Neue Kummerkastenantwort 49 – christlich und lesbisch

Wisst ihr, ich hab einer Freundin gesagt, dass ich denke, lesbisch oder pan zu sein, woraufhin sie fragte, ob ich mir vllt einfach nur nicht richtig eingestehen kann, lesbisch zu sein.

Das könnte auch stimmen, denke ich, denn ich hatte, wie ich rückblickend bemerke, ganz winzige Vorurteile, jetzt zwar nicht mehr, aber ich bin christlich. Und nicht dieses „Meine Eltern sind christlich, also bin ich es auch“, nein, ich bin christlich, weil ich mich dazu entschieden habe und deswegen ist es für mich oft ein sehr viel ernsteres Thema oder ein wunderer Punkt als für viele andere, die das nicht ernst nehmen. Ich denke wirklich, ich bin lesbisch, ich denke auch, ich will das, das mag ich- ist das falsch oder unpraktisch beim Coming In, sollte ich so nicht fühlen?- aber gleichzeitig habe ich auch Angst. Obwohl ich an einen wahrhaft liebevollen und liebenden Gott glaube, ist die Angst einfach da. Mal schlimmer, mal weniger. Und ich weiß nicht., was ich dagegen tun soll, vor allem weil meine Religionslehrern neulich im Unterricht und als ich sie einmal vorher danach gefragt hatte, deutlich machte- aber der direkten Antwort immer ausweichend- klar machte, dass Gott das nicht mag. Es macht mich fertig und manchmal komm ich damit besser klar und sage mir mit fast vollkommener Gewissheit: Jo, ich bin lesbisch und das ist gut so, oder Gott? Genau, ist es!
Und manchmal hocke ich da, habe Angst wegen Gott und so und bin mir furchtbar unsicher über meine Gefühle.

Habt ihr eine Idee?

Eure Hanni

Hallo Hanni,

Ich glaube, ich mag da deiner Religionslehrerin und allen anderen, die sich da ihrer Meinung anschließen wollen, gerne widersprechen. Es wird immer noch und immer wieder versucht, herbeizuargumentieren, dass Glaube nur so richtig geht, wenn eins hetero und cis ist. Da wird dann irgendwie sehr einseitig mit der Bibel argumentiert oder schlicht behauptet, das sei Sünde – und eine wirklich schlüssige Begründung wird meistens nicht dazu geliefert. Deswegen möchte ich diese Antwort in zwei Aspekte teilen. Zuerst möchte ich mit ein oder zwei Bibelstellen argumentieren und zeigen, warum ich der Meinung bin, dass das völlig unproblematisch ist. Im zweiten Teil möchte ich über Unsicherheit schreiben. Unsicherheit darüber, ob eins wirklich auch für Gott ok ist, auch wenn eins lesbisch ist.

Da oft gerade mit der Bibel gegen Homosexualität versucht wird zu argumentieren, ist mir wichtig, ein gewisses Gegengewicht zu geben. Am Ende des dritten Kapitels des Galaterbriefes steht: “Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.” – es gibt ganze Ausarbeitungen und Predigten dazu, daher fasse ich mich hier eher kurz. Es geht darum, dass Trennungen, die in der Zeit, als der Text geschrieben wurde, gesellschaftlich relevant waren vor Gott nicht gültig sind. Und die Kategorien, die aufgezählt werden, waren damals entscheidend. Und, wenn vor Gott solche Trennungen nicht zählen, dann sollte da auch in anderen Richtungen solche Trennungen nicht möglich sein. Also sollte vor Gott auch keine Rolle spielen, ob du lesbisch bist oder nicht. Es ist auch ganz gut möglich, direkt mit der Schöpfung zu argumentieren. Gott erschafft Menschen in seinem Ebenbild. Und wenn Gott mich trans oder dich lesbisch geschaffen hat, dann geht es auch nicht mehr uns deswegen die Gemeinschaft mit Gott absprechen zu wollen. Wenn unser Queersein Teil unserer Ebenbildlichkeit ist und untrennbar zu uns gehört, hat auch niemand das Recht, zu unterstellen, dass Gott das nicht gefallen würde. Und damit gilt auch für uns, dass wir von Gott als Teil ihrer Schöpfung angenommen und geliebt sind.

Aber, auch wenn ich das theoretisch alles weiß und argumentieren kann, geht es mir da auch oft wie dir. Ich bin da unsicher, ob das wirklich so ist. Ob Gott mich tatsächlich auch als queere Person annimmt. Das ist ein bisschen ein gesellschaftliches Problem, da das Vorurteil, dass Queersein als Christ*in nicht geht, immer noch steht und immer noch viele auch in der Kirche diese Position vertreten, haben wir natürlich noch verinnerlicht, dass das eigentlich falsch sei. Mir hat dabei sehr geholfen, dass auch innerhalb der evangelischen Landeskirchen Initiativen und Hauptamtliche gibt, die sich für queere Rechte in der Kirche einsetzen und auch selbst queer sind.

Wie lösen wir das jetzt? Hoffnung.

Hoffnung darauf, dass sich die Kirche mehr öffnet und Diskriminierungen abbaut und bessere Strukturen gerade auch für Menschen schafft. Da ist schon einiges passiert, da muss aber noch viel mehr passieren.

Hoffnung darauf, dass wir einst weniger aus Gemeinden und Kirchen rausgedrängt werden und irgendwann nicht nur bei Gott, sondern auch schon hier wirklich angenommen werden.

Das Blog Kreuz und Queer, was bei evangelisch.de läuft, begleitet ein wenig, wie heute schon queeres Leben in der evangelischen Kirche gelingt, wo Debatten geführt werden, wie sich die Situation insgesamt entwickelt.

Dann gibt es noch Zwischenraum. Ein Verein von queeren Christ*innen, der einen angstfreien, akzeptierenden Freiraum schaffen will, für alle, die queer sind und eben auch glauben wollen. Einen Raum der Akzeptanz, der Toleranz, ein Raum für Glaubensinhalte, aber auch ein Schutzraum vor Selbstzweifeln aber auch vor Gemeinden, die queere Gemeindeglieder bisher noch nicht akzeptieren.

Auf den evangelischen Kirchentagen und den Katholikentagen gibt es seit einigen Jahren das Zentrum Regenbogen, bei dem kirchliche und kirchennahe queere Gruppen zusammenkommen, sich austauschen, diskutieren und stärken. Falls du mal die Gelegenheit hast, bei einem dieser Tage mit dabei zu sein, schaue auf jeden Fall mal am Zentrum Regenbogen vorbei, mir hat der Austausch und der Input dort sehr gut getan.

Ich wünsche dir, Hanni, auf deinem weiteren Weg als lesbische Christin alles Gute und Gottes reichen Segen.

Liebe Grüße

Xenia

Kummerkasten Antwort 48: Lesbisch in Südtirol

Hey,
Ich bin höchstwahrscheinlich lesbisch und mir deshalb fast ganz sicher, weil ich schon seit über einem Jahr in ein Mädchen verliebt bin, das aber total hetero ist. Ich hab überhaupt keine chance bei ihr. Ich würde da ja gern mit jemandem reden, der mich da irgendwie versteht, es ist nämlich oft sehr schwer mit ihr, mein problem ist nur, es gibt nirgends in meiner nähe (und ich suche schon seit monaten) clubs oder irgendwelche gemeinschaften, die für queere leute sind. Auch in meinem Freundeskreis und in meiner familie gibt es echt keinen, der so ist wie ich. (Klar kann es sein dass es noch nicht geoutete leute gibt aber ja das nützt mir auch nichts)… Das problem ist dass ich in italien in südtirol lebe und es da eben sehr schwer ist irgendwo anzuknüpfen… Und vor allen leuten outen will ich mich jetzt auch nicht damit leute auf mich zugehen können🤷
Hast du einen Tipp für eine Organisation oder eine Gruppe, die mir vielleicht weiterhelfen kann? Es muss auch nicht unbedingt in meiner nähe sein…
Liebe Grüße! 🙂

Hallo!

Ich kann sehr gut verstehen, dass du gerne Anschluss hättest um über all das zu sprechen.

Ich habe mich bei einer Freundin von mir, eine lesbische Aktivistin, die eine Weile in Trento gelebt hat, informiert. Es gibt eine queere Gruppe in Bozen, die deutschsprachig ist: https://www.facebook.com/centauruslgbti/ und wo du ggf. Menschen kennenlernen kannst. Wenn du Italienisch sprichst, wäre das hier ggf. auch eine Anlaufstelle für dich: https://www.facebook.com/oltrelemuratrento/

 Ansonsten gibt es eine queere Facebook-Gruppe für junge Menschen, wo du online Support bekommen kannst: https://www.facebook.com/groups/196098111127563/

Alles Gute für dich! Liebe Grüße,

Annika

Kummerkasten Antwort 47: Ich verstehe mich selbst nicht.

