“Queere Kinder. Eine Orientierungshilfe für Familien von LGBTQIA*-Kindern und Jugendlichen” – Eine Rezension

von unserem Team-Mitglied Annika

Worum gehts?

Mit ihrem Ratgeber wollen die Autorinnen Eltern von queeren Kindern und Jugendlichen zur Seite stehen, überforderten Eltern Orientierung geben, Informationen vermitteln, Fragen klären, Ängste nehmen und Tipps geben. Die eine Autorin, Verena Carl, ist selbst Mutter eines queeren Kinds und schreibt daher aus ‘Betroffenen-Perspektive’. Die andere Autorin, Christiane Kolb, steuert als Beraterin und Sexualwissenschaftlerin Impulse aus der Wissenschaft und der Beratung bei. Allerdings sind beide Autorinnen cis und heterosexuell, haben also keine Erfahrung darin, was es bedeutet, sich zu outen oder Marginalisierung aufgrund der Geschlechtsmodalität, der sexuellen Orientierung etc. zu erleben. So richtig reflektiert wurde das von den Autorinnen leider nicht – und immer wieder tappen sie in die Falle, dass ihr eigenes Erleben (z. B. als cis hetero Elternteil eines queeren Kinds) exemplarisch für das Erleben aller Eltern oder Menschen steht. Das ist aber natürlich Unfug.

Während ein solches Buch dringend gebraucht wird, und die Autorinnen an manchen Stellen auch gute Impulse setzen, sind wir leider von diesem Buch gar nicht begeistert.

Welche Inhalte hat das Buch?

So viel vorneweg: Die Gliederung des Buchs macht nicht besonders viel Sinn. Im ersten Teil geht es um “Seele, Pubertät und die sexuelle Entwicklung” – darin gibt es u. a. ein (nicht besonders gutes) Glossar (s. u.), Informationen dazu, wie viele Menschen eigentlich queer sind und zur psychosexuellen Entwicklung von jungen Menschen und um innere Widerstände bei Eltern (“ich bin nicht homophob, ich fremdle nur”). Der zweite Teil heißt “Körper, Geschlecht und sexuelle Vielfalt” und es geht (logischerweise) darum, welche Gefühle ein Coming Out bei Eltern auslöst, um das Homo-Gen und Halbwissen zu Transgeschlechtlichkeit. Im dritten Teil (“Queere Kinder und die Gesellschaft in Wandel und Widerstand”) gibt es Lifehacks für das Leben mit queeren Kindern und eine Übersicht über die sich verändernde Gesetzeslage zu sexueller, romantischer und geschlechtlicher Vielfalt (in der es dann plötzlich um die Erfindung der Regenbogenfahne geht).

Eine Sortierung nach Basis-Informationen zu sexueller, romantischer und geschlechtlicher Vielfalt, zur psychosozialen Lage queerer Kinder und Jugendlicher, Hilfestellungen zum Coming Out und spezifische Informationen zur Unterstützung von z. B. trans Jugendlichen wäre aus meiner Sicht logischer gewesen. So wechselt das Buch ständig zwischen verschiedenen Themen, Fragen und emotionalen Tonlagen (mal “neutrale” Informationen, mal Ratgeber, mal eher Ethnographie, z. B. begleiten wir eine der Autorinnen im Stil einer Reportage zu einer Therapiesitzung) – und oft wiederholen sich auch Themen.

Was ist gut?

Die Autorinnen reproduzieren zwar immer wieder problematische Formulierungen und Argumente, wie z. B. dass trans Sein ein Trend sei, stellen sich aber entschieden gegen TERF-Argumente.

In verschiedenen Kästen geben die Autorinnen Tipps für Reflexion und für Gespräche. Diese sind (meistens!) hilfreich und enthalten gute Ansätze, z.B. in mit Fragen, mit denen Eltern die eigene geschlechtliche und sexuelle Sozialisation reflektieren können oder Tipps zur emotionalen Selbstsorge für Eltern. Auch die Tipps zur Unterstützung eines äußeren Coming Outs eines Kinds in der Familie etc. sind nicht schlecht.

Es gibt einen ausführlichen Teil, in dem beschrieben wird, welche medizinischen Maßnahmen für trans Jugendliche möglich sind, d. h. es wird über Pubertätsblockierende Medikamente und über die Möglichkeiten von z. B. Mastektomien (und auch, in welchem Alter und unter welchen Voraussetzungen überhaupt Mastektomien bei Minderjährigen durchgeführt werden) aufgeklärt. Der Teil war nicht perfekt, aber er war schon mal eine gute Übersicht.

Was ist nicht so gut?

Meiner Meinung nach hätten die Erfahrungen junger queerer Menschen im Fokus stehen müssen und was sie sich von ihren Eltern, Sorgeberechtigten und Bezugspersonen vor, während und nach ihrem Coming Out wünschen. Ihre Perspektiven kommen zwar punktuell vor, nehmen aber vergleichsweise wenig Raum ein.

