Neue Kummerkastenantwort 45

Hey!

Wisst ihr, ich hab ewig lang darüber nachgedacht, mir die Brüste abzubinden und es eines Tages dann endlich getan- ich hab ewig gebraucht und zwei Rollen Verband, vor allem weil meine Brüste recht groß und unterschiedlich groß sind. Und obwohl es unangenehm war, fühlte es sich gut an, bei mir keine Brüste mehr zu sehen. Doch eine Frage meiner Psychologin ließ mich das Thema wieder fallen lassen: Ob ich einen Penis will. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Ich dachte eine Weile, ich wäre genderfluid, das würde vielleicht erklären, wie ich mal meine Brüste toll finde und wie ich sie mal am liebsten abreißen würde. Aber dann kann ich mir nicht wirklich vorstellen, einen Penis zu haben…

Vllt wisst ihr ja Rat?

Lea

Hallo Lea,

danke für deine Frage! Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, das wissen wir. Für viele Menschen braucht es lange, um die eigene Geschlechtsidentität kennenzulernen – das ist voll okay, nimm dir gerne alle Zeit, die du brauchst, um dir darüber im Klaren zu werden.

Wichtig zu wissen ist, dass Geschlecht und Genitalien nicht zusammenhängen müssen. Egal, welches Geschlecht oder welche fluiden Geschlechter du hast, ein Wunsch nach einem Penis muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Wenn du dich momentan mit deinen Genitalien nicht unwohl fühlst, dann ist das etwas Gutes und nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst, und das bedeutet nicht, dass du deswegen nicht genderfluid oder irgendeine andere Art von trans oder nichtbinär sein kannst. Viele Menschen, vor allem viele Ärzt*innen und Therapeut*innen, verbinden trans / nichtbinär / genderfluid sein immer mit einem Unzufriedensein mit dem eigenen Körper und vor allem mit den Genitalien – aber tatsächlich ist es für alle trans und nichtbinären Menschen ganz unterschiedlich, wie wohl oder unwohl sie sich mit welchen Teilen ihres Körpers fühlen!

Wenn es sich manchmal gut anfühlt für dich, dir die Brüste abzubinden, und du an anderen Tagen gar kein Problem mit deinen Brüsten hast, dann ist das vollkommen okay. Du solltest nur wissen, dass es gefährlich sein kann, dir die Brüste mit Verbandsmaterial abzubinden. Vor allem, wenn die Mullbinden/Verbände nicht elastisch ist, kannst du dir damit sehr schaden und zum Beispiel dein Brustgewebe, deine Rippen und/oder deine Lungen beschädigen. Wie du gut und sicher deine Brüste abbinden kannst, wenn du es brauchst, erfährst du in unserer Binderbroschüre hier.

Liebe Grüße und alles Gute für dich,

Balthazar

Neue Kummerkastenantwort 44

Hallo liebes Kummerkasten-Team,
ich bin nicht-binär trans und habe für Hormontherapie 6 Monate lang eine Therapie machen müssen, wurde aber absolut geschädigt dadurch. Meine Therapeutin hat mich die ganze Zeit einfach nur gedemütigt und mir in Zuge dessen sogar 2 Falschdiagnosen ausgestellt (eine mit Absicht, um die Krankenkasse zur überzeugen mir ginge es absolut schlecht und ich müsse die Therapie und HRT bekommen), die andere nachdem ich sie und ihr Verhalten kritisiert habe. Das ging soweit, dass ich monatelang wegen Stress krank war und sogar ohnmächtig wurde vor Nervosität manchmal. In trans Kreisen wird gar nicht mal so oft über medical trauma/abuse gesprochen. Klar wir sagen, dass das System grottenschlecht ist und wir viele aber so richtige Konversationen über das Ausmaß gibt es nicht. Kennt ihr vielleicht spezielle Gruppen/Angebote für trans Menschen, die medical abuse erleiden mussten? Ich würde gerne einen Austauschort finden, da ich mich ganz sicher nicht mehr an Therapeuten trauen kann in der nächsten Zeit. Ich weiß nicht was ich tun soll und es kommt mir vor als wäre ich allein.

Hallo liebe*r Unbekannte*r,

Es tut mir leid zu hören, was du da durchgemacht hast – das klingt wirklich heftig.