Hallo Kummerkasten Team.
Ich bin mir im Moment unsicher über meine Geschlechtsidentität. Bisher habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, da ich, wie meine Freundinnen auch, für Jungs geschwärmt habe und neidisch war, wenn sie einen Freund hatten. Eine Beziehung kann man ich mir aber nicht vorstellen. Zu Jungs hingezogen fühle ich mich, aber sobald es darum geht auf sie zu zugehen, weiche ich innerlich zurück. Ich bin quasi immer in die Vorstellung verknallt und unfähig in der Wirklichkeit zu handeln. Mich schreckt die Vorstellung vom Kuscheln, Händchenhalten und sich ganz dem anderen hingeben ab.
Vor ein paar Wochen kamen mir dann plötzlich komische Gedankengänge. Ich hatte das Verlangen meine beste Freundin zu küssen oder ihr irgendwie näher zu kommen, meinen Kopf auf ihre Schulter zu legen, ihre Hand zu nehmen… Mir kam der Gedanke, dass ich viel lieber ein Mädchen als einen Jungen küssen würde, da ich mir das irgendwie schöner vorstelle.
In den Nächten habe ich aber trotzdem sowohl von der Nähe zu Mädchen als auch zu Jungen geträumt. Eine Sache ist aber immer gleich: Ich sehne mich nach Nähe.
Nachdem ich mich nun näher mit dem Thema befasst habe, fühle ich mich jedoch nur noch verwirrter…
Ich hoffe mir kann jemand helfen. Ich verstehe mich nämlich gerade selbst nicht und weiß nicht was ich will.
Charlotte

Hallo Charlotte,

Ich kann deine Verwirrung gut nachvollziehen. Die gute Nachricht ist: Das geht vielen queeren Menschen so. Viele brauchen eine Weile, um sich selbst zu verstehen und vielleicht sogar einen Begriff zu finden, der für einen passt.

Vielleicht hilft es dir, verschiedene Arten von Anziehung zu trennen: Die sexuelle Orientierung (= wen findest du sexuell anziehend) von der romantischen Anziehung (=in wen verliebst du dich, mit wem willst du eine romantische Beziehung führen) und der ästhetischen Anziehung (=wen findest du attraktiv), sowie der sensuellen Anziehung (=wen berührst du gerne, streichelst du gerne bzw. von wem willst du berührt werden, gestreichelt werden etc.). Für manche Menschen ist das nicht alles dasselbe. Vielleicht kannst du Jungen attraktiv finden (=ästhetische Anziehung), willst aber keinenen Sex mit ihnen haben (=sexuelle Orientierung), oder mit ihnen Händchen halten (=sensuelle Anziehung)?

So genau kannst du das natürlich nur du selbst sagen – ich kann dir nur sagen, worüber du mal nachdenken könntest. Es kann auch helfen, wenn du dich mit anderen queeren Jugendlichen, z.B. in einer Jugendgruppe austauschst.

Außerdem: Den ersten Schritt machen bei attraktiven Menschen ist immer schwer. Es kann sein, dass du einfach schüchtern bist – oder, vielleicht auch noch nicht bereit für eine sexuelle Beziehung…

Ich wünsche dir alles Gute und dass du bald nicht mehr verwirrt bist.

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkastenantwort 47 – Was, wenn ich fremd geoutet werde?

