/o) habe vor ca. eineinhalb Monaten herausgefunden, dass ich mich zu Frauen hingezogen fühle. In den ersten Wochen konnte ich mich nicht als lesbisch, bisexuell und oft nicht einmal als queer identifizieren, mittlerweile fühle ich mich als lesbisch. Ich habe auch die Vermutung, dass ich panästhetisch sein könnte, da ich auch z.B. männliche Schauspieler gutaussehend finde (hier ein großes Dankeschön an eure tolle Seite, die übersichtlich und informativ gestalteten Erklärungen haben mir in meiner Verwirrung sehr geholfen.).
Ich habe mich sehr schnell sowol bei meinen Eltern als auch bei meinen besten Freundinnen geoutet, und nur positive Reaktionen bekommen, worüber ich sehr happy bin. Vor kurzem habe ich mich auch bei meinen Großeltern geoutet (das erste Coming Out, bei dem ich mich auch wirklich als lesbisch gelabelt habe), und die Reaktion war nicht so toll. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen Großeltern, und gerade, weil mein einer Opa vor kurzem verstorben ist und ich mich bei ihm nicht mehr outen konnte, hatte ich das Bedürfnis, es diesen beiden Großeltern zu sagen, auch wenn ich vermutet habe, dass sie nicht so offen wie meine Eltern und Freunde reagieren würden, da ihre Reaktion auf den transsexuellen Cousin meiner Mutter auch nicht so toll war. Wahrscheinlich waren sie in dem Moment auch einfach überfordert, aber obwohl sie mir gesagt haben, dass sie, wenn es wirklich so sein sollte, hinter mir stehen, haben mich die Kommentare meiner Oma schon irgendwie verletzt (“Vielleicht hast du ja einfach noch nicht den richtigen Jungen getroffen.” “Aber ich will doch Urenkel haben!” “Du bist ja noch so jung, du kannst das ja noch gar nicht wissen.”).
Nun habe ich Angst, dass meine Klasse irgendwie mitkriegt, dass ich lesbisch bin. So ein unfreiwilliges Outing vor der Klasse ist momentan mit das schlimmste, dass ich mir vorstellen kann. In der Schule mache ich oft mit meinen besten Freundinnen, bei denen ich geoutet bin, Witze und Anspielungen auf meinen Celebrity-Crush, eine Schauspielerin aus meinem Lieblingsfilm. Zwar benutzen wir immer Decknamen, hier zum Beispiel nur ihren Anfangsbuchstaben, aber trotzdem habe ich irgendwie Angst, dass jemand etwas mitbekommt und die richtigen Schlüsse zieht. Ich schäme mich nicht dafür, lesbisch zu sein, aber ich will nicht täglich mit dämlichen Anspielungen und homophoben Kommentaren konfrontiert werden müssen. Besonders bei einer Person aus meiner Klasse, einer ehemaligen Freundin, mit der ich und auch meine besten Freundinnen im Streit auseinander gegangen sind, weil sie uns ausgenutzt hat, könnte ich mir wirklich sehr gut vorstellen, dass sie es allen erzählt, wenn sie es herausfinden würde.
Gibt es irgendetwas, dass ich tun kann, um diese Angst loszuwerden und mehr Selbstbewusstsein zu bekommen?
Lg
Pau

Hallo Pau,

Erstmal: Vielen Dank für dein Lob für unsere Seite! Das freut uns sehr.

Dann zu deinen Großeltern: Ich kann gut verstehen, dass die Kommentare deiner Oma dich verletzt haben. Gerade bei älteren Menschen kann es manchmal ein bisschen dauern, bis sie sich an den Gedanken, eine lesbische Enkelin zu haben, gewöhnt haben. Ich hoffe also sehr für dich, dass deine Oma dich bald ganz akzeptiert und keine verletztenden Kommentare mehr abgibt.

Ich finde es schön zu hören, dass deine Freund*innen und deine Eltern hinter dir stehen. Aber deine Angst, dass du in deiner Klasse fremdgeoutet wirst ist sehr nachvollziehbar. Mein Tipp: Sprich mit deinen Freund*innen über deine Angst – und vielleicht auch darüber, was du dir wünschst, wenn dich tatsächlich jemand outen sollte – wie sollen deine Freund*innen reagieren? Wie können sie dich dann unterstützen?

