Kummerkasten Antwort 167: Soll ich mich als bigender outen?

Hallo!
Ich bin zwar kein Jugendlicher mehr, aber ich hoffe, ihr könnt mir trotzdem weiterhelfen.
Ich bin mit weiblichen Genen geboren, aber identifiziere mich nicht “nur” als Frau. Von Anfang zwanzig an habe ich mich gefragt, ob ich trans bin, aber so richtig wohl fühlte ich mich mit diesem Label nie. Vor ca. 5 Jahren bin ich über den Begriff Bigender gestolpert und nach ein wenig Recherche wusste ich, dass ich dort “zu Hause” bin. Außerdem bin ich androsexuell. Ich fühle mich in Bezug auf manche Bereiche meines Lebens weiblich (z.b. als Mutter) und in anderen männlich (insbesondere was Liebe, Sexualität usw. angeht). Außerdem habe ich immer mal wieder Tage, an denen ich mich im allgemeinen eher männlich oder weiblich fühle.
Ich bin seit 13 Jahren mit meinem Mann verheiratet. Wir lieben uns sehr, aber er könnte wahrscheinlich nicht damit umgehen, wenn er wüsste, dass er mit jemandem schläft, der sich in dem Moment als Mann sieht. Auch sonst weiß in meinem realen Leben niemand von meiner geschlechtlichen Identität, größtenteils weil wahrscheinlich niemand der Leute, die ich kenne, weiß, dass es neben schwul, lesbisch, bi und trans noch etwas anderes gibt. Sex als Mann mit einem Mann erlebe ich stellvertretend durch das Lesen von Gay Romance.
Nun zu meinem Problem: In letzter Zeit denke ich oft darüber nach mich zu outen. Ich habe nicht vor, an meinem Erscheinungsbild oder meinen Pronomen etwas zu ändern und will auch keinen geschlechtsneutralen Vornamen anzunehmen. Es fühlt sich nicht falsch an, wenn ich als “Frau XY” angesprochen werde. Ich mag meine Brüste und es stört mich auch nicht, wenn ich meine Periode habe.
Also warum? Was hätte ich davon, Unruhe in mein Leben zu bringen, wenn sich sowieso nichts ändern würde? Ich habe viele gesundheitliche und familiäre Belastungen (Kinder&demente Mutter), sodass ich mir nicht noch mehr aufhalsen will. Trotzdem lässt mich der Gedanke an ein Outing nicht los. Könnt ihr mir helfen, mich besser zu verstehen?
Schonmal danke im Voraus!
Gruß, Jutta

Hallo Jutta,

vielen Dank für deine Frage! Wir nehmen gerne Fragen aller Art von allen Menschen an, auch wenn sie nicht (mehr) jugendlich sind.

Ein Coming Out ist immer eine schwierige Entscheidung. Vor allem, wenn viel davon abhängt (eine langjährige Beziehung zum Beispiel), ist es mehr als verständlich, dass du zögerst. Es ist aber auch sehr verständlich, dass dich der Gedanke so sehr beschäftigt, dich deinen  nächsten anzuvertrauen, damit du die Möglichkeit bekommst, du selbst zu sein und dich nicht verstecken zu müssen. Ich möchte dich weder entmutigen, noch möchte ich leere Versprechungen machen – ich kann dir lediglich deine Optionen zeigen, die Entscheidung liegt allerdings ganz bei dir.

Eine Möglichkeit ist immer, deine bigender-Identität für dich zu behalten. Vor allem, wenn sich durch ein Coming Out nichts weiter ändern würde, ist das immer eine Option. Im Bezug auf queere Identitäten gibt es einen gewissen gesellschaftlichen Druck, sich outen zu müssen, aber in Wahrheit musst du gar nichts. Sich nicht zu outen (aus egal welchem Grund) ist vollkommen okay, und du bist niemandem verpflichtet.

