Kummerkasten Antwort 182 – Bin ich trans?

Hallo,
ich frage mich seit Jahren ob ich trans bin, bin mir aber bis jetzt noch immer nicht sicher. Was soll ich tun?

Hallo,

Das schwierige dabei ist: Nur du kannst sagen, ob du trans bist. Kein*e Psycholog*in, kein*e Ärzt*in, kein*e Freund*in, keine Google-Suche, kein Buzzfeed-Quiz. Ideen haben, Wissen vermitteln, zuhören, ja, aber niemand kann dir hier wirklich etwas abnehmen, und das entscheiden oder festlegen.

Genausowenig musst du irgendetwas erfüllen, um trans zu sein. Es taucht immer mal dieses Konzept auf, dass Menschen, die trans sind, das schon immer gewusst haben müssen, oder dass das Erleben von Dysphorie eine notwendige Erfahrung ist, die alle Personen, die trans sind, verbindet. Das kann auf dich zutreffen, muss es aber nicht.

Das befreiende ist: Nur du kannst sagen, ob du trans bist. Es geht um dich, darum, wer du bist. Niemand unter der Sonne hat das Anrecht, dir da irgendetwas vorzuschreiben. Du hast aber das Recht, auszuprobieren, und zu ergründen, was für dich richtig ist. Make-Up mit Tutorials auf YouTube lernen? Haare abschneiden? Brüste abbinden? Entsprechende Klamotten besorgen? Geht alles. Und du musst nicht vorher wissen, dass das richtig ist. Du kannst das ausprobieren, und wenn du merkst, dass es dir nichts gibt, dann lässt du es wieder sein. Persönlichkeit und Identität sind auch nicht für alle Zeit statisch. Es ist ok, wenn du später irgendwann merken solltest, dass das Geschlecht, mit dem du lebst, nicht mehr passt, ein neues Coming In und anschließend auch neue Coming Outs zu haben. Dass es später mal anders sein könnte, macht deine Identität im hier und jetzt nicht weniger valide.

Und: du kannst, aber musst das nicht alleine durchprobieren. Wenn du Videospiele oder Pen &Paper magst, kannst du dir dort auch Charaktere mit verschiedenen Namen und Geschlechtern spielen, dich hineinversetzen und schauen, ob und wie gut das passt – oder eben nicht. Freund*innen oder Personen, denen du vertraust, kannst du bitten, Namen oder Pronomen für dich auszuprobieren.

Zuletzt: Wie so vieles ist Geschlecht und auch Trans-Sein auf einem Spektrum. Es gibt „ein bisschen trans sein“, und das ist valide. Es gibt kein richtig oder falsch. Manche Personen, die trans sind, streben sehr viele Transitionsmaßnahmen an, anderen reicht es, von ihren Freund*innen mit einem anderen Namen angesprochen zu werden. Wieder andere behalten Namen und Pronomen, wünschen sich aber körperliche Veränderungen. Genauso auch für Geschlecht. Es gibt keine Regel, kein Gesetz, das vorgeben würde, wie ein echter Mann, ein valides Enby oder eine richtige Frau sein muss.

Zusammengefast: niemand, auch ich nicht, kann oder darf dir sagen, ob du trans bist. Du kannst das, du darfst dich da ausprobieren, du musst das nicht von heute auf Morgen wissen und es ist ok, wenn sich die Labels, die du für dich wählst, auch mal wieder ändern. Es ist nichts falsch daran, trans zu sein. Es ist nichts falsch daran, nicht trans zu sein. Es ist ok, unsicher zu sein.

Ich wünsche dir frohes Ausprobieren, Freund*innen, die dich dabei begleiten und stärken können, und dass du bald ein wenig Sicherheit darin findest, ob du trans bist.

Liebe Grüße,

Xenia