„Pillow Talk. Wie du wirklich guten Sex hast und sagst, was dir gefällt“ – eine Rezension
CN: In dieser Rezension werden übergriffiges Verhalten und Grenzverletzungen erwähnt.

Diese Rezension kommt von unserem Teammitglied Hannah.
Das Buch “Pillow Talk”, geschrieben von Leonie Lippl, beschreibt sich als “Pleasure Guide für den Sex, den du dir wünschst”. Als Paperback ist es für 17,00€ und als e-Book für 14,99€ erhältlich. Wir danken dem KiwiSpace Verlag für die Bereitstellung eines kostenlosen Rezensionsexemplars!
Die Autorin Leonie Lippl kennt ihr vielleicht unter @itsleonieida aus den sozialen Medien. Sie ist Sexualberaterin und hat sich in diesem Buch zum Ziel gesetzt, auf insgesamt 268 Seiten (inkl. Anhang) mit Mythen rund um Beziehungen und Sex aufzuräumen. Das Buch ist in drei Überkapitel gegliedert: In Kapitel 1 “Was muss ich für guten Sex mitbringen?” geht es um die Beziehung zu sich selbst, eigene Grenzen und Safer Sex. Kapitel 2 “Guter Sex mit dir und anderen” beschreibt Praktiken der Selbstbefriedigung und Sexpraktiken, die mit anderen Personen umgesetzt werden können. Kapitel 3 “Wenn Sex mal nicht so ist, wie er sein sollte” thematisiert verschiedene Probleme beim Sex und im Umgang mit Sexpartner*innen. Weiterführende Anlaufstellen und ein ausführliches Quellenverzeichnis runden das Buch ab.
Was mir gut gefallen hat:
Das Buch hat an vielen Stellen kleine “Pro-Tipp” Kästen, in denen es zusätzliche Tipps, Übungen oder Fragen für die Leser*innen gibt. Das finde ich super, weil es dabei helfen kann, das Gelesene auf sich selbst anzuwenden und mehr über sich selbst herauszufinden. Vielleicht wäre am Ende eine Zusammenfassung oder ein Verzeichnis aller dieser Kästchen hilfreich gewesen, damit man nicht im Buch blättern und suchen muss, wenn man die einzelnen Übungen nach dem Lesen anwenden möchte.
Mir gefiel insgesamt der Ton des Buchs, weil ich nicht das Gefühl hatte, hier wird toxische Positivität vermarktet und alles in den Himmel gelobt, sondern die Autorin sich ernsthaft damit auseinandersetzt, dass der Weg zur Selbstakzeptanz für viele Leute schwierig sein kann. Dass der Unterschied zwischen Body Positivity und Body Neutrality erklärt wird und es auch ein Ziel sein kann, sich nicht immer super toll finden zu müssen, sondern den eigenen Körper neutral so zu akzeptieren, wie er ist, finde ich ziemlich hilfreich. Mir gefiel auch, dass negative Emotionen z. B. nach dem Sex in dem Buch ihren Platz finden und eingeordnet werden. Auch finde ich wichtig, dass Endometriose und Adenomyose erwähnt werden und erklärt wird, dass sie Gründe für Schmerzen (nicht nur beim Sex) sein können und dass Menschen es verdienen, im medizinischen Bereich ernst genommen zu werden. Das kann helfen, besonders jungen Leser*innen die Idee zu vermitteln, dass starke Schmerzen eben nicht normal sind und sie es verdienen, Hilfe zu bekommen.
Außerdem fand ich sehr wichtig, dass relativ am Anfang bei der Thematisierung der eigenen Grenzen sehr klar eingeordnet wird, dass die Verantwortung für Grenzüberschreitungen nicht bei der Person liegt, deren Grenzen überschritten wurden. Sowas kann schnell verloren gehen, wenn über das Setzen eigener Grenzen gesprochen wird, an der Solidarität mit Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, sollte aber nie gespart werden. Was ich mir dazu noch gewünscht hätte: Es gibt einige Formulierungsvorschläge, wie man eigene Wünsche bei Sexpartner*innen anbringt. Formulierungsvorschläge, wenn der*die Partner*in eben nicht positiv auf die eigenen Bedürfnisse und Äußerungen reagiert, wären zusätzlich hilfreich gewesen.
Insgesamt hat mir gefallen, dass die Autorin sich mit wissenschaftlicher Literatur zu den verschiedenen Themenfeldern auseinandergesetzt hat und diese auch nachvollziehbar zitiert. Dabei schafft sie einen guten Transfer in Sprache, die auch Leser*innen ohne wissenschaftlichen Hintergrund gut abholen sollte.
Was mir weniger gut gefallen hat:
Die Struktur des Buchs fand ich an einigen Stellen nicht so ganz nachvollziehbar und es gibt einige Themensprünge. Am Anfang ging es z. B. erst darum, warum Selbstakzeptanz wichtig ist, und dann plötzlich doch darum, wie Erregung eigentlich funktioniert. Im Unterkapitel zu Masturbation ändert sich die Struktur, sodass nummerierte Mythen eingeordnet werden. Im Kapitel zur Menstruation gibt es dann nochmal eine Aufklärung von Mythen, diese sind aber nicht nummeriert. Das fand ich ein bisschen verwirrend. Die Kapitel fangen teilweise auch mit längeren Beschreibungen von Serien bzw. einzelnen Szenen aus bestimmten Serien an. Ich verstehe, dass Popkultur eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft spielt und auch unsere Vorstellung von Sex prägt. Für Personen, die die jeweilige Serie gesehen haben, wirkten die Beschreibungen mir jedoch zu ausführlich. Für Personen, die die jeweilige Serie nicht kannten, war die Beschreibung eher zu kurz, um klar zu verstehen, welcher Punkt durch die Erwähnung gemacht werden sollte. Irgendwie verlieren dabei also alle Beteiligten.
An manchen Stellen sind die Aussagen im Buch nicht konsistent und widersprechen anderen Aussagen im Buch. Zum Beispiel erklärt die Autorin, dass sie mit dem Stigma rund um sexuell übertragbare Informationen brechen möchte, endet das Kapitel dann aber mit “Gibt es etwas, was weniger sexy ist, als eine unbehandelte Rachen-Gonorrhoe?” (S.61). Das finde ich ziemlich uncool. Genauso verspricht sie Leser*innen, dass sie durch Masturbation nicht blind werden (S.77). Das stimmt so natürlich, hätte man aber weniger ableistisch formulieren können. Genauso der alternative Erklärungsversuch für Menschen, die positiv auf eine sexuell übertragbare Infektion getestet wurden: “Du hast einfach ein funktionierendes Immunsystem, das manchmal Besuch bekommt” (S.56). Ich bin nicht medizinisch ausgebildet, weiß aber, dass es durchaus Personen gibt, deren Immunsystem eben nicht gut funktioniert bzw. dass eine Infektion mit HIV unbehandelt ein Problem für das menschliche Immunsystem darstellen kann. Und die im Buch verlinkte Spotify Playlist, die als Lieder zur Selbstbefriedigung angekündigt war, trägt verwirrenderweise den Titel “Songs to heavily make out to”.
An anderen Stellen werden Biases der Autorin sichtbar. Zum Beispiel stellt sie es als überraschend dar, dass der BMI nicht in direkter Verbindung mit der Zufriedenheit mit dem eigenen Sexleben steht (S.17), als könnten dicke Menschen kein erfülltes Sexleben haben. Zumindest zu Beginn ist das Buch auch relativ allonormativ formuliert, weil angenommen wird, dass Leser*innen auf jeden Fall eine Art der Erregung verspüren. Und die Antwort “Ja Kevin” (S.50) auf den Einwand, dass die Kondomnutzung das Gefühl beim Sex verringert, bedient sich für ein bisschen Humor Klischees in Bezug auf soziales Milieu und Bildungsherkunft, die so einfach nicht nötig wären.
Insgesamt ist das Buch ziemlich binär gehalten, gendert zwar inklusiv mit dem Doppelpunkt (so inklusiv der Doppelpunkt als Sonderzeichen eben ist), bleibt aber an vielen Punkten in binärer Sprache. Es gibt keine Einordnung dessen, dass die zitierten Statistiken binär angelegt sind und dass das ein Problem für die Repräsentation von queeren Personen in der Wissenschaft ist. Die Sexpraktiken sind zwar weitestgehend nach Genitalien aufgeteilt und nicht nach angenommenem Geschlecht der Person, queere Menschen und ihre Bedürfnisse werden jedoch nicht explizit thematisiert, obwohl es sich angeboten hätte, bspw. darüber zu schreiben, dass sich Genitalien und sexuelle Bedürfnisse in Transitionsprozessen verändern können. Wenn ihr auf der Suche nach Informationen zum Thema Safer Sex für queere Personen seid, hilft euch vielleicht unsere Safer Sex Broschüre etwas weiter.
Was ich mir gewünscht hätte:
In einem Buch, das sich unter anderem mit Grenzüberschreitungen beschäftigt, hätte ich mir auf jeden Fall Content Notes zu den einzelnen Kapiteln gewünscht. Außerdem hätte ich mir eine Auseinandersetzung damit gewünscht, was “sexuelle Funktion” wie sie bspw. in einigen Studien erhoben wird, überhaupt bedeutet und dass es sehr individuell sein kann, woran Menschen festmachen, ob sie zufrieden mit ihrem Sexleben sind. Ich war überrascht, dass das Kapitel zu Schmerzen beim Sex sich nur auf Menschen mit Vulva/Vagina bezieht und Schmerzen bei Menschen mit Penis und Hoden gar nicht erwähnt werden. Wahrscheinlich betrifft es zahlenmäßig viel häufiger Menschen mit Vulva/Vagina, ich weiß aber, dass Personen mit Penis/Hoden durchaus auch Schmerzen beim Sex erleben können. Hier hätte ich mir gewünscht, dass das auch Berücksichtigung findet. Die Autorin widmet außerdem Gleitgel viel Platz in ihrem Buch, dazu hätte ich mir den Hinweis gewünscht, dass Gleitgel oft tierische Inhaltsstoffe hat und nicht immer vegan ist, denn das wissen viele Leute nicht.
Eine der im Buch genannten Quellen ist ein Buch von Naomi Wolf, bei der ich beiläufig herausgefunden habe, dass sie unter anderem Verschwörungstheoretikerin ist und ziemlich schwierige Sachen behauptet hat. Ich finde es okay, ihr Werk zu zitieren, sofern es tatsächlich zentral für das Themengebiet ist. Was ich mir aber gewünscht hätte: Die Zitation nur in Kombination mit einer kritischen Einordnung der Person und ihren sonstigen Äußerungen. Insgesamt hätte ich mir an einigen Stellen mehr Einheitlichkeit und Sorgfalt gewünscht, bspw. wird das englische Wort “Consent” genutzt, dann wird “Konsens” genutzt und dann “Consens” und die Prozentrechnung zu den Nervenenden der Klitoris geht nicht auf (S.112).
Asexualität wird im Buch auf S.217 erwähnt und das Buch “Kein Bock Club” von Maria Popov wird empfohlen. Dass Asexualität erwähnt wird, finde ich gut. Ich hätte es mir aber an einer früheren Stelle im Buch gewünscht, denn so verbringen asexuelle Personen potenziell 216 Seiten mit der Frage, was bei ihnen falsch ist, wenn es ihnen anders geht als im Buch beschrieben, bis sie lernen, dass es Asexualität gibt und das völlig in Ordnung ist.
Fazit:
Ich hatte eine okaye Zeit beim Lesen, auch wenn ich “Pillow Talk” an einigen Stellen etwas langatmig und inhaltlich wiederholend fand. To Do Listen werden wirklich oft erwähnt und ich glaube man kann schnell Gefahr laufen, die Inhalte des Buchs auch wie eine To Do Liste abzuarbeiten und sich so besseren Sex herbeizuwünschen, auch wenn das ein bisschen vorbei an der eigentlichen Message des Buchs ist, sich Zeit zu nehmen, aufeinander einzugehen und Raum für Kommunikation zu schaffen. Ich wünsche den Leser*innen, dass sie aus dem Buch etwas mitnehmen können und dass es vielleicht ein erster Schritt zur Selbstermutigung sein kann, die eigenen Bedürfnisse etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.


