Kummerkasten Antwort 208 – Ich finde Geschlechterrollen unnötig!

Hey
Ich denke in den letzten Tagen öfter über mein Geschlecht nach. Mir ist es egal ob man mich als weiblich oder männlich bezeichnet, auch ist es mir egal, wenn ich “weibliche” oder “mänliche” Kleidung trage. Ansich finde ich die genderrules unnötig. Ich habe mich ne Zeitlang als genderfluid bezeichnet, was aber meiner Meinung iwie nicht passt. Ich denke, das ich Non-binäry oder Agender bin, bin mir nicht sicher. Es wäre echt net, wenn ich damit Hilfe bekommen würde.

Hallo du,

wenn es dir egal ist, was du trägst, wie du angesprochen oder gesehen wirst und du insgesamt nicht so viel Wert auf dein Geschlecht legst, dann könntest du dich z.B. als gender indifferent bezeichnen.  Das ist eine Bezeichnung für alle Menschen, denen es auch so geht und die ihr eigenes Geschlecht nicht wirklich wichtig finden.

Agender oder nonbinär/nichtbinär/nonbinary passt aber auch, und wenn du dich mit einem dieser beiden Begriffe wohler fühlst, dann kannst du natürlich auch einen dieser beiden oder beide für dich verwenden. Agender beschreibt in der Regel Menschen, die kein Geschlecht haben oder die mit dem Konzept von Geschlecht nichts anfangen können. Nichtbinär/nonbinary ist ein Überbegriff für alle Leute, die nicht oder nicht ausschließlich männlich oder weiblich sind. Es kann aber auch als Selbstbezeichnung verwendet werden. Ich finde übrigens, du hast vollkommen Recht – alle Regeln, die für Geschlechter gemacht werden, sind vollkommen unnötig und können in den Müll!

Ich hoffe, das konnte dir ein wenig helfen. Ich wünsche dir alles Gute!
Balthazar

Kummerkasten Antwort 207 – Bin ich agender, wenn ich Geschlechterrollen ablehne?

Liebes Kummerkasten-Team
Ich bin vor einigen Tagen auf den Begriff “a-gender” gestoßen und finde ihn etwas verwirrend. Ich bin zeugungsfähig und hatte mich deshalb immer als Mann im Sinne des sex identifiziert, habe mich aber nie mit der sozialen Rolle, die mir aufgedrängt wird, anfreunden können.

Auf Englisch sprachigen Seiten wurde der Begriff “a-gender” mit “kein gender haben” übersetzt. Ich werde von meiner Umwelt jedoch meist als Mann gelesen und es werden daher auch gewisse Erwartungen und Normen an mich gerichtet. Bin ich, wenn ich diese ablehne a-gender?
Wenn gender sozial konstruiert ist (und sozial bedeutet, dass es trans-subjektiv ist) kann ich einfach behaupten kein gender zu haben, nur weil ich das gender nicht erfülle, das mir zugedacht wird?
Ich hoffe ihr könnt mir zu einer besseren Einsicht verhelfen.
Liebe Grüße
(A)

Hallo (A),

deine Frage ist sehr komplex und ich hoffe, dass ich sie gut beantworten kann. Du hast auf jeden Fall Recht damit, dass Geschlecht sozial konstruiert ist. Soziale Konstruktion ist aber kompliziert, sie passiert nicht nur gesellschaftlich, sondern auch in jeder einzelnen Person, und damit auch in dir. Dein persönliches Geschlecht ist dir nicht angeboren, sondern etwas, was im ständigen Wechsel zwischen den Erwartungen der Gesellschaft und deinem Aussehen, deinem Tun, deiner Geschlechterpräsentation etc. entsteht.

Das bedeutet aber nicht, dass Geschlecht komplett zufällig, willkürlich oder frei wählbar ist. Und nur die Aussage (bzw. “Behauptung”) “Ich bin agender” macht eine Person noch nicht agender.

