Kummerkastenantwort 273: Ich bin gleichzeitig binär und nicht-binär trans?

Hallo! Ich versuche schon seit fast einem Jahr herauszufinden, ob ich trans bin. Irgendwie möchte ich gleichzeitig ein binärer trans Mann und nichtbinär sein… Geht das überhaupt? Ich fühle mich mit beiden Labeln wohl, und wenn ich versuche, mich für eines zu entscheiden, bin ich irgendwie enttäuscht, weil ich dadurch das andere aufgebe. Außerdem habe ich ständig Selbstzweifel, weil ich das Gefühl habe, dass ich mir das alles nur einrede und dass ich in Wirklichkeit cis bin. Ich bin schließlich schon fast 20, und wenn ich wirklich kein Mädchen bin, hätte ich das nicht viel früher merken müssen? Könnt ihr mir helfen?

Hallo du,

erstmal vorneweg: Es gibt kein richtiges Alter, um herauszufinden, dass du trans bist. Dass alle trans Menschen das schon ab ihrer Kindheit wissen, ist ein Mythos – viele finden es in ihrer Pubertät heraus, andere erst Jahre später, wenn sie Zugang zu den richtigen Begriffen und Communities bekommen, und manche merken es erst sehr spät im Leben. Du bist also keinesfalls “spät dran”, sowas gibt es dabei gar nicht.

Ich verstehe aber diese Selbstzweifel auch. Viele queere Menschen haben die, das nennt sich “Imposter Syndrome” und gibt uns oft den Eindruck, dass andere Leute viel mehr trans/queer/nonbinary sind als wir selbst, dass wir uns das vielleicht alles nur einreden, weil wir dazugehören wollen etc. Du bist mit diesen Gefühlen nicht allein, aber das macht sie nicht wahr. Wer sich so viele Gedanken ums eigene Geschlecht macht, ist in den allerseltensten Fällen cis.

Und klar ist es möglich, gleichzeitig ein trans Mann und nichtbinär zu sein! Der Youtuber Aaron Ansuini z.B. identifiziert sich gleichzeitig als trans Mann und nichtbinär. Wenn bei dir beide Begriffe passen, dann gibt es keinen Grund, sie nicht beide zu verwenden. Labels sind dafür da, dir zu helfen, damit du dich besser erklären kannst, wenn du das Gefühl hast, dass beide Labels nützlich für dich sind, um dich besser zu beschreiben, dann darfst du sie selbstverständlich benutzen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 272: Bin ich nicht-binär?

Hey,

Ich bin mir nicht sicher was ich bin. Denn in letzter Zeit versuche ich sehr stark wie ein Junge rüberzukommen. Biologisch bin ich ein Mädchen, habe früher aber schon kaum Kleider getragen oder generell Mädchenhafte Sachen. In der Schule habe ich später dann aber Kleider getragen weil es mir zu dem Zeitpunkt dann gefallen hat. Jetzt ist der Wunsch ein Junge zu sein aber wieder stärker geworden, es ist so das ich mich jetzt nicht im falschen Körper fühle aber ich möchte gern ein Junge sein aber als Mädchen gibt es halt auch Sachen die ich mag. Bin ich dann Nonbinary? Denn das haben mir bereits zwei Personen vor nicht all zu langer Zeit gesagt mit denen ich darüber geredet habe, aber ich kann bin mir überhaupt nicht sicher ob das stimmt. Könnt ihr mir damit vielleicht helfen?

Hallo du,

ob du nonbinary bist, kann dir leider niemand sagen – das ist etwas, was nur du selbst wissen kannst. Ich kann aber ein paar vielleicht hilfreiche Dinge sagen.

Zuerst mal ist es gar nicht so wichtig, ob die Kleidung, die du trägst, oder die Sachen, die du magst, eigentlich für Mädchen oder für Jungen gedacht sind. Diese Sachen müssen nicht unbedingt etwas mit deinem Geschlecht zu tun haben – das hat sich ja auch nur irgendwer ausgedacht, dass z.B. Kleider und rosa nur für Mädchen sind und früher war rosa eigentlich eine Jungenfarbe, und auch Jungen haben Kleider getragen. Und auch heute können alle Menschen alle Kleidung tragen, was sie wollen, ohne, dass es etwas mit ihrem Geschlecht zu tun haben muss. Viele männliche Stars tragen jetzt z.B. auf dem roten Teppich Kleider, Makeup, Nagellack, Schmuck usw. Das ändert aber nichts an ihrem Geschlecht.

