So fanden wir Leslie Feinbergs Buch “Stone Butch Blues”

TW: Hier wird unter anderem Corona, Polizeigewalt, sexualisierte Gewalt, Suizid und verschiedene Diskriminierung erwähnt. Nichts davon wird im Detail behandelt.

 

Vor einer Weile habe ich hier im Blog darüber geschrieben, wie wichtig es ist, viele verschiedene Bücher von trans und queeren Menschen zu lesen – damit deutlich wird, wie vielfältig unsere Community und die Menschen darin sind. Wir haben euch daraufhin auf Instagram nach Tipps für eure queeren Lieblingsbücher gefragt (schaut mal in unseren Highlights vorbei). Dort hat uns auch jemensch Stone Butch Blues von Leslie Feinberg vorgeschlagen.

Dieses Buch steht schon ganz lange auf meiner Leseliste. Ich habe es vor Jahren geschenkt bekommen und hatte immer den Eindruck, dass es zum guten queer_feministischen Ton gehört, das mal gelesen zu haben. Und da es zurzeit ohnehin nicht viel zu tun gibt, war das ein guter Zeitpunkt, um meine Liste langsam abzuarbeiten. Stone Butch Blues wanderte also auf meinen Corona-Lesestapel, und nachdem ich dann ein anderes fertiggelesen hatte (Call Down The Hawk von Maggie Stiefvater, ein sehr gutes, queeres Fantasy-Jugendbuch – schreibt uns, wenn ihr dazu eine Rezension wollt!), machte ich mich an Leslie Feinbergs Klassiker.

Dieses Buch hat mich absolut überrascht und ich hatte nicht damit gerechnet, dass es mich so packen und so direkt zu mir sprechen würde.

Worum geht es in Stone Butch Blues?

In diesem fiktiven (aber biographisch beeinflussten) Buch geht es um Jess Goldberg, eine Butch in der Arbeiter*innenstadt Buffalo im amerikanischen Bundesstaat New York. Das Buch begleitet Jess durch ihre Kindheit und Jugend in den 1940ern und 50ern, durch ihre Erfahrungen in der queeren Barszene ihrer Umgebung, durch Freundschaften, Liebschaften und Beziehungen, durch eine begonnene und Jahre später abgebrochene Hormontherapie mit Testosteron und eine Operation zur Brustabnahme, bis hin zu einem Umzug nach New York City und einer aufblühenden Beziehung zwischen Jess und Ruth, einer trans Frau. Es geht da nicht nur um die Biografie einer Butch, sondern auch noch um ganz viel Anderes: Arbeiter*innenbewegungen in den 60er und 70er Jahren, Fragen nach Geschlecht, Geschlechterrollen und Feminismus, und das starke Bedürfnis nach Selbstbestimmung, Freiheit und Gemeinschaft.

Ich muss gleich vorneweg sagen: Dieses Buch ist brutal. Es geht – teilweise sehr detailliert – um Polizeigewalt, verbunden mit Sexismus, Transfeindlichkeit, Lesben- und Queerfeindlichkeit. Es geht um heftigen Missbrauch, sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung, Mord und Selbstmord. Das ist furchteinflößend, weil es – nicht nur fiktiv – so ein großer Bestandteil von queerer Geschichte ist. Ein anderes Thema, das sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, ist Einsamkeit. Jess fühlt sich den Großteil ihres Lebens lang isoliert, fehl am Platz und unverstanden – egal, ob in ihrer Familie, an ihren verschiedenen Arbeitsplätzen, in zahlreichen zwischenmenschlichen Beziehungen oder teilweise sogar in ihren eigenen Communities. Obwohl Jess immer nach körperlicher und emotionaler Nähe sucht, bleibt sie dennoch oft allein oder stößt an Mauern, die sie selbst oder andere um sich herum aufgebaut haben. Es ist nicht einfach, von so einer Einsamkeit und Isolation jetzt zu lesen, wo gerade physische Nähe ein Tabu geworden ist und wir alle darum kämpfen müssen, dass nicht auch die emotionale Nähe in unseren Beziehungen darunter leidet.

Und was habe ich daraus mitgenommen?

Aber trotz dieser schweren Themen hat mich dieses Buch nicht niedergeschlagen zurückgelassen. Ganz im Gegenteil: Stone Butch Blues hat mir ein tiefes Gefühl der Verbundenheit zu queerer Geschichte, queeren Communities und meinen eigenen Gedanken zu Sexualität und Geschlecht gegeben. In diesen Seiten stecken so viele wunderbare Charaktere: Butches, Femmes, Drag Queens, trans und nichtbinäre Charaktere und solche, die nicht wissen, wo sie stehen, bemerkenswerte Frauen, einfühlsame Männer, ein ganzes Spektrum von Menschen, die in ihrer Vielfalt und mit zahlreichen kleinen Details die Welt von Jess mit Leben füllen. Alle diese Charaktere sind zwar fiktional, aber sie geben trotzdem zahlreiche Einblicke in die wahren Lebensgeschichten von queeren Menschen in den 50ern bis frühen 90ern in den USA. Und sie alle und ihre Beziehungen zu Jess machen immer wieder deutlich: Wir finden Stärke in Gemeinschaft und Communities. Immer wieder tun sich im Laufe des Buches Charaktere zusammen und schließen Allianzen – sei es in organisierten Fabrikenstreiks, im Zusammenhalt zwischen Butches und Sexarbeiter*innen im Kampf gegen Polizeigewalt, oder in einzelnen Beziehungen zwischen queeren Menschen, die sich untereinander Halt und Kraft geben.

Dieses Buch ist fast so alt wie ich – 27 Jahre – und ich glaube, es hat uns immer noch sehr viel zu sagen. Vielleicht gerade jetzt, in einer Zeit, wo es darauf ankommt, dass wir Zusammenhalt suchen und einsamen Menschen in unseren Communities Rückendeckung geben.

Es ist ein Schatz für alle, die nicht wissen, wo sie hingehören, wer oder was sie sind, und die das zweigeteilte Geschlechtersystem mit ihrer bloßen Existenz zerschlagen. Stone Butch Blues gibt zwar vielleicht keine Antworten auf die Frage „Wer bin ich?“, aber sehr wohl auf „Wo gehöre ich hin?“. Jess gehört zu ihren Femme-Liebhaber*innen, zu ihren Butch-Freund*innen, zu den Fabrikarbeiter*innen, zu den Menschen, zu denen sie aufsieht, genauso wie zu denen, die zu ihr aufsehen. Und es macht verdammt viel Hoffnung zu sehen, wie ein Hauptcharakter, der immer an seinem Platz in der Welt zweifelt, so viel Raum, Stärke und Rückhalt findet.

Ich jedenfalls fühlte mich durch dieses Buch bestätigt, gesehen und aufgefangen. Und ich hoffe, dass vielleicht dier ein oder andere von euch sich an dieses Buch herantraut – und dass es euch auch so viel gibt wie mir.

Wer neugierig geworden ist: Stone Butch Blues gibt es in einer (recht guten) deutschen Übersetzung unter dem Titel „Träume in den erwachenden Morgen“ oder auf Englisch als kostenloses PDF auf Leslie Feinbergs Webseite zu haben.

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