Was eine Person agender macht, ist allerdings genauso schwer zu beantworten wie die Frage, was eine Person zu einem Mann macht. Das einzige, was ich fragen kann, ist: Wie fühlst du dich denn? Wenn du in dich hineinhörst und nach den Dingen suchst, die dich zu dem Menschen machen, der du bist – verbindest du von diesen Dingen irgendwas mit Männlichkeit? Wichtig ist nämlich nicht, welches Geschlecht dir andere Menschen zuschreiben, das hat nichts mit deiner Identität zu tun. (Eine trans Frau, die noch ungeoutet ist und nach außen hin für die meisten Leute “wie ein Mann” aussieht, ist ja trotzdem noch eine trans Frau.)

Agender sein ist auch kein Zustand, der einfach eintritt, wenn eine Person Geschlechterrollen ablehnt. Es gibt sehr viele Menschen, die Rollen und Erwartungen ablehnen und sich trotzdem mit dem Geschlecht identifizieren, dem sie zugewiesen wurden/werden. Das bedeutet: Du “darfst” dich auch dann als Mann identifizieren, wenn du mit vielen Dingen nicht einverstanden bist, die die Gesellschaft von Männern erwartet, und wenn du aktiv gegen diese Rollenbilder angehst. Männer können Makeup tragen, sich die Nägel lackieren, weinen, nicht an Sport interessiert sein, keine Lust auf Machogerede haben und trotzdem noch Männer sein – ganz egal, wie die Gesellschaft das findet.

ABER. Wenn du in dich reingehorcht hast und dabei feststellst, dass du dich nicht mit Männlichkeit identifizieren kannst, dass du kein Mann bist und auch keiner sein möchtest, und wenn du kein Geschlecht in dir findest – dann kann es durchaus sein, dass du agender bist. Letztlich ist einfach nur wichtig, mit welchem Begriff du dich identifizieren kannst und willst, mit welchem Begriff du dich am wohlsten fühlst und was dich am besten beschreibt.

In der Hoffnung, dass dich das jetzt nicht noch mehr verwirrt, wäre hier auch noch ein anderes mögliches Label für dich: Genderqueer. Genderqueer ist ein Begriff für alle Menschen, die nicht in die gesellschaftlichen Normen von Geschlecht passen. Vielleicht ist dir ja mit diesem Begriff vorerst geholfen?

Viele liebe Grüße und alles Gute,
Balthazar

Kummerkasten Antwort 190 – Weder Mann noch Frau. Gehöre ich irgendwo dazu?

hey, es mag ein wenig kompliziert klingen, jedoch verzweifle ich gerade sehr. Seit dem ich mich erinnern kann mag ich mich hier als Pan bezeichnen, und ich stehe dazu. Doch habe ich dieses Gefühl das ich selbst dazu nicht gehöre, da ich weiblich bin, was nix falsches ist, jedoch ich mich selbst weder als Frau oder mann sehe. Ich trage es schon lange mit mir herum und ich möchte mich selbst ausdrücken können. Doch ich weiß nicht als was ich mich bezeichnen soll. danke..

Hallo lieber unbekannter Mensch,

es freut mich, dass du deine sexuelle Orientierung gefunden hast und dazu stehen kannst. Es ist außerdem sehr verständlich, dass dir die Frage nach deinem Geschlecht Kopfzerbrechen bereitet – Geschlecht ist für die allermeisten Menschen gar nicht so einfach, wie es die Gesellschaft aussehen lässt.

Menschen, die sich wie du weder als Mann noch als Frau sehen, bezeichnen sich oft selbst als “nichtbinär“. Vielleicht passt dieses Wort ja auch für dich? Es gibt auf jeden Fall sehr viele Menschen, die nicht männlich oder weiblich sind, uns hat es immer schon gegeben, zu verschiedenen Zeiten der Geschichte, unter verschiedenen Bezeichnungen, überall auf der Welt – und wir haben immer schon dazugehört. Nichtbinäre Menschen gehören zur Gesellschaft, wir gehören zur queeren Community, wenn wir das möchten, und wir gehören auch zur trans Community, wenn wir uns dort zugehörig fühlen. (Trans sind alle Menschen, deren Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, was ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.)

Ich hoffe, diese Antwort hilft dir weiter. Wenn du noch mehr Fragen zu diesem Thema (oder anderen) hast, steht unser Kummerkasten dir jederzeit offen.