Wenn du den Wunsch hast, ein Junge zu sein, dann bist du vielleicht einfach ein Junge, der auch Sachen mag, die “für Mädchen” gedacht sind. Das ist vollkommen okay.

Es kann aber auch sein, dass du nonbinary bist. Dieses Wort hat ganz viele Bedeutungen: Es kann z.B. heißen, dass du kein Junge und kein Mädchen bist, sondern irgendwas dazwischen, oder außerhalb von diesen zwei Geschlechtern. Es kann aber auch bedeuten, dass du nur teilweise ein Junge bist (das wird oft als demiboy bezeichnet), oder dass dein Geschlecht sich ab und zu ändert (auch “genderfluid” genannt), oder was ganz anderes, was nur du in Worte fassen kannst.

Wenn nichts von beidem sich wirklich richtig für dich anfühlt, ist das auch in Ordnung. Du musst nicht alle Antworten auf deine Fragen finden, vor allem nicht sofort. Es ist okay, sich eine Zeitlang (oder auch für immer) unsicher zu sein, wer du bist und welche Begriffe dich gut beschreiben. Wichtig ist einfach nur, dass du tust, was dir gut tut und Freude macht – das bedeutet auch, dass du dich anziehen darfst, wie du willst, dich ansprechen lassen darfst, wie es sich für dich richtig und gut anfühlt, und sowieso einfach ausprobierst, was dir gut passt und was sich nicht richtig anfühlt.

Dafür wünsche ich dir alles Gute und sende viele liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 271: Ich bin überfordert mit den vielen Definitionen von nonbinary

Hi,
ich hab mir mehrere Artikel über die verschiedenen Arten von nonbinary/genderfluid (kann man das so sagen) durchgelesen und bin jetzt n bisschen überfordert.

Ich hab mir die Definitionen von den “Unterarten “(ich weiß nicht wie ich es sonnst nennen soll) angeschaut und konnte mich irgendwie keiner wirklich zuordnen.
Ich bin biologisch gesehen eine Frau, aber fühlen tue ich mich als Mensch. Weder die Bezeichnung Mann oder Frau trifft für mich auf mich zu. Trotzdem sehe ich mich selbst nicht als was ganz anderes.
Mir war es auch immer schon egal ob ich jetzt als Männlich oder Weiblich angesehen wurde. Ich hab da auch so nicht wirklich drüber nachgedacht, aber trotzdem hat es mich bei z.B. Anmeldungen immer gestört, dass es dort nur die Auswahlmöglichkeiten Männlich, Weiblich und Keins standen, da ich mich, wie oben schon gesagt, nicht wirklich irgendetwas von den dreien zuordnen konnte.

Mittlerweile bin ich deshalb ziemlich verzweifelt, da ich keine Ahnung hab wo ich mich unterordnen kann.
Aus diesem Grund frag ich hier mal nach ob mir jemand, der vielleicht ein bisschen mehr Ahnung hat als ich, darauf antworten kann.

PS: Ich möchte keinen mit beider Ausdrucksweise beleidigen also falls sich jemand auf den Schlips getreten fühlt tut es mir wirklich leid

Hallo du,

zuerst mal ist es vollkommen okay, wenn du dich mit den Begrifflichkeiten nicht 100% auskennst, das ist keine Beleidigung oder so, du bist ja noch dabei zu lernen. 🙂

Außerdem kann ich sehr gut verstehen, dass du von diesen ganzen Begriffen und Definitionen überfordert bist – es sind immerhin ganz schön viele, und je nachdem, wen du fragst, haben viele dieser Labels ganz unterschiedliche Definitionen.

Welches Label denn jetzt das richtige für dich ist, das kann ich dir leider nicht beantworten, das kannst nur du wissen. “Mensch” ist schonmal ein sehr guter Begriff, mit dem du dich ja anscheinend auch gut beschreiben kannst.