Hey,
ich (15 y/o) habe vor ca. eineinhalb Monaten herausgefunden, dass ich mich zu Frauen hingezogen fühle. In den ersten Wochen konnte ich mich nicht als lesbisch, bisexuell und oft nicht einmal als queer identifizieren, mittlerweile fühle ich mich als lesbisch. Ich habe auch die Vermutung, dass ich panästhetisch sein könnte, da ich auch z.B. männliche Schauspieler gutaussehend finde (hier ein großes Dankeschön an eure tolle Seite, die übersichtlich und informativ gestalteten Erklärungen haben mir in meiner Verwirrung sehr geholfen.).
Ich habe mich sehr schnell sowol bei meinen Eltern als auch bei meinen besten Freundinnen geoutet, und nur positive Reaktionen bekommen, worüber ich sehr happy bin. Vor kurzem habe ich mich auch bei meinen Großeltern geoutet (das erste Coming Out, bei dem ich mich auch wirklich als lesbisch gelabelt habe), und die Reaktion war nicht so toll. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen Großeltern, und gerade, weil mein einer Opa vor kurzem verstorben ist und ich mich bei ihm nicht mehr outen konnte, hatte ich das Bedürfnis, es diesen beiden Großeltern zu sagen, auch wenn ich vermutet habe, dass sie nicht so offen wie meine Eltern und Freunde reagieren würden, da ihre Reaktion auf den transsexuellen Cousin meiner Mutter auch nicht so toll war. Wahrscheinlich waren sie in dem Moment auch einfach überfordert, aber obwohl sie mir gesagt haben, dass sie, wenn es wirklich so sein sollte, hinter mir stehen, haben mich die Kommentare meiner Oma schon irgendwie verletzt (“Vielleicht hast du ja einfach noch nicht den richtigen Jungen getroffen.” “Aber ich will doch Urenkel haben!” “Du bist ja noch so jung, du kannst das ja noch gar nicht wissen.”).
Nun habe ich Angst, dass meine Klasse irgendwie mitkriegt, dass ich lesbisch bin. So ein unfreiwilliges Outing vor der Klasse ist momentan mit das schlimmste, dass ich mir vorstellen kann. In der Schule mache ich oft mit meinen besten Freundinnen, bei denen ich geoutet bin, Witze und Anspielungen auf meinen Celebrity-Crush, eine Schauspielerin aus meinem Lieblingsfilm. Zwar benutzen wir immer Decknamen, hier zum Beispiel nur ihren Anfangsbuchstaben, aber trotzdem habe ich irgendwie Angst, dass jemand etwas mitbekommt und die richtigen Schlüsse zieht. Ich schäme mich nicht dafür, lesbisch zu sein, aber ich will nicht täglich mit dämlichen Anspielungen und homophoben Kommentaren konfrontiert werden müssen. Besonders bei einer Person aus meiner Klasse, einer ehemaligen Freundin, mit der ich und auch meine besten Freundinnen im Streit auseinander gegangen sind, weil sie uns ausgenutzt hat, könnte ich mir wirklich sehr gut vorstellen, dass sie es allen erzählt, wenn sie es herausfinden würde.
Gibt es irgendetwas, dass ich tun kann, um diese Angst loszuwerden und mehr Selbstbewusstsein zu bekommen?
Lg
Pau

Hallo Pau,

Erstmal: Vielen Dank für dein Lob für unsere Seite! Das freut uns sehr.

Dann zu deinen Großeltern: Ich kann gut verstehen, dass die Kommentare deiner Oma dich verletzt haben. Gerade bei älteren Menschen kann es manchmal ein bisschen dauern, bis sie sich an den Gedanken, eine lesbische Enkelin zu haben, gewöhnt haben. Ich hoffe also sehr für dich, dass deine Oma dich bald ganz akzeptiert und keine verletztenden Kommentare mehr abgibt.

Ich finde es schön zu hören, dass deine Freund*innen und deine Eltern hinter dir stehen. Aber deine Angst, dass du in deiner Klasse fremdgeoutet wirst ist sehr nachvollziehbar. Mein Tipp: Sprich mit deinen Freund*innen über deine Angst – und vielleicht auch darüber, was du dir wünschst, wenn dich tatsächlich jemand outen sollte – wie sollen deine Freund*innen reagieren? Wie können sie dich dann unterstützen?

Vielleicht hast du ja auch eine*e Lehrer*in an deiner Schule, dem*der du vertraust und könntest mit dieser Lehrkraft ebenfalls einen “Notfallplan” vereinbaren. Dann können die Lehrer*innen an deiner Schule ggf. angemessen reagieren und dir im Notfall beiseite stehen.

Für mehr Selbstvertrauen könnte es dir auch helfen, dir eine queere Jugendgruppe in deiner Nähe zu suchen und dich mit anderen Jugendlichen auszutauschen; darüber, wie sie sich in ihrer Schule geoutet haben, was ihnen geholfen hast usw.

Alles Gute für dich!

Liebe Grüße,

Annika

Neue Kummerkastenantwort 46: Bin ich lesbisch oder pansexuell?

Hallo, liebes Queer-Lexikon-Team,

Ich bin da in einer Hinsicht sehr verwirrt: Ich war zwar schonmal verliebt in Jungs, doch nachdem ich mich in ein Mädchen verliebt hatte und mich lange mit dem Thema auseinander setzte, war ich mir nach einer Ewigkeit sicher, lesbisch zu sein.
Dann wurde mir klar, dass ich den jungen Leonardo DiCaprio hübsch finde, auch etwas anziehend. (Das drückt dieses unangenehme Drücken zwischen den Beinen doch aus, oder? Das hab ich zwar auch manchmal sonst, aber eigentlich ist es nur unangenehm…) und Tom Holland. Und Benedict cumberbatch. Und Chris pine. Manchmal sehe ich auch so hübsche Jungs und so, also dachte ich, ich wäre bi. Doch dann wurde mir klar, dass es mich schon allein beim Gedanken an einen Penis ekelt und ich mir (vor allem mit Angehörigen des männlichen geschlechts) nichts über einen Kuss hinaus, wenn denn überhaupt, vorstellen kann.