Alles Gute!
Balth

Kummerkasten Antwort 189 – Kein Junge, kein Mädchen – irgendwie zwei Geschlechter?

Hey, ich bin 14 und weiblich
Ich habe nen kleines Problem galhabeal weil Ich mir echt nicht mehr sicher bin. Ich mag meinen weiblichen Körper zum Teil… Ich hasse aber meine brüste. Ich mag den Titel als Mädchen nicht aber junge gefällt mir auch nicht… Ich hatte früher immer Problem dabei ein “wirkliches” Mädchen zu sein. Da irgendwie alle meine Freunde jetzt trans sind bzw mich mehr zum nachdenken gebracht haben ob diese Verhaltensweisen nicht doch normal sind… Ich habe mittlerweile kurze Haare und trage sehr oft Sport bhs.. Ich liebe es wie ein Junge auszusehen aber manchmal trage ich auch sehr weibliches. Und irgendwie als junge kann ich es mir nicht vorstellen. Nun ist meine Frage bin ich tomboy oder doch was anderes was mich als Körper weiblich und als psychisch halb halb bezeichnet?

Zusätzlich noch eine andere frage. Ist es bi wenn ich mir vorstellen kann mit beiden Geschlechtern eine beziehung einzugehen… Ich finde den Körper einer Frau viel attraktiver aber verlieben tue ich mich hauptsächlich in Männer also der Charakter von männlichen ist mehr anziehend als bei einer Frau. Kurze gesagt bei einer Frau mag ich den Körper mehr
Und bei Männern den Charakter

help???

Hallo lieber unbekannter Mensch,

solche Fragen wie deine sind sehr nachvollziehbar, aber leider auch sehr kompliziert, weil niemand außer dir wissen kann, welches Geschlecht du hast bzw. welches Label du dafür benutzen möchtest – wir können dir das leider nicht einfach so vorschreiben. Was wir allerdings können, ist, dir ein paar Ideen und Hinweise zu geben.

  1. Es gibt keine Vorschriften, wie ein “männlicher” oder “weiblicher” Körper auszusehen hat. Wenn dir deine Brüste nicht in den Kram passen, du sie lieber versteckst, abbindest oder ganz loswerden möchtest, dich aber trotzdem als Frau oder weiblich identifizierst, fühlst oder bezeichnen möchtest, dann bist du es.
  2. Du schreibst, du kannst es dir nicht vorstellen als Junge – wenn das Label “Junge” oder “männlich” sich nicht richtig für dich anfühlt, dann musst du es auch nicht benutzen. Du kannst dich aber fragen, was genau sich daran für dich nicht richtig anfühlt – sind es die gesellschaftlichen Erwartungen und die Geschlechterrollen, die von Jungen erwartet werden? Oder ist es das Junge sein an sich, was für dich nicht richtig passt? Genauso kannst du dich fragen, was dir an Weiblichkeit nicht passt, oder an den gesellschaftlichen Erwartungen, die an Mädchen und Frauen gestellt werden. Das kann dir helfen, dein eigenes Geschlecht und dein Empfinden ein bisschen zu trennen von gesellschaftlichen Bildern und Erwartungen. Nur, weil die Gesellschaft sehr klare Vorstellungen hat, wie Jungen und Mädchen sein sollen, heißt das nicht, dass irgendwas davon auf dich zutrifft. Du bist, wer du bist, und das ist auch gut so.
  3. Wenn du dich weder im Begriff “Junge” noch in “Mädchen” so richtig wiederfindest und wohlfühlst, möchtest du dich vielleicht als nichtbinär bezeichnen. Nichtbinär sind einfach alle Leute, die nicht männlich oder weiblich sind, oder nur teilweise, oder nur manchmal.
  4. Nichtbinär ist aber auch ein Überbegriff für ganz viele andere Geschlechter, z.B. genderfluid. Wenn du dich manchmal in weiblichen Kleidern wohlfühlst, manchmal aber nicht, dann kann es sein, dass dein Geschlecht fließend ist und sich manchmal ändert.
  5. Du schreibst von einer “halb halb” Geschlechtsidentität – darauf trifft z.B. der Begriff “bigender” zu. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechtsidentitäten haben, z.B. männlich und weiblich, oder weiblich und nichtbinär. Diese zwei Geschlechter können je nach Person z.B. gleichzeitig da sein, sich abwechseln, oder sich ständig mischen.
  6. Du selbst schlägst den Begriff “Tomboy” vor. Fühlt der sich für dich richtig an? Ist das ein Begriff, den du gerne für dich verwenden möchtest? Dann spricht nichts dagegen, den zu benutzen.
  7. Wichtig ist vor allem, dass du einfach weiterhin tust, was dir gut tut und was sich für dich richtig anfühlt. Egal, welches Label du verwendest, um dich und dein Geschlecht zu beschreiben, keines davon kann dir vorschreiben, wie du aussehen sollst, welche Klamotten du tragen darfst, mit welcher Sprache du dich wohl fühlst usw. Du weißt am allerbesten, was für dich richtig ist.

