Gebrochenes Bein? Liegt an den Hormonen.

CW Medizinische Diskriminierung, Erwähnung von Essen, Diabetes, (internalisiertes) Bodyshaming, implizierte Transfeindlichkeit

Vor einiger Zeit habe ich auf Twitter den schönen Begriff „Trans Broken Leg Syndrome“ gelesen, was ungefähr „trans mit gebrochenem Bein Syndrom“ bedeutet. Dieser Begriff hat sich für mich erst mal sehr lustig und nach einem seltsamen Wortspiel angehört, aber ich war neugierig. Er beschreibt, dass medizinisches Personal, also z.B. Ärzt*innen, alle deine medizinischen Probleme darauf schieben, dass du trans bist. Also sagt dir dein*e Ärzt*in, dass jedes erdenkliche Symptom damit zusammenhängt, dass du eine Hormontherapie machst. Und mir fiel auf, dass ich das auch schon erlebt habe. Ich will euch dazu eine Geschichte aus meiner Vergangenheit erzählen:

Vor über 2 Jahren habe ich mit meiner Hormontherapie angefangen. Einige Monate später, im Sommer, bekam ich immer wieder starke Kreislaufprobleme. Ich dachte mir zunächst nicht viel dabei, denn ich bin nicht wirklich körperlich ‚fit‘ und deshalb kommt so etwas bei mir ab und zu vor. In den meisten Fällen hatte ich tatsächlich zu wenig gegessen, und dachte, es wäre einfach nur ein niedriger Blutzuckerspiegel;  nicht weiter bedenklich.  Meistens habe ich dann eine Cola getrunken und etwas gegessen, und alles war wieder in Ordnung. Die Kreislaufprobleme häuften sich allerdings. Mir wurde oft schwindelig und schlecht, bei fast jeder Belastung bekam ich diese Probleme.

Eigentlich geht eins bei solchen Beschwerden zum Arzt. Eigentlich, aber ich mochte meinen Hausarzt nicht wirklich und habe es vermieden, zu ihm zu gehen. Ich habe das Ganze also einfach ignoriert, und mich gezwungen, ganz normal weiter zu machen.

An einem bis dahin beschwerdefreien und entspannten Arbeitstag bin ich mit Kollegen in die Mensa gegangen, um Mittagessen zu holen. Beim Anstehen bekam ich dann wieder dieses Gefühl, das ich seither immer habe, wenn mein Kreislauf nicht mehr ganz so gut will. Ich merke es vor allem daran, dass meine Ohren langsam dumpf werden.

Ich habe mir wieder nicht viel dabei gedacht, ich würde ja gleich etwas essen und damit wäre das Problem gelöst. Meine Kollegen hatten ihr Essen schon, und warteten hinter der Kasse auf mich. Der Essbereich war ein Stockwerk über der Essensausgabe und Kasse, und auf dem Weg nach oben ist es dann passiert: Mir wurde einfach schwarz vor den Augen und ich bin umgekippt. Ich erinnere mich nicht mehr was dann passiert ist, aber als ich meine Augen aufgemacht habe, hat mir alles weh getan, und ich lag auf der Treppe in meinem Essen. Während meine Kollegen und die Mitarbeiter*innen der Mensa sich Sorgen gemacht, mir aufgeholfen und mich zu einem Stuhl gebracht haben, waren meine ersten Gedanken:

  • Ich hab mich so auf die Linsen mit Spätzle gefreut, jetzt ist das alles auf dem Boden und voller Porzellansplitter
  • Und auf mir, jetzt muss ich den ganzen Tag so rumlaufen

Danach ist alles ziemlich verschwommen, aber ich erinnere mich noch vage, dass ich mich für den Rest des Tages krankgemeldet habe und (trotz des Protestes meiner Kollegen) alleine nach Hause gegangen bin.

Ihr könnt euch vorstellen, dass ich nach dem Erlebnis beschlossen habe, dass es so nicht weitergehen kann. Am nächsten Tag bin ich also endlich zu meinem Hausarzt gegangen, auch wenn ich verdammt viel Angst davor hatte. Vor allem weil ich befürchtete, dass ich Diabetes haben könnte, denn wegen meinem Gewicht haben mich Ärzte schon oft davor gewarnt. Doch darauf ging er gar nicht erst ein.

Ich erzählte ihm, wie es mir die letzten Monate ergangen war und was gestern passiert war. Daraufhin erwartete ich, dass er mir Blut abnimmt, mich abhört, vielleicht meinen Blutdruck misst, und was auch immer Ärzte noch so machen in so einer Situation. Fehlanzeige. Die einzige Reaktion, die ich von ihm bekam, war: „Das liegt sicher an den Hormonen, besprich das bitte mit deiner Endokrinologin.“

Und hier möchte ich erwähnen: Er hat natürlich Recht damit, dass eine derartige Symptomatik an der Hormontherapie liegen kann. Allerdings sollte ein*e gute*r Ärzt*in ausschließen, dass ein anderes, schwerwiegenderes gesundheitliches Problem vorliegt. Mit meiner Endokrinologin hatte ich das außerdem schon längst besprochen. Und: Ich kann nicht einfach aus einem Verdacht heraus mit der Hormontherapie aufhören, selbst wenn es daran liegen sollte.

Ich bin danach nicht mehr oft zu diesem Arzt gegangen und habe mir stattdessen einen neuen Hausarzt gesucht. Dort wurde ich dann richtig untersucht und korrekt behandelt. Nachdem mir mein neuer Arzt die richtige Diagnose gab, nämlich Diabetes und Bluthochdruck, konnten wir auch tatsächlich daran arbeiten, diese Probleme anzugehen. Bei meinem neuen Hausarzt habe ich mich dann auch als trans Frau wesentlich wohler gefühlt. Immerhin musste ich nicht erst einem alten, weißen Mann erklären, was trans überhaupt bedeutet. Und es sollte eigentlich auch selbstverständlich sein, dass niemand mit Wörtern wie „Geschlechtsumwandlung“ um sich wirft.

Bluthochdruck und eine nicht therapierte Diabateserkrankung können den Körper auf Dauer stark schädigen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich bei dem Arzt geblieben wäre und alles weiter ignoriert hätte.

Jedenfalls habe ich daraus gelernt. Das „Trans Broken Leg Syndrome“ ist echt, und es kann jedem trans Menschen passieren, auch in Deutschland (Österreich, Europa). Solltet ihr jemals das Gefühl haben, dass ihr von eurer*m Ärzt*in nicht richtig diagnostiziert werdet, weil ihr transitioniert:  Bleibt stark, stellt eure eigenen Nachforschungen an und sucht euch, wenn ihr die Möglichkeit dazu habt, eine*n andere*n Ärzt*in. Oft findet ihr im Internet und/oder bei lokalen Vereinen Ressourcen zu transfreundlichem medizinischem Personal, oder ihr habt die Möglichkeit, euch mit anderen (trans) Menschen in einer ähnlichen Situation zu vernetzen.

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