Und irgendwie bin ich jetzt also hin und hergerissen zwischen „Ich bin pan“ wegen den verschiedenen Geschlechtsidentitäten und ich mir oft dachte, dass mich das bei Liebe eigentlich nicht abhalten würde, und „Ich bin lesbisch“, weil ich stellte auch fest, dass es sich nicht mehr gut oder „richtig“ oder so, keine Ahnung, anfühlt, über Beziehungen mit Jungs nachzudenken. (Nicht mal mit dem jungen Leonardo DiCaprio klappt das noch gescheit…)

Ich weiß, das muss jede für sich rausfinden, aber vllt habt ihr ja einen Tipp, woher ich wissen könnte, ob ich pan oder lesbisch bin?
Dieses Unwissen macht mich nämlich fertig!

Alles Gute,
Eure Hanna!

Hallo Hanna,

Ich kann deine Verwirrung sehr gut nachvollziehen! Ich denke, vielleicht könnte es dir helfen, über verschiedene Arten von Anziehung nachzudenken. Man kann nämlich unterscheiden zwischen sexueller Anziehung, romantischer Anziehung, ästhetischer Anziehung und noch viel mehr.

Sexuelle Anziehung hat etwas damit zutun, ob du eine Person sexy findest, vielleicht sogar mit der Person Sex haben willst etc., romantische Anziehung hat etwas damit zu tun, in wen du dich verliebst, bei Menschen welcher Geschlechter du Schmetterlinge im Bauch hast, mit wem du eine romantische Beziehung führen willst und ästhetische Anziehung beschreibt, wen du gut aussehend findest usw. Für viele Menschen ist das alles das selbe, aber manche Mebschen sind nicht gleichzeitig pansexuell, panromantisch und panästhetisch, sondern etwas komplizierter 😉

In deinem Fall klingt es für mich so, als könntest du Männer ästhetisch anziehend finden – also vielleicht panästhetisch bist – aber deine sexuelle Orientierung lesbisch ist? Wie du selbst schon schreibst – so ganz genau wissen, kannst das nur du.

Alles Gute für dich!

Annika

Neue Kummerkastenantwort 45

Hey!

Wisst ihr, ich hab ewig lang darüber nachgedacht, mir die Brüste abzubinden und es eines Tages dann endlich getan- ich hab ewig gebraucht und zwei Rollen Verband, vor allem weil meine Brüste recht groß und unterschiedlich groß sind. Und obwohl es unangenehm war, fühlte es sich gut an, bei mir keine Brüste mehr zu sehen. Doch eine Frage meiner Psychologin ließ mich das Thema wieder fallen lassen: Ob ich einen Penis will. Ehrlich gesagt: Keine Ahnung.
Ich dachte eine Weile, ich wäre genderfluid, das würde vielleicht erklären, wie ich mal meine Brüste toll finde und wie ich sie mal am liebsten abreißen würde. Aber dann kann ich mir nicht wirklich vorstellen, einen Penis zu haben…

Vllt wisst ihr ja Rat?

Lea

Hallo Lea,

danke für deine Frage! Geschlecht ist ein ganz schön kompliziertes Thema, das wissen wir. Für viele Menschen braucht es lange, um die eigene Geschlechtsidentität kennenzulernen – das ist voll okay, nimm dir gerne alle Zeit, die du brauchst, um dir darüber im Klaren zu werden.

Wichtig zu wissen ist, dass Geschlecht und Genitalien nicht zusammenhängen müssen. Egal, welches Geschlecht oder welche fluiden Geschlechter du hast, ein Wunsch nach einem Penis muss nicht unbedingt etwas damit zu tun haben. Wenn du dich momentan mit deinen Genitalien nicht unwohl fühlst, dann ist das etwas Gutes und nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen musst, und das bedeutet nicht, dass du deswegen nicht genderfluid oder irgendeine andere Art von trans oder nichtbinär sein kannst. Viele Menschen, vor allem viele Ärzt*innen und Therapeut*innen, verbinden trans / nichtbinär / genderfluid sein immer mit einem Unzufriedensein mit dem eigenen Körper und vor allem mit den Genitalien – aber tatsächlich ist es für alle trans und nichtbinären Menschen ganz unterschiedlich, wie wohl oder unwohl sie sich mit welchen Teilen ihres Körpers fühlen!

Wenn es sich manchmal gut anfühlt für dich, dir die Brüste abzubinden, und du an anderen Tagen gar kein Problem mit deinen Brüsten hast, dann ist das vollkommen okay. Du solltest nur wissen, dass es gefährlich sein kann, dir die Brüste mit Verbandsmaterial abzubinden. Vor allem, wenn die Mullbinden/Verbände nicht elastisch ist, kannst du dir damit sehr schaden und zum Beispiel dein Brustgewebe, deine Rippen und/oder deine Lungen beschädigen. Wie du gut und sicher deine Brüste abbinden kannst, wenn du es brauchst, erfährst du in unserer Binderbroschüre hier.

Liebe Grüße und alles Gute für dich,

Balthazar

Neue Kummerkastenantwort 44

Hallo liebes Kummerkasten-Team,
ich bin nicht-binär trans und habe für Hormontherapie 6 Monate lang eine Therapie machen müssen, wurde aber absolut geschädigt dadurch. Meine Therapeutin hat mich die ganze Zeit einfach nur gedemütigt und mir in Zuge dessen sogar 2 Falschdiagnosen ausgestellt (eine mit Absicht, um die Krankenkasse zur überzeugen mir ginge es absolut schlecht und ich müsse die Therapie und HRT bekommen), die andere nachdem ich sie und ihr Verhalten kritisiert habe. Das ging soweit, dass ich monatelang wegen Stress krank war und sogar ohnmächtig wurde vor Nervosität manchmal. In trans Kreisen wird gar nicht mal so oft über medical trauma/abuse gesprochen. Klar wir sagen, dass das System grottenschlecht ist und wir viele aber so richtige Konversationen über das Ausmaß gibt es nicht. Kennt ihr vielleicht spezielle Gruppen/Angebote für trans Menschen, die medical abuse erleiden mussten? Ich würde gerne einen Austauschort finden, da ich mich ganz sicher nicht mehr an Therapeuten trauen kann in der nächsten Zeit. Ich weiß nicht was ich tun soll und es kommt mir vor als wäre ich allein.

Hallo liebe*r Unbekannte*r,

Es tut mir leid zu hören, was du da durchgemacht hast – das klingt wirklich heftig.

Es gibt leider keine direkte Anlaufstelle, die ich dir nennen kann, aber hier sind ein paar Vorschläge:

  • Die meisten trans Beratungsstellen haben mit dem Thema medical abuse schonmal zu tun gehabt, da viele trans Personen im medizinischen System Gewalt erleben. Hier findest du ggf. auch eine Anlaufstelle in deiner Nähe: http://www.meingeschlecht.de/anlaufstellen/alle-angebote/
  • Vielleicht ist auch der VLSP eine Adresse für dich – der Verband für lesbische, schwule, bisexuelle, trans*, intersexuelle und queere Menschen in der Psychologie: https://www.vlsp.de/
  • Bei TransInterQueer gibt es manchmal Angebote, die eventuell etwas für dich wären: http://transinterqueer.org/
  • Immer mal wieder finden in verschiedenen Städten (z.B. Hamburg, Oldenburg, Frankfurt, Berlin und München) trans Tagungen statt, wo eigene Workshops und Austauschrunden angeboten werden können. Du könntest bei einer dieser Tagungen also eine Gesprächsrunde dazu anbieten oder das Orga-Team bitten, das zu organisieren.
  • Du könntest auch eine Facebook-Gruppe dazu gründen, um einen Austauschort zu ermöglichen. Wir helfen dir dabei gerne, und können eine solche Gruppe bekannt machen. Melde dich dazu gerne bei uns 🙂

Ich möchte natürlich außerdem darauf hinweisen, dass du eine Beschwerde gegen deine Therapeutin bei der Ärztekammer bzw. Psychotherapeutenkammer einlegen kannst, vermutlich wird das aber leider nicht viel bringen.

Ich wünsche dir alles Gute!

Annika

Kummerkasten Antwort 43

Hey Leute,
Erst einmal ein dickes Lob für eure sehr informative Seite!
Ich stecke gerade in einem kleinen Dilemma: ich habe jetzt die Möglichkeit zu einer Personenstandsänderung. Eigentlich trifft bei mir der Personenstand “divers” zu. Ich werde jedoch möglicherweise beruflich in Länder reisen müssen, in denen Geschlechtsdiversität noch eine “Straftat” darstellt. Ich frage mich nun, ob in Situationen wie etwa einer Kontrolle am Flughafen oder einem Arztbesuch das offizielle Geschlecht der kontrollierenden Person direkt angezeigt wird. Sollte das der Fall sein, würde es dann nicht eher sinnvoll sein, das binäre Geschlecht, als das ich passen könnte, zu meinem “offiziellen” zu machen? Ich schäme mich nicht für meine Geschlechtsidentität, aber ich frage mich, ob ich in diesem Fall nicht einfach die praktischste Variante wählen sollte.
Schon einmal vielen Dank im Voraus für die Antwort 😊
Liebe Grüße

Hallo und vielen Dank für deine spannende Frage!

Ohne die konkreten Länder zu kennen, in die du reist, konnte ich leider nicht besonders viel herausfinden, denn es kommt auch darauf an, ob du mit dem Personalausweis oder dem Reisepass einreist.

Innerhalb der Schengen-Länder reicht ja der Personalausweis. Auf dem steht der Geschlechtseintrag nicht drauf. Die Aussage der Bundespolizei ist dazu, dass wenn mit dem Personalausweis alles in Ordnung ist, auch keine amtlichen Meldedaten abgefragt werden, also z.B. das Geschlecht.

Beim Reisepass steht der Geschlechtseintrag drauf – da kommt es dann ganz auf das Land an. Da müsstest du mit den konkreten Ländern beim Auswärtigen Amt (https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/buergerservice-faq-kontakt) nachfragen oder bei der Vertretung des Landes in Deutschland (z.B. also auf einer Botschaft).

Beim Arzt ist es so, dass das Geschlecht auf der Krankenkassenkarte gespeichert ist – mehr kann ich dazu aber leider auch nicht sagen.

Tut mir leid, dass ich dazu nicht mehr sagen kann. Ich wünsche dir alles Gute!

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkasten Antwort 42

Hey liebes Kummerkasten-Team!
Ich bin mir momentan sehr unsicher mit meiner Sexualität und ich weiß nicht, ob ihr mir weiterhelfen könnt, aber einen Versuch ist es doch wert…
Da gibt es eben diesen Jungen an meiner Schule. Wir kennen uns seit etwa einem 3/4 jahr und er ist mir in dieser Zeit sehr wichtig geworden. Ich bin mir allerdings unsicher, ob ich Gefühle für ihn habe oder nicht, denn manchmal kann ich ganz normal mit ihm reden und manchmal wiederum bin ich total nervös und bekomme keinen vernünftigen Satz raus. Vor zwei Monaten habe ich dann ein Mädchen kennengelernt, seine Schwester. Sie ist ebenfalls ein echt toller Mensch und es macht toTal Spaß, sich mit ihr zu unterhalten. Allerdings hab ich bei ihr ebenfalls manchmal das Problem, einfach zu vergessen, was ich sagen wollte, also keinen vernünftigen Satz rausbringen zu können, wenn sie mich anschaut, was halt echt unangenehm manchmal ist… außerdem hat sie echt schöne Augen, während ich bei ihrem Bruder nicht mal die Augenfarbe weiß xD
Na ja, wie auch immer, ich hatte halt bisher weder einen festen Freund noch eine feste Freundin und bin total verwirrt, da ich bisher immer dachte, ausschließlich auf Jungen zu stehen, allerdings in letzter Zeit mir auch öfter din Frage Gestelle hab, ob ich mir auCh eine Beziehung mit einem Mädchen vorstellen kann, was irgendwie auch der Fall ist…
Meine Eltern haben mich vor ein paar Wochen auch mal gefragt, ob ich denn homo- oder bisexuell sei, aber ich hab gar nicht geantwortet, da ich mir eben total unsicher bin und meine Freunde fragen mich in letzter Zeit auch immer mal wiEder (w nn auch aus Spaß), was den meine Sexualität sei…
Könnt ihr mir weiterhelfen oder habt ihr einige Links oder ähnliches, dass mir weiterhelfen könnte? :O

LG
Ash

Hallo Ash,

Ich kann gut nachvollziehen, dass du verwirrt bist, und dich dieses Thema sehr beschäftigt. Ich kann dir leider nicht sagen, welche sexuelle Orientierung du hast, das kann niemand, nur du selbst. Ich kann dir auch nicht sagen, ob du tatsächlich Gefühle für eine bestimmte Person hast (und ob diese Gefühle Verliebtsein sind). Vor einer anderen Person nervös zu sein und keinen Satz herausbekommen, klingt aber ein bisschen so 🙂

Es ist völlig normal, sich all die Fragen zu stellen, die du dir stellst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diejenigen, die sich diese Fragen stellen, sich später oft als schwul, lesbisch, bisexuell, asexuell usw. identifizieren. Das heißt: Wenn du dir diese Fragen stellst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass du nicht heterosexuell bist. Im Zweifelsfall bleibt dir nur: Ausprobieren. Wenn du dir eine Beziehung mit einem Mädchen vorstellen kannst, dann probier es. Und du wirst merken, wie es sich für dich anfühlt.

Du kannst mal auf unseren Seiten zu Lesbisch und Bisexuell vorbei schauen, da sind einige queere Webseiten verlinkt. Und du kannst zu einer queeren Jugendgruppe in deiner Nähe gehen (google einfach deinen Ort (bzw. eine Stadt in der Nähe), “lesbisch” oder “bisexuell”  und “Jugendgruppe” – da findest du Menschen in deinem Alter, die sich genau die gleichen Fragen stellen.

Alles Gute für dich!

Liebe Grüße,

Annika

Kummerkasten Antwort 41

Hi,
trotz dem Glossar Eintrag verstehe ich den Unterschied zwischen Pansexuell, Bisexuell, Omnisexuell und Polysexuell nicht. Würde mich auf eine ausführlichere Erklärung freuen und ich danke schon Mal im voraus für die Antwort.
~J

Hallo J,

Ich kann deine Verwirrung gut verstehen und versuche, das jetzt nochmal verständlich zu machen.

Der Schlüssel liegt in den Vorsilben. “Bi” bedeutet zwei, “pan” und “omni” bedeuten “alle” (in Griechisch bzw. Latein) und “poly” bedeutet viele. Diese Zahlen beziehen theoretisch sich auf die Anzahl von Geschlechtern auf die eine Person steht. Eine polysexuelle Person steht also auf Menschen vieler (aber nicht aller) Geschlechter, also z.B. Männer, nicht-binäre und ageschlechtliche Menschen. Eine pansexuelle bzw. omnisexuelle Person steht auf Menschen aller Geschlechter – oder auf Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht. Zwischen diesen beiden sexuellen Orientierungen gibt es eigentlich keine Unterschiede. Die Definition von Bisexualität ist etwas schwieriger. Die meisten Menschen denken, bisexuelle Menschen stehen auf zwei Geschlechter – und setzen diese oft mit Männern und Frauen gleich. Das mag für manche bisexuellen Menschen stimmen – andere bisexuelle Menschen stehen aber auf mehr als ein Geschlecht (z.B. Frauen und nicht-binäre Menschen) oder verwenden dieselbe Definition wie Pansexualität, nennen sich aber z.B. aus politischen Gründen bisexuell.

Die Webseite bisexualitaet.org schreibt z.B.:

Diese Seite verewendet die Begriffe Bi(sexuell) und Bisexualität. In Wörterbüchern findet man als Definition so etwas wie: bisexuell: (Adj.) sexuell und/oder emotional an mehr als einem Geschlecht interessiert. Bi heißt aber nicht, dass sich die sexuelle bzw. emotionale Anziehung auf die beiden Geschlechter männlich und weiblich beschränkt. Der Begriff umfasst auch trans- und intergeschlechtliche Menschen oder Menschen, die sich nicht für ein Geschlecht entscheiden wollen, sondern sich als genderqueer verorten. Bi steht nicht für zwei, sondern für zwei und mehr, also mindestens zwei Geschlechter. Einige von uns möchten sich und ihre Sexualität nicht in eine vorgefertigte Schublade stecken, obwohl sie zu dieser Gruppe gehören, oder nennen sich lieber queer, pansexuell, nicht monosexuell oder hetero- bzw. homoflexibel. Das bedeutet im Prinzip das Gleiche, unterstreicht aber, dass diese Menschen sich von einem breiten Spektrum an Gender-Identitäten angezogen fühlen. Manche möchten damit auch besonders betonen, dass andere Aspekte eine größere Rolle spielen. Das ist natürlich völlig legitim, aber wir verwenden hier der Einfachheit halber die bekannteren “Bi”-Begriffe.

Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen im Bi-Chaos helfen.

Liebe Grüße,

Annika