Zu deiner Frage mit Bisexualität interessiert dich vielleicht das sogenannte Split Attraction Model: Es gibt Menschen, die eine unterschiedliche romantische und sexuelle Orientierung haben, also wie in deinem Fall z.B. sexuell zu Frauen und romantisch zu Männern hingezogen sind. Wir haben da vor einer Weile mal eine Folge der Buchstabensuppe dazu gemacht, die findest du hier. Du kannst aber selbst bestimmen, ob du das Split Attraction Model verwenden willst, um über deine Anziehung zu reden, oder ob du findest, dass “bi” deine Gefühle und deine Anziehung besser beschreibt. Du kannst auch je nach Situation verschiedene Labels verwenden, wenn das für dich am nützlichsten ist.

Ich hoffe, diese vielen Begriffe waren nicht überfordernd und konnten dir ein bisschen helfen. Ich wünsche dir alles Gute!

Balth

Kummerkasten Antwort 175 – Genderfluid? Agender? Demigirl?

Heyy… ich bin erst kürzlich auf diesen Blog gestoßen und ich finde es toll wie ihr die verschiedenen genders erklärt. Ich habe bis jetzt nur solche Seiten auf englisch gefunden.
Ich habe erst vor zwei Wochen realisiert (oder mehr akzeptiert), dass ich non binary bin. Ein paar Tage davor habe ich realisiert, dass Sex für mich in Theorie toll ist, aber in der Praxis nicht meins ist (ich hatte keinen Sex ich habe einfach nur realisiert, dass ich nach zwei Minuten einfach abgeturnt bin) und identifiziere mich selbst seitdem als asexuell. Es war ein großer Schritt das zu akzeptieren, da ich davor erst akzeptiert hatte, dass ich auf Mädchen stehe und dass ich asexuell bin einfach verdrängt habe.
Ich habe Schwierigkeiten mit meinem Gender. Ich fühle mich meistens nicht wie ein Mädchen, bin mir nicht sicher ob ich ein Junge bin an Tagen wo ich mich nicht wie ein Mädchen fühle und fühle mich meist eigentlich wie gar nichts. Es gibt Tage (oder er Momente im Laufe des Tages) , da habe ich Probleme mit meiner Brust und andere Male da geht es eigentlich. Ich mag es eigentlich einen weiblichen Körper zu haben, fühle mich aber manchmal nicht wohl in meiner Haut (oder meinem Geschlecht). Es wäre am einfachsten sich als agender zu identifizieren aber ich weiß nicht ob es passt oder ob ich genderfluid bin oder einfach ein Demigirl? Pronomen sind übrigens kein Problem. Das liegt aber wahrscheinlich daran, dass ich es nicht anders gewohnt bin. Allerdings mag ich meinen Namen überhaupt nicht und würde ihn an liebsten zu etwas neutralen ändern. Am liebsten River oder Sky.
Liebe Grüße

Lieber unbekannter Mensch,

Gender ist kompliziert und es ist vollkommen verständlich und in Ordnung, dass es schwierig ist für dich, die richtigen Worte zu finden. Ich finde, alle Begriffe, die du vorschlägst – agender, genderfluid, demigirl – passen sehr gut zu dem, was du über dein Geschlecht und deine Gefühle und Gedanken dazu geschrieben hast. Es ist gut möglich, alles drei zu sein. Vielleicht bist du ja genderfluid und dein Geschlecht wechselt zwischen agender und demigirl? Das könnte vllt. auch erklären, warum du manchmal Probleme mit deiner Brust hast und sie dir manchmal egal ist oder dich nicht stört.

