Kummerkastenantwort 6317: Mein Kind ist nicht-binär, aber mir fallen Neopronomen schwer. Kann ich verlangen, dass alle Personen jetzt ihre Sprache ändern?
Hallo. Ich schreibe hier als Mutter eines nicht- binären Kindes. Ich bin noch ziemlich neu in der ganzen Thematik (darf man das so überhaupt schreiben?) und gebe mir wirklich Mühe. Mein Kind ist mir sehr wichtig und ich will es nicht enttäuschen und unterstützen!
Allerdings fällt es mir schwer diese Neopronomen zu benutzen.
Nein Kind (männlich geboren,15 Jahre alt) hat sich vor einiger Zeit bei uns geoutet. Natürlich wollen wir them(ist das richtig?) unterstützen und sagen auch schon den neuen Namen. Das mit den Pronomen bekomme ich aber einfach nicht hin.
Es hört sich so künstlich an.
Ich mache mir viele Gedanken. Unter anderem etwas provokativ gefragt: kann man verlangen, dass alle Menschen um einen herum ihre Sprache ändern, obwohl sie sich überhaupt nicht damit wohl fühlen?
Oder muss man nicht auch tolerant den nicht- queeren Menschen gegenüber sein? Ich meine das in keinster Weise böse und möchte nicht anecken. Das ist wirkliche eine der vielen Fragen, die ich mir stelle….
Mein Kind fühlt sich mit „er“ nicht mehr wohl. Das verstehe ich. Es sagt es fühle sich an manchen Tagen weiblich, an manchen männlich. Ich denke für mich wäre es einfacher , eben an machen Tagen „sie“, an manchen Tagen „er“ zu sagen. Und auch das Umfeld hat wirklich große Schwierigkeiten damit und ich merke, dass sie es teilweise schon gar nicht mehr anreden, aus Angst etwas falsch zu machen.
Ich will mein Kind beschützen und eine Lösung finden, mit der alle gut umgehen können.
Also meine Frage:
Muss Toleranz nicht in beide Richtungen funktionieren? Habt ihr Ideen oder Gedanken dazu?
Viele Grüße, eine verzweifelte Mutter.
Hallo!
Es ist schön, dass du dein Kind unterstützen willst! Wir haben vor einiger Zeit eine extra Broschüre für Eltern von nicht-binären Kindern veröffentlicht, hast du da schon rein geschaut?
Meiner Erfahrung nach ist das mit den Pronomen einfach Übungssache. Das heißt, je öfter ihr Neopronomen benutzt und es übt (z. B. durch das Schauen von Serien oder das Lesen von Büchern mit nicht-binären Charakteren, die kann man auch selbst abändern), desto einfacher wird es euch mit der Zeit fallen. Wenn ihr euch fragt, wie manche Neopronomen funktionieren, kannst du bei uns im Pronomen-Kleiderschrank vorbeischauen.
Du fragst, ob man verlangen kann, dass alle Leute ihre Sprache ändern. Natürlich kann man niemanden dazu zwingen, seine Sprache zu ändern. Ich würde aber sagen: Seine eigene Sprache zu ändern, um besser für sein Kind dazusein und dessen Identität zu respektieren, gehört für mich dazu, verantwortungsvolles Elternteil zu sein. Meistens geht es ja nicht darum, von Anfang an alles perfekt und niemals Fehler zu machen, sondern darum, dass bemerkbar ist, dass man sich bemüht und sich korrigiert, wenn doch der falsche Name rausrutscht oder das Pronomen nicht korrekt angewendet wird. Daran, gemeinsam zu lernen, könnt ihr wachsen. Und: Namensänderungen sind gesellschaftlich ja auch ein Ding, wenn Menschen heiraten. Da stellt sich niemand an, den neuen Nachnamen zu lernen.
Es klingt für mich, als hast du insgesamt viele Fragen zur Identität deines Kindes und zu Transitionsmöglichkeiten. Du findest z. B. beim Trans Kinder Netz Informationen und Austauschmöglichkeiten. Wichtig ist nämlich, dass du dich auch unabhängig von deinem Kind informierst und dass dein Kind nicht alleine alle Aufklärung übernehmen und sich immer wieder erklären muss.
Du schreibst ja auch, dass du dein Kind beschützen willst. Dein Kind ist am besten beschützt, wenn es weiß, dass die eigene Mutter an dessen Seite steht und es bedingungslos liebt und unterstützt, auch wenn sie manche Sachen nicht unbedingt sofort versteht oder selbst nachvollziehen kann. Nur dann kann es sich nämlich vertrauensvoll an dich als Erwachsene wenden und muss nicht mit schwierigen Situationen, die es erlebt, alleine umgehen. Die Welt ist schon diskriminerend genug für trans und nicht-binäre Kinder, wenn sie wenigstens ein verständnisvolles und lernbereites Elternhaus haben, macht sie das stark, mit allen Herausforderungen umzugehen.
Ich wünsche dir und deinem Kind alles Gute!
Viele Grüße
Hannah

