Kummerkasten Antwort 173 – Binder tragen mit Hohlkreuz?

Moin liebes Team,
eine kleine Frage an euch 🙂
Und zwar ist mein Binder (natürlich von GC2B) auf dem Weg zu mir, dennoch ist mir erst jetzt etwas eingefallen was mir Sorgen bereitet.
Und zwar leide ich seit meiner Geburt an schwerer Hyperlordose oder einfacher ausgedrückt: Ich hab ein Hohlkreuz.
Kann man auch mit einem verbogenen Rücken einen Binder tragen?
Oder kann ich den unter anderen Umständen verwenden?
Oder wäre das eine schlechte Idee?
Beste Grüße!
B.

Hallo B!

Ob das eine schlechte Idee ist oder nicht, können wir dir leider nicht sagen – wir sind keine professionellen Mediziner*innen und kennen uns mit Hyperlordose nicht aus. Meiner Ansicht nach hast du allerdings zwei Möglichkeiten:

  1. Du sprichst dich mit deinen behandelnden Ärzt*innen ab, bringst ihnen den Binder mit und bittest sie ggf., sich zu informieren. Das ist auf jeden Fall die allersicherste Variante, allerdings erfordert es auch, dass du dich in der Praxis outest (falls du noch nicht geoutet bist), und das ist nicht immer eine Option. Zudem kann es auch passieren, dass deine Ärzt*innen keine Ahnung haben und deshalb skeptisch sind und dir deshalb kategorisch davon abraten.
  2. Du kannst es einfach versuchen. Ich persönlich habe Skoliose (also eine seitliche Verdrehung der Wirbelsäule) und chronische Rückenschmerzen und auch vorher mal wo gelesen, dass das gegen einen Binder sprechen könnte – ich bin aber sehr froh, dass ich es getestet habe, denn manchmal hilft der Binder sogar gegen meine Schmerzen. Wichtig ist dabei vor allem, dass du dich selbst genau beobachtest und wenn möglich den Binder erst über kürzere Zeiträume testest – wenn du da schon bemerkst, dass es deinem Rücken schadet, dann solltest du auf deinen Körper hören und lieber keinen Binder mehr tragen. Pass einfach gut auf dich auf und lerne deine Grenzen und Möglichkeiten kennen.

Für viele Menschen ist Binder tragen ein Abwiegen zwischen der körperlichen Belastung und der Dysphorie. Und selbstverständlich will ich Dysphorie nicht herunterspielen, weil ich selbst weiß, was für ein ernsthaftes Problem das sein kann – aber falls sich zeigen sollte, dass Binder tragen keine Option für dich ist, dann möchte ich dir nur sagen, dass du auch ohne Binder vollkommen valide in deinem Geschlecht bist und in jedem Fall Akzeptanz und Respekt verdienst.

Ich wünsche dir alles Gute und drücke die Daumen für den Binder!
Liebe Grüße,

Balth

Kummerkasten Antwort 172 – Ist Binden gefährlich?

Hallo an das gesamte Team!
Ich hab eine Frage zu Bindern, die sich letztens durch eine Konversation ergab.
Und zwar meinte ein Bekannter zu mir, dass das Binden gefährlich sei; nannte mir aber keine Gründe warum.
Ich war gerade dabei mir einen Binder von GC2B zu kaufen, da alle meinten dass diese Firma mitunter am besten wäre.
Das verunsichert mich halt stark, denn auch wenn ich dysphorisch bin, bin ich das nicht immer und möchte dementsprechend keine Schäden an der Brust oder den Rippen erleiden.
Liebe Grüße,
J

CN: Beschreibungen von möglichen Verletzungen beim Binden

Hallo J,

Es gibt keine einfache Ja-oder-Nein-Antwort auf diese Frage – an sich hat dein Bekannter nicht unrecht, Binden kann gefährlich sein. Die Betonung liegt aber auf “kann”, und es gibt sehr viele Möglichkeiten, für deine Sicherheit zu sorgen.

Was auf jeden Fall gefährlich werden kann, ist mit nicht elastischen Mullbinden oder anderem nicht elastischem Material deine Brust abzubinden – vor allem, wenn zu hoher Druck aufgebaut wird, kann das die Rippen beschädigen und das ist echt riskant.