Egal, welche Labels du verwendest, nur du entscheidest, welcher Name, welches Aussehen und was sonst noch dazu gehört. Und egal, ob du genau weißt, wann dein Geschlecht genau was ist, oder ob du es vllt. niemals ganz genau sagen kannst – du verdienst Respekt und Akzeptanz.

Ich hoffe, ich konnte etwas helfen und wünsche dir alles Gute.
Liebe Grüße,

Balthazar

PS: Danke für dein Lob! Es freut uns, dass unsere Arbeit bei den Menschen ankommt, die uns brauchen. 🙂

Kummerkasten Antwort 174 – Kein trans Mann, aber was dann?

Hallo,

ich bin mittlerweile 27 und stehe vor einem Dilemma.

Seit einigen Jahren hadere ich bewusst mit meiner Geschlechtsidentität. Vor 3 Jahren fing ich an zu denken ich sei vielleicht einfach “ein schwuler Mann in einem weiblichen Körper”.

Nach und nach wurde mir immer bewusster, dass ich mich mit dem weiblichen Aspekt irgendwie nicht richtig identifizieren kann.

Vor ca. einem Jahr wurde ich durch Kontakt zur Queercommunity auf trans und enby aufmerksam.

Jetzt aber zum richtigen Dilemma: retrospektiv passt relativ vieles auf trans. Als kleines Kind hab ich zum Beispiel eher versucht im Stehen zu pinkeln und war schon eher ein Tomboy (abgesehen von sehr kurzen Haaren, ich trage meine seit 20 Jahren schulterlang).

Ich fing Anfang diesen Jahres an auch Männerklamotten zu shoppen. Ein mulmiges Gefühl bleibt irgendwie, v.a. sozial.

Ich habe packing und binding alleine zu Hause ausprobiert: fühlt sich richtig an.

Wenn ich jetzt allerdings daran denke ich würde mich als TransMANN outen: Irgendwas funktioniert nicht.

Mann finde ich irgendwie den falschen Begriff. Ich sehe mich nicht so wie alle Männer um mich rum sind. Ich bin zwar gefühlt eher männlich aber irgendwie passt mir zur Gruppe Mann zu gehören auch nicht.

Was könnte ich sein? Wer bin ich?

Ich benutze übrigens seit ca. 3 Monaten mit Online-Freunden he/him und den Namen Alex. Fühlt sich gut an, ist aber eben meist auf Englisch. Auf Deutsch ist’s wieder seltsam.

Danke für Eure Hilfe schonmal,

Michelle

Hi du,

ich kann deine Suche und deine Verwirrung sehr gut nachvollziehen, und kenne deine Fragen auch selbst. Geschlecht ist nunmal einfach übel kompliziert und seltsam, wenn eins nur lange genug darüber nachdenkt.

Vielleicht hilft es dir ja zu wissen, dass die Art und Weise, wie du dich präsentierst, nichts damit zu tun haben muss, wie du dich identifizierst und welches Geschlecht du bist? Es gibt z.B. eine Menge Butches, die “Männerklamotten” tragen, sich maskulin geben, evtl. einen “Männernamen” tragen und er-Pronomen benutzen und sich trotzdem nicht als Männer identifizieren, sondern z.B. als Frauen oder nichtbinär oder eben einfach nur butch. Es gibt aber auch sehr viele Männer, die auch keine besondere Zugehörigkeit zur Kategorie “Mann” empfinden, die nicht in männliche Stereotype passen, die vielleicht das Gefühl haben, nicht viel mit anderen Männern gemeinsam zu haben und die trotzdem das Recht haben, sich als Männer oder männlich zu identifizieren, wenn sie das für sich selbst passend finden.

