Kummerkastenantwort 6.722 – Wie lerne ich, endlich stolz darauf zu sein, wer ich bin?

CN: SVV

 

Hi, ich bin mir nicht sicher, ob ich das hier her gehört, es hat nur teilweise etwas mit Queerness zu tun, aber ich weiß nicht, an wen ich mich sonst wenden soll. Und hier habe ich mich bisher immer verstanden und geholfen gefühlt.



Es ist etwa eineinhalb Jahre her, seit ich angefangen habe darüber nachzudenken, queer zu sein, beinahe ein Jahr, seit ich mehr oder weniger mein inneres ComingOut als queer hatte, einige Zeit danach als nonbinär. Ich hab mir in all der Zeit ziemlich hohe Mauern gebaut, habe versucht einfach so weiterzuleben wie vorher, während es mir in Wahrheit beschissen ging. Ich habe begonnen mich selbst zu verletzen, nicht oft und nicht tief, weil ich Angst hatte, die Maske könnte fallen, aber ja. Jetzt bin ich vor meinen Eltern als queer geoutet (das ich nonbinär ist, kann ich nicht ausprechen – nicht in real Life jedenfalls) , sie akzeptieren mich und trotzdem wechsle ich automatisch das Thema, wenn Queerness auftaucht, ich kann die hetero Maske irgendwie nicht senken. Ich hatte gehofft, mein Coming-Out würde all den Scheiß, der in dem Jahr passiert es beenden, aber natürlich hat es das nicht. Alle paar Wochen geht es mir nach wie vor nicht gut, mein Selbstwertgefühl ist extrem niedrig und ich habe große Angst vor der Zukunft. Ich habe so große Angst davor, das die AfD mächtiger wird, das ich nie so leben kann wie ich es möchte. Ich will nicht mein Leben lang dafür einstehen müssen, wer ich bin, wen ich liebe. Ich will einfach nur leben wie jeder andere normale Mensch auch, reisen wie jeder normale Mensch. Ich hasse mich dafür, das ich, egal was ich mir selbst immer wieder sage, am liebsten “normal“ wäre, ich will mich selbst dafür lieben, wer ich bin, stolz darauf sein, aber stattdessen hasse ich manchmal, queer zu sein. Und ich hasse mich dafür, das ich mich manchmal dafür hasse.



Sorry für die viel zu lange Nachricht… was ich eigentlich fragen möchte: Wie lerne ich, endlich stolz darauf zu sein, wer ich bin?



Danke,für dieses Angebot hier

Hallo!

Du bist nicht allein mit deinen Ängsten, Sorgen und Bedenken. Vielleicht hilft es dir, zu wissen, dass es dafür auch einen Begriff gibt: Internalisierte Homofeindlichkeit. Es kann ziemlich schwierig sein, stolz auf sich selbst zu sein, wenn man in einer heteronormativen Gesellschaft die ganze Zeit eingeredet bekommt, dass man nicht normal ist und eigentlich anders sein sollte. Das ist kein persönlicher Fehler von dir, sondern ein Erlebnis, das leider viele queere Menschen teilen. Vielleicht kann es dir helfen, dich mit anderen queeren Menschen auszutauschen, um zu sehen, dass du nicht allein bist, und zu sehen, was für Perspektiven es als queere Person im Leben gibt, das sind nämlich einige.
Ich würde dir auch dringend raten, dir professionelle Unterstützung zu suchen, grade wenn es dir mental schlecht geht und du dich selbst verletzt. Du solltest da nicht alleine durchmüssen. Du kannst z. B. auf Queermed nach einer sensibilisierten Praxis suchen. Vielleicht kannst du dir dafür auch Unterstützung bei deinen Eltern oder anderen vertrauenswürdigen Erwachsenen wie Schulsozialarbeiter*innen oder Vertrauenslehrkräften suchen. Ich wünsche dir alles Gute!

Viele Grüße
Hannah

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