Viele Menschen, die nicht so genau wissen, wohin mit sich, verwenden auch oft einen Überbegriff wie “genderqueer” oder “nonbinary”/”nichtbinär”, um sich zu beschreiben. Weil die meisten Leute eh nicht so genau wissen, was diese Begriffe bedeuten, kannst du ein mögliches Coming Out auch immer gleich benutzen, um zu erklären, was der gewählte Begriff für dich bedeutet. Zum Beispiel: “Ich sehe mich nicht als männlich oder weiblich, deshalb benutze ich das Wort ‘nonbinary’, um mich zu beschreiben.” Oder: “Ich bin genderqueer; das bedeutet für mich, dass es mir egal ist, als welches Geschlecht mich andere Leute sehen, weil ich einfach nur ich bin.”

Wenn sich aber diese Labels nicht gut anfühlen, musst du sie auch nicht benutzen. Du kannst dich auch z.B. entscheiden, vorerst oder für immer ganz auf Labels zu verzichten, oder du kannst dir auch selbst einen Begriff ausdenken, der dich gut beschreibt.

Was vielleicht helfen auch könnte wären Gespräche mit anderen Personen, die nonbinary sind. Oft hilft es, über eigene Erfahrungen zu reden, sie mit anderen zu vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu sehen. Das kann dir zeigen, was sich für dich passend anfühlt und in welcher Community du dich wohl fühlst. Möglichkeiten, mit anderen nonbinary Leuten in Kontakt zu kommen, gibt es z.B. in lokalen queeren Jugendgruppen, in Gruppenchats oder auf Social Media.

Ich wünsche dir alles Gute für deine weitere Suche und hoffe, du findest Worte, mit denen du dich wohl fühlst und die dir helfen.

Liebe Grüße,
Balthazar

Kummerkastenantwort 270 – Wie funktioniert nonbinary top surgery in Deutschland?

TW: In dieser Nachricht geht es um Dysphorie, Operationen und die Darstellung von Trans-sein als Krankheit/psychische Störung.

Hey, ich bin L. und nonbinary. Zuerst einmal wollte ich euch danke sagen, dass ihr das alles hier macht, ich glaube das hat schon vielen Leuten extrem geholfen und man fühlt sich auch einfach ein bisschen weniger allein, einfach danke
Ich bin im weiblichen Körper geboren, aber kann mich damit überhaupt nicht identifizieren. Wenn, dann eher noch damit ein junge/Mann zu sein, aber auch das nicht wirklich. Ich identifiziere mich seit einiger Zeit jetzt schon als nonbinary, einfach weil es das einzige ist was sich wirklich vollkommen richtig anfühlt. Aber ich hab ein Problem. Ich hab extrem mit dysphoria zu kämpfen vorallem chest-dysphoria. Ich hätte nichts lieber als eine top surgery um eine flache Brust zu bekommen. Allerdings finde ich nirgendwo wirklich etwas darüber wie das in Deutschland ist, wenn man nicht eindeutig ein transmann ist und auf testosteron. Ich weiß dass man z. b. in Amerika teilweise auch als nicht binäre Person (und ohne testo) eine top surgery bekommen kann, aber wie ist das hier? Hab ich überhaupt eine Möglichkeit oder mach ich mir all die Hoffnungen total umsonst? Und vor allem wie und wo fange ich an? Ich weiß gar nicht was ich tun soll, nur dass ich das Gefühl habe so nicht mehr leben zu können, es muss sich etwas ändern, ich brauche diese top surgery, wirklich.

Ich hoffe ihr könnt mir irgendwie helfen, und danke schon mal im voraus, allein schon für’s bis hier hin durchlesen

Hallo L.,

Es gibt in Deutschland 2 Optionen, was eine Mastektomie (also top surgery) angeht:

Du kannst die Operation selbst zahlen, was teuer ist, aber in anderer Hinsicht weniger Barrieren hat. Die Kosten liegen in Deutschland je nach Operateur*in/Krankenhaus zwischen ca. 3500 und 8000 €. Als selbstzahlende Person macht es keinen Unterschied, ob du auf Testosteron bist oder nicht. Die meisten Ärzt*innen operieren auch Personen, die nicht auf Testo sind. Mit den genauen Anforderungen für eine Mastektomie als selbstzahlende Person kenne ich mich nicht aus und ich glaube es variiert auch von Ärzt*in zu Ärzt*in, was gefordert wird.