Vielleicht hast du ja auch eine*e Lehrer*in an deiner Schule, dem*der du vertraust und könntest mit dieser Lehrkraft ebenfalls einen “Notfallplan” vereinbaren. Dann können die Lehrer*innen an deiner Schule ggf. angemessen reagieren und dir im Notfall beiseite stehen.

Für mehr Selbstvertrauen könnte es dir auch helfen, dir eine queere Jugendgruppe in deiner Nähe zu suchen und dich mit anderen Jugendlichen auszutauschen; darüber, wie sie sich in ihrer Schule geoutet haben, was ihnen geholfen hast usw.

Alles Gute für dich!

Liebe Grüße,

Annika

Neue Kummerkastenantwort 46: Bin ich lesbisch oder pansexuell?

Hallo, liebes Queer-Lexikon-Team,

Ich bin da in einer Hinsicht sehr verwirrt: Ich war zwar schonmal verliebt in Jungs, doch nachdem ich mich in ein Mädchen verliebt hatte und mich lange mit dem Thema auseinander setzte, war ich mir nach einer Ewigkeit sicher, lesbisch zu sein.
Dann wurde mir klar, dass ich den jungen Leonardo DiCaprio hübsch finde, auch etwas anziehend. (Das drückt dieses unangenehme Drücken zwischen den Beinen doch aus, oder? Das hab ich zwar auch manchmal sonst, aber eigentlich ist es nur unangenehm…) und Tom Holland. Und Benedict cumberbatch. Und Chris pine. Manchmal sehe ich auch so hübsche Jungs und so, also dachte ich, ich wäre bi. Doch dann wurde mir klar, dass es mich schon allein beim Gedanken an einen Penis ekelt und ich mir (vor allem mit Angehörigen des männlichen geschlechts) nichts über einen Kuss hinaus, wenn denn überhaupt, vorstellen kann.

Und irgendwie bin ich jetzt also hin und hergerissen zwischen „Ich bin pan“ wegen den verschiedenen Geschlechtsidentitäten und ich mir oft dachte, dass mich das bei Liebe eigentlich nicht abhalten würde, und „Ich bin lesbisch“, weil ich stellte auch fest, dass es sich nicht mehr gut oder „richtig“ oder so, keine Ahnung, anfühlt, über Beziehungen mit Jungs nachzudenken. (Nicht mal mit dem jungen Leonardo DiCaprio klappt das noch gescheit…)

Ich weiß, das muss jede für sich rausfinden, aber vllt habt ihr ja einen Tipp, woher ich wissen könnte, ob ich pan oder lesbisch bin?
Dieses Unwissen macht mich nämlich fertig!

Alles Gute,
Eure Hanna!

Hallo Hanna,

Ich kann deine Verwirrung sehr gut nachvollziehen! Ich denke, vielleicht könnte es dir helfen, über verschiedene Arten von Anziehung nachzudenken. Man kann nämlich unterscheiden zwischen sexueller Anziehung, romantischer Anziehung, ästhetischer Anziehung und noch viel mehr.

Sexuelle Anziehung hat etwas damit zutun, ob du eine Person sexy findest, vielleicht sogar mit der Person Sex haben willst etc., romantische Anziehung hat etwas damit zu tun, in wen du dich verliebst, bei Menschen welcher Geschlechter du Schmetterlinge im Bauch hast, mit wem du eine romantische Beziehung führen willst und ästhetische Anziehung beschreibt, wen du gut aussehend findest usw. Für viele Menschen ist das alles das selbe, aber manche Mebschen sind nicht gleichzeitig pansexuell, panromantisch und panästhetisch, sondern etwas komplizierter 😉

In deinem Fall klingt es für mich so, als könntest du Männer ästhetisch anziehend finden – also vielleicht panästhetisch bist – aber deine sexuelle Orientierung lesbisch ist? Wie du selbst schon schreibst – so ganz genau wissen, kannst das nur du.

Alles Gute für dich!

Annika

Neue Kummerkastenantwort 45

Hey!