Du sagst allerdings auch, dass dich der Gedanke nicht mehr los lässt – es ist vollkommen verständlich, dass du das Bedürfnis hast, dich darüber zu öffnen und mit vertrauten Menschen über dein Geschlecht (bzw. deine Geschlechter) zu reden. Vielleicht ist es da eine gute Möglichkeit, dich eng vertrauten Menschen zu outen? Vielleicht gibt es ja in deinem Freund*innenkreis Menschen, bei denen du mit einer positiven Reaktion rechnen kannst, oder vielleicht einfach Menschen, denen du grundsätzlich sehr vertraust? Ein Coming Out dort anzufangen, wo es nur wenige Hürden gibt, ist für viele Leute eine gute und bestärkende Option. Und wenn sich das erste Coming Out gut und richtig anfühlt, dann kannst du von da aus weitersehen und herausfinden, ob du dich noch vor anderen Menschen outen willst, und wenn ja, vor wem.

Viele Menschen versuchen auch, sich bei ihrem Coming Out langsam vorzutasten, indem sie Themen wie Queerness und Geschlecht in anderen Kontexten erwähnen. Du könntest zum Beispiel von einem Artikel erzählen, den du über eine bigender Person gelesen hast (da lässt sich sicher was finden), oder ein Youtube-Video von einer bigender Person teilen. So kannst du die Reaktionen deines Umfeldes auf diese Themen austesten, ohne dich direkt selbst verletzbar zu machen. Es bleibt allerdings zu bedenken, dass für viele diese Themen schwieriger zu begreifen sind, wenn sie nicht direkt mit ihnen zu tun haben – für eine fremde Person aus einem Artikel oder einem Video wird dadurch vllt. weniger Verständnis aufgebracht als für dich direkt. Sowas wie ein Artikel oder Video kann also ein guter Gesprächsstarter sein, muss aber nicht unbedingt und zu 100% widerspiegeln, wie eine Person auf dein persönliches Coming Out reagieren würde.

Wenn du dich vor Menschen outen willst, über deren Reaktion du dir unsicher bist (z.B. vor deinem Mann), dann ist es gut, wenn du dir vorher ein Sicherheits-Netzwerk aufgebaut hast, also Menschen, die dich auffangen und dich unterstützen können, falls etwas schief geht. Ich wünschte, dass wir davon nicht ausgehen müssten, aber leider kann es immer passieren, dass eine Person uns nicht annehmen kann, wie wir sind. Darum ist es wichtig, dass es Menschen gibt, auf die du dich verlassen kannst, egal ob die Bescheid wissen oder nicht.

Rückhalt kannst du z.B. auch in Communities finden. Vielleicht gibt es bei dir vor Ort eine Gruppe, einen Stammtisch o.ä. für nichtbinäre und trans Menschen mit Raum für Menschen, die bigender sind, oder vielleicht findest du eine Online-Gruppe, in der du dich austauschen kannst. Mit anderen über Erfahrungen zu reden, positive wie negative, und Unterstützung zu bekommen, ist immer hilfreich, vor allem, wenn du in anderen Kontexten nicht über das Thema bigender reden kannst.

Letztlich kannst nur du entscheiden, was für dich der richtige Weg ist. Wichtig ist nur: Ein Coming Out ist weder verpflichtend, noch muss es alle Menschen in deinem Umfeld umfassen. Nur du darfst entscheiden, vor wem du dich wie und wann outen möchtest.

Egal, wie du dich entscheidest, ich wünsche dir alles Gute. Der Kummerkasten und das Queer Lexikon sind jederzeit für dich da.

Alles Liebe,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 166: Frage zu Skoliosexualität

Liebes Team vom Queer Lexikon,

ich habe eine Frage und Anmerkung zum Begriff Skoliosexuell bzw. romantisch.
Woher kommt dieser Begriff und wie ist dieser entstanden, wisst ihr etwas dazu?
Ich habe gelesen, dass der Begriff sich auf das lateinische skolio = gebeugt bezieht.

Ich verorte mich selbst als nicht-binär und finde diesen Begriff überhaupt nicht passend, eigentlich sogar diskriminierend: Warum?
Ich habe selbst eine Form der Skoliose, eine Erkrankung der Wirbelsäule, die überhaupt nicht toll ist. Sowohl im deutschen, als auch englischen ist im Begriff SKOLIOSExuell auch Skoliose enthalten. Der Begriff bezieht sich somit indirekt auch auf die Krankheit. Ich denke, das es nicht die Absicht von Menschen ist, sich auf diese Krankheit zu beziehen. Dennoch wird sie indirekt damit angesprochen und ich finde es mit meiner Mehrfachzugehörigkeit irritierend, wenn eine Person sich so identifiziert. Steht die Person, dann wohlmöglich auf nicht-binäre Körper / Identitäten oder auch auf Menschen mit dieser Krankheit?
Zudem ist die Verbindung mit dem skolio = gebeugt überhaupt keine empowernde Wendung. Ich möchte nicht, als nicht-binäre Identität in eine Verbindung mit gebeugt gebracht werden und ich vermute viele andere auch nicht. Das geht jeglichen Pride Verständnis meinerseits entgegen.
Ich würde gerne einen neuen Begriff dafür haben, wenn Menschen ausdrücken wollen, dass sie auf nicht-binäre Identitäten stehen (falls das überhaupt notwendig ist): Hier ein paar spontane Gedanken: enbysexuell, nbsexuell, nonby-sexuell. Ich hoffe das bringt einige Menschen zum Nachdenken und nicht Weiterverbreitung dieses Begriffes.

Hallo lieber Mensch,

danke für deine Anmerkung. Viele neue Labels und Bezeichnungen sind ein Prozess, um herauszufinden, was eine Community braucht und wie Menschen sich gerne bezeichnen wollen. Es ist immer wichtig, auf Probleme aufmerksam zu machen, um, wenn möglich, bessere Lösungen zu finden.

Zuerst zu deiner Frage: Der Begriff stammt anscheinend von einer Person namens Nelde auf DeviantArt – Nelde hat den Begriff 2010 erfunden, um Anziehung zu genderqueeren/nichtbinären Menschen zu beschreiben. Und ja, der Begriff leitet sich vom altgriechischen “skolios” ab, was soviel heißt wie “verbogen” oder “gekrümmt”. Gewählt wurde dieser Begriff aber nicht, weil er irgendwas mit Skoliose zu tun hat, sondern weil er die altgriechische Variante von “queer” sein soll, was ja auch “seltsam” oder “verquer” bedeutet (auf Englisch funktionieren die beiden Begriffe noch besser als Synonyme). Es wird außerdem stark betont, dass es eben nicht um irgendwelche körperlichen Merkmale der Menschen geht, zu denen eins sich hingezogen fühlt, sondern einzig und allein um die Identifikation dieser Menschen. (Hier ist übrigens meine Quelle für diese Infos.)

Die Person, die diesen Begriff erfunden hat, meinte den also überhaupt nicht böse oder in irgendeinem Zusammenhang mit Skoliose, sondern im Gegenteil, es wird sich auf einen empowernden, reclaimten Begriff bezogen. Ein guter Wille heißt aber noch lange nicht, dass dieser Begriff deshalb nicht verletzen kann. Es ist vollkommen in Ordnung und verständlich, wenn der Begriff für dich schmerzhaft ist und ja, du hast voll und ganz das Recht, nach neuen Begriffen zu suchen und/oder deinen eigenen Begriff zu prägen. “Enbysexuell” finde ich persönlich auch sehr gut und kann das gerne in unser Glossar aufnehmen. “Ceterosexuell” ist übrigens ein weiterer Begriff, der spezifisch die Anziehung von nichtbinären Menschen zu anderen nichtbinären Menschen beschreibt (im Gegensatz zu “skoliosexuell”, wo das Geschlecht der eigenen Person keine Rolle spielt).

Allerdings bin ich mir aktuell nicht sicher, wie wir weiter mit dem Begriff “skoliosexuell” umgehen sollen. In unserem Glossar stehen viele Begriffe, die aus dem ein oder anderen Grund für manche Menschen schwierig sind; unser Ziel ist es aber erstmal, alle Begriffe zu sammeln, damit Menschen, die über ein bestimmtes Wort stolpern, hier erstmal herausfinden können, was es bedeutet. Daher möchte ich den Begriff ungern ganz aus dem Lexikon streichen. Es wird auch immer so sein, dass in unseren Communities Begriffe verwendet werden, die für manche empowernd und für andere sehr negativ sind – ich z.B. bin selbst auch nichtbinär und habe Skoliose und habe kein Problem mit dem Begriff, mag aber z.B. “ceterosexuell” nicht, weil sich das von “et cetera” ableitet und halt mal wieder nichtbinäre Menschen als “alles weitere”/”das übrige”/”der Rest” abstempelt (ähnlich wie “divers” als Geschlechtseintrag). Andere werden wiederum nicht glücklich sein mit “enbysexuell”, vielleicht weil es nicht inklusiv genug ist oder weil “enby” zu verniedlichend ist. Es wird also schwierig sein, ein einziges Wort zu finden, mit dem alle zufrieden sind.

Ich persönlich denke, das ist okay. So wie trans Menschen über die Jahrzehnte und an unterschiedlichen Orten der Welt unterschiedliche Begriffe gefunden haben, um sich zu beschreiben, so wie Leute sich immer noch streiten, ob Begriffe wie “queer”, “dyke” oder “fag” zurückerobert werden dürfen oder nicht, so darf es auch unterschiedliche Worte und Ansichten zu Begriffen über die Anziehung zu nichtbinären Menschen geben. Wichtig ist nur, dass wir einander gegenüber Respekt zeigen und niemandem ein Wort aufdrängen, mit dem diese Person sich nicht wohl fühlt.

Du hast also vollkommen das Recht, dein eigenes Umfeld um eine Sprache zu bitten, die dich nicht verletzt, deinen eigenen Begriff in deinen Communities zu verbreiten und weiter mit Menschen darüber im Gespräch zu bleiben, was eine gute Alternative ist.

Das ist hoffentlich fürs erste eine Möglichkeit, und falls du dazu noch weitere Gedanken hast, können wir gerne weiter im Gespräch bleiben.

Liebe Grüße und alles Gute,

Balthazar

Queer und Sexworker sein

Für den folgenden Gastbeitrag gibt es einige Content Notes: Sexwork, Sex, Genitalien, Transfeindlichkeit, Pornos, transfeindlicher Slur, Deadnaming, Misgendern, Dysphoria, Euphoria und Masturbation.

Hi! Mein Name ist Ylvie und ich bin queer (Non-binary und pansexuell) und Sexworker. Meinen Job habe ich vor ca. drei Jahren, also mit 18, angefangen und nach einer langen Pause habe ich diese Tätigkeit wieder aufgenommen. Damals habe ich mich noch als cis und bisexuell bezeichnet, auch wenn es unangenehm war, wenn Menschen mich als Frau bezeichnet haben. Vor ein paar Monaten hatte ich dann mein Coming-Out, im privaten Bereich haben viele gut reagiert, andere eher schlecht, anderes habe ich aber auch nicht wirklich erwartet. Im Job war es jedoch ein wenig schwieriger.

Ein Photo von Ylvie, der diesen Text verfasst hat.

Größtenteils bin ich in meinem Job nicht geoutet, vorallem nicht auf den Clipseiten. Aber warum gebe ich mich als Cis aus? Aus Angst vor Anfeindungen, davor dass weniger Menschen meinen porn kaufen, weil ich keine Spoons (Spoons sind ein Symbolbild für meine Energie für einen Tag. Zum Beispiel wache ich an einem Tag mit 20, an einem andern Tag mit nur 10 Spoons, also wenig Energie, auf.) dafür habe, mich jeden Tag zu erklären. Auf meinem Twitter Account gehe ich offen damit um, queer zu sein, jedoch gibt es dort genau die Probleme, die ich fürchte – Transfeindlichkeit, ich werde ständig misgendert, Menschen lehnen es ab, meinen Content zu kaufen sobald sie erfahren, dass ich nicht cis bin. Also gebe ich auf anderen (Clip)seiten an, cis zu sein. Auch, weil es dort meist keine andere Option gibt. Höchstens FTM und MTF, das trifft aber beides nicht auf mich zu. Wie bei vielen Datingseiten ist es auch hier der Fall, dass mensch nur zwischen hetero, homo und bi auswählen kann, und da bi als Nächstes an pansexuell rankommt, gebe ich dies an (wobei dann mehr Anfragen für Content mit Frauen kommen, da ich aber nur alleine arbeite, muss ich dies immer ablehnen).