Die zweite Option ist, die Operation von der Krankenkasse zahlen zu lassen. In dem Fall entstehen für dich sehr viel weniger Kosten, weil die Krankenkassen Mastektomien übernehmen, wenn sie medizinisch notwendig sind. Dafür kann es sein, dass es um einiges länger dauert, bis zur OP, weil die Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragt werden muss und du dafür einiges an Unterlagen sammeln und erstellen musst.

Eine wichtige Info vorab: grundsätzlich können so viele Anträge auf Kostenübernahme gestellt werden, wie mensch will. Wenn die Krankenkasse einen Antrag ablehnt, kann Widerspruch eingelegt werden. Tipps dazu und Mustervorlagen finden sich in der Broschüre „Praxistipps“ vom Bundesverband Trans*.

Als Nachweis für diese Notwendigkeit fordern die Krankenkassen ein psychiatrisches/psychotherapeutisches Indikationsschreiben. Der erste Schritt ist also, eine*n Therapeut*in bzw. Psychiater*in zu finden, die*der dir ein Indikationsschreiben ausstellen kann, idealerweise eine Person, die schon mal mit trans Personen gearbeitet hat. Auf transmann.de/adressen/ findet sich eine Liste von Therapeut*innen, die Indikationsschreiben erstellen. Es lohnt sich aber auf jeden Fall auch, in lokalen trans und nicht-binären Gruppen nach Empfehlungen zu fragen, auch um einzuschätzen, ob die*der Therapeut*in nicht-binär-freundlich ist.

Für die Kostenübernahme ist es in der Regel notwendig, eine Diagnose gestellt zu bekommen. In Deutschland verwenden die Krankenkassen momentan noch die ICD-10, ein Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation. Es gibt schon ein Update, die ICD-11, aber die soll frühestens 2022 in der Praxis verwendet werden. Die Diagnosen für Transgeschlechtlichkeit im ICD-10 sind veraltet und pathologisierend (d.h. sie betrachten Trans-Sein als eine Krankheit bzw. psychische Störung). Die Diagnose, mit der du die besten Chancen hast, dass dein Antrag beim ersten Versuch angenommen wird, ist F64.0 „Transsexualismus“. Diese Diagnose wird oft als binäre Diagnose verstanden, weil darin von „dem anderen Geschlecht“ die Rede ist, sie kann aber so ausgelegt werden, dass es sich bei der trans Person nicht um „die andere Geschlechtsidentität“ sondern um „eine andere Geschlechtsidentität“ geht.

Die Sache mit dem Testosteron ist folgende: Wenn du einen Kostenübernahmeantrag an die Krankenkasse schickst, dann geben die den Antrag an eine Gruppe von Ärzt*innen weiter, die einschätzen sollen, ob die OP medizinisch notwendig ist. Das ist der so genannte Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK). Der MDK hat Richtlinien, an die er sich halten muss. Die Richtlinien zu trans OPs sind seit 2009 nicht mehr erneuert worden und deswegen steht dort noch drin, dass trans Personen vor einer Mastektomie mindestens 6 Monate auf Testosteron gewesen sein sollen – es sei denn, es gibt einen medizinischen Grund, der dagegenspricht. Hiergegen kann im Antrag argumentiert werden, denn in den aktuellen Behandlungsleitlinien, die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung 2018 veröffentlicht hat, wird eine Hormontherapie nicht als Voraussetzung gefordert. (Quelle, Seite 62) Das ist so auch in den Standards of Care festgehalten, die 2009 von der WPATH (World Professional Association for Transgender Health) veröffentlicht wurden. (Quelle, Seite 71)

Liebe Grüße,
Noah

Nachtrag von Balthazar: Ich hoffe, das war für einen ersten Überblick hilfreich. Melde dich gern wieder, wenn du noch mehr Fragen hast, und alles Gute für dich! <3

Kummerkastenantwort 269: Ich bin verwirrt.

Hey,

Ich habe gemerkt, dass ich noch nie richtig verliebt war in Männer.
Auch sonst habe ich zurzeit wenig Interesse, aber an Frauen körperlich schon und eine gefällt mir zurzeit sehr.
Trotzdem bin ich mir unsicher zu was ich gehöre sozusagen und es deprimiert mich ziemlich.

Ein Tipp wäre nett.
Danke

Hallo lieb* Unbekannte*r,

Ich kann gut verstehen, dass du verwirrt und deprimiert bist. Ich hoffe, das legt sich bald wieder. Wie wir hier immer wieder schreiben, können wir dir nicht sagen, welche sexuelle und romantische Orientierung du hast. Das kannst du nur selbst wissen.