Es gibt leider keine direkte Anlaufstelle, die ich dir nennen kann, aber hier sind ein paar Vorschläge:

  • Die meisten trans Beratungsstellen haben mit dem Thema medical abuse schonmal zu tun gehabt, da viele trans Personen im medizinischen System Gewalt erleben. Hier findest du ggf. auch eine Anlaufstelle in deiner Nähe: http://www.meingeschlecht.de/anlaufstellen/alle-angebote/
  • Vielleicht ist auch der VLSP eine Adresse für dich – der Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie: https://www.vlsp.de/
  • Bei TransInterQueer gibt es manchmal Angebote, die eventuell etwas für dich wären: http://transinterqueer.org/
  • Immer mal wieder finden in verschiedenen Städten (z.B. Hamburg, Oldenburg, Frankfurt, Berlin und München) trans Tagungen statt, wo eigene Workshops und Austauschrunden angeboten werden können. Du könntest bei einer dieser Tagungen also eine Gesprächsrunde dazu anbieten oder das Orga-Team bitten, das zu organisieren.
  • Du könntest auch eine Facebook-Gruppe dazu gründen, um einen Austauschort zu ermöglichen. Wir helfen dir dabei gerne, und können eine solche Gruppe bekannt machen. Melde dich dazu gerne bei uns 🙂

Ich möchte natürlich außerdem darauf hinweisen, dass du eine Beschwerde gegen deine Therapeutin bei der Ärztekammer bzw. Psychotherapeutenkammer einlegen kannst, vermutlich wird das aber leider nicht viel bringen.

Ich wünsche dir alles Gute!

Annika

Kummerkasten Antwort 43

Hey Leute,
Erst einmal ein dickes Lob für eure sehr informative Seite!
Ich stecke gerade in einem kleinen Dilemma: ich habe jetzt die Möglichkeit zu einer Personenstandsänderung. Eigentlich trifft bei mir der Personenstand “divers” zu. Ich werde jedoch möglicherweise beruflich in Länder reisen müssen, in denen Geschlechtsdiversität noch eine “Straftat” darstellt. Ich frage mich nun, ob in Situationen wie etwa einer Kontrolle am Flughafen oder einem Arztbesuch das offizielle Geschlecht der kontrollierenden Person direkt angezeigt wird. Sollte das der Fall sein, würde es dann nicht eher sinnvoll sein, das binäre Geschlecht, als das ich passen könnte, zu meinem “offiziellen” zu machen? Ich schäme mich nicht für meine Geschlechtsidentität, aber ich frage mich, ob ich in diesem Fall nicht einfach die praktischste Variante wählen sollte.
Schon einmal vielen Dank im Voraus für die Antwort 😊
Liebe Grüße

Hallo und vielen Dank für deine spannende Frage!

Ohne die konkreten Länder zu kennen, in die du reist, konnte ich leider nicht besonders viel herausfinden, denn es kommt auch darauf an, ob du mit dem Personalausweis oder dem Reisepass einreist.

Innerhalb der Schengen-Länder reicht ja der Personalausweis. Auf dem steht der Geschlechtseintrag nicht drauf. Die Aussage der Bundespolizei ist dazu, dass wenn mit dem Personalausweis alles in Ordnung ist, auch keine amtlichen Meldedaten abgefragt werden, also z.B. das Geschlecht.

Beim Reisepass steht der Geschlechtseintrag drauf – da kommt es dann ganz auf das Land an. Da müsstest du mit den konkreten Ländern beim Auswärtigen Amt (https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/buergerservice-faq-kontakt) nachfragen oder bei der Vertretung des Landes in Deutschland (z.B. also auf einer Botschaft).

Beim Arzt ist es so, dass das Geschlecht auf der Krankenkassenkarte gespeichert ist – mehr kann ich dazu aber leider auch nicht sagen.

Tut mir leid, dass ich dazu nicht mehr sagen kann. Ich wünsche dir alles Gute!

