Kummerkastenantwort 5.968 – Wenn mich andere als Frau ansprechen verliere ich den Bezug zu mir
Wenn ich aus dem Haus gehe verliere ich den Bezug zu meinem Ich.
Hallo ihr. Ich bin 26 und hinterfrage meine Genderidentität seit ca 1,5 Jahren. Ich würde mich als nichtbinär/ agender oder genderfluid labeln. Da ich relativ spät mein Geschlecht hinterfragt habe und mich leider oft mit trans Personen vergleiche ist mein Imposter sehr groß. Wenn ich aus dem Haus gehe werde ich von allen als Frau angesprochen und gesehen. Im Freundeskreis stresst es mich sehr, da ich einfach nicht in diese Kategorie passe aber sonst (Arbeit,….) stört es mich nicht. Das was aber dann passiert stresst mich sehr: Ich verliere das Gefühl zu meinem Ich. Ich sehe mich dann als Frau, was mich später super schlecht fühlen lässt. Währenddessen fühle ich mich unsicher und als würde ich auf Autopilot laufen (das ist auch ein Grund warum ich glaube nicht cis zu sein). Ich hab dann keinen Bezug zu meinen Gefühlen und kann schwer Entscheidungen treffen. Wenn ich dann nach Hause komme bin ich entweder verwirrt und denke ich fake das alles nur oder ich „setzte mich wieder zusammen“ und bin traurig das ich mich nicht immer so gut fühlen kann.
Was kann ich da tun? Wie kann ich mich selbst sehen? Ist das normal? Bin ich nur verwirrt?
Vielen Dank schonmal, ihr macht einen großartigen Job!
Antwort kommt hier
Hallo!
Also: die wenigsten cis Personen haben eine derart starke Reaktion darauf, wenn sie als Frau angesprochen oder wahrgenommen werden. Ich bin kein Psychologe oder sowas, und kann dir deswegen nicht sagen, was genau mit dir passiert in diesen Situationen – aber es ist definitiv ungewöhnlich, dass dir sowas passiert. Ich glaube nicht, dass du dir deine Geschlechtsidentität nur einbildest oder vormachst oder so etwas, auch nicht, wenn es dich z.B. im beruflichen Kontext nicht so stört, wie unter Freund*innen – vielen Menschen ist nunmal wichtiger, was die Freund*innen und Familie von ihnen denken, als die Kolleg*innen. Das ist total normal. Und mit Mitte 20 das Geschlecht zu hinterfragen, ist auch nicht spät! Es gibt auch Menschen, die das noch wesentlich später tun, in ihren 30ern, 40ern, oder erst in ihren 70ern. Und das ist komplett normal, denn jeder Mensch lebt sein Leben in seinem eigenen Tempo.
Falls du eine Person hast, der du dahingehend vertraust, kannst du ja auch mal mit dieser Person darüber reden, dass du vermutest, dass du keine Frau bist. Du könntest diese Person bitten, dich mit anderen Pronomen, einem anderen Namen, oder einfach nur nicht mehr mit weiblichen Begriffen zu bezeichnen, und schauen, ob es dir dadurch besser geht. Und wenn es dir dadurch besser geht, könntest du überlegen, dich auch in deinem weiteren Freundeskreis zu outen. Vielleicht hilft es dir, damit solche Situationen, in denen du den Bezug zu dir verlierst, weniger werden.
Davon unabhängig könnte es dir vielleicht auch helfen, mit einer queerfreundlichen Therapeut*in über das zu reden, was du erlebst. Du kannst solche Therapeut*innen z.B. auf queermed-deutschland.de finden.
Ich wünsche dir viel Glück auf deinem weiteren Weg!
Elias