Ab und zu treffe ich mich mit Sugardaddys – auf den dafür zuständigen Seiten erwähne ich ebenso nichts von meiner Queerness, nur wenn die Personen meine privaten Datingprofile finden, erfahren sie es. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einem sehr netten Mann getroffen, welcher sich ebenso sofort korrigiert und entschuldigt hat, da er in der dritten Person von mir gesprochen und „sie“ anstatt „er“ verwendet hat. Dieser Mann hat eines meiner „normalen“ Datingprofile wo ich geoutet bin gefunden, und gibt sich ebenso sehr viel Mühe, die richtigen Pronomen zu nutzen. Das hat wirklich sehr gut getan, er war höflich, hat nachgefragt, welche Bezeichnung okay ist und welche nicht. Das ist leider nicht immer so. Wenn es andere nicht wissen und mich als Frau bezeichnen, sage ich nichts – schlichtweg aus Angst, dass sie das Verhältnis beenden oder gar keines beginnen wollen, dass sie mich eventuell auf der Seite melden, weil ich das falsche Geschlecht angegeben habe und somit „Männer hinters Licht führe“, wie es mir mal gesagt wurde.

Auch bekomme ich, besonders auf twitter, Nachrichten ob ich denn „noch“ einen Penis habe, ich werde als Tr*nny und Sh*m*le bezeichnet, fetischisiert, weil Menschen denken, ich sei eine trans Frau. Manchmal reicht es mir auch, wenn ich 10 mal am Tag misgendert werde, wenn 10 Mal am Tag Menschen meinen Deadname sehen, weil sie mir etwas per Paypal schicken. Dann muss ich mich stoppen, runterfahren, höflich bleiben, was mir nicht immer gelingt (dann trifft es aber die richtigen Personen, die sowieso nichts erwerben wollten).

Mein Job macht mir sehr viel Spaß, auch wenn es mich unglaublich viel Energie (und Nerven) kostet. Ich habe in den letzten Monaten viel lernen können, auch über meinen eigenen Körper. Ein Privileg was ich habe, abgesehen von meinem Weißsein, ist es, dass ich kaum Dysphoria habe. Es kommt selten vor, Euphoria taucht eher auf (und Körperschemastörung, was aber ein anderes Thema ist). Von daher ist es zu 80% der Zeit relativ einfach, Porn zu drehen. Ich habe keine Probleme damit, meine Genitalien zu sehen und zu fühlen, im Gegenteil, ich habe gelernt ihn zu lieben, durch Porn.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Sexwork mir geholfen hat und immer noch hilft. Jedoch ist dies nicht für jede Person, bzw. nicht jede Person ist dafür geschaffen, aber ich habe keine Entscheidungskraft darüber. Das muss jeder Mensch, welcher im legalen Alter ist, für sich selbst herausfinden, experimentieren, dabei aber auf sich und seine Bedürfnisse achten.

Kummerkasten Antwort 76 – Furry und queer?

Hallo.

Ich hatte noch nie eine Freundin, so wie man das eben schon in der Schule hat. Ich habe das bislang immer damit begründet, dass mein Umfeld immer sehr Jungs-lastig war, auch in der Hochschule. Da gab es ein paar schwule Männer, ich akzeptiere sie so wie sie sind. Da ist für mich nichts besonderes dabei, im Gegensatz zu meinen Eltern. Mittlerweile bin ich 27. Ich habe schnell akzeptiert, dass die Vorstellung von Sex nicht so meins ist und ich wohl asexuell sein könnte. Ich bin im zweiten Anlauf vor ein paar Monaten über Cosplay ins Furry-Fandom reingekommen. Aus unbekannten Gründen haben sich in dieser Gruppe überdurchschnittlich viele queree Menschen eingefunden. Trotzdem bedeutet ein Furry zu sein nicht zwingend queer zu sein. Aber trotzdem habe ich darüber nachgedacht, aber nichts so recht gefunden was mit mir ist. Ich fühle mich auch nicht so recht zu Männern hingezogen. Nur dass ich gerne einen sportlichen Körper haben will. Für mich ist es eine schöne Vorstellung mit einer Freundin zu kuscheln und aneinander zu liegen. Aromantisch bin ich wohl auch nicht? Mir ist aber aufgefallen, dass mir Charactere (Fursonas) ohne Geschlechtsdefinition besonders gefallen.

Hallo,

ich hoffe, ich kann deine Frage beantworten – in unserem Team kennen wir uns nicht gut mit dem Furry-Fandom aus, deswegen versuche ich mich vor allem auf den Teil mit der Sexualität und dem Geschlecht zu konzentrieren.

Es ist vollkommen okay, noch keine Beziehung gehabt zu haben und vielleicht auch insgesamt keine zu haben – es ist eine unfaire Erwartungshaltung von der Gesellschaft, dass alle Menschen eine (romantische, sexuelle) Paarbeziehung wollen und haben und dass sie am besten damit schon in der Schulzeit anfangen sollen. Viele Menschen haben keine Paarbeziehung, vor allem nicht in der Schulzeit, und es gibt viele verschiedene Gründe dafür.

Es klingt durchaus für mich so, als könntest du asexuell sein. Asexualität ist Teil der queeren Community, von daher ergibt es durchaus Sinn für mich, dass du dich unter queeren Furrys unter deinesgleichen fühlst. Kuscheln und körperliche Nähe haben ja an sich nichts mit Sex (und auch nicht unbedingt mit romantischen Gefühlen) zu tun, d.h. wenn du das Gefühl hast, dass das Label “asexuell” für dich passt, dann steht dem nichts im Wege.

Vielleicht ist das Furry-Fandom für dich auch ein Einstieg, um dich mehr mit Geschlecht auseinanderzusetzen. Du schreibst, dass dir die geschlechtsneutralen Varianten besonders gefallen – vielleicht kann dich das zum Nachdenken anregen über deine eigene Geschlechtsidentität oder die deiner bevorzugten Partner*innen. Du könntest dich ja mal mit dem Begriff “nichtbinär”/”nonbinary” auseinandersetzen, falls dich das interessiert.

Hoffentlich war das hilfreich. Weiterhin viel Erfolg bei deiner Suche!

Viele Grüße, Balthazar

Trans und Nichtbinär

Auf dieser Übersichtsseite findest du kurze Definition zu Begriffen rund um trans und nicht-binär, die trans Pride Flag und was sie bedeutet,  Antworten auf eure Fragen zu trans und weiterführende Links und Bücher zum Thema. Wenn du noch Fragen hast, schreib uns eine Nachricht z.B. über unsere anonyme Askbox. Wir veröffentlichen die Antworten dann hier.

Kurzdefinitionen

Trans: Trans ist ein Überbegriff für transsexuelle, transidente und transgender Menschen, also für alle Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden. Das Sternchen, das manchmal hinter trans gesetzt wird (trans*) wird als Platzhalter gedacht, an das sich alle trans-Identitäten anhängen können. Es wird auch als Form der geschlechtergerechten Sprache benutzt, beispielsweise ‚Leser*innen‘, um auch Menschen, die nichtbinär sind, einzuschließen. Das Sternchen wird allerdings vor allem im deutschen Trans-Aktivismus verwendet – im englischen wird es inzwischen abgelehnt.

Transgender: Transgender ist ein Überbegriff für alle Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden. Die Geschlechtsidentität ist hier nicht nur auf die Positionen ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ beschränkt, sondern wird als unendliches Spektrum gesehen.

Transsexuell, Transsexualität / transsexual, transsexuality: Transsexuell ist ein Begriff für alle Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie bei der Geburt zugewiesen wurden. Die Geschlechtsidentität ist hier meistens nur auf die beiden Pole ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ verengt. Der Begriff kommt aus einem medizinischen Kontext und wird deshalb inzwischen von vielen trans Personen abgelehnt.

Nichtbinär oder nicht-binär / Non-binary, nonbinary: Nichtbinär, manchmal auch non-binär oder wie im Englischen nonbinary, ist ein Überbegriff für alle Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, die sich also z.B. zwischen diesen beiden Geschlechtern verorten, oder ganz außerhalb davon, oder auch gar kein Geschlecht haben (agender). Manche nichtbinäre Menschen sind auch gleichzeitig männlich und weiblich (bigender) oder haben eine Geschlechtsidentität, die sich immer wieder ändert (genderfluid).  Andere stellen sich gegen das binäre Geschlechtersystem und haben ein Geschlecht, das nichts mit Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun hat (genderqueer). Nichtbinäre Menschen sind meist trans, weil sie sich nicht mit dem männlichen oder weiblichen Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Sowohl dyadische als auch inter* Menschen können den Begriff nichtbinär für sich verwenden.

Trans Pride Flag

Das Bild zeigt die Pride Flag für trans Menschen. Sie hat fünf gleichgroße, horizontale Streifen. Von oben nach unten: hellblau, pink, weiß, pink, hellblau
Die trans Pride Flag. Mehr Information bei den Flaggen.

Nonbinary Pride Flag

Das Bild zeigt die Pride Flag für nonbinary bzw. nichtbinäre Menschen. Sie hat vier gleichgroße, horizontale Streifen. Von oben nach unten: gelb, weiß, violett, schwarz
Die nonbinary Pride Flag. Mehr Information bei den Flaggen.

Binder-Broschüre

Viele nicht-binäre Personen oder Männer, die trans sind, empfinden Dysphorie in Bezug auf ihre Brüste. Um den Oberkörper flacher erscheinen zu lassen, gibt es spezielle Kleidungsstücke, genannt Binder. Wir haben die wichtigsten Informationen dazu in einer Binder-Broschüre festgehalten. Die Broschüre gibt es auch gedruckt, wir schicken euch einzelne Exemplare zum selber Lesen oder einen ganzen Stapel zum Auslegen oder Weitergeben gerne zu. Dazu schickst du am einfachsten eine Mail an hallo@queer-lexikon.net.

Wie alle anderen unserer Inhalte sind die Broschüren, sowohl in der Fassung als PDF, als auch in der Druckfassung unter CC-Lizenz zur Weiterverwendung freigegeben. Lesen, teilen und weiterverbreiten ist ausdrücklich erwünscht.

Bücher und Webseiten zum Thema Trans

www.meingeschlecht.de – Das Portal für junge trans, inter* und genderqueere Menschen

www.transmann.de – Webseite für alle Menschen, die sich mit dem Geschlechtseintrag ‘weiblich’ nicht richtig beschrieben fühlen

dritte-option.de – Initiative zur Schaffung eines dritten Geschlechtseintrags in Deutschland

trans-fusion.blogspot.de – englischsprachiger Blog zu Trans

www.trans-kinder-netz.de – Portal für Erziehungsberechtigte und Angehörige von trans Kindern

www.transjaund.de – Projekt zur Akzeptanz und Sichtbarkeit von trans Jugendlichen

www.dgti.org – die Deutsche Gesellschaft für Trans und Inter*

nonbinarytransgermany.tumblr.com/ – Blog für nichtbinäre Personen in Deutschland

transsource.tumblr.com/ – englischsprachiger Blog mit vielen Informationen und Ressourcen für trans Personen und ihre Verbündeten

nonbinary.tumblr.com/ – Blog für nichtbinäre Personen (englisch)

genderfork.com/ – Online-Community für nichtbinäre Personen (englisch)

genderfluidity.tumblr.com/ – Blog über genderfluide Identitäten (englisch)

www.transinterqueer.org – soziales Zentrum und Webseite für trans, inter* und queere Menschen

Bundesvereinigung Trans* – deutschlandweiter Zusammenschluss von trans Personen  und Organisationen

DFAB

DFAB / AFAB / FAAB: Die Abkürzung DFAB steht für “designated female at birth”, AFAB für “assigned female at birth”, und FAAB “female assigned at birth”. Die drei Begriffe sind verschiedene Varianten von ‚bei Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen‘. Inter, Trans und nichbinäre Personen, die bei ihrer Geburt dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurden, verwenden diese Bezeichnung, um auszudrücken, dass sie sich damit nich oder nur teilweise identifizieren können.