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkasten Antwort 42

Hey liebes Kummerkasten-Team!
Ich bin mir momentan sehr unsicher mit meiner Sexualität und ich weiß nicht, ob ihr mir weiterhelfen könnt, aber einen Versuch ist es doch wert…
Da gibt es eben diesen Jungen an meiner Schule. Wir kennen uns seit etwa einem 3/4 jahr und er ist mir in dieser Zeit sehr wichtig geworden. Ich bin mir allerdings unsicher, ob ich Gefühle für ihn habe oder nicht, denn manchmal kann ich ganz normal mit ihm reden und manchmal wiederum bin ich total nervös und bekomme keinen vernünftigen Satz raus. Vor zwei Monaten habe ich dann ein Mädchen kennengelernt, seine Schwester. Sie ist ebenfalls ein echt toller Mensch und es macht toTal Spaß, sich mit ihr zu unterhalten. Allerdings hab ich bei ihr ebenfalls manchmal das Problem, einfach zu vergessen, was ich sagen wollte, also keinen vernünftigen Satz rausbringen zu können, wenn sie mich anschaut, was halt echt unangenehm manchmal ist… außerdem hat sie echt schöne Augen, während ich bei ihrem Bruder nicht mal die Augenfarbe weiß xD
Na ja, wie auch immer, ich hatte halt bisher weder einen festen Freund noch eine feste Freundin und bin total verwirrt, da ich bisher immer dachte, ausschließlich auf Jungen zu stehen, allerdings in letzter Zeit mir auch öfter din Frage Gestelle hab, ob ich mir auCh eine Beziehung mit einem Mädchen vorstellen kann, was irgendwie auch der Fall ist…
Meine Eltern haben mich vor ein paar Wochen auch mal gefragt, ob ich denn homo- oder bisexuell sei, aber ich hab gar nicht geantwortet, da ich mir eben total unsicher bin und meine Freunde fragen mich in letzter Zeit auch immer mal wiEder (w nn auch aus Spaß), was den meine Sexualität sei…
Könnt ihr mir weiterhelfen oder habt ihr einige Links oder ähnliches, dass mir weiterhelfen könnte? :O

LG
Ash

Hallo Ash,

Ich kann gut nachvollziehen, dass du verwirrt bist, und dich dieses Thema sehr beschäftigt. Ich kann dir leider nicht sagen, welche sexuelle Orientierung du hast, das kann niemand, nur du selbst. Ich kann dir auch nicht sagen, ob du tatsächlich Gefühle für eine bestimmte Person hast (und ob diese Gefühle Verliebtsein sind). Vor einer anderen Person nervös zu sein und keinen Satz herausbekommen, klingt aber ein bisschen so 🙂

Es ist völlig normal, sich all die Fragen zu stellen, die du dir stellst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die sich diese Fragen stellen, sich später oft als schwul, lesbisch, bisexuell, asexuell usw. identifizieren. Das heißt: Wenn du dir diese Fragen stellst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du nicht heterosexuell bist. Im Zweifelsfall bleibt dir nur: Ausprobieren. Wenn du dir eine Beziehung mit einem Mädchen vorstellen kannst, dann probier es. Und du wirst merken, wie es sich für dich anfühlt.

Du kannst mal auf unseren Seiten zu Lesbisch und Bisexuell vorbei schauen, da sind einige queere Webseiten verlinkt. Und du kannst zu einer queeren Jugendgruppe in deiner Nähe gehen (google einfach deinen Ort (bzw. eine Stadt in der Nähe), “lesbisch” oder “bisexuell”  und “Jugendgruppe” – da findest du Menschen in deinem Alter, die sich genau die gleichen Fragen stellen.

Alles Gute für dich!

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkasten Antwort 41

Hi,
trotz dem Glossar Eintrag verstehe ich den Unterschied zwischen Pansexuell, Bisexuell, Omnisexuell und Polysexuell nicht. Würde mich auf eine ausführlichere Erklärung freuen und ich danke schon Mal im voraus für die Antwort.
~J

Hallo J,

Ich kann deine Verwirrung gut verstehen und versuche, das jetzt nochmal verständlich zu machen.

