Kummerkastenantwort 301 – Bin ich aromantisch?

Hallo liebes Queer Lexikon Team,
ich muss jetzt einfach mal eine Frage raushauen. Ich (w, 28) bin mir in einer Sache etwas unsicher. Und ja, an alle jüngeren da draußen, man kann auch im erfahreneren Alter noch unsicher sein 😉

Ich bin über Euch auf den Artikel zur A-Romantik gestoßen und habe mich tatsächlich, zu einem Teil, wiedererkannt. Es ist nicht so, dass ich mir keine Beziehung vorstellen kann. Meine letzte Beziehung war tatsächlich ganz ok. Nur bin ich, was Dinge wie die “klassische Romantik” angeht ein absoluter Trottel. Ich verstehe sie nicht richtig, finde das ganze Gehabe einfach nur seltsam und komisch, wenn es einen “romantischen Moment” gibt, nehme ich das überhaupt nicht wahr.

Ich weiß das es im Grunde egal ist wie jemand liebt, empfindet und wen oder was jemand liebt. (Das weiß ich, da ich Männer sowie Frauen sexuell aktrativ finde und mein kleiner Bruder schwul ist.) Ich würde mich nur freuen, wenn ich meiner Familie/Freunden/Partnern das auch richtig erklären kann.

Long story short: kann man bei mir sagen, dass ich A-Romantisch bin?

Danke für Eure Antwort.

Izzy

Hallo Izzy!

Es freut uns zu hören, dass du bei uns einen Begriff gefunden hast, in dem du dich wiederfinden kannst! Und du hast recht, es ist gar nicht so ungewöhnlich, mit “schon” 28 Jahren Lebenserfahrung noch neue Dinge über sich selbst zu erfahren. Uns haben auch schon Leute geschrieben, die mit Mitte 50 noch ein inneres Coming Out (also ein Coming out vor sich selbst) hatten. Leute in jeder Altersgruppe können sich ändern und/oder mehr über sich selbst und ihre Sexualität, ihre Orientierung oder ihr Geschlecht lernen.

Aromantisch zu sein, bedeutet nicht unbedingt, (romantische) Beziehungen schlecht zu finden – es bedeutet einfach nur, selbst keine romantische Anziehung gegenüber anderen zu empfinden, also z.B. keine “Schmetterlinge im Bauch” zu kriegen oder so. Wenn wir es ganz genau nehmen, dann sind viele Menschen in romantischen Beziehungen, ohne dabei romantische Beziehung zu empfinden – z.B. viele Paare, die schon lange zusammen und/oder verheiratet sind und die zwar keine Schmetterlinge mehr für ihre Partnerperson(en) empfinden, aber sich trotzdem gut verstehen und mit der anderen Person wohl fühlen.

Wenn du den Eindruck hast, dass der Begriff “aromantisch” dich gut beschreibt, dann spricht rein gar nichts dagegen, ihn für dich zu verwenden. Es gibt aber auch ein ganzes Spektrum zwischen Aromantik und Alloromantik (alloromantisch sind Leute, die romantische Anziehung grundsätzlich empfinden) – es muss nicht immer ein “entweder oder” sein, sondern viele Menschen liegen auch irgendwo dazwischen, empfinden nur selten romantische Anziehung,  nur zu ganz wenigen Personen, oder nur unter bestimmten Umständen. Ein Begriff auf dem a_romantischen Spektrum, der vielleicht auf dich zutreffen könnte, ist wtf-romantisch bzw. quoiromantisch. Das ist ein Begriff für alle Menschen, die Romantik nicht verstehen, die vllt. auch die Unterschiede zwischen romantischen und platonischen Gefühlen nicht so recht zuordnen können oder die einfach von dem kompletten Konzept von Romantik verwirrt oder überfordert sind.

Long story short: Wenn du das möchtest, darfst du dich selbstverständlich als aromantisch, quoiromantisch oder auf dem aromantischen Spektrum bezeichnen – und das kann dir niemensch vorschreiben oder verbieten, das ist ganz allein deine Entscheidung.

Ich hoffe, das hilft dir weiter! Alles Gute und liebe Grüße,
Balthazar

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