Kummerkastenantwort 6547 – Ich überlege, ob ich trans männlich sein könnte
Liebes Queer Lexikonteam,
Ich bin AFAB und denke seit 6 Jahren darüber nach, ob ich trans männlich bin, hab aber immer mal wieder Zweifel. Daher Stelle ich euch meine Fragen, vielleicht könnt ihr ein paar davon beantworten?
Woher kommt mein Männlichkeitsgefühl bzw. die Verbundenheit mit dem männlichen Geschlecht (mental sowie mit dem männlichen Körper an sich)? Habe ich zu viele Merkmale, die man mit Männlichkeit assoziiert? Das Einzige was mir einfallen würde, wäre die Tatsache, dass ich recht still und in mich gekehrt war (obwohl das an sich auch nicht wirklich stimmt, im Kreis der Familie war ich das nicht wirklich). Ebenfalls hatte ich als Kind viel mehr Hobbies die man als typisch weiblich ansieht und mochte z.B. lieber Sachen machen, die man mit Weiblichkeit assoziiert hat (z.B. lange Haare, bestimmte Kleidung). Aber ich bin mir sicher, dass meine Bottomdysphorie hauptsächlich durch das Patriachat entstanden ist. Ich habe eine absoulte Abneigung wegen Vaginalverkehr und hätte lieber einen Penis (ein Strap-on reicht mir nicht, da mich das Gefühl stört, dass es ein Fremdkörper ist). Meine Brustdysphorie ist erst durch das Tragen eines Binders entstanden. Seitdem stört mich das Gefühl meiner Brust auf meinem Oberkörper, ich nehme sie bewusster wahr und möchte nicht mehr ohne Binder aus dem Haus, weil sie dann nicht flach ist und mich Menschen als männlich sehen würden. Hatte aber noch nie negative Erfahrungen wegen meiner „weiblichen Brust“ bzw. meinem weiblichen Körper machen müssen (kein Catcalling, Übergriffe oder sexuellen Missbrauch). Trotz dessen, dass ich meine Dysphorien aus anderen Ursprüngen herleiten könnte, ändert sich nichts an der Tatsache, dass ich eher das Gefühl habe, dass männliche Körpermerkmale (z.B. Penis, flache Brust) besser zu mir passen würden und kann kein wirkliches Zugehörigkeitsgefühl zu einem weiