Into your arms (2/3)

Zu Teil 1 der Geschichte

Und dann ist es Nacht und ich bin völlig erschöpft von der langen Fahrt und liege im viel zu harten Hostel-Bett und Kurt kommt nicht auf leisen Pfoten reingetapst, um sich dann an meiner Brust festzukrallen und auf mir einzuschlafen, und ich habe… Nein, natürlich nicht! Ich hab doch kein Heimweh. Schließlich bin ich schon groß. Und London ist jetzt auch wirklich nicht so weit weg. Bevor ich mich versehe, werde ich wieder zu Hause sein. Und bis dahin werde ich eine verdammt geile Zeit haben! Morgen werden wir uns auf in die Stadt machen, und abends werden wir rausfinden, wie wir hier am besten an Alkohol kommen. Wir sind ja schließlich schon groß!

„Weinst du?“, kommt Kevins Stimme aus der Dunkelheit, in die ich starre. „Hä? Quatsch!“, antworte ich automatisch. Wie peinlich! Jungs weinen nicht. Jungs sind stark und nicht schwach, Jungs haben kein Heimweh und Jungs weinen nicht. „Ich hab nur…“ „Was im Auge? Ach komm, dafür heulst du aber ganz schön laut. Was ist los?“ Seine Stimme schafft den Balanceakt zwischen irgendwie halbsanft und nachdrücklich- bestimmt. Ohne, dass er es aussprechen muss, vermittelt sie ein „Hey Alter, wir kennen uns seit dem Kindergarten, vor mir brauchst du doch nichts verstecken“, wie es nur von einem besten Freund kommen kann. Von jemandem, der dich schon einmal nach einer durchfeierten Nacht aus der Kotzepfütze neben dem Klo gefischt hat, und mit dem du darüber reden kannst, dass du vielleicht schwul bist, das aber eigentlich auch gar nicht so genau weißt. Naja, jedenfalls so halb. Als ob Kevin ‘nen Fick drauf geben würde, was Jungs angeblich so tun oder nicht. Bevor ich noch weiter darüber nachdenken kann, sage ich: „Ich vermisse Kurt.“ „Don’t we all…“ „Ha, ha.“ „Oh. Jetzt versteh ich, was du meinst. Sorry.“ Und dann sitzt Kevin auf einmal neben mir und ich lehne an seiner Schulter. Er legt den Arm um mich und ich versuche gar nicht mehr weiter, die Tränen zurück zu halten. Ich lasse mich fallen und weine. Weine, weil ich vor wenigen Stunden noch genervt war, als meine Mutter meinte, ich könnte natürlich jederzeit wie E.T. nach Hause telefonieren, und ich jetzt in Wahrheit nichts lieber möchte als das. Gerade ist es mir scheißegal, ob weinend in den Arm genommen werden in irgendwelche verqueren Männlichkeitsbilder passt oder nicht, denn es fühlt sich gut an. Es fühlt sich gut an, dass Kevin da ist, und das so selbstverständlich, dass ich mich fast fühle, als wäre ich bereits wieder zu Hause. So selbstverständlich, wie er immer da war. Seit wir im Kindergarten zum Leidwesen der Betreuer festgestellt haben, dass sich aus den Töpfen der Spielzeugküche eigentlich auch ein ganz passables Schlagzeug zusammen bauen lässt. Einen Moment lang muss ich an Julie denken und wünschte, auch sie wäre hier. Smashing Laughter wiedervereint, das wär’s. Aber immerhin uns beide haben wir ja noch. Und vor uns liegen vierzehn Tage in der englischen Hauptstadt.

*

Mit der Schule nach England zu fahren, bedeutet – wie könnte es anders sein – auch, ein Theaterstück von Shakespeare anzuschauen. Wenigstens schleppen uns unsere Klassenlehrerinnen jedoch nicht ins „Shakespeare’s Globe“, um dort eine völlig verstaubte Version von „Hamlet“ zu sehen. Frau Tischler hat eine Freundin in der Stadt, die eine kleine Theatergruppe leitet. Die zeigen gerade „Romeo and Julian“. Das ist genau das, wonach es klingt, und ich finde, es klingt gut. Stilecht sitzt neben Kevin und mir ein Junge mit „Gay to be gay“-Shirt. Als ich seine Regenbogenkrawatte bewundere, treffen sich unsere Blicke kurz. Er grinst schief. „Cool…“, setze ich an. Was hieß noch gleich Krawatte auf Englisch?? Ach ja. „Cool tie!“ Ich recke einen Daumen nach oben und grinse zurück. Dann geht das Licht aus und wir richten unseren Blick auf die Bühne.
Das Stück fasziniert mich. Es ist wie eine kleine Wohlfühlblase, in der keine gemeinen Kommentare wie der von Johannes existieren. Okay, die Beziehung von Julian und Romeo ist auch unerwünscht und wie in der Vorlage gibt es kein glückliches Ende für die beiden, jedenfalls nicht mehr in diesem Leben. Aber allein, dass da zwei Männer auf der Bühne stehen und sich ihre Liebe gestehen, als wäre es keine größere Sache als bei Romeo und Julia. Ein Pärchen, das so ist wie ein lieber Mensch und ich. Vielleicht. Irgendwann. „And what love can do, that dares love attempt…“ In dem Moment nimmt jemand im Dunklen meine Hand. Ganz kurz nur, den Bruchteil eines Momentes. Damit man später noch sagen kann, man hätte sich nur versehentlich gestreift. Ein bisher unbekanntes Gefühl, und doch auf Anhieb vertraut. Als würden wir uns schon seit hundert Jahren kennen. Schweigend lächele ich ins Dunkel des Theaters hinein.