Mit einem richtigen Binder (z.B. von gc2b) bist du aber auf jeden Fall auf der sicheren Seite: Diese Binder sind aus elastischem Material gemacht und in der richtigen Größe bauen sie nicht zu viel Druck auf, lassen dich gut atmen und können bei gutem Sitz sogar bequem sein. Auch wenn du einen Binder trägst, kannst du weiter für deine Sicherheit sorgen, z.B. indem du auf deinen Körper achtest, den Binder nicht zu lange am Stück trägst, genug trinkst und bei jedem Anzeichen von Atemnot oder Schmerzen den Binder sofort ausziehst. Wenn es eine*n Ärzt*in gibt, dier du vertraust, dann kannst du ja vllt. auch dort den Binder einmal ansprechen oder mitbringen – viele Ärzt*innen kennen sich allerdings kaum oder gar nicht aus und können deshalb auch skeptisch reagieren. Entscheide also selbst, ob drüber reden eine Option für dich ist. Allerdings kann dir niemand verbieten, den Binder zu tragen, auch keine Ärzt*innen.

Jedenfalls solltest du dich nicht verunsichern lassen, wenn du einen Binder tragen möchtest. Informiere dich einfach gut über alles, was du wissen möchtest, um dich sicher zu fühlen, z.B. in unserer Binder-Broschüre. Viele Menschen tragen täglich Binder und haben keine Probleme damit, es ist also auf jeden Fall einen Versuch wert! Gerade, wenn du dir am Anfang noch unsicher bist, kannst du den Binder ja auch erstmal nur für ein oder zwei Stunden daheim tragen und dich ein bisschen austesten.

Alles Gute mit dem Binder!
Viele Grüße,

Balth

Kummerkasten Antwort 170: Welches Geschlecht habe ich?

Hallo alle miteinander,
Ich habe eine sehr dringliche Frage an euch.
Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen, allerdings fühlte ich mich schon seitdem ich 13 war nicht immer als solches.
Ich trug schon immer nur Kapuzenpullover und Sneaker etc.
Nun, mittlerweile bin ich fast 19 und die “Symptome” wurde immer deutlicher.
Ich habe mittlerweile Brust Dysphorie und Haar Dysphorie doch das nicht immer. Ich kann mich als Frau verstehen, dennoch gibt es öfters mal Zeiten an dem ich mich eher als Mann verstehe.
Ich habe seit einem Jahr angefangen andere Pronomen und einen anderen Namen im Internet auszuprobieren und ich kam zu dem Schluss, dass ich mich wohl fühlte.
Nun sitze ich zwischen den Stühlen und weiß nicht mehr weiter.
Ich weiß nämlich nicht welche Identität meiner Beschreibung am besten passt.
Ich bin eine Person die eine Zugehörigkeit für sein Wohlbefinden benötigt.
Ich hoffe ihr könnt mir helfen.
Liebe Grüße,
Felix.

Hallo Felix,

was wir hier immer sagen, kann ich dir nun auch weitergeben: Wir können dir nicht sagen, welches Label du benutzen sollst. Ich kann dir aber gern einige Vorschläge machen und hoffen, dass vielleicht etwas dabei ist, was dir helfen kann und für dich passt.

Du schreibst, dass du dich sowohl als Frau, aber auch und öfter als Mann verstehst. Damit wäre es z.B. möglich, dass das Wort “bigender” für dich passt. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechter haben, entweder gleichzeitig oder auch abwechselnd. Wenn es dir wichtig ist zu betonen, dass dein Verständnis von deinem Geschlecht sich immer wieder ändert, dann findest du dich vllt. in dem Begriff “genderfluid” wieder. Das bedeutet, dass deine Geschlechtsidentität wechselt, mal männlich oder weiblich sein kann (- mal aber vielleicht auch ein ganz anderes Geschlecht). Vielleicht spielt die Identifikation mit dem weiblichen Geschlecht für dich gar keine so große Rolle, und dir ist viel wichtiger zu betonen, dass du dich größtenteils männlich identifizierst? Dann trifft vielleicht die Bezeichnung “demiboy” ganz gut auf dich zu. 

Wenn du lieber allgemeinere, weiter gefasste Begriffe suchst, dann könnte “nichtbinär” als Überbegriff oder “genderqueer” dir weiterhelfen.

Am allerwichtigsten ist schonmal, dass du weiterhin tust, was dir gut tut und womit du dich wohl fühlst. Mit deiner Namensänderung, den neuen Pronomen, deinen Klamotten und allem anderen bist du auf jeden Fall auf einem guten Weg. Achte gut auf dich, hör auf deine innere Stimme, hab keine Angst, mal ein Label auszuprobieren und es später zu wechseln, falls es nicht passt, und lass dich nicht entmutigen, wenn manches etwas länger braucht oder nicht gleich zu 100% passt. Du wirst deinen Weg schon finden, und du bist auf jeden Fall unterwegs in die richtige Richtung!