Wisst ihr, ich hab ewig lang darüber nachgedacht, mir die Brüste abzubinden und es eines Tages dann endlich getan- ich hab ewig gebraucht und zwei Rollen Verband, vor allem weil meine Brüste recht groß und unterschiedlich groß sind. Und obwohl es unangenehm war, fühlte es sich gut an, bei mir keine Brüste mehr zu sehen. Doch eine Frage meiner Psychologin ließ mich das Thema wieder fallen lassen: Ob ich einen Penis will. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Ich dachte eine Weile, ich wäre genderfluid, das würde vielleicht erklären, wie ich mal meine Brüste toll finde und wie ich sie mal am liebsten abreißen würde. Aber dann kann ich mir nicht wirklich vorstellen, einen Penis zu haben…

Vllt wisst ihr ja Rat?

Lea

Hallo Lea,

danke für deine Frage! Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, das wissen wir. Für viele Menschen braucht es lange, um die eigene Geschlechtsidentität kennenzulernen – das ist voll okay, nimm dir gerne alle Zeit, die du brauchst, um dir darüber im Klaren zu werden.

Wichtig zu wissen ist, dass Geschlecht und Genitalien nicht zusammenhängen müssen. Egal, welches Geschlecht oder welche fluiden Geschlechter du hast, ein Wunsch nach einem Penis muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Wenn du dich momentan mit deinen Genitalien nicht unwohl fühlst, dann ist das etwas Gutes und nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst, und das bedeutet nicht, dass du deswegen nicht genderfluid oder irgendeine andere Art von trans oder nichtbinär sein kannst. Viele Menschen, vor allem viele Ärzt*innen und Therapeut*innen, verbinden trans / nichtbinär / genderfluid sein immer mit einem Unzufriedensein mit dem eigenen Körper und vor allem mit den Genitalien – aber tatsächlich ist es für alle trans und nichtbinären Menschen ganz unterschiedlich, wie wohl oder unwohl sie sich mit welchen Teilen ihres Körpers fühlen!

Wenn es sich manchmal gut anfühlt für dich, dir die Brüste abzubinden, und du an anderen Tagen gar kein Problem mit deinen Brüsten hast, dann ist das vollkommen okay. Du solltest nur wissen, dass es gefährlich sein kann, dir die Brüste mit Verbandsmaterial abzubinden. Vor allem, wenn die Mullbinden/Verbände nicht elastisch ist, kannst du dir damit sehr schaden und zum Beispiel dein Brustgewebe, deine Rippen und/oder deine Lungen beschädigen. Wie du gut und sicher deine Brüste abbinden kannst, wenn du es brauchst, erfährst du in unserer Binderbroschüre hier.

Liebe Grüße und alles Gute für dich,

Balthazar

Neue Kummerkastenantwort 44

Hallo liebes Kummerkasten-Team,
ich bin nicht-binär trans und habe für Hormontherapie 6 Monate lang eine Therapie machen müssen, wurde aber absolut geschädigt dadurch. Meine Therapeutin hat mich die ganze Zeit einfach nur gedemütigt und mir in Zuge dessen sogar 2 Falschdiagnosen ausgestellt (eine mit Absicht, um die Krankenkasse zur überzeugen mir ginge es absolut schlecht und ich müsse die Therapie und HRT bekommen), die andere nachdem ich sie und ihr Verhalten kritisiert habe. Das ging soweit, dass ich monatelang wegen Stress krank war und sogar ohnmächtig wurde vor Nervosität manchmal. In trans Kreisen wird gar nicht mal so oft über medical trauma/abuse gesprochen. Klar wir sagen, dass das System grottenschlecht ist und wir viele aber so richtige Konversationen über das Ausmaß gibt es nicht. Kennt ihr vielleicht spezielle Gruppen/Angebote für trans Menschen, die medical abuse erleiden mussten? Ich würde gerne einen Austauschort finden, da ich mich ganz sicher nicht mehr an Therapeuten trauen kann in der nächsten Zeit. Ich weiß nicht was ich tun soll und es kommt mir vor als wäre ich allein.

Hallo liebe*r Unbekannte*r,

Es tut mir leid zu hören, was du da durchgemacht hast – das klingt wirklich heftig.