*

„Ich glaube,…“ Wie so oft stocke ich. Verdammt, warum kann ich nicht einmal ‘nen geraden Satz zu Ende bringen!? Ah, vielleicht weil mein Herz rast, als wolle es einen Marathon gewinnen, und meine Hände ganz klebrig sind vom Schweiß. „Was glaubst du?“ Es ist Wochenende und Julie sitzt neben mir auf dem Bett, im Schneidersitz lässig an die Wand gelehnt. „Blubb“, sage ich. Julie bricht in Lachen aus, fängt sich aber sofort wieder. „Komm schon, Luke. Spuck’s aus.“ Wenn mein Mund ja nicht so trocken wäre, könnte ich auch spucken. So hängen die Worte in meiner Kehle fest, wollen unbedingt raus, verkeilen sich in der Eile aber so ineinander, dass sie stecken bleiben. Ich atme ein paarmal tief durch, versuche, den Knoten in mir zu lösen. Eine unangenehme Pause entsteht, die das alles nicht gerade leichter macht. Julie schaut mich unverwandt an. Schließlich platzt der Knoten in mir und meine Antwort geradezu aus mir heraus: „Ich glaube, ich hab mich in Kevin verliebt.“ „Oh“, sagt Julie erfreulich unschockiert. „Dann werden die nächsten Übernachtungspartys ja heiß!“ „Hä?“ „Najaaa…“ Julie grinst, „…wenn ihr beide…“ Sie lässt den unbeendeten Satz bedeutungsschwer im Raum stehen und mein rasendes Herz knallt in vollem Lauf dagegen. Nur, um dann noch panischer in meiner Brust herumzuspringen, als hätte es sich den kleinen Zeh gestoßen. Das meinte ich doch gar nicht! Wird Kevin das auch denken? Ah, natürlich wird er das auch denken. Ich hab ihm ja schließlich nie von meinen Gesprächen mit meinem Spiegelbild erzählt. Graaaaaaaaaaargh! „Scheiße.“ „Hä?“, fragt nun ihrerseits Julie. Und dann geht es nicht mehr anders. Ich muss aussprechen, was ich nicht aussprechen kann, was ich eigentlich nicht einmal Kevin oder ihr sagen kann: „Na, wenn du schon so anfängst, wird er auch denken, dass ich Sex von ihm will. Aber das will ich doch gar nicht. Ich hab noch nie von irgendwem Sex gewollt, ganz egal, welches Geschlecht. Das mit Kevin, das fühlt sich jetzt anders an als die letzten zehn, zwölf Jahre. Aber ich will nicht mit ihm schlafen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich das jemals wollen werde, selbst wenn wir zusammen wären. Und es stresst mich, dass er das erwarten könnte.“ Puh. Das Geständnis ist draußen und ich lasse mich erschöpft neben Julie auf Bett fallen. „Du bist also asexuell?“ Es dauert einen Moment, bis die Reaktion meiner besten Freundin bei mir angekommen ist. „Den Begriff hast du doch gerade erfunden, oder?“, frage ich dann und schaue skeptisch zu ihr rüber. „Nope. Da waren andere Menschen so hundert bis zweihundert Jahre schneller als ich.“ Meine Augen weiten sich ungläubig. Bin ich also doch nicht kaputt und der einzige, dem es so geht?! Einen Moment zögere ich noch und warte, ob Julie nicht doch noch „April, April!“ schreit. Doch da kommt nichts. Und dann kommt da doch etwas, aber nicht von ihr, sondern von mir. Plötzlich sind da Tränen, die unaufhaltsam meine Wangen hinunter strömen. Nicht vor Verzweiflung, sondern vor Erleichterung. Dankbar falle ich ihr um den Hals. „Du bist die Beste, Julie!“ „Weiß ich doch“, grinst sie, aber ich kenne sie gut genug, um zu wissen, dass sie das nicht arrogant meint. Vermutlich ist sie ein wenig überfordert damit, dass ich plötzlich heulend in ihren Armen liege. Aber sie versucht, es sich nicht anmerken zu lassen. Mit der Zeit versiegen die Tränen ohnehin und machen Platz für ein weites, glückliches Lächeln. „Sorry für den Kommentar eben“, sagt Julie schließlich. „Schon okay. I guess.“ „Ich achte in Zukunft drauf, dass sowas nicht nochmal vorkommt. Versprochen. Und wenn du magst, komm doch in den nächsten Ferien mal zu mir. Meine Freundin Sophie nimmt dich sicher gerne mal mit zum Asexy-Stammtisch bei uns um die Ecke.“ Ah, daher kennt sie das Wort also! „Gerne“, antworte ich ohne zu zögern. Falls das möglich ist, wird mein Lächeln noch breiter. Ich kann es immer noch kaum glauben: Julie hält mich nicht für komplett gestört – sie kennt sogar noch andere Menschen, die so sind wie ich, und die ich bald treffen kann!

Zu Teil 3 der Geschichte

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