Alles Gute für dich!

Balthazar

Kummerkasten Antwort 169: Gender Questioning?

Hallo liebes Queer-Lexikon-Team,
als erstes möchte ich einmal sagen, dass ich eure Seite echt mag und sie mir auch schon echt geholfen hat, mich als Bi zu identifizieren.
Jetzt frage ich mich aber noch, welches Geschlecht ich habe. Ich weiß, dass ihr mir das natürlich nicht sagen könnt, aber ich hätte gerne eure Meinung zu meiner Situation.
Also ich bin weiblich und konnte mich damit bisher eigentlich immer identifizieren, auch wenn ich nie wirklich auf Kleider und “Mädchenfarben” (ich hasse diese Einteilung) gestanden habe. Seit einiger Zeit, bin ich mir da jedoch nicht mehr so sicher. Ich fühle mich in meinem Körper (vor allem mit meiner Brust, etc.) sehr unwohl. Binding hat auch schon mein Interesse geweckt, allerdings muss ich mich momentan mit einer “Notlösung” zufrieden geben und mir mit Sport-BH´s behilflich sein. Es ist zwar nicht sonderlich bequem, aber ich fühle mich so schon etwas wohler. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich immer mehr das Bedürfnis habe, wie ein Junge auszusehen (aber ich möchte mich nicht komplett als Junge identifizieren). Mit meinem weiblichen Namen und weiblichen Pronomen habe ich jedoch kein Problem (vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich es mir anders nicht wirklich vorstellen kann).
Ich überlege in letzter Zeit wirklich oft, was genau das bedeuten soll, finde aber leider keine Lösung. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen oder mir zumindest einen Denkanstoß geben.

Viele Grüße

Hallo liebe unbekannte Person,

danke für deine Frage und dein Lob! Es freut uns sehr, dass wir dir schon so gut helfen konnten. Ich versuche gerne, dir noch ein wenig mehr zu helfen, auch wenn du natürlich recht hast: Ich kann dir leider nicht sagen, welches Geschlecht du hast. Ich kann dir allerdings ein paar Begriffe geben, die dir vielleicht helfen.

Dein Wunsch, maskuliner auszusehen und wahrgenommen zu werden, kann bedeuten, dass du trans bist. Allerdings schreibst du auch, dass du dich nicht komplett als Junge identifizieren möchtest (oder kannst?) – das könnte bedeuten, dass du möglicherweise ein demiboy bist oder nichtbinär. Vielleicht bist du ja nicht vollkommen männlich, sondern nur teilweise, oder vielleicht ändert sich dein Geschlecht manchmal, oder vielleicht hat es auch gar nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun, weil du einfach nur du bist? Das alles kann unter dem Überbegriff “nichtbinär” zusammengefasst werden.

Eine andere Möglichkeit ist, dich als Butch zu identifizieren. Maskuliner wirken zu wollen, ist nicht unbedingt etwas, was nur trans Männern oder trans männlichen Personen vorbehalten ist – es gibt viele Butches, die sich als weiblich oder als Frauen identifizieren, aber gerne maskulin aussehen und/oder eine männliche Geschlechterrolle einnehmen.

Die beiden Optionen – also nichtbinär sein und Butch sein – schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus: Du kannst auch beides gleichzeitig sein. Beispiele für nichtbinäre oder trans Butches sind Leslie Feinberg und Rhea Butcher. Viele Butches haben ein kompliziertes Verhältnis zu Geschlecht oder hinterfragen Geschlechterkategorien überhaupt – so wie du auch selbst sagst, die Einteilung von allem von Farben über Namen bis hin zu Körpern in “männlich” und “weiblich” sind vielleicht gar nicht nötig, und viele Butches zeigen Wege dazwischen oder drumherum auf.

Egal, ob du ein Label für dich findest oder nicht: Deine Gefühle und Gedanken zu deinem eigenen Geschlecht sind vollkommen gut und in Ordnung. Ich hoffe, dass du deinen Weg findest.

Noch ein paar Tipps zum Binden: Das Abbinden von Brüsten mit Sport-BHs kann gefährlich sein, wenn du einen zu engen BH oder zwei übereinander trägst. Achte gut auf deinen Körper und die Warnsignale, die er dir sendet. Solange du keinen Binder hast, sind weite, locker sitzende Oberteile oder mehrere Schichten (z.B. ein T-Shirt, ein Hoodie und eine Jacke) auch immer gute Möglichkeiten, um deine Brust zu kaschieren. Weitere Infos zu sicherem Binden und dazu, wo du wie (auch günstig oder kostenlos) an einen Binder kommen kannst, findest du in unserer Binder-Broschüre.

