Mein Polyam-Coming-In/-Out „Es kommt immer darauf an, wer fragt.“

Im Internet gibt es nur wenig Berichte darüber, wie es ist, polyamourös zu sein. Wir haben also Menschen gefragt, ob sie uns ihre Coming Out-Geschichte erzählen wollen. Die Geschichte heute wurde uns anonym zugesandt. Wenn du auch deine Geschichte erzählen willst, schreib uns an blog@queer-lexikon.net oder benutze unsere anonyme Askbox

Ich gehöre zu den Menschen, die erst spät Sex hatten, also das was herkömmlich unter Penetration verstanden wird. Passiert ist das bei einem sehr klischeehaften Filmdate und während mein Gegenüber vermutlich an einen irgendwie gemütlichen Abend und Abwechslung dachte, war das für mich schon irgendwie ein einschneidendes Erlebnis… Tage später trafen wir uns dann noch mal zum Reden und neben all der Scham, waren wir uns einig: das könnten wir alles so wieder tun und uns regelmäßig Treffen, um Spaß zu haben. Doch, eine Beziehung wird’s nicht, schließlich gäbe es noch jemanden in seinem Leben. Und mit der Person würde er sich ebenfalls regelmäßig zum Sex treffen. Das war für mich okay. Und auch, wenn es hier um offensichtlich lockere Affären ging, war der Grundstein Polyamorie für mich dort gelegt, ohne dass ich das Wort kannte.

Ich geriet letztlich noch eine ganze Weile an Typen, die was Lockeres haben wollten und parallel mehrgleisig fuhren.

Unverbindlichkeit ist heute bei vielen Menschen an der Tagesordnung und im strengsten Sinne und per Definition ist das sicherlich auch keine Polyamorie, mehrgleisige und ständig (ab-)wechselnde Sex-Partner*innen zu haben. Doch für mich gab es nie so etwas wie Eifersucht. Ich wollte immer nur die Wahrheit wissen und habe auch selbst mit offenen Karten gespielt, zu Zeiten, als ich ebenfalls mehrgleisig gefahren bin.

Wichtig waren mir damals wie heute: Alle Menschen verhüten bitte sinnvoll und sollte mal etwas passiert sein, werden alle Sex-Partner*innen gleichermaßen informiert.

Ich hatte eine ziemlich wilde Phase, nachdem ich also das erste Mal Sex hatte und habe alles ausprobiert, worauf ich Lust hatte: Swingerclubs, Sex zu dritt und mehreren und bin so letztendlich auch zu BDSM gekommen, weil ich viel ausprobieren wollte, neugierig war und glaubte eine Freiheit zu genießen, die ich vermutlich in einer festen Partnerschaft nicht haben könnte.

Im BDSM-Kontext habe ich meinen inzwischen langjährigen Partner kennengelernt. Auch er kam nicht nur aus der BDSM-Szene, sondern auch der Polyamorie-Szene und hatte in seiner letzten Beziehung mit 2 Beziehungspartner*innen und 1 Kind zusammen in einer gemeinsamen Wohnung gelebt.

Nun hatte ich nach ein paar Jahren selbst Ausleben der sexuellen Freiheit auch gemerkt: nicht festlegen wollen und müssen ist anstrengend und hat auch eine Kehrseite: die fehlende Verbindlichkeit.

Als ich meinen jetzigen Beziehungspartner kennenlernte, war mir also genau diese Verbindlichkeit inzwischen wichtig geworden. Und wir haben viel darüber gesprochen, dass wir beide sehr klar polyam sind, und die Werte, die hinter einer polyamen Beziehung stehen, beide sehr stark befürworten: es gibt keinen Besitzanspruch an Menschen (auch nicht an Kinder), es ist Liebe für alle da und Eifersucht ist nur ein Zweitgefühl. Denn dahinter steckt immer noch etwas ganz anderes. Meistens so etwas wie Verlustängste. Und die haben Ursachen, sei es in eigener schlechter Erfahrung oder durch etwas Ausgelöstes durch das Gegenüber und da hilft nur eins: miteinander reden. Und das ist das Wichtigste in jeder Beziehung: Kommunikation. Das hat nichts mit dem Konstrukt einer Beziehung zu tun, sondern mit eigenem Empfinden und Bedürfnissen.

So redeten wir also über unsere Beziehungswerte und waren uns auch hierüber sehr schnell einig: in einer polyamen Beziehung halbiert man in der Regel nicht die Verantwortung, sondern verdoppelt sie. Stimmt etwas im Beziehungskonstrukt nicht, gilt es eben mit allen Beteiligten zu reden.

Mir wurden durch diese wichtigen Gespräche auch klar: nicht alle Affären, die meinen Weg begleitet hatten, waren wirklich polyam. Denn nicht immer wussten alle Beteiligten voneinander Bescheid. Und das ist eben keine Polyamorie, sondern das, was klassischerweise unter Fremdgehen verstanden wird. Der Unterschied ist: der Konsens. In einem polyamen Beziehungsgeflecht wissen zumindest alle Beteiligten darüber Bescheid, dass es noch andere Beziehungspartner*innen gibt. Wie detailliert das dann sein muss, entscheidet natürlich jede*r für sich.

Inzwischen bin ich fast sieben Jahre mit meinem Partner zusammen. Wir teilen deutlich mehr als unser Verständnis und unsere Wertvorstellungen zu Polyamorie. Lustigerweise aber keine weiteren Partner*innen und aus unserer beiden polyamen Vergangenheit ist so etwas wie eine monogame Beziehung geworden. Ein ziemlich ungewöhnlicher Weg, denn meistens ist es umgekehrt.

Nichts desto trotz haben wir beide immer die Gewissheit sagen zu können, wenn wir andere Menschen attraktiv finden, ohne, dass das irgendwelche Probleme gibt. Eifersucht ist wirklich kein Thema bei uns. Ganz im Gegenteil, mein Partner musste in Gesprächen schon oft erklären, dass und warum er das Gefühl von Eifersucht einfach nicht kennt. Und was dahinter steckt.

Wir hatten schon zusammen Sex mit anderen, vielleicht ist es also eher auch eine manchmal offene Beziehung. Aber das weiß kaum jemand aus unserem Freundeskreis. Manchmal sprechen wir zwar mit anderen Menschen auf Veranstaltungen über das Thema Polyamorie, aber geoutet sind wir offiziell nicht in unserem kompletten Freundeskreis. Natürlich weiß der polyamore Kreis über unsere Vergangenheit Bescheid, da wir aber aktiv nicht mehr auf Polyamorie-Veranstaltungen unterwegs sind, ist das Interesse früherer Freund*innen an unserem Privatleben auch signifikant gesunken – scheinbar sind wir ja nicht mehr verfügbar als potenzielle Sex-Partner*innen.

Auf einer sexpositiven Veranstaltungen mit vielen fremden Menschen, die wir bis dato nicht kannten, sind wir mal gefragt worden, ob wir polyam seien und das ist die Standardantwort geworden, die ich nun auf so eine private Frage immer gebe:

„Es kommt immer darauf an, wer fragt.“

Und, auch, wenn das eine eher lustige Antwort war, weil klar war, worauf die Frage eigentlich abzielte (nach Chancen mit einer/m von uns beiden Sex zu haben), gilt genau das: wir brauchen kein großflächiges Coming-Out für uns, aber wenn jemand mehr über polyamores Leben wissen möchte, erzählen wir gerne darüber – je nach Anlass, Fragesteller*in und Gegebenheit.