Es gibt leider keine direkte Anlaufstelle, die ich dir nennen kann, aber hier sind ein paar Vorschläge:

  • Die meisten trans Beratungsstellen haben mit dem Thema medical abuse schonmal zu tun gehabt, da viele trans Personen im medizinischen System Gewalt erleben. Hier findest du ggf. auch eine Anlaufstelle in deiner Nähe: http://www.meingeschlecht.de/anlaufstellen/alle-angebote/
  • Vielleicht ist auch der VLSP eine Adresse für dich – der Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie: https://www.vlsp.de/
  • Bei TransInterQueer gibt es manchmal Angebote, die eventuell etwas für dich wären: http://transinterqueer.org/
  • Immer mal wieder finden in verschiedenen Städten (z.B. Hamburg, Oldenburg, Frankfurt, Berlin und München) trans Tagungen statt, wo eigene Workshops und Austauschrunden angeboten werden können. Du könntest bei einer dieser Tagungen also eine Gesprächsrunde dazu anbieten oder das Orga-Team bitten, das zu organisieren.
  • Du könntest auch eine Facebook-Gruppe dazu gründen, um einen Austauschort zu ermöglichen. Wir helfen dir dabei gerne, und können eine solche Gruppe bekannt machen. Melde dich dazu gerne bei uns 🙂

Ich möchte natürlich außerdem darauf hinweisen, dass du eine Beschwerde gegen deine Therapeutin bei der Ärztekammer bzw. Psychotherapeutenkammer einlegen kannst, vermutlich wird das aber leider nicht viel bringen.

Ich wünsche dir alles Gute!

Annika

Enby Q&A 27

Willkommen zur zweiten “Staffel” Enby Q&A. Wir veröffentlichen hier jeden Mittwoch eine Frage und Antwort (“Q&A”) zu Nicht-Binären (“Enby”) Geschlechtern. Unser_e Gastautor_in ist Sasha. Es ist nichtbinär, das bedeutet, dass es weder männlich noch weiblich ist. Zu diesem Thema erreichen es immer wieder Fragen, die wir hier mitsamt den Antworten veröffentlichen dürfen. Sasha betreibt außerdem die Webseite https://geschlechtsneutral.wordpress.com

Würdest du sagen, dass auch dyacis Menschen es, they/them oder Neopronomen für sich benutzen dürfen?

Oh, das ist mal eine einfache Frage ^^ Ja! Pronomen haben kein Geschlecht, ich finds super, das zu normalisieren.

 

Enby Q&A 26

Willkommen zur zweiten “Staffel” Enby Q&A. Wir veröffentlichen hier jeden Mittwoch eine Frage und Antwort (“Q&A”) zu Nicht-Binären (“Enby”) Geschlechtern. Unser_e Gastautor_in ist Sasha. Es ist nichtbinär, das bedeutet, dass es weder männlich noch weiblich ist. Zu diesem Thema erreichen es immer wieder Fragen, die wir hier mitsamt den Antworten veröffentlichen dürfen. Sasha betreibt außerdem die Webseite https://geschlechtsneutral.wordpress.com

Manchmal hab ich das Gefühl, dass ich keine Frau sein will, aber ich bin mir nicht sicher, ob das einfach nur internalisierte Misogynie ist oder ich eigentlich ne andere (oder keine) Geschlechtsidentität haben will. Kann man das irgendwie auseinander halten?

Oh das ist eine gute Frage! Ich find das auch voll schwierig.

Ich meine, total viele Menschen sind mit sich unzufrieden und mögen diverse Stereotypen nicht, die ihrer Identität zugeschrieben werden. Woher soll ich wissen, ob das jetzt internalisierte Misogynie bzw. internalisierte toxische Maskulinität ist, oder persönliche Dysphorie?

Eine Person schlug mal folgenden Trick vor: Wenn du merkst, dass du etwas stereotyp feminines/maskulines für dich ablehnst, dann stell dir vor, dieses Attribut würde stattdessen zu einer dir lieben Person gehören, von der du weisst dass sie weiblich bzw. männlich ist.

Ist es dir immer noch unangenehm? Dann ist es vermutlich Misogynie / toxische Maskulinität.

