Queer und Sexworker sein

Für den folgenden Gastbeitrag gibt es einige Content Notes: Sexwork, Sex, Genitalien, Transfeindlichkeit, Pornos, transfeindlicher Slur, Deadnaming, Misgendern, Dysphoria, Euphoria und Masturbation.

Hi! Mein Name ist Ylvie und ich bin queer (Non-binary und pansexuell) und Sexworker. Meinen Job habe ich vor ca. drei Jahren, also mit 18, angefangen und nach einer langen Pause habe ich diese Tätigkeit wieder aufgenommen. Damals habe ich mich noch als cis und bisexuell bezeichnet, auch wenn es unangenehm war, wenn Menschen mich als Frau bezeichnet haben. Vor ein paar Monaten hatte ich dann mein Coming-Out, im privaten Bereich haben viele gut reagiert, andere eher schlecht, anderes habe ich aber auch nicht wirklich erwartet. Im Job war es jedoch ein wenig schwieriger.

Ein Photo von Ylvie, der diesen Text verfasst hat.

Größtenteils bin ich in meinem Job nicht geoutet, vorallem nicht auf den Clipseiten. Aber warum gebe ich mich als Cis aus? Aus Angst vor Anfeindungen, davor dass weniger Menschen meinen porn kaufen, weil ich keine Spoons (Spoons sind ein Symbolbild für meine Energie für einen Tag. Zum Beispiel wache ich an einem Tag mit 20, an einem andern Tag mit nur 10 Spoons, also wenig Energie, auf.) dafür habe, mich jeden Tag zu erklären. Auf meinem Twitter Account gehe ich offen damit um, queer zu sein, jedoch gibt es dort genau die Probleme, die ich fürchte – Transfeindlichkeit, ich werde ständig misgendert, Menschen lehnen es ab, meinen Content zu kaufen sobald sie erfahren, dass ich nicht cis bin. Also gebe ich auf anderen (Clip)seiten an, cis zu sein. Auch, weil es dort meist keine andere Option gibt. Höchstens FTM und MTF, das trifft aber beides nicht auf mich zu. Wie bei vielen Datingseiten ist es auch hier der Fall, dass mensch nur zwischen hetero, homo und bi auswählen kann, und da bi als Nächstes an pansexuell rankommt, gebe ich dies an (wobei dann mehr Anfragen für Content mit Frauen kommen, da ich aber nur alleine arbeite, muss ich dies immer ablehnen).

Ab und zu treffe ich mich mit Sugardaddys – auf den dafür zuständigen Seiten erwähne ich ebenso nichts von meiner Queerness, nur wenn die Personen meine privaten Datingprofile finden, erfahren sie es. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einem sehr netten Mann getroffen, welcher sich ebenso sofort korrigiert und entschuldigt hat, da er in der dritten Person von mir gesprochen und „sie“ anstatt „er“ verwendet hat. Dieser Mann hat eines meiner „normalen“ Datingprofile wo ich geoutet bin gefunden, und gibt sich ebenso sehr viel Mühe, die richtigen Pronomen zu nutzen. Das hat wirklich sehr gut getan, er war höflich, hat nachgefragt, welche Bezeichnung okay ist und welche nicht. Das ist leider nicht immer so. Wenn es andere nicht wissen und mich als Frau bezeichnen, sage ich nichts – schlichtweg aus Angst, dass sie das Verhältnis beenden oder gar keines beginnen wollen, dass sie mich eventuell auf der Seite melden, weil ich das falsche Geschlecht angegeben habe und somit „Männer hinters Licht führe“, wie es mir mal gesagt wurde.

Auch bekomme ich, besonders auf twitter, Nachrichten ob ich denn „noch“ einen Penis habe, ich werde als Tr*nny und Sh*m*le bezeichnet, fetischisiert, weil Menschen denken, ich sei eine trans Frau. Manchmal reicht es mir auch, wenn ich 10 mal am Tag misgendert werde, wenn 10 Mal am Tag Menschen meinen Deadname sehen, weil sie mir etwas per Paypal schicken. Dann muss ich mich stoppen, runterfahren, höflich bleiben, was mir nicht immer gelingt (dann trifft es aber die richtigen Personen, die sowieso nichts erwerben wollten).

Mein Job macht mir sehr viel Spaß, auch wenn es mich unglaublich viel Energie (und Nerven) kostet. Ich habe in den letzten Monaten viel lernen können, auch über meinen eigenen Körper. Ein Privileg was ich habe, abgesehen von meinem Weißsein, ist es, dass ich kaum Dysphoria habe. Es kommt selten vor, Euphoria taucht eher auf (und Körperschemastörung, was aber ein anderes Thema ist). Von daher ist es zu 80% der Zeit relativ einfach, Porn zu drehen. Ich habe keine Probleme damit, meine Genitalien zu sehen und zu fühlen, im Gegenteil, ich habe gelernt ihn zu lieben, durch Porn.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Sexwork mir geholfen hat und immer noch hilft. Jedoch ist dies nicht für jede Person, bzw. nicht jede Person ist dafür geschaffen, aber ich habe keine Entscheidungskraft darüber. Das muss jeder Mensch, welcher im legalen Alter ist, für sich selbst herausfinden, experimentieren, dabei aber auf sich und seine Bedürfnisse achten.