Im Buch wurde auf geschlechtergerechte Sprache geachtet – leider aber nicht durchgehend. Immer wieder finden sich auch Formulierungen, in denen nicht-binäre, trans und inter* Menschen unsichtbar gemacht werden. Dazu kommen immer und immer wieder Formulierungen und Definitionen für Queer-Sein, die mindestens cringe sind – und manchmal auch völlig daneben. Eine Liste dieser Formulierungen habe ich während des Lesens immer wieder geführt, um klarzukommen. Hinzu kommt immer wieder ein jovialer, flapsiger, umgangssprachlicher Ton, der meinen Lesefluss immer wieder unterbrochen hat und der teilweise unangebracht und seltsam wirkte. Dazu zählten auch das ethnographische Geplänkel und die offensichtlichen Füller-Abschnitte, die häufig auftauchen.

Das Thema romantische Orientierung – und damit auch Aromantik – fehlt völlig. Asexualität wird zwar im Glossar-Teil erwähnt, zur spezifischen Situation asexueller junger Menschen gibt es keine Informationen. Auch Intergeschlechtlichkeit wird erwähnt, die spezifische Situation von inter* Kindern wird aber eigentlich nicht mitgedacht. Das Konzept sexueller, romantischer und geschlechtlicher Vielfalt wird nicht erwähnt, obwohl es in der Arbeit mit jungen Menschen so hilfreich und wichtig ist. Auch Unterschiede zwischen Identität, Labeln, gelebter Praxis etc. werden nicht wirklich ausbuchstabiert. Heteronormativität als Struktur, die queere Menschen marginalisiert, wird ebenfalls keiner expliziten Analyse unterzogen. Auch andere Perspektiven fehlen, z. B. die von queeren Eltern queerer Kinder. Oder von Millenial-Eltern, die ggf. ein Coming Out ihres Kinds ganz normal finden (s.u.)

Immer wieder wird auf Ängste, Zweifel und kritische Fragen von Eltern eingegangen, wie z. B., dass queer zu sein ja nur ein Trend unter jungen Menschen sei. Wirklich kompetent aufgefangen und entkräftigt werden diese problematischen Fragen und Thesen aber leider nicht – häufig heißt es “das lassen wir jetzt mal so stehen” (S.41), in der Hoffnung, das der Rest des Buches für sich spricht.

Was ist ganz furchtbar?

Zuerst einmal hat mich das Framing in diesem Ratgeber schockiert: Wenn ein Kind sich als queer outet, dann sei das für die Eltern gewöhnungsbedürftig, herausfordernd und belastend. Das Buch lässt keine andere emotionale Reaktion von Eltern zu oder denkt andere Perspektiven mit. Als queere Person das Gefühl vermittelt zu bekommen (und es hier sogar schwarz auf weiß zu lesen), dass man gewöhnungsbedürftig, herausfordernd und belastend ist, ist nicht das, was ich mir von einem 2023 erschienenen Buch wünsche. Hier wird eine Defizitperspektive auf Queer-Sein festgeschrieben. Außerdem wird immer wieder vermittelt, dass Queer-Sein heißt, unglücklich und depressiv zu sein. Einmal wird zum Beispiel Queer-Sein mit Missbrauchserfahrungen gleichgesetzt. Von den unzählbaren Formulierungen, in denen queere Menschen als “anders” bezeichnet, also geothert werden, will ich gar nicht erst anfangen.

In diesem Buch wird an keiner Stelle wirklich darauf eingegangen, was es für einen jungen Menschen bedeutet, festzustellen, queer zu sein, welche Anspannung ein Coming Out bedeutet, wie abhängig queere Kinder und Jugendliche von den Reaktionen ihrer Eltern & Erziehungsberechtigten sind, welche Angst sie haben etc. Wer lesen möchte, was ein Coming Out auch heute noch für queere junge Menschen bedeutet, kann sich mal in unserem Kummerkasten umschauen, wo wir täglich entsprechende Nachrichten beantworten.

Mein größtes Problem mit diesem Buch: Es rät an keiner Stelle, weder explizit, noch implizit, zu einem affirmativen Umgang mit jungen queeren Menschen. Zugegebenermaßen wurde mir das nicht versprochen (es steht ja auch nicht im Titel) – zentral gewesen wäre es aber trotzdem. So heißt es beispielsweise auf Seite 61:

Es macht einen Unterschied, ob ein Kind zu Anfang der Pubertät ohne Erfahrung mit Begehren und Verliebtheit provokant behauptet: “Ich bin bi” (was trotzdem wahr sein kann), oder ob ein*e Jugendliche*r nach einer langen Zeit mit depressiver Verstimmung, Rückzug und geschlechtlich indifferemtem Style einen neuen Umgang mit andersgeschlechtlichem Vornamen fordert.

Ich beschränke mich nun auf fünf problematische Aspekte in diesem Satz – sonst wird dieser Blogpost unlesbar lang. Erstens: Eine Depression ist keine Voraussetzung um (wirklich) queer zu sein. Queere Menschen dürfen auch psychisch gesund sein (und sind es sogar manchmal tatsächlich!). Und: Wahrheit bemisst sich nicht daran, wie sehr eine Person leidet. Zweitens: Inwiefern Eltern einschätzen können sollen, ob ein*e Jugendliche*r bereits Erfahrungen mit Begehren und Verliebtheit gemacht hat – gerade wenn es um stigmatisiertes Begehren geht, ist mir schleierhaft. Drittens: Dass Bisexualität hier mit Lügen und Täuschung in Verbindung gebracht wird, sowie damit, dass sich diese sexuelle Orientierung sicherlich noch mal ändern wird, reproduziert bifeindliche Stereotype. Viertens: Ja, manchmal ändern sich Label nach einem Coming Out. Das gilt aber erstens nicht nur für junge Menschen und zweitens macht es das aktuelle Label nicht weniger wahr oder relevant. Fünftens: Die allermeisten Kinder und Jugendlichen outen sich nicht, um ihre Eltern zu provozieren und mal ein bisschen Stimmung am Küchentisch zu machen; die allermeisten Kinder und Jugendlichen outen sich nach Wochen, oft Monaten, manchmal Jahren von Zweifeln, Fragen und Angst. Sie sind auf eine fast unbeschreibliche Weise emotional, finanziell, rechtlich etc. von ihren Erziehungsberechtigten abhängig und wissen das auch sehr genau. Wer glaubt, dass Jugendliche sich mal ein bisschen als bi outen, weil sie es lustig finden und den Ernst der Lage bezweifelt, dem kann ich auch nicht mehr helfen.

An keiner Stelle ist der zentrale Tipp für den Umgang mit dem Coming Out einer jungen Person, sie ernstzunehmen, sie zu affirmieren und zu unterstützen, stattdessen sollen Eltern u. a. “erst mal abwarten”, “zulassen” dass ihr Kind queer ist, “beobachten” und “langfristig schauen” (S.61-62). Fast schon obsessiv geht es für die Autorinnen darum, herauszufinden, ob ein Kind wirklich queer ist (und das nicht nur einfach behauptet) – statt queere Jugendliche ernstzunehmen, wenn sie Selbstaussagen treffen.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Autorinnen keine Expertinnen zu sexueller, romantischer und geschlechtlicher Vielfalt sind und sich nicht weit genug in das Thema eingearbeitet haben, um kompetente Aussagen zu treffen. So werden beispielsweise trans Personen in diesem Buch immer mal wieder gedeadnamed und misgendert. Oder es wird behauptet, Eltern lesbischer und schwuler Jugendlicher müssten sich um Teenager-Schwangerschaften keine Sorgen machen (S.116). Tatsächlich könnten erstens schwule und lesbische Jugendliche auch Menschen daten, mit denen eine Schwangerschaft entstehen kann – und tatsächlich ist zumindest in den USA die Rate von Teenage-Schwangerschaften unter lesbischen Jugendlichen höher als unter heterosexuellen. Wieso hier keine Expert*innen zu sexueller, romantischer und geschlechtlicher Vielfalt und/oder queere Menschen mit eigenem Erleben von Heteronormativität, Marginalisierung und Coming Out eingebunden wurden, ist mir völlig schleierhaft. Das Glossar, das am Anfang des Buches steht, ist beispielsweise an sehr vielen Stellen falsch und/oder problematisch – u. a. lernen wir, dass nicht-binäre Menschen cis seien, dass allen Menschen wichtig sei, einen eindeutigen Geschlechtsausdruck zu haben und dass Neopronomen gewöhnungsbedürftig sind. Wer dagegen eingebunden wurde: viele, viele Ärzt*innen. Wieso deren Meinungen so wichtig für die Eltern queerer Kinder ist, bleibt relativ unklar. Hier wurde also auf ‘professionelle’ Expertise von Ärzt*innen, die an problematischen Bildern zu Transgeschlechtlichkeit festhalten, gebaut, statt auf die gelebten Erfahrungen und das eigene Wissen queerer Personen.Sozialwissenschaftler*innen, zum Beispiel aus der Geschlechterforschung und der Soziologie wurden für das Buch kaum bzw. nicht befragt – die hätten aber durchaus einige Fehler ausbügeln können.

Fazit

Eigentlich wäre es sehr, sehr wichtig, dass es ein solches Buch gibt. Aber: Wenn schon, dann muss das auch eine gute Ressource sein, die queere Kinder und Jugendliche ernst nimmt und affirmiert. Das ist hier leider nicht der Fall, weswegen wir das Buch leider nicht empfehlen können.

Falls ihr kompetente Informationen zu sexueller, romantischer und geschlechtlicher Vielfalt sucht, werdet ihr auf unserer Seite fündig! Wir arbeiten aktuell auch an mehr Informationen für Eltern, Erziehungsberechtigte und Pädagog*innen zum kompetenten Umgang mit queeren jungen Menschen.

Zur Transparenz: Uns wurde vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zugesendet.

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