Ist es für andere Leute ok oder neutral, und bloss auf dich bezogen unangenehm? Dann ist es vermutlich Dysphorie.

 

Ich finde das schwierig zu unterscheiden, aber vielleicht hilft es dir!

Meine Strategie ist eine andere: Geh nicht danach, was sich SCHLECHT anfühlt, sondern geh danach, was sich GUT anfühlt! Und zwar am besten nicht nur alleine mit dir selbst, sondern auch im Vergleich mit anderen Leuten.

Also, was genau stört dich am Frau sein? Oder eher: Welches Bild vom „Frau sein“ und welche Erwartungen ans „Frau sein“ spürst du, die nicht zu dir passen?
Wenn du etwas konkretes gefunden hast, dann nimm es raus. Dann bist du eben gender non-conforming weiblich. Vielleicht bist du eine burschikose Frau. Oder eine Frau die eben nix mit Schuhen anfangen kann. Oder eine lesbische Frau. Oder eine Frau ohne Uterus. Oder eine nicht-einfühlsame Frau. Und so weiter. Egal was es ist, was du mit „Frau sein“ aber nicht mit DIR assoziierst – nimm es gedanklich raus, und guck wie sich das anfühlt.
Denn ja, NICHTS davon ist fürs Frau sein tatsächlich eine Voraussetzung. Auch wenn uns die Gesellschaft das leider sehr oft einreden will.

Und genau so kannst du auch alles andere durchtesten. Fühlt es sich gut an, dich als Mann zu bezeichnen? Fühlt es sich gut an, zu sagen „ich habe kein Geschlecht“? Oder zu sagen „ich bin nichtbinär“? Und so weiter.

Achtung, „gut anfühlen“ heisst nicht unbedingt, dass sich sofort Glücksgefühle einstellen!
Bei vielen Leuten fühlt sich alles „falsch“ an, und das was korrekt ist fühlt sich „neutral“ an – also einfach nicht-falsch oder am wenigsten falsch.
Es kann auch gut sein, dass es eine Weile dauert, weil sich das meistens anfangs eh alles mal ungewohnt anfühlt.

Darum das mit den anderen Leuten: Probier solche Labels (und Pronomen, falls das was für dich ist!) in einer kleinen Gruppe von Menschen aus, denen du vertraust. Weih sie ein, und probier mal 2-3 Wochen aus, wie es sich anfühlt.

Vielleicht kannst du so erspüren, was für dich das richtige ist :3
Viel Glück und viel Spass dabei!

 

 

Enby Q&A 25

Willkommen zur zweiten “Staffel” Enby Q&A. Wir veröffentlichen hier jeden Mittwoch eine Frage und Antwort (“Q&A”) zu Nicht-Binären (“Enby”) Geschlechtern. Unser_e Gastautor_in ist Sasha. Es ist nichtbinär, das bedeutet, dass es weder männlich noch weiblich ist. Zu diesem Thema erreichen es immer wieder Fragen, die wir hier mitsamt den Antworten veröffentlichen dürfen. Sasha betreibt außerdem die Webseite https://geschlechtsneutral.wordpress.com

 

Was denkst du über gender wie “stargender” oder “fablegender”? Ich hab eher das Gefühl dass sowas von Leuten kommt die sich über Enbies oder trans Personen ohne Dysphorie lustig machen als dass es wirklich von Menschen verwendet wird, auch wenn ich es respektieren würde, wenn sich eine Person wirklich so labelt, ich kann nur nicht nachvollziehen wie sich eine Person z.B. als Stern sehen bzw das mit Geschlecht in Verbindung bringen kann.

Nun ja, ich kann auch nicht nachvollziehen wie sich eine Person als Frau oder als Mann sehen kann *schulterzuck* das sollte einfach nicht das ausschlaggebende Kriterium sein.

Wir benutzen diese Wörter, um unseren Gefühlen, unserer Identität, unserem Platz in dieser Welt irgendwie Ausdruck zu geben. Ich finds immer wieder total spannend, wenn zwei Leute ihr Geschlecht sehr ähnlich beschreiben, und dann aber trotzdem verschiedene Labels dafür verwenden, einfach weil ein Detail oder eine Gewichtung unterschiedlich ist, oder sogar nur eine Abneigung zu einer bestimmten Buchstaben- oder Lautfolge besteht. Und andersrum, wenn du zwei Leute mit gleichem Geschlecht fragst, was das genau bedeutet, wirst du garantiert nicht deckungsgleiche Antworten bekommen.

