Into your arms (1/3)

Content Notes: In dieser Geschichte wird Alkohol erwähnt und starke Unsicherheit über die eigene Identität sowie verbale Queerfeindlichkeit spielen eine Rolle.

Die Autorin findest du auf Twitter unter @androgynouvelle.

Der Bus ist voll. Bis zum letzten Platz besetzt, und wo keine*r sitzt, sind Rucksäcke abgelegt oder unter missbilligenden Blicken der Lehrerinnen Füße ausgestreckt. Ein wenig wie bei Tetris, nur dass wir uns dadurch nicht spontan in Luft auflösen. Mal davon abgesehen, dass dieser Vergleich ungefähr so alt ist wie die erste Tetris-Version, und das heute sowieso kaum noch einer zockt. Voll wären wir jedenfalls auch gerne, aber es ist ja ein Schulausflug. Echt nervig ist das so mit fünfzehn; alt genug, alles zu wollen, aber genau das eine Jahr zu jung, um es zu dürfen. Oder drei Jahre. Naja, mal sehen, ob die das in England mit dem Alter so genau nehmen. Mit einem sind wir nämlich durchaus voll: Voller Vorfreude auf die nächsten zwei Wochen in London! Der italienische Strand wäre uns natürlich noch lieber gewesen, oder kiffen in Amsterdam, aber immerhin. Endlich mal kein langweiliger Frontalunterricht, keine unregelmäßigen Verben und sowieso: Einfach mal raus! Okay, zugegeben, Englisch ist jetzt auch nicht das schlimmste Fach. Genau genommen bin ich sogar ziemlich gut darin, hatte die letzten Jahre immer ‘ne Zwei auf dem Zeugnis. Aber wer tauscht nicht gerne mal das Klassenzimmer gegen die große weite Welt. Oder zumindest London eben.

Neben mir sitzt mein bester Freund Kevin, lässt Kaugummiblasen platzen und nörgelt darüber, wie früh es ist. Zu Recht. Es ist zwanzig nach sieben und wir müssen schon los, damit wir später in Calais die Fähre bekommen. Für peinliche Liebeserklärungen und überflüssige Ratschläge seitens unserer Eltern war dann aber natürlich noch Zeit. Typisch. Aber schließlich rollt der Bus und ich knibbele möglichst unauffällig das Schild mit der Aufschrift „Lukas Schilling“ aus der Kapuze meiner Jacke. Mütter, ey. Ich bin doch nicht mehr im Kindergarten.

Die Landschaft und die Stunden ziehen vorbei. Auf weiten Reisen verliere ich immer völlig das Zeitgefühl; keine Ahnung, wie lange wir schon unterwegs sind. Kevin neben mit hatte sich am Ende seiner Schimpftirade die Kopfhörer in die Ohren gesteckt und hat sie vermutlich seitdem nicht mehr heraus genommen. Musik gehört zu seinem Leben wie Brötchen mit Schokoladencreme und Erdnussbutter. Bis vor kurzem haben wir zusammen in einer Band gespielt; er rockte die E-Gitarre, ich das Schlagzeug. Doch dann musste unsere Sängerin Julie umziehen. Der Job ihrer Mutter interessierte sich herzlich wenig dafür, dass für drei junge angehende Rockstars gerade ein großer Traum zerplatzte. Okay, nicht, dass wir kurz vorm Durchbruch gestanden hätten oder so. Aber die Band war ein fester und wichtiger Bestandteil unseres Lebens, Teil von uns. Ohne Julie allerdings können wir das vergessen. Weder Kevin noch ich sind mit sonderlichem Gesangstalent ausgestattet. Wir singen allerhöchstens unter der Dusche – oder gezwungenermaßen im Musikunterricht. Im Prinzip sind wir auf der Suche nach einer neuen Sängerin, aber bisher hat sich noch nichts ergeben. Und so ist das Projekt „Band“ zwischen Schulstress und Alltag verloren gegangen und eingeschlafen. Wenigstens hat keiner von uns beiden sein Instrument aufgegeben. Wie könnten wir auch!