Viele Grüße und alles Gute,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 168: Unterschied zwischen befreundet und verliebt sein?

Hey, ich hätte da eine Frage: Woher weiß man, wenn man (noch) undefinierbar queer ist, dass man verliebt/befreundet ist? Ich bin jetzt nämlich auf einer neuen Schule in der Oberstufe und habe mich mit einem Jungen und einem Mädchen, die auch miteinander befreundet sind, angefreundet – und jetzt habe ich irgendwie das Gefühl, als ob ich sie beide mag – ich bin nur nicht sicher, ob das Freundschaft ist oder etwas mehr. Habt ihr da Tipps, woran man das erkennen kann?

Hallo lieber Mensch,

es ist schwer, das zu beantworten – Liebe und Freundschaft bedeuten für verschiedene Menschen ganz verschiedene Dinge. Liebe muss auch nicht unbedingt “mehr” sein als Freundschaft; für manche Menschen sind Freundschaften sehr intensiv, vielleicht sogar intensiver als romantische Gefühle. Es kommt also nicht unbedingt darauf an, wie stark die Gefühle sind.

Wichtiger als die Unterscheidung zwischen romantischen und freundschaftlichen Gefühlen ist vielleicht die Frage: Was für eine Art von Beziehung kannst du dir mit diesen beiden Menschen vorstellen? Möchtest du sie küssen? Willst du mit ihnen kuscheln? Willst du Sex mit ihnen haben oder einfach Zeit mit ihnen verbringen, willst du mit ihnen ins Kino, über Gott und die Welt reden, zusammen reisen, Pläne für die Zukunft machen? Und weißt du, was die beiden wollen? Vielleicht ist es ja wichtiger, all diese Dinge herauszufinden, und gar nicht so wichtig, die Gefühle zu benennen?

Wenn es dir aber doch wichtig ist, einen Namen für die Gefühle zu finden, dann hilft es dir vielleicht, Listen zu machen: Welche Gefühle und Gedanken hattest du bisher gegenüber Menschen, in die du dich verliebt hast? Wie sahen deine Gefühle und Gedanken gegenüber Menschen aus, mit denen du eine enge Freundschaft hattest oder wolltest? Vielleicht kannst du dir ja so einen Überblick verschaffen.

Möglicherweise bin ich auch nicht die beste Person, um dir diese Frage zu beantworten – ich bin quoiromantisch, d.h. für mich sind die Unterschiede zwischen romantischen und platonischen (also freundschaftlichen) Gefühlen irgendwie verschwommen und beides ist für mich gar nicht so klar voneinander zu trennen. Vielleicht trifft das ja bei dir auch zu?

Es gibt außerdem noch den sehr nützlichen Begriff “Squish” – das ist sowas wie ein Crush, nur eben bezogen auf freundschaftliche Gefühle. Wer einen Squish hat, hat vllt. den starken Wunsch, mit der anderen Person/den anderen Personen viel Zeit zu verbringen, eine enge freundschaftliche Beziehung aufzubauen und vielleicht auch eine gemeinsame Zukunft aufzubauen.

Hoffentlich konnte ich dir ein wenig helfen.

Viele Grüße und alles Gute,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 167: Soll ich mich als bigender outen?

Hallo!
Ich bin zwar kein Jugendlicher mehr, aber ich hoffe, ihr könnt mir trotzdem weiterhelfen.
Ich bin mit weiblichen Genen geboren, aber identifiziere mich nicht “nur” als Frau. Von Anfang zwanzig an habe ich mich gefragt, ob ich trans bin, aber so richtig wohl fühlte ich mich mit diesem Label nie. Vor ca. 5 Jahren bin ich über den Begriff Bigender gestolpert und nach ein wenig Recherche wusste ich, dass ich dort “zu Hause” bin. Außerdem bin ich androsexuell. Ich fühle mich in Bezug auf manche Bereiche meines Lebens weiblich (z.b. als Mutter) und in anderen männlich (insbesondere was Liebe, Sexualität usw. angeht). Außerdem habe ich immer mal wieder Tage, an denen ich mich im allgemeinen eher männlich oder weiblich fühle.
Ich bin seit 13 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Wir lieben uns sehr, aber er könnte wahrscheinlich nicht damit umgehen, wenn er wüsste, dass er mit jemandem schläft, der sich in dem Moment als Mann sieht. Auch sonst weiß in meinem realen Leben niemand von meiner geschlechtlichen Identität, größtenteils weil wahrscheinlich niemand der Leute, die ich kenne, weiß, dass es neben schwul, lesbisch, bi und trans noch etwas anderes gibt. Sex als Mann mit einem Mann erlebe ich stellvertretend durch das Lesen von Gay Romance.
Nun zu meinem Problem: In letzter Zeit denke ich oft darüber nach mich zu outen. Ich habe nicht vor, an meinem Erscheinungsbild oder meinen Pronomen etwas zu ändern und will auch keinen geschlechtsneutralen Vornamen anzunehmen. Es fühlt sich nicht falsch an, wenn ich als “Frau XY” angesprochen werde. Ich mag meine Brüste und es stört mich auch nicht, wenn ich meine Periode habe.
Also warum? Was hätte ich davon, Unruhe in mein Leben zu bringen, wenn sich sowieso nichts ändern würde? Ich habe viele gesundheitliche und familiäre Belastungen (Kinder&demente Mutter), sodass ich mir nicht noch mehr aufhalsen will. Trotzdem lässt mich der Gedanke an ein Outing nicht los. Könnt ihr mir helfen, mich besser zu verstehen?
Schonmal danke im Voraus!
Gruß, Jutta

Hallo Jutta,

vielen Dank für deine Frage! Wir nehmen gerne Fragen aller Art von allen Menschen an, auch wenn sie nicht (mehr) jugendlich sind.

Ein Coming Out ist immer eine schwierige Entscheidung. Vor allem, wenn viel davon abhängt (eine langjährige Beziehung zum Beispiel), ist es mehr als verständlich, dass du zögerst. Es ist aber auch sehr verständlich, dass dich der Gedanke so sehr beschäftigt, dich deinen  nächsten anzuvertrauen, damit du die Möglichkeit bekommst, du selbst zu sein und dich nicht verstecken zu müssen. Ich möchte dich weder entmutigen, noch möchte ich leere Versprechungen machen – ich kann dir lediglich deine Optionen zeigen, die Entscheidung liegt allerdings ganz bei dir.

Eine Möglichkeit ist immer, deine bigender-Identität für dich zu behalten. Vor allem, wenn sich durch ein Coming Out nichts weiter ändern würde, ist das immer eine Option. Im Bezug auf queere Identitäten gibt es einen gewissen gesellschaftlichen Druck, sich outen zu müssen, aber in Wahrheit musst du gar nichts. Sich nicht zu outen (aus egal welchem Grund) ist vollkommen okay, und du bist niemandem verpflichtet.

Du sagst allerdings auch, dass dich der Gedanke nicht mehr los lässt – es ist vollkommen verständlich, dass du das Bedürfnis hast, dich darüber zu öffnen und mit vertrauten Menschen über dein Geschlecht (bzw. deine Geschlechter) zu reden. Vielleicht ist es da eine gute Möglichkeit, dich eng vertrauten Menschen zu outen? Vielleicht gibt es ja in deinem Freund*innenkreis Menschen, bei denen du mit einer positiven Reaktion rechnen kannst, oder vielleicht einfach Menschen, denen du grundsätzlich sehr vertraust? Ein Coming Out dort anzufangen, wo es nur wenige Hürden gibt, ist für viele Leute eine gute und bestärkende Option. Und wenn sich das erste Coming Out gut und richtig anfühlt, dann kannst du von da aus weitersehen und herausfinden, ob du dich noch vor anderen Menschen outen willst, und wenn ja, vor wem.

Viele Menschen versuchen auch, sich bei ihrem Coming Out langsam vorzutasten, indem sie Themen wie Queerness und Geschlecht in anderen Kontexten erwähnen. Du könntest zum Beispiel von einem Artikel erzählen, den du über eine bigender Person gelesen hast (da lässt sich sicher was finden), oder ein Youtube-Video von einer bigender Person teilen. So kannst du die Reaktionen deines Umfeldes auf diese Themen austesten, ohne dich direkt selbst verletzbar zu machen. Es bleibt allerdings zu bedenken, dass für viele diese Themen schwieriger zu begreifen sind, wenn sie nicht direkt mit ihnen zu tun haben – für eine fremde Person aus einem Artikel oder einem Video wird dadurch vllt. weniger Verständnis aufgebracht als für dich direkt. Sowas wie ein Artikel oder Video kann also ein guter Gesprächsstarter sein, muss aber nicht unbedingt und zu 100% widerspiegeln, wie eine Person auf dein persönliches Coming Out reagieren würde.

Wenn du dich vor Menschen outen willst, über deren Reaktion du dir unsicher bist (z.B. vor deinem Mann), dann ist es gut, wenn du dir vorher ein Sicherheits-Netzwerk aufgebaut hast, also Menschen, die dich auffangen und dich unterstützen können, falls etwas schief geht. Ich wünschte, dass wir davon nicht ausgehen müssten, aber leider kann es immer passieren, dass eine Person uns nicht annehmen kann, wie wir sind. Darum ist es wichtig, dass es Menschen gibt, auf die du dich verlassen kannst, egal ob die Bescheid wissen oder nicht.

Rückhalt kannst du z.B. auch in Communities finden. Vielleicht gibt es bei dir vor Ort eine Gruppe, einen Stammtisch o.ä. für nichtbinäre und trans Menschen mit Raum für Menschen, die bigender sind, oder vielleicht findest du eine Online-Gruppe, in der du dich austauschen kannst. Mit anderen über Erfahrungen zu reden, positive wie negative, und Unterstützung zu bekommen, ist immer hilfreich, vor allem, wenn du in anderen Kontexten nicht über das Thema bigender reden kannst.

Letztlich kannst nur du entscheiden, was für dich der richtige Weg ist. Wichtig ist nur: Ein Coming Out ist weder verpflichtend, noch muss es alle Menschen in deinem Umfeld umfassen. Nur du darfst entscheiden, vor wem du dich wie und wann outen möchtest.

Egal, wie du dich entscheidest, ich wünsche dir alles Gute. Der Kummerkasten und das Queer Lexikon sind jederzeit für dich da.

Alles Liebe,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 166: Frage zu Skoliosexualität

Liebes Team vom Queer Lexikon,

ich habe eine Frage und Anmerkung zum Begriff Skoliosexuell bzw. romantisch.
Woher kommt dieser Begriff und wie ist dieser entstanden, wisst ihr etwas dazu?
Ich habe gelesen, dass der Begriff sich auf das lateinische skolio = gebeugt bezieht.

Ich verorte mich selbst als nicht-binär und finde diesen Begriff überhaupt nicht passend, eigentlich sogar diskriminierend: Warum?
Ich habe selbst eine Form der Skoliose, eine Erkrankung der Wirbelsäule, die überhaupt nicht toll ist. Sowohl im deutschen, als auch englischen ist im Begriff SKOLIOSExuell auch Skoliose enthalten. Der Begriff bezieht sich somit indirekt auch auf die Krankheit. Ich denke, das es nicht die Absicht von Menschen ist, sich auf diese Krankheit zu beziehen. Dennoch wird sie indirekt damit angesprochen und ich finde es mit meiner Mehrfachzugehörigkeit irritierend, wenn eine Person sich so identifiziert. Steht die Person, dann wohlmöglich auf nicht-binäre Körper / Identitäten oder auch auf Menschen mit dieser Krankheit?
Zudem ist die Verbindung mit dem skolio = gebeugt überhaupt keine empowernde Wendung. Ich möchte nicht, als nicht-binäre Identität in eine Verbindung mit gebeugt gebracht werden und ich vermute viele andere auch nicht. Das geht jeglichen Pride Verständnis meinerseits entgegen.
Ich würde gerne einen neuen Begriff dafür haben, wenn Menschen ausdrücken wollen, dass sie auf nicht-binäre Identitäten stehen (falls das überhaupt notwendig ist): Hier ein paar spontane Gedanken: enbysexuell, nbsexuell, nonby-sexuell. Ich hoffe das bringt einige Menschen zum Nachdenken und nicht Weiterverbreitung dieses Begriffes.

Hallo lieber Mensch,

danke für deine Anmerkung. Viele neue Labels und Bezeichnungen sind ein Prozess, um herauszufinden, was eine Community braucht und wie Menschen sich gerne bezeichnen wollen. Es ist immer wichtig, auf Probleme aufmerksam zu machen, um, wenn möglich, bessere Lösungen zu finden.

Zuerst zu deiner Frage: Der Begriff stammt anscheinend von einer Person namens Nelde auf DeviantArt – Nelde hat den Begriff 2010 erfunden, um Anziehung zu genderqueeren/nichtbinären Menschen zu beschreiben. Und ja, der Begriff leitet sich vom altgriechischen “skolios” ab, was soviel heißt wie “verbogen” oder “gekrümmt”. Gewählt wurde dieser Begriff aber nicht, weil er irgendwas mit Skoliose zu tun hat, sondern weil er die altgriechische Variante von “queer” sein soll, was ja auch “seltsam” oder “verquer” bedeutet (auf Englisch funktionieren die beiden Begriffe noch besser als Synonyme). Es wird außerdem stark betont, dass es eben nicht um irgendwelche körperlichen Merkmale der Menschen geht, zu denen eins sich hingezogen fühlt, sondern einzig und allein um die Identifikation dieser Menschen. (Hier ist übrigens meine Quelle für diese Infos.)

Die Person, die diesen Begriff erfunden hat, meinte den also überhaupt nicht böse oder in irgendeinem Zusammenhang mit Skoliose, sondern im Gegenteil, es wird sich auf einen empowernden, reclaimten Begriff bezogen. Ein guter Wille heißt aber noch lange nicht, dass dieser Begriff deshalb nicht verletzen kann. Es ist vollkommen in Ordnung und verständlich, wenn der Begriff für dich schmerzhaft ist und ja, du hast voll und ganz das Recht, nach neuen Begriffen zu suchen und/oder deinen eigenen Begriff zu prägen. “Enbysexuell” finde ich persönlich auch sehr gut und kann das gerne in unser Glossar aufnehmen. “Ceterosexuell” ist übrigens ein weiterer Begriff, der spezifisch die Anziehung von nichtbinären Menschen zu anderen nichtbinären Menschen beschreibt (im Gegensatz zu “skoliosexuell”, wo das Geschlecht der eigenen Person keine Rolle spielt).

Allerdings bin ich mir aktuell nicht sicher, wie wir weiter mit dem Begriff “skoliosexuell” umgehen sollen. In unserem Glossar stehen viele Begriffe, die aus dem ein oder anderen Grund für manche Menschen schwierig sind; unser Ziel ist es aber erstmal, alle Begriffe zu sammeln, damit Menschen, die über ein bestimmtes Wort stolpern, hier erstmal herausfinden können, was es bedeutet. Daher möchte ich den Begriff ungern ganz aus dem Lexikon streichen. Es wird auch immer so sein, dass in unseren Communities Begriffe verwendet werden, die für manche empowernd und für andere sehr negativ sind – ich z.B. bin selbst auch nichtbinär und habe Skoliose und habe kein Problem mit dem Begriff, mag aber z.B. “ceterosexuell” nicht, weil sich das von “et cetera” ableitet und halt mal wieder nichtbinäre Menschen als “alles weitere”/”das übrige”/”der Rest” abstempelt (ähnlich wie “divers” als Geschlechtseintrag). Andere werden wiederum nicht glücklich sein mit “enbysexuell”, vielleicht weil es nicht inklusiv genug ist oder weil “enby” zu verniedlichend ist. Es wird also schwierig sein, ein einziges Wort zu finden, mit dem alle zufrieden sind.

Ich persönlich denke, das ist okay. So wie trans Menschen über die Jahrzehnte und an unterschiedlichen Orten der Welt unterschiedliche Begriffe gefunden haben, um sich zu beschreiben, so wie Leute sich immer noch streiten, ob Begriffe wie “queer”, “dyke” oder “fag” zurückerobert werden dürfen oder nicht, so darf es auch unterschiedliche Worte und Ansichten zu Begriffen über die Anziehung zu nichtbinären Menschen geben. Wichtig ist nur, dass wir einander gegenüber Respekt zeigen und niemandem ein Wort aufdrängen, mit dem diese Person sich nicht wohl fühlt.

Du hast also vollkommen das Recht, dein eigenes Umfeld um eine Sprache zu bitten, die dich nicht verletzt, deinen eigenen Begriff in deinen Communities zu verbreiten und weiter mit Menschen darüber im Gespräch zu bleiben, was eine gute Alternative ist.

Das ist hoffentlich fürs erste eine Möglichkeit, und falls du dazu noch weitere Gedanken hast, können wir gerne weiter im Gespräch bleiben.

Liebe Grüße und alles Gute,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 165: Bin ich asexuell?

Hi, weiß nicht genau, wo ich anfangen soll und wie ich es erklären soll, aber ich hoffe einfach, den richtigen Begriff für das zu finden, als das ich mich fühle. Zuallererst, ich bin hetero, weiblich, 18 und Jungfrau. Ich fühle mich zu Männern hingezogen, aber nur auf romantische Weise. Bei dem Gedanken, mit einem Mann zu schlafen, fühle ich mich unwohl. Ich habe aber kein Gefühl des Enkels, sondern eher ein „Cringe-Gefühl“. Demnach müsste ich asexuell oder etwas in der Art sein. Andererseits habe ich noch keine ernsthafte Beziehung geführt und konnte noch nicht wirklich Erfahrung sammeln, also bin ich doch einfach nur verklemmt?
Außerdem fühle ich mich manchmal sexuell zu Frauen hingezogen. Ich kann mir eher vorstellen, mit einer Frau zu schlafen, als mit einem Mann, aber das würde heißen, dass ich doch nicht asexuell bin, oder? Und als bi würde ich mich auch nicht bezeichnen.
Ich bin irgendwie nicht zu 100% hetero, aber auch nicht bi oder asexuell. Vielleicht bin auch was ganz anderes? Ich weiß, dass nur ich selber sagen kann, welche Sexualität ich habe, aber ich würde gerne wissen, was andere darüber denken und an welcher Sexualität ich mich am ehesten orientieren kann. Danke, dass ihr euch die Mühe macht, sich mit solchen Fragen auseinander zu setzen (und tut mir Leid, wegen dem ganzen Text)! 🙂

LG
Issy

Hallo Issy,

Danke für deine Frage! Ich kann mir vorstellen, dass das ganz schön verwirrend für dich ist.

Wie wir hier immer schreiben: Wir können dir deine sexuelle Orientierung auch nicht sagen – das kannst nur du für dich herausfinden und benennen.

Also, zunächst: du schreibst, dass du dich zu Männern romantisch hingezogen fühlst und deine sexuelle Orientierung aber etwas anderes ist als “nur” zu Männern hingezogen sein. Das heißt wohl, dass deine romantische Orientierung etwas anderes ist als deine sexuelle Orientierung – also bist du vielleicht heteroromantisch.

Dann schreibst du, dass die Vorstellung von Sex für dich unangenehm ist. Ich kann gut verstehen, dass du überlegst, ob du asexuell bist. Die Sache ist: Asexualität ist kein schwarz/weiß-Ding, sondern ein Spektrum. Das heißt, es könnte sein, dass du auf dem a_sexellen Spektrum bist und vielleicht nur manchmal, unter bestimmten Umständen oder bei bestimmten Personen sexuelle Anziehung verspürst. Da wirst du wohl einfach ein bisschen abwarten und dich ein bisschen beobachten müssen, um das herauszufinden.

Und das heißt auch: Du kannst gleichzeitig bisexuell und auf dem asexuellen Spektrum sein – das schließt sich nicht aus.

Ich hoffe, das hilft dir weiter. Hier kannst du unter “A_sexualität als Spektrum” mehr darüber erfahren.

Alles Gute für dich!

Annika

Kummerkasten Antwort 164: Wie wichtig sind Freund*innen für ein Coming Out?

Hallo Ihr,
die nächste Spende geht an euch. Ihr macht ein super Job.

Nur eine kurze Frage:
Beziehung hin oder her, wie wichtig ist ein beständiger Freundeskreis für das eigene Coming-Out?
Ich bin der Überzeugung, dass mit einer Beziehung das eigene Outing besser und leichter fällt.

Aber ein Freundeskreis, der hinter dir steht ist doch auch sehr wichtig, oder?

Danke euch.

Hallo!

Vielen lieben Dank für dein Lob und für deine Spende!

Deine Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Eine Beziehung kann gut sein für das eigene Coming Out, sie kann es aber auch schwerer machen (z.B. wenn der*die Partner*in eine*n nicht akzeptiert).

Das gilt auch für den Freund*innenkreis. Wenn dein Freund*innenkreis dich unterstützt – super! Das kann ein Coming Out durchaus einfacher machen. Leider sind nicht alle Freund*innenkreise so bzw. nicht alle Menschen haben einen festen Freund*innenkreis.

Und: Durch ein Coming Out kann eins ja auch einen neuen Freund*innenkreis bekommen (z.B. in einer queeren Jugendgruppe).

Für viele Menschen ist es wichtig, im Coming Out Unterstützung zu haben – aber das muss nicht der*die Partner*in oder die Freund*innen sein. Das können auch Familie, Kolleg*innen, Kirchengemeinde etc. sein. Und manche Menschen brauchen diese Unterstützung nicht – das ist alles sehr individuell.

Liebe Grüße,

Annika