Ich finde nicht, dass Kreativität und Buntheit „der Sache“ schaden. Was schadet sind transfeindliche Leute. Gatekeepende Leute. Leute die bestimmte Labels nicht ernst nehmen, weil sie befürchten dass sie selbst sonst weniger ernst genommen werden.

Und ja, ich habe solche Gefühle auch.

Es ist halt auch logisch, dass wir da extrem empfindlich sind, wo wir quasi täglich drum kämpfen müssen überhaupt ernst genommen zu werden.

Und ja, unter diesen vielen Labels für Geschlechter gibt es garantiert welche, die nur zu Verarschungszwecken dort hin geschrieben wurden.
Aber zum einen ändert das nichts an der grundsätzlichen Legitimität von Geschlechtern die ich persönlich nicht nachvollziehen kann, und zum anderen gibt’s bestimmt Leute die sich trotzdem genau in sowas wiederfinden und sich validiert fühlen.

 

Wichtig ist, was du draus machst, und du sagst ja selber, dass du Leute mit solchen Labels kommentarlos akzeptieren würdest.

Kummerkasten Antwort 43

Hey Leute,
Erst einmal ein dickes Lob für eure sehr informative Seite!
Ich stecke gerade in einem kleinen Dilemma: ich habe jetzt die Möglichkeit zu einer Personenstandsänderung. Eigentlich trifft bei mir der Personenstand “divers” zu. Ich werde jedoch möglicherweise beruflich in Länder reisen müssen, in denen Geschlechtsdiversität noch eine “Straftat” darstellt. Ich frage mich nun, ob in Situationen wie etwa einer Kontrolle am Flughafen oder einem Arztbesuch das offizielle Geschlecht der kontrollierenden Person direkt angezeigt wird. Sollte das der Fall sein, würde es dann nicht eher sinnvoll sein, das binäre Geschlecht, als das ich passen könnte, zu meinem “offiziellen” zu machen? Ich schäme mich nicht für meine Geschlechtsidentität, aber ich frage mich, ob ich in diesem Fall nicht einfach die praktischste Variante wählen sollte.
Schon einmal vielen Dank im Voraus für die Antwort 😊
Liebe Grüße

Hallo und vielen Dank für deine spannende Frage!

Ohne die konkreten Länder zu kennen, in die du reist, konnte ich leider nicht besonders viel herausfinden, denn es kommt auch darauf an, ob du mit dem Personalausweis oder dem Reisepass einreist.

Innerhalb der Schengen-Länder reicht ja der Personalausweis. Auf dem steht der Geschlechtseintrag nicht drauf. Die Aussage der Bundespolizei ist dazu, dass wenn mit dem Personalausweis alles in Ordnung ist, auch keine amtlichen Meldedaten abgefragt werden, also z.B. das Geschlecht.

Beim Reisepass steht der Geschlechtseintrag drauf – da kommt es dann ganz auf das Land an. Da müsstest du mit den konkreten Ländern beim Auswärtigen Amt (https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/buergerservice-faq-kontakt) nachfragen oder bei der Vertretung des Landes in Deutschland (z.B. also auf einer Botschaft).

Beim Arzt ist es so, dass das Geschlecht auf der Krankenkassenkarte gespeichert ist – mehr kann ich dazu aber leider auch nicht sagen.

Tut mir leid, dass ich dazu nicht mehr sagen kann. Ich wünsche dir alles Gute!