Ich würde dir vorschlagen, dich mal in unserem queeren Glossar umzusehen, vielleicht findest du ja einen Begriff, der gut zu dir passt?

Liebe Grüße und Alles Gute für dich!

Annika

Kummerkastenantwort 268: Bin ich bi-curious?

Hi!
Ich bin jetzt schon lange supporter der LGBTQ+ community und verteidige euch immer und überall.
Selbst identifiziere ich mich als cis-gender straight ally.
Allerdings habe ich mich schon oft gefragt ob ich nicht eventuell bi-curious bin, da ich zwar einen Freund habe und auf Männer stehe (auch sexuell) aber Frauen so schön und interessant sind, wenn man so sagen kann. Ich hab nur wenig gefunden zu dem Thema und wollte fragen, ob ihr das schon mal gehört habt und ob es bi-curious wirklich gibt?
Übrigens find ich es toll das ihr so viel anbietet! Freue mich schon auf die nächste Pride, wo ich so einen Einsatz feiern kann!
LG

Hallo lieb* Unbekannte*r,

Ich finde es super, dass du dich als verbündete Person definierst! Und vielen Danke für dein Lob!

Zu deiner Frage: Klar gibt es bi-curious! Menschliche Sexualität ist enorm kompliziert – und viel komplizierter, als es ein paar wenige Label ausdrücken können. Ob du bi-curious bist, kannst nur du selbst wissen, niemand sonst.

Viele queere Menschen definieren sich übrigens vor ihrem Coming Out als cis hetero Unterstützer*innen von queeren Menschen und stellen dann erst fest, dass sie auch queer sind 🙂

Liebe Grüße und alles Gute für dich!

Annika

Kummerkastenantwort 267: Ich bin mir nicht sicher, ob ich non-binary bin.

Hey

ich bin 15 und ich bin mir nicht ganz sicher was ich bin. Ich glaube, dass ich non binary bin, aber sicher bin ich mir nicht. Ich kann nicht mit meiner Mutter reden, weil als ich mich als pan geoutet habe(14), hat sie mir nicht geglaubt und gesagt es sei nur so eine Phase. Ich habe angst, dass sie mich nicht verstehen wird und wie meine Freunde reagieren werden ganz zu schweigen von meinem Stiefvater (mein Vater ist als ich 6 Jahre alt war gestorben)

Hallo,

das klingt alles ein wenig kompliziert. Ich hoffe, ich kann dir ein paar gute Anstöße geben, um da fundiert und gut mitumzugehen.

Einerseits Coming Outs. Coming Outs sind immer noch wichtig, aber niemand hat ein Anrecht darauf, dass du ein Coming Out bei ihnen hast. Egal, wie sicher du dir über dich bist, niemand kann oder darf dich zu einem Coming Out zwingen. Wenn du also nicht sicher bist, wie Menschen reagieren, hast du auch immer die Möglichkeit, vorläufig oder dauerhaft auf ein Coming Out zu verzichten.

Andererseits: Unsicherheit. Unsicherheit ist für viele Menschen ein ständiger Begleiter. Gerade, wenn es um das eigene Geschlecht geht, kann ich aus leidlicher Erfahrung sagen, dass das frustrierend und nervig sein kann. Die gute Nachricht: Du musst dich einerseits nie endgültig festlegen, du darfst deine Label, Namen und Pronomen auch wieder wechseln, sollte irgendwas mal nicht mehr passend und andererseits müsst dich auch nicht sofort festlegen. Du darfst dir also Zeit lassen.

Zeit lassen und rausfinden. Wenn du mal drüber nachdenkst: Woher kommt die Idee, dass vielleicht non-binary bist? Was bestärkt dich darin? Was lässt dich vielleicht zweifeln? Das sind Sachen, die du für dich rausfinden kannst. Die kann dir niemand vorschreiben, du musst dich da nicht an die Ideen von anderen Personen halten. Und wenn du am Ende sagst, ja, non-binary passt als Label zu mir, dann verwendest du es. Und wenn nicht, dann nicht, zurück auf “Los” und schauen, was vielleicht passen könnte. Es ist dabei auch immer okay, auf Labels zu verzichten.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig weiterhelfen. Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 267 – bin ich demigender?