Wir wissen aber leider alle, dass die Gesellschaft echt Schwierigkeiten hat, wenn Sachen in Punkto Geschlecht nicht zusammenpassen – dann ist es meistens entspannter, ein praktisches Label bzw. eine Erklärung parat zu haben, weil es Dinge einfacher macht. Nach dem, was du beschreibst, wäre vllt. “demiboy” ein passendes Label für dich? Ein “Demiboy” ist ein Mensch, der sich nur teils mit Männlichkeit identifizieren kann, oder nur mit manchen Aspekten von Männlichkeit. Du könntest auch einen Überbegriff wie genderqueer oder nichtbinär verwenden, wenn du dich nicht genau festlegen willst.

Egal, welches Label du verwendest, nur du kannst entscheiden, welche Klamotten, welche Pronomen und was sonst noch alles für dich da dazugehört. Vielleicht möchtest du auf deutsch lieber erstmal auf Pronomen verzichten, wenn “er” sich nicht richtig anfühlt, oder vielleicht verschiedene eigene Pronomen ausprobieren?

Ich hoffe, das konnte dir ein wenig helfen.
Alles Gute und viele Grüße,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 170: Welches Geschlecht habe ich?

Hallo alle miteinander,
Ich habe eine sehr dringliche Frage an euch.
Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen, allerdings fühlte ich mich schon seitdem ich 13 war nicht immer als solches.
Ich trug schon immer nur Kapuzenpullover und Sneaker etc.
Nun, mittlerweile bin ich fast 19 und die “Symptome” wurde immer deutlicher.
Ich habe mittlerweile Brust Dysphorie und Haar Dysphorie doch das nicht immer. Ich kann mich als Frau verstehen, dennoch gibt es öfters mal Zeiten an dem ich mich eher als Mann verstehe.
Ich habe seit einem Jahr angefangen andere Pronomen und einen anderen Namen im Internet auszuprobieren und ich kam zu dem Schluss, dass ich mich wohl fühlte.
Nun sitze ich zwischen den Stühlen und weiß nicht mehr weiter.
Ich weiß nämlich nicht welche Identität meiner Beschreibung am besten passt.
Ich bin eine Person die eine Zugehörigkeit für sein Wohlbefinden benötigt.
Ich hoffe ihr könnt mir helfen.
Liebe Grüße,
Felix.

Hallo Felix,

was wir hier immer sagen, kann ich dir nun auch weitergeben: Wir können dir nicht sagen, welches Label du benutzen sollst. Ich kann dir aber gern einige Vorschläge machen und hoffen, dass vielleicht etwas dabei ist, was dir helfen kann und für dich passt.

Du schreibst, dass du dich sowohl als Frau, aber auch und öfter als Mann verstehst. Damit wäre es z.B. möglich, dass das Wort “bigender” für dich passt. Bigender sind Menschen, die zwei verschiedene Geschlechter haben, entweder gleichzeitig oder auch abwechselnd. Wenn es dir wichtig ist zu betonen, dass dein Verständnis von deinem Geschlecht sich immer wieder ändert, dann findest du dich vllt. in dem Begriff “genderfluid” wieder. Das bedeutet, dass deine Geschlechtsidentität wechselt, mal männlich oder weiblich sein kann (- mal aber vielleicht auch ein ganz anderes Geschlecht). Vielleicht spielt die Identifikation mit dem weiblichen Geschlecht für dich gar keine so große Rolle, und dir ist viel wichtiger zu betonen, dass du dich größtenteils männlich identifizierst? Dann trifft vielleicht die Bezeichnung “demiboy” ganz gut auf dich zu. 

Wenn du lieber allgemeinere, weiter gefasste Begriffe suchst, dann könnte “nichtbinär” als Überbegriff oder “genderqueer” dir weiterhelfen.

Am allerwichtigsten ist schonmal, dass du weiterhin tust, was dir gut tut und womit du dich wohl fühlst. Mit deiner Namensänderung, den neuen Pronomen, deinen Klamotten und allem anderen bist du auf jeden Fall auf einem guten Weg. Achte gut auf dich, hör auf deine innere Stimme, hab keine Angst, mal ein Label auszuprobieren und es später zu wechseln, falls es nicht passt, und lass dich nicht entmutigen, wenn manches etwas länger braucht oder nicht gleich zu 100% passt. Du wirst deinen Weg schon finden, und du bist auf jeden Fall unterwegs in die richtige Richtung!

Alles Gute für dich!