Jetzt jedenfalls steht unser Bus an irgendeiner Autobahnraststätte; ich bin zu müde, als dass mich ernsthaft interessieren würde, wo genau wir sind. Erste Pause. In Aussicht auf die lange Busfahrt hatte ich heute Morgen nur eine Jogginghose angezogen, in der ich jetzt beim Aussteigen jedoch friere. Deshalb beeilen wir uns, uns in den Strom der Richtung Toilette und Kiosk strebenden Mitreisenden einzureihen. „Kaffee?“, fragt Kevin. Ohne meine Antwort abzuwarten, geht er zur Theke und bestellt zwei Becher. Schwarz. Er kennt mich: Wenn ich Kaffee kriegen kann, nehme ich ihn, mit offenen Armen und oft noch halb geschlossenen Augen. Gerade an einem Tag wie heute. Dann stehen wir nebeneinander im Eingangsbereich und schlürfen vor uns hin. Endlich sowas ähnliches wie wach! Ich habe gerade den letzten Schluck ausgetrunken und will den Becher lässig in den nächsten Mülleimer kicken, als ein Mädchen in unserem Alter auf uns zukommt. Vermutlich ist ihre Klasse auch gerade auf Studienfahrt oder sowas. „Hey.“ Sie nickt Kevin kurz zu, spricht aber mich direkt an und schüttelt sich dabei die langen schwarzen Locken aus dem Gesicht. Was will die denn von mir? Ein Feuerzeug? Hab ich nicht, ich bin Nichtraucher. „Auch auf Klassenfahrt?“, fragt sie interessiert und lächelt. „Jo. London“, sage ich etwas kurz angebunden. Für Smalltalk brauch ich ‘nen zweiten Kaffee. Aber sie kommt auch gleich zum Punkt: „Ich hab dich eben reinkommen sehen und find dich ziemlich niedlich. Magst du mich mal anrufen, wenn du Zeit hast?“, fragt sie und lächelt erneut. Damit drückt sie mir einen Zettel in die Hand, auf der „Elisa“ und eine Handynummer steht. Noch bevor ich etwas erwidern kann, zwinkert sie mir zu und läuft nach draußen zu einem der Busse, die dort auf dem Parkplatz stehen. Auf halbem Weg dreht sie sich noch einmal um und winkt. Kevin steht neben mir und sieht aus, als könne er sich nicht entscheiden, ob er lachen oder neidisch sein solle. Muss er aber auch gar nicht, denn genau in diesem Moment beginnt unsere Klasse mehrheitlich, sich auf den Weg zurück nach draußen zu machen. Eine Gruppe Mitschüler gesellt sich zu Kevin und mir: „Ey, die Schwarzhaarige. Die wollte doch was von dir, oder?“ „Hast du ein Glück, Mann!“ Dennis pfeift durch die Zähne, Mohammed klopft mir begeistert auf den Rücken. „Ach, ich weiß nicht. Ich fand die jetzt nicht so…“, rutscht es mir heraus. Die anderen gucken irritiert: „Die war doch voll heiß! Hast du keine Augen im Kopf?!“ Geradezu entrüstet fragt Johannes: „Alter, bist du schwul oder was?!“ Ich zucke nur hilflos mit den Achseln. „Und wenn’s so wäre?“, schießt Kevin an meiner Stelle zurück, „Hast du das Bedürfnis, dich als Arschloch zu outen oder so?“ Einen Moment guckt Johannes skeptisch zwischen Kevin und mir hin und her, dann wendet er sich jedoch zum Glück ab, steigt vor uns in den Bus und hält zumindest die Fresse. Kevin grinst mich zufrieden an und ich grinse dankbar zurück.

„Alter, bist du schwul oder was?“ ist genau genommen eine sehr berechtigte Frage. Ich stelle die meinem Spiegelbild seit einer Weile auch immer wieder; wenn auch ohne diesen spöttischen Unterton. Leider antwortet mein Spiegelbild für gewöhnlich nicht. Es beharrt nur still weiter darauf, dass alles, was für mein viel zu binär sozialisiertes Gehirn nach Mädchen aussieht, total unspannend ist. Manchmal fragt es noch leise zurück: „Aber diese Schwulen… Wollen die nicht alle nur Sex?“ Ich weiß nicht, wo genau mein Spiegelbild dieses Klischee aufgegabelt hat, weiß im Prinzip auch, dass es nicht stimmt. Jedenfalls nicht verallgemeinerbar ist. Und doch ist der Gedanke daran mindestens genauso anstrengend wie der an ein verkrampftes Date mit einem Mädchen, das mich in Wahrheit nicht im geringsten interessiert. Ich habe Schwulen-Pornos gesehen, immer mal wieder, wenn meine Eltern nicht zu Hause waren. Ich sehe sie und fühle: Nichts. Also, ja, wenn ich Glück habe ist der ein oder andere Darsteller ganz niedlich. Aber mich macht das nicht an. Genauso wenig wie irgendwelche Mädchen. Manchmal verwirrt mich das so sehr, dass ich den Typen im Spiegel nur noch anschreien kann: „Okay, du bist also doch nicht schwul. Du bist doch einfach nur kaputt!“ Und der Typ im Spiegel schreit mich an, dass ich einfach nur kaputt bin, und ich will ihn ohrfeigen dafür und denke gleichzeitig, dass er Recht hat. Meistens schlage ich dann stattdessen auf mein Schlagzeug ein; zum Abreagieren und um die Gedanken in meinem Kopf zu übertönen. Darüber sprechen tue ich mit niemandem. Wer redet schon freiwillig darüber, dass er kaputt ist.