Hi, ich denke ich bin demi, bin mir dabei aber auch noch nicht ganz sicher, da es einerseits auf mich passt, anderseits aber auch nicht. Ich habe vor allem meistens größere gedankliche Probleme mit meinem Körper, vor allem mit meiner Oberweite, möchte aber auch kein Mann sein und fühle mich mit meinem weiblichen Namen und der weiblichen Ansprache nicht komisch/o.a. An meiner Art merke ich selber, dass ich mich nicht wirklich nach den Klischees von Mädchen richte und finde es iwie komisch, wenn zb Schüler*innen geschrieben wird, da ich dann das Gefühl habe, es muss zwischen den zwei “Hauptgeschlechter” getrennt werden, was sich für mich gefühlsmäßig einfach nur falsch anfühlt. Mit meiner Familie kann ich darüber nicht wirklich reden, da sie der Meinung sind, dass man solche Sachen sowie Sexualitäten in meinem Alter (14Jahre) noch in keiner Weise festlegen kann, allerdings würde ich zb gerne Mal einen Binder oder ähnliches ausprobieren um weniger Brust zu haben und zu gucken wie ich mich dann fühle, aber wie gesagt, ich weiß nicht wie ich daran kommen sollte, da meine Eltern in meinem Alter dagegen sind. Bin ich jetzt demi(girl) oder doch eher noch eine andere Genderorientierung, vllt könnt ihr mir da ja noch andere Optionen vorschlagen, die sein könnten, dann würde ich mich in die noch weiter einlesen und gucken, was für mich so passt.
Schonmal danke im Vorraus,
LG Serena

Hallo Serena,

Zunächst etwas Theorie. Es ist faktisch egal, wie alt du bist. Menschen können in jedem Alter über ihr Geschlecht und ihre Sexualität Bescheid wissen. Und: Deine Eltern haben an sich auch kein Recht, dir das reinzureden.

Das ist nur wenig hilfreich, denn, nur weil das faktisch so ist, heißt das leider nicht, dass dir das irgendwer glauben muss und noch weniger, dass irgendwer danach handeln wird. Das Wissen kannst du dir aber zu Nutze machen. Du bist nicht zu jung, um das zu wissen. Du kannst über dein Geschlecht Bescheid wissen, auch mit 14.

Und genau so kann ich dir noch mehr Dinge zusprechen: Ja, es ist okay, sich zu interessieren, ob du dich mit einem Binder wohler fühlen würdest. Ja, es ist okay, keine Schwierigkeiten mit dem eigenen Namen oder den eigenen Pronomen zu haben.

Von dem, was du insgesamt beschreibst, klingt demigirl als Label sicherlich nicht verkehrt. Etwas weiter gefasst wäre schlicht nicht-binär oder aber Gender-Noncforming sicher auch möglich. Das liegt aber bei dir. Was sich für dich passend anfühlt, darfst du frei wählen. Es gibt keine “Labelpolizei”, die dir Labels wegnehmen kann, weil sie den Menschen nicht in den Kram passt. Wenn das Wort für dich gut ist, kannst und darfst du es verwenden.

Wenn du tatsächlich mal einen Binder probieren magst, wäre die schönere Variante, entweder zu wissen, dass deine Eltern dich und dein Zeug in Ruhe lassen oder aber mit ihnen sinnvoll drüber gesprochen zu haben, und zu wissen, dass das damit keinen Ärger macht. Das ist leider oft nicht sicher. Alternativ könntest du schauen, ob eine gute Freundin für dich einen besorgen kann, die ihn dann für dich aufbewahren kann. Damit ist dann dein Aktionsradius damit zwar erstmal viel eingeschränkter, aber du hättest zumindest die Möglichkeit, irgendwie einen Binder auszuprobieren.

Zuletzt: Du kannst zwar Dinge über dein Geschlecht jetzt (schon) wissen, du darfst Dinge ausprobieren, aber gleichzeitig musst du nichts wissen. Unsicher sein ist erlaubt, nicht alles wissen ist erlaubt, Zeit brauchen ist erlaubt.