Der Schlüssel liegt in den Vorsilben. “Bi” bedeutet zwei, “pan” und “omni” bedeuten “alle” (in Griechisch bzw. Latein) und “poly” bedeutet viele. Diese Zahlen beziehen theoretisch sich auf die Anzahl von Geschlechtern auf die eine Person steht. Eine polysexuelle Person steht also auf Menschen vieler (aber nicht aller) Geschlechter, also z.B. Männer, nicht-binäre und ageschlechtliche Menschen. Eine pansexuelle bzw. omnisexuelle Person steht auf Menschen aller Geschlechter – oder auf Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht. Zwischen diesen beiden sexuellen Orientierungen gibt es eigentlich keine Unterschiede. Die Definition von Bisexualität ist etwas schwieriger. Die meisten Menschen denken, bisexuelle Menschen stehen auf zwei Geschlechter – und setzen diese oft mit Männern und Frauen gleich. Das mag für manche bisexuellen Menschen stimmen – andere bisexuelle Menschen stehen aber auf mehr als ein Geschlecht (z.B. Frauen und nicht-binäre Menschen) oder verwenden dieselbe Definition wie Pansexualität, nennen sich aber z.B. aus politischen Gründen bisexuell.

Die Webseite bisexualitaet.org schreibt z.B.:

Diese Seite verewendet die Begriffe Bi(sexuell) und Bisexualität. In Wörterbüchern findet man als Definition so etwas wie: bisexuell: (Adj.) sexuell und/oder emotional an mehr als einem Geschlecht interessiert. Bi heißt aber nicht, dass sich die sexuelle bzw. emotionale Anziehung auf die beiden Geschlechter männlich und weiblich beschränkt. Der Begriff umfasst auch trans- und intergeschlechtliche Menschen oder Menschen, die sich nicht für ein Geschlecht entscheiden wollen, sondern sich als genderqueer verorten. Bi steht nicht für zwei, sondern für zwei und mehr, also mindestens zwei Geschlechter. Einige von uns möchten sich und ihre Sexualität nicht in eine vorgefertigte Schublade stecken, obwohl sie zu dieser Gruppe gehören, oder nennen sich lieber queer, pansexuell, nicht monosexuell oder hetero- bzw. homoflexibel. Das bedeutet im Prinzip das Gleiche, unterstreicht aber, dass diese Menschen sich von einem breiten Spektrum an Gender-Identitäten angezogen fühlen. Manche möchten damit auch besonders betonen, dass andere Aspekte eine größere Rolle spielen. Das ist natürlich völlig legitim, aber wir verwenden hier der Einfachheit halber die bekannteren “Bi”-Begriffe.

Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen im Bi-Chaos helfen.

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkasten Antwort 40

Woher weiß ich, dass ich bi und nicht bicurious bin, wenn ich noch nie in einer Beziehung war, aber mich manchmal zu Frauen angezogen fühle. Ist es in der Pubertät normal? Wie finde ich das heraus?

Hallo liebe*r Unbekannte*r,

Zunächst einmal: Es ist völlig normal, sich seiner sexuellen Orientierung nicht ganz sicher zu sein, zu zweifeln, sich eventuell anders zu identifizieren und nicht weiter wissen. Das passiert vielen Menschen, vor allem in der Pubertät. Die Fragen, die du dir stellst, sind also ganz normal.

Die Antwort ist gleichzeitig sehr einfach und schwierig: Weder du, noch ich, noch irgendwer anders kann wissen, ob du bisexuell oder bicurious bist. Aber irgendwann wirst du es herausfinden und wissen – oder nicht, und das ist auch nicht schlimm. Wenn du z.B. irgendwann in einer Beziehung mit einer Frau bist, wirst du spüren, ob das für dich passt oder ob es dich nur neugierig gemacht hat. Und das ist in Ordnung.

Wichtig ist: Du darfst dich bisexuell nennen, egal, mit wem du bisher eine Beziehung hattest oder nicht. Das darf dir niemand absprechen. Und du darfst dein Label ändern, wenn es für dich nicht mehr passt.

Und: Auch erwachsene queere Menschen sind manchmal noch verwirrt und ändern ihr label 😉

Alles Gute für dich!

Annika

Kummerkasten Antwort 39

warum kann sich ein mensch im gesicht operieren lassen, wenn es der mensch selbst bezahlt, aber bei genitalien geht es nicht, selbst wenn der mensch das alles selbst bezahlen würde? kennt ihr eine möglichkeit sowas machen zu lassen, ohne diese ganzen gutachten und zwangstherapien?

Hallo liebe*r Unbekannte*r,

Es tut mir leid, dass du eine Weile auf deine Antwort warten musstest – ich musste mich auch erstmal erkundigen. Ich kann deine Frage gut nachvollziehen.

Soweit ich das herausfinden konnte, gelten Operationen wie z.B. genitalangleichende OPs bei trans Personen nicht als Schönheitsoperationen, sondern sie brauchen einen medizinischen Grund (eine sogenannte Indikation, also z.B. eine Diagnose und die Erwartung, dass es dir mit der Operation besser geht), damit sie durchgeführt werden können. Deswegen können sie nicht selbst bezahlt werden. Soweit wir wissen, gibt es die Möglichkeit bisher nicht, dies ohne eine Indikation und als Selbstzahler*in durchführen zu lassen.

Du kannst dich aber bei verschiedenen trans Gruppen noch informieren – die Adressen dazu findest du auf unserer trans-Seite.

Liebe Grüße und alles Gute für dich!

Annika

Kummerkasten – Antwort 38

Hallo ihr lieben,
ich finde wirklich klasse, dass es diese Seite gibt, sie hat mir sehr dabei geholfen mich selbst besser zu verstehen und mit mir als nicht binäre person besser klar zu kommen.
hier meine frage:
Mein Bruder ist trans und ich finde wunderbar wie er es schafft sich trotz aller hindernisse so stark durch die welt zu bewegen und unterstütze ihn in allen seinen entscheidungen. trotzdem vermisse ich die person die er vorher war und kann mit diesem schmerz nicht umgehen weil ich ihn so absurd und ungerechtfertigt und auch total unfair meinem bruder gegenüber finde.
Habt ihr einen tip für mich oder eine leseempfelung?
Danke schonmal <3

Hallo und danke für deine Frage!

 

Es ist schön zu hören, dass du deinen Bruder so in allem unterstützt – trans Menschen können jede Unterstützung gebrauchen. Dass es auch eine Umstellung für dich ist, ist auch sehr verständlich – weil wir alle in einer Gesellschaft leben, die uns beibringt, dass alle Menschen das Geschlecht haben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde, kann es sehr schwierig sein, wenn sich jemensch nicht so identifiziert. Vor allem solltest du im Blick behalten, dass es zwar schwierig für dich ist, mit dieser Veränderung umzugehen, aber für deinen Bruder noch viel, viel schwieriger. Deshalb ist es wichtig, dass du deine Schwierigkeiten mit seiner Transition nicht zu seinem Problem machst – es hilft trans Menschen so rein gar nicht, die ganze Zeit hören zu müssen, wie schwer sie es allen machen. Vielleicht gibt es andere Familienmitglieder, Freund*innen oder andere Personen, mit denen du darüber reden kannst?

Du schreibst auch, dass du die Person vermisst, die dein Bruder vorher war. Es ist einleuchtend, dass es sich mit all den Veränderungen so anfühlen kann, als wäre dir die andere Person sehr fremd. Wenn trans Menschen transitionieren – also zum Beispiel ihren Namen und ihre Pronomen ändern, sich anders kleiden, und vielleicht medizinische und rechtliche Schritte angehen -, dann verwandeln sie sich ja aber nicht plötzlich in einen völlig neuen Menschen. Im Grunde ist dein Bruder die gleiche Person wie vorher auch, du hast jetzt nur mehr über ihn erfahren und kennst ihn noch besser als vorher. Das ist deine Chance, ihn neu kennenzulernen. Viele trans Menschen erleben nach ihrem Outing, dass sie sich selbstbewusster  und wohler fühlen, und auch das kann viel ausmachen. Davon erzählt zum Beispiel auch Alexandra in unserem Queergefragt-Interview. Vielleicht geht das deinem Bruder ja ähnlich?

Unser Tip ist: Gib deinem Bruder und dir die Chance, euch besser kennenzulernen, unterstütze ihn, wo du kannst, und wenn du dir jemals unsicher bist oder Schwierigkeiten hast, dann rede mit anderen Leuten darüber. Wir wünschen euch beiden alles Gute!