Balthazar

Kummerkasten Antwort 169: Gender Questioning?

Hallo liebes Queer-Lexikon-Team,
als erstes möchte ich einmal sagen, dass ich eure Seite echt mag und sie mir auch schon echt geholfen hat, mich als Bi zu identifizieren.
Jetzt frage ich mich aber noch, welches Geschlecht ich habe. Ich weiß, dass ihr mir das natürlich nicht sagen könnt, aber ich hätte gerne eure Meinung zu meiner Situation.
Also ich bin weiblich und konnte mich damit bisher eigentlich immer identifizieren, auch wenn ich nie wirklich auf Kleider und “Mädchenfarben” (ich hasse diese Einteilung) gestanden habe. Seit einiger Zeit, bin ich mir da jedoch nicht mehr so sicher. Ich fühle mich in meinem Körper (vor allem mit meiner Brust, etc.) sehr unwohl. Binding hat auch schon mein Interesse geweckt, allerdings muss ich mich momentan mit einer “Notlösung” zufrieden geben und mir mit Sport-BH´s behilflich sein. Es ist zwar nicht sonderlich bequem, aber ich fühle mich so schon etwas wohler. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich immer mehr das Bedürfnis habe, wie ein Junge auszusehen (aber ich möchte mich nicht komplett als Junge identifizieren). Mit meinem weiblichen Namen und weiblichen Pronomen habe ich jedoch kein Problem (vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich es mir anders nicht wirklich vorstellen kann).
Ich überlege in letzter Zeit wirklich oft, was genau das bedeuten soll, finde aber leider keine Lösung. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen oder mir zumindest einen Denkanstoß geben.

Viele Grüße

Hallo liebe unbekannte Person,

danke für deine Frage und dein Lob! Es freut uns sehr, dass wir dir schon so gut helfen konnten. Ich versuche gerne, dir noch ein wenig mehr zu helfen, auch wenn du natürlich recht hast: Ich kann dir leider nicht sagen, welches Geschlecht du hast. Ich kann dir allerdings ein paar Begriffe geben, die dir vielleicht helfen.

Dein Wunsch, maskuliner auszusehen und wahrgenommen zu werden, kann bedeuten, dass du trans bist. Allerdings schreibst du auch, dass du dich nicht komplett als Junge identifizieren möchtest (oder kannst?) – das könnte bedeuten, dass du möglicherweise ein demiboy bist oder nichtbinär. Vielleicht bist du ja nicht vollkommen männlich, sondern nur teilweise, oder vielleicht ändert sich dein Geschlecht manchmal, oder vielleicht hat es auch gar nichts mit Männlichkeit oder Weiblichkeit zu tun, weil du einfach nur du bist? Das alles kann unter dem Überbegriff “nichtbinär” zusammengefasst werden.

Eine andere Möglichkeit ist, dich als Butch zu identifizieren. Maskuliner wirken zu wollen, ist nicht unbedingt etwas, was nur trans Männern oder trans männlichen Personen vorbehalten ist – es gibt viele Butches, die sich als weiblich oder als Frauen identifizieren, aber gerne maskulin aussehen und/oder eine männliche Geschlechterrolle einnehmen.

Die beiden Optionen – also nichtbinär sein und Butch sein – schließen sich nicht unbedingt gegenseitig aus: Du kannst auch beides gleichzeitig sein. Beispiele für nichtbinäre oder trans Butches sind Leslie Feinberg und Rhea Butcher. Viele Butches haben ein kompliziertes Verhältnis zu Geschlecht oder hinterfragen Geschlechterkategorien überhaupt – so wie du auch selbst sagst, die Einteilung von allem von Farben über Namen bis hin zu Körpern in “männlich” und “weiblich” sind vielleicht gar nicht nötig, und viele Butches zeigen Wege dazwischen oder drumherum auf.

Egal, ob du ein Label für dich findest oder nicht: Deine Gefühle und Gedanken zu deinem eigenen Geschlecht sind vollkommen gut und in Ordnung. Ich hoffe, dass du deinen Weg findest.