Also in kurz: Es ist völlig okay, dass für dich Dinge unproblematisch sind, die anderen queeren Personen Probleme machen. Du kannst durchaus wissen, dass du demi (oder etwas anderes bist). Du musst das aber nicht heute schon wissen.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkastenantwort 266 – Wie kann ich rausfinden, ob mein Crush auf Mädchen steht?

Hi,ich bin in ein Mädchen verliebt von meiner Schule will aber erstmal sicher gehen ob sie überhaupt auf Mädchen steht, außerdem weiß ich nicht wie ich sie an sprechen soll da sie eine Klasse über mir ist und ich keinen Bezug zu ihr habe.Wir haben noch nie gesprochen, habt ihr einen Tipp wie ich merke wie sie auf Mädchen steht o. wie man sie ansprechen kann?

Hallo lieb* Unbekannte*r,

Das ist eine wirklich gute Frage, die sich viele queere Menschen immer wieder stellen. Ob sie auf Mädchen steht, wirst du letztendlich nur herausfinden können, wenn du sie fragst – ein Erkennungszeichen oder so gibt es nicht.

Ich kann dir leider auch nicht genau sagen, wie du sie ansprechen kannst. Vielleicht kannst du damit anfangen, sie anzulächeln, ihr Guten Morgen zu sagen etc. Vielleicht findest du auch einen Vorwand, um sie etwas zu fragen – “Hey, hast du zufälligerweise Mathelehrer XY gesehen?” oder so – und sie dann in ein Gespräch verwickeln. Oder du schaust, in welchen AGs oder Gruppen sie ist und gehst auch zu dieser Gruppe?

Wenn du sie ansprichst, kannst du aber versuchen, es vorsichtig herauszufinden, welche sexuelle Orientierung sie hat. Du kannst dich z.B. outen und schauen, wie sie reagiert – oder von einem lesbischen Charakter in einer Serie erzählen, sie auf eine queere Party einladen o.ä.

Ich wünsche dir alles Gute!

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkastenantwort 265 – Bin ich nonbinary oder ein trans Mann?

TW: Hier geht es unter anderem um Dysphorie und Perioden

Hi Kummerkasten team hier ist C. 19 Jahre alt und afab.

Ich bin mir nicht sicher wie ich meine Frage ganz formulieren soll also beschreibe ich einfach mein Problem. Ich habe mich vor ca. nem halben Jahr als non binary geoutet und benutzte seit dem männliche Pronomen.

Ich stelle mir nun schon länger die Frage ob ich vllt doch ein Mann bin. Ich benutzte z.B. einen Binder und fühle mich damit sehr wohl. Ich trage auch maskuline Kleidung, Boxershorts und versuche als typ wahrgenommen zu werden.

Ich freue mich wenn mich andere für einen Jungen halten. Und habe Disphoria im Bezug auf meine Hüfte, Brust und meine Stimme.

So weit so gut aber es gibt auch dinge die nicht ganz dazu passen
z.B. habe ich eher wenig bis keine Disphoria mit meiner Periode ich mochte sie zwar noch nie und wäre glücklicher wenn sie nicht mehr da wäre aber ich bin an sie gewöhnt. Auch mein Verhalten passt nicht immer ganz denn ich mag es vom Charakter her eher ein Softboi zu sein als der maskulinste im Raum.

Ich habe einen nichtbinären Bruder und einen guten Trangender (ftm) freund. Ich vergleiche mich oft mit ihnen und bin noch viel verwirrter. Oft passt das was mein Bruder sagt gut zu dem wie ich mich fühle aber auch andersrum wenn mein ftm freund beschreibt wie er sich fühlt kann ich das nachempfinden.

Es ist wirklich schwer zu erklären aber ich wäre gerne ein Junge, bin mir aber nicht sicher ob ich auch einer bin. Ich weiß das ich eine Mastek möchte und das ich Testo nehmen will (eher eine kleine Dosis) aber weiß nicht ob das so gut ist bevor ich mir nicht 100% sicher bin.

Ich finde ebenfalls meinen Namen gut (er ist Unisex) weiß aber nicht ob ich ihn ändern soll weil er sehr feminin klingt und mich das manchmal stört oder ob ich mir nur einen maskulineren zweitnamen zulegen soll.

Ihr seht ich habe viele Probleme und Bin sehr verwirrt ich hoffe ihr könnt mir weiterhelfen
Danke im voraus für die Antwort
Lg. C.