 

Liebe Grüße,

Balthazar

Kummerkasten – Antwort 37

Hallo, ich (geb. Weiblich) habe irgendwie das Gefühl, mich zwar mit meinem zugewiesenen Geschlecht zu identifizieren, weibl. Pronomen und so sind in Ordnung und auch mit meinem Körper selbst gehts mir in Ordnung, aber ich fühle seit nem halben Jahr bewusst, dass da noch mehr ist. Es gibt Tage, da kotzt es mich an, so offensichtlich weiblich zu sein und ich verstecke mich unter nem weiten Pulli (bin auch ganz froh, kleine Brüste zu haben) und würde am liebsten gar nicht als Frau wahrgenommen werden. Aber auch nicht als Mann oder so, es ist eher so, dass ich Tage habe, da brezel ich mich ganz weiblich auf und fühle mich wohl und dann gibts Momente, in denen das nicht so ist, oder Momente, in denen ich mich nicht als Frau bezeichnen kann, echt nicht kann, sondern nur als Mensch. Hatte im Herbst eine lange phase, in der ich nichts anderes als weite Pullis trug und beim Klamotten kaufen Unterwäsche gesehen habe (in der „frauen“-abteilung), die aussah wie Jungenboxer. habe erstmal einen Packen geholt und war damit und mit dem Gefühl sie zu tragen so krass glücklich, dass ich ne woche später direkt noch zwei packen dazu geholt habe. ich war nie so froh, Klamotten gekauft zu haben, die nicht offensichtlich weiblich sind. ich frage mich ob ich vielleicht manchmal zwischen meinem weiblichen und einem eher neutralen/ nicht gegenderten geschlecht wechsle, aber weil ich mich die meiste Zeit über schon relativ weiblich fühle, weiss ich nicht, ob das einbildung ist, oder ob andere Frauen auch so fühlen. es hilft mir auch nicht, dass ich mich jahrelang in weibliche stereotype gestürzt habe und mich bewegt und verhalten habe, „wie sich das für Frauen gehört“, weil ich dachte, dass das so sein muss, denn wie gesagt, es gibt irgendwie Tage, an denen fühle ich mich echt nicht weiblich, aber auch nicht männlich oder sonst irgendwie einem spezifischen geschlecht zugehörig. an solchen tagen gehts mir auch meistens nicht gut, da wiegt dann immer etwas ganz ungreifbares auf mir und wenn ich versuche, das zu beschreiben, ist die beste Beschreibung, die ich finden kann nur, dass ich neben mir stehe oder mich nicht fühle. an solchen tagen empfinde ich meine brüste auch als störend, aber eher in bezug auf bewegung und sichtbarkeit und nicht als falsch per se, nur, als zu deutliches Merkmal für andere wie sie mich ansprechen sollen, weil ich das gefühl habe, andere sehen vor lauter Frau den Menschen, der ich bin, nicht. stelle ich mich an oder ist es möglich, dass ich irgendwie ein fließendes Geschlecht habe zwischen Frau und….nicht Frau (aber auch nicht Mann)? könnt ihr mir vielleicht literatur oder links nennen, die da helfen könnten? ich kann mich darüber auch nicht wirklich mit jemand anderem unterhalten weil ich mir dabei so dumm vorkomme oder angst habe, dass ich mir das alles wirklich nur einbilde und da viel zu viel hineinlese…. sorry für die lange Nachricht, bin wirklich fast am verzweifeln, ich hatte solche phasen schon in jüngeren Jahren, aber hab das immer abgetan und in den hinterkopf verbannt, weil ich nebenbei schon genug mit meiner Sexualität zu tun hatte und jetzt weiss ich nicht, was los ist mit mir.
danke für eure Hilfe und die Möglichkeit, sich hier auch auf deutsch über all das zu informieren und fragen zu können, danke.
Sam

Hallo Sam,

 

danke für deine Nachricht. Was du beschreibst, klingt, als könntest du genderfluid sein. Genderfluid bedeutet, dass eine Person nicht ein festes Geschlecht hat, sondern zwischen verschiedenen Geschlechtsidentitäten wechselt. Dieser Wechsel kann jeden Tag passieren, oder alle paar Wochen, oder jedes Jahr, das kann von bestimmten Umständen abhängen, von den Leuten, mit denen sich eine Person umgibt, oder auch gar keinen bestimmten Grund oder Auslöser haben. Genderfluide Menschen können zwischen allen möglichen Geschlechtern wechseln – in deinem Fall klingt es so, als würdest du vielleicht wechseln zwischen weiblich und agender. Agender sein bedeutet, keine Geschlechtsidentität zu haben oder mit dem Konzept von Geschlecht nichts anfangen zu können. Dass du dich an den Tagen, an denen du dich nicht weiblich fühlst, in deinem Körper und mit deinen Brüsten unwohl fühlst und lieber weite Klamotten trägst, und dass du an diesen Tagen nicht gerne als Frau oder weiblich wahrgenommen wirst, kann mit Dysphorie zusammenhängen. Dysphorie ist etwas, das u.a. trans und nichtbinäre Menschen empfinden, wenn sie von sich selbst oder von anderen nicht so wahrgenommen werden, wie sie sich geschlechtlich fühlen.

Wir verstehen, dass du unsicher bist, ob deine Gefühle zu deinem Geschlecht echt sind – Geschlecht ist sehr verwirrend, vor allem, wenn es nicht den üblichen Normen von ‘männlich’ und ‘weiblich’ entspricht, die unsere Gesellschaft uns vorschreibt. Unserer Erfahrung nach gibt es aber so was wie “sich nur anstellen” oder “es sich nur einbilden” im Bezug auf Geschlecht nicht. Leute, die sich so intensiv Gedanken über ihr Geschlecht machen, tun das meistens, weil sie sich eben nicht einfach nur mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen worden sind.

Es gibt auf deutsch leider nicht viel Literatur oder Links zum Thema Genderfluid, aber wir können dir trotzdem unser Glossar empfehlen, wo du auch nochmal Definitionen zu Begriffen wie agender, trans, nichtbinär und mehr findest. Außerdem kennst du vielleicht Ruby Rose. Ruby Rose ist Model und spielt z.B. auch in der Serie “Orange is the New Black” mit, und identifiziert sich auch als genderfluid.

Hoffentlich hilft dir das weiter. Wir wünschen dir alles Gute bei der Suche nach Antworten, und wenn du noch mehr Fragen hast, steht unser Kummerkasten jederzeit für dich offen!

 

Liebe Grüße,

Balthazar

Kummerkasten – Antwort 36

Hallo Kummerkasten,
ich bin mir sehr sicher, dass ich bisexuell bin. In meiner Klasse gibt es noch weitere Bisexuelle. Seit diese sich geoutet haben, werden sie gemobbt. Nicht nur von unserer Klasse, sondern von der ganzen Stufe. Aus diesem Grund habe ich Angst mich zu outen. Meine engsten Freunde wissen davon, dass ich vor den anderen Angst habe, aber wir wissen nicht, was wir machen sollen. Mein homosexueller Cousin hat auf Grund des permanenten Mobbings versucht sich umzubringen. Könnt ihr mir vielleicht irgendwelche Tipps geben? Ich wäre euch sehr dankbar.
Liebe Grüße

Neeks

Hallo Neeks,

Zunächst einmal möchte ich dir und allen bisexuellen Menschen aus deiner Klasse viel Kraft wünschen – das hört sich nach einer sehr belastenden Situation an und ich hoffe sehr, dass sich das bald ändert. Ihr habt ein Recht darauf, in der Schule nicht diskriminiert zu werden.

Habt ihr denn bereits versucht, euch bei euren Lehrer*innen Hilfe zu holen? Eure Klassenlehrer*innen und Beratungs-/Vertrauenslehrer*innen wären da die ersten Ansprechpartner*innen – letztendlich könnt ihr euch aber aussuchen, mit welchem*welcher Lehrer*in ihr darüber sprechen wollt. Versucht euch zu überlegen, was eure Situation besser machen würde, z.B. wenn die Lehrer*innen bei Beleidigungen immer eingreifen und in der Stufe offen sagen, dass sie Diskriminierung nicht dulden.

Eine gute Idee wäre vielleicht auch, wenn eure Lehrer*innen ein Projekt wie SCHLAU einladen können. Dabei kommen junge Erwachsene, die selbst lesbisch, schwul, bisexuell, asexuell, trans-, intergeschlechtlich und/oder queer sind in die Klasse und beantworten Fragen, räumen mit Vorurteilen auf und erzählen ihre Geschichte. Hier kannst du ein solches Projekt in deiner Nähe finden: http://queere-bildung.de/vor-ort.php

Wenn du zufälligerweise in Berlin lebst, kannst du dich auch an die Antidiskriminierungsstelle für Schulen wenden: https://adas-berlin.de/ – ansonsten haben auch viele Schulämter Beauftragte gegen Diskriminierung, die euch unterstützen können.

Ich hoffe, dass deine Situation sich bald verbessert und wünsche dir alles Gute.

Annika