Liebe Grüße,

Annika

Enby Q&A 24

Willkommen zur zweiten “Staffel” Enby Q&A. Wir veröffentlichen hier jeden Mittwoch eine Frage und Antwort (“Q&A”) zu Nicht-Binären (“Enby”) Geschlechtern. Unser_e Gastautor_in ist Sasha. Es ist nichtbinär, das bedeutet, dass es weder männlich noch weiblich ist. Zu diesem Thema erreichen es immer wieder Fragen, die wir hier mitsamt den Antworten veröffentlichen dürfen. Sasha betreibt außerdem die Webseite https://geschlechtsneutral.wordpress.com

 

Was denkst du von Artikeln, die über nichtbinäre Leute schreiben, eigentlich in einem positiven Licht, aber mit schlimmen Formulierungen? Ich finde es ja gut, dass es in einer Zeitung einen Artikel über eine genderfluide Bankperson gibt, und der Term auch so da drin steht, aber hört doch (zB) auf, den Passnamen zu benutzen. Ist dir das auch schon passiert? Wie gehst du damit um?

Ja, genau das! :/

Der Passname ist an sich kein Problem, bei vielen trans Menschen ist der korrekt. Wenn es aber der Deadname ist (also der Name, den eine trans Person abgelegt hat und nicht mehr benutzt), dann ist das scheisse und respektlos.

Ich hab grad letztens mit einer cis Person über so eine Doku gesprochen. Sie sagte „ich finde es schade, dass das trans Mädchen keine Fotos von sich von früher im Haus aufstellen möchte. Das ist als ob sie ihre Vergangenheit verleugnet. Ihr Vater leidet darunter auch. Er hat einen Sohn verloren und kommt damit schwer klar.“

Ich war wütend und enttäuscht, das zu hören. Diese Doku hat es offenbar total verpasst, respektvoll mit den Gefühlen von diesem trans Mädchen umzugehen, und setzt sie unter Druck.

Also habe ich versucht zu erklären: Ich persönlich habe kein Problem mit alten Fotos von mir. Das bin ich, ohne Wertung. Und vielen anderen trans Menschen geht das auch so.
Aber es klingt als würde der Vater aus der Doku in diesen Fotos einen Jungen sehen, den es nicht gibt. Statt dass er darin das Mädchen sieht, das bisher ignoriert wurde. Es tut weh, wenn Leute einen nicht als das sehen was man ist. Die Fotos sind eine ständige Erinnerung für das Mädchen, dass ihr Vater darin einen Jungen sieht, der sie nicht ist und nie war. Ist es nicht verständlich, dass sie diese schmerzhaften Erinnerungen nicht überall im Haus aufstellen will? Sondern lieber versuchen möchte, dass ihr Vater sie akzeptiert und respektiert wie sie tatsächlich ist?

Das konnte die Person nachvollziehen. Und diese Erklärung hätte auch die Doku schon machen können.
Stattdessen wird das gezeigt was spannend und unterhaltsam ist.

 

Mir ist auch schon öfter passiert dass ich in solchen Interviews und Berichten falsch zitiert oder mit ekligen Erklärungen ergänzt wurde.
Ich sage immer dazu, dass mir das Ergebnis bitte VOR der Veröffentlichung nochmal gezeigt werden soll, damit ich die Möglichkeit habe, eine Katastrophe zu verhindern und noch zu korrigieren. Aber oft ist es dann leiderleider doch schon im Druck, oder der Chef besteht auf dieser Formulierung und es lässt sich nix mehr machen. Tja.

Wenn es den Verantwortlichen nicht wichtig ist, hast du keine Chance.

Aber es gibt Positivbeispiele!

In einer Doku vom Schweizer Fernsehen über nichtbinäre Leute wurde zum Beispiel klar gesagt, dass es Szenen gibt in denen Leute misgendert wurden, und sie diese aber NICHT ausstrahlen! Ausserdem wurde gesagt, dass und warum die portraitierte Person keine Fragen zu OPs beantwortet.

Ich mag diese Lösung für Dokus auf Einsteige-Niveau, weil das Publikum von anderen Dokus her gewohnt ist, dass das gezeigt wird. Wenn es kommentarlos fehlt (also einfach niemand misgendered oder deadnamed wird), dann fällt UNS das zwar positiv auf, aber dem themenfremden Publikum fällt es nicht auf. Wenn es hingegen gezielt angesprochen und erklärt wird, dann können Leute auch verstehen was hinter sowas steht, und es auch selbst vermeiden.

Schöner wärs natürlich ohne, aber für Artikel / Dokus auf Einsteige-Niveau find ich das gut so.