Hallo C,

es ist voll okay, dir nicht ganz sicher zu sein – manchmal verschwimmen die Grenzen, die wir zwischen den Geschlechtern gezogen haben, und es stellt sich heraus, dass wir vielleicht alle gar nicht so verschieden sind und dass Geschlecht nur ein Faktor von vielen ist, der uns ausmacht.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die nichtbinäre Erfahrungen und die trans Mann Erfahrungen sehr viele Überschneidungen für viele Menschen haben. Es gibt viele Menschen, die nichtbinär sind und Zugriff auf OPs und Hormone brauchen, um sich wohl zu fühlen. Es gibt außerdem trans Männer, die z.B. vor einer OP zurückschrecken oder sich bewusst gegen eine entscheiden. Es gibt nicht die eine Art und Weise, trans oder nichtbinär zu sein, und alle wählen unterschiedliche Wege, haben unterschiedliche Empfindungen und gehen unterschiedlich damit um. Es ist z.B. auch nicht zwingend so, dass alle trans Männer Dysphorie wegen ihrer Periode haben, oder dass eine solche Dysphorie ein Zeichen dafür ist, dass eine Person ein trans Mann ist. Manche trans Männer haben recht wenig Dysphorie, manche nichtbinäre Menschen sehr viel. Manche nichtbinäre Menschen möchten gern super maskulin oder feminin sein, manche trans Männer möchten nicht dem männlichen Stereotyp entsprechen, sondern lieber selbst bestimmen, was es für sie bedeutet, ein Mann zu sein. Wenn wir so lange dafür gekämpft haben, dass Männer auch Kleider, Makeup und Nagellack tragen dürfen, auch Gefühle zeigen und einfühlsam sein dürfen, auch verletzlich sind – warum sollte das dann nur für cis Männer gelten und nicht erst recht für trans Männer?

Ob du nun nichtbinär oder ein trans Mann bist, das kann ich dir leider nicht beantworten, da musst du herausfinden, was sich am besten anfühlt. Vielleicht was dazwischen, wie z.B. “demiboy“? Oder vielleicht kann dir der Youtuber Aaron Ansuini helfen – er bezeichnet sich als beides, trans Mann UND nichtbinär, und sagt, dass seine Nichtbinarität etwas ist, was er zusätzlich zu seiner trans Männlichkeit in sich trägt. (Aaron ist sowieso ganz toll und macht super videos!)

Was solche Maßnahmen wie Mastek und Testo betrifft: Zum einen ist es vielleicht gut, wenn du dich über beides ausführlich informierst, bevor du da irgendwelche Schritte einleitest. Die Wirkungen von Testosteron sind größtenteils wieder rückgängig zu machen, wenn du damit aufhörst, aber bei einer Mastek ist das schon was anderes. Testosteron kann ganz verschiedene Auswirkungen haben und du solltest dir Gedanken darüber machen, ob du mit allen einverstanden bist. Ich traue dir allerdings zu, dass du dich gut informierst und auch schon informiert hast. Und dann frage dich: Hängt die Entscheidung, was für Maßnahmen du ergreifen willst, denn überhaupt davon ab, welches Label du für dein Geschlecht verwendest? Es klingt für mich so, als wäre die Entscheidung mit der Mastektomie und dem Testosteron für dich schon getroffen und du klingst sehr sicher darüber, obwohl du über dein Geschlecht unsicher bist. Die Maßnahmen, die du ergreifen willst, können für dich gut und richtig sein, egal wie du dich bezeichnest. Es ist aber gut, dass du deine Unsicherheit nicht einfach ignorierst, sondern zu Wort kommen lässt. Es ist gut, erst mehr Sicherheit für diese Entscheidungen zu gewinnen, bevor du diese Schritte machst.

Und zuletzt zu deinem Namen: Wie wäre es, wenn du dir z.B. einen Zweitnamen zulegst, der etwas maskuliner ist als dein jetziger, und eine Weile lang ausprobierst, ob der neue Name sich besser anfühlt als dein bisheriger? Dann hast du in Zukunft beide Optionen und kannst dir aussuchen, ob Leute dich lieber mit deinem bisherigen Namen oder mit deinem neuen Zweitnamen ansprechen sollen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein wenig bei deinen Fragen helfen und ich wünsche dir alles Gute!

Viele Grüße,
Balthazar