*

Noch etwas anderes ist an diesem Tag kaputt, und zwar der Wasserhahn in einem der Gruppenzimmer unseres Hostels. Da der Hausmeister im Urlaub ist, muss ein geplantes Sechserzimmer auf drei Doppelzimmer aufgeteilt werden. Natürlich trifft es die Gruppe, in der Kevin und ich waren. Kein Alkohol, und jetzt wird es nochmal komplizierter, nachts noch zusammen auf dem Zimmer zu feiern. Verdammt! Andererseits sind Regeln ohnehin da, um gebrochen zu werden. Ohne An-den-Lehrerinnen-vorbei-noch-zum- Feiern-in-andere-Zimmer-Schleichen ist’s ja fast gar keine richtige Klassenfahrt. Wir kriegen das schon hin. „Sorry for the inconvenience. And welcome to the city of everlasting rain!”, lacht der Mensch vom Empfang, bevor wir uns alle aufmachen, unser Gepäck in die uns zugewiesenen Zimmer zu bringen.

*

„Sag mal…Glaubst du das?“, sprudelt es aus mir heraus, als wir unsere Taschen in die Ecke des Hostelzimmers geworfen haben und uns auf dem Bett fläzen. „Was, dass es in London immer nur regnet? Ach, das ist nur so’n Klischee. Wie, dass es in Hamburg immer regnet“, meint Kevin. Dann überlegt er einen Moment und setzt hinzu: „Wobei es bisher tatsächlich jedes Mal geregnet hat, wenn ich in Hamburg war.“ Ich verdrehe die Augen. Redet er jetzt ernsthaft übers Wetter? „Nee. Dass ich schwul bin.“ Kevin schaut mir ins Gesicht, aufmerksam, vielleicht eine Spur überrascht, aber nicht ablehnend. Nicht, als würde er denken, dass ich kaputt bin oder falsch. Mir fällt ein Stein vom Herzen. „Genau genommen kannst das ja nur du selbst wissen“, sagt er dann, gerade rechtzeitig, bevor sein auf mir ruhender Blick mir unangenehm werden könnte, „Denkst du, dass du schwul bist? Also…naja, du weißt schon. Stehst du auf Jungs?“ Irgendwo in mir knallt der Stein, der mir gerade vom Herzen gefallen ist, hart auf den Boden der Realität. Klar, was soll er auch sonst fragen. Außer genau dieser Frage, die ich nicht beantworten kann, nicht wirklich jedenfalls. „Ich…“ Komm schon, denke ich, Kevin ist dein bester Freund! Wer wenn nicht ihm solltest du sagen, was du fühlst? Oder besser gesagt nicht fühlst? „Ich…“ Erneut stocke ich. Dann atme ich tief durch und kann mich tatsächlich dazu bringen, zu sagen: „Weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich diese Elisa, die alle so toll fanden, garantiert nicht anrufen werde. Sie interessiert mich einfach null. Eigentlich hat mich noch nie irgendein Mädchen ernsthaft interessiert.“ „Kann ja noch kommen“, meint Kevin vorsichtig. „Muss natürlich nicht“, setzt er dann schnell hinzu. „Also, kann schon sein, dass du schwul bist. Das kann ich dir nicht sagen. Aber wenn Johannes das nächste Mal Sprüche reißt, kriegt er auf’s Maul!“ Ich lache. „Danke, Alter.“ „Dafür sind Freunde doch da“, sagt Kevin und boxt mir freundschaftlich gegen die Schulter. Dann schaut er auf die Uhr, die zwischen den Betten an der Wand hängt. „Verdammt, jetzt sollten wir uns aber echt beeilen. Sonst kommen wir zu spät zum Abendessen!“

Zu Teil 2 der Geschichte
Zu Teil 3 der Geschichte

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