Noch ein paar Tipps zum Binden: Das Abbinden von Brüsten mit Sport-BHs kann gefährlich sein, wenn du einen zu engen BH oder zwei übereinander trägst. Achte gut auf deinen Körper und die Warnsignale, die er dir sendet. Solange du keinen Binder hast, sind weite, locker sitzende Oberteile oder mehrere Schichten (z.B. ein T-Shirt, ein Hoodie und eine Jacke) auch immer gute Möglichkeiten, um deine Brust zu kaschieren. Weitere Infos zu sicherem Binden und dazu, wo du wie (auch günstig oder kostenlos) an einen Binder kommen kannst, findest du in unserer Binder-Broschüre.

Viele Grüße und alles Gute,

Balthazar

Kummerkasten Antwort 132 – Tipps bei der nichtbinären Namenssuche

Hey liebes Team,

Ich finde eure Seite wirklich super. Sie hat mir bei meiner Selbstfindung sehr geholfen, danke. Jetzt aber zu meiner Frage.
Ich habe vor kurzem angefangen, nach einem passenden Namen für mich zu suchen. Das Problem ist nur, dass ich einen Namen suche der nicht “typisch weiblich” oder “typisch männlich” ist da ich selber non-binary bin.

Habt ihr Tipps oder Ideen für meine Namenssuche?

Liebe*r Unbekannte*r,

es ist nicht gerade leicht, einen Namen zu finden, der keine starken Verknüpfungen entweder mit Männlichkeit oder Weiblichkeit hat. Hier sind ein paar Optionen, die andere nichtbinäre Menschen nutzen:

  • viele Kurzformen von Namen sind nicht eindeutig männlich oder weiblich: z.B. Alex, Lou, Feli, Dani oder Flo können alle Abkürzungen von männlichen oder weiblichen Namen sein – viele nichtbinäre Menschen entscheiden sich für so eine Kurzform.
  • seltene Namen in fremden Sprachen können ebenfalls geeignet sein, vor allem, weil viele Sprachen auch kein Genus haben (also kein sprachliches Geschlecht wie im Deutschen, wo wir “der/die/das” haben). Finnisch, Türkisch oder Ungarisch sind Beispiele für solche Sprachen. Du solltest allerdings mit fremden Sprachen und Kulturen respektvoll umgehen und dir nichts aneignen, was dir nicht zusteht und wozu du keinen persönlichen Bezug hast.
  • Fantasy- oder SciFi-Bücher können helfen, ausgefallene Namen zu finden, die nicht sofort als männlich oder weiblich zu erkennen sind. Vielleicht wirst du ja in deinen Lieblingsromanen fündig oder möchtest dir selbst einen Namen ausdenken, der z.B. von einer Fantasy-Sprache inspiriert ist.
  • Einen eigenen Namen ausdenken ist sowieso immer eine Möglichkeit. Das ist zwar vielleicht etwas schwieriger, wenn du deinen Namen auch rechtlich ändern möchtest, aber einen Versuch wert. Auch dadurch, dass ausgedachte Namen ein neuer Trend für Eltern von Babys sind, wird es allmählich leichter, auch eigene Namen durchzusetzen.
  • Manche nonbinary Menschen (so wie auch ich) suchen sich einfach einen Namen aus, der zwar eigentlich männlich oder weiblich angesehen wird, beschließen aber einfach, den Namen nonbinary zu machen. So, wie meine Klamotten nichtbinär sind, weil ich es bin, mein Körper nichtbinär ist, weil ich es bin, etc., so kann auch einfach mein Name nichtbinär sein, auch wenn andere ihn als männlich sehen. Das erfordert allerdings oft sehr viel Erklärung und Geduld mit Menschen im eigenen Umfeld und ist deswegen nicht für alle eine gute Möglichkeit.

Gute Hilfestellungen sind immer Babynamenseiten im Internet und Bücher, Filme und Serien. Überall dort kannst du Inspiration für deinen eigenen Namen finden. Es ist auch vollkommen okay, im kleineren Rahmen (vielleicht mit ein paar Freund*innen oder online) ein paar Namen auszuprobieren, um herauszufinden, welcher sich für dich richtig und gut anfühlt.

Viel Erfolg bei der Namenssuche und schreib uns gerne, wenn du einen Namen gefunden hast!
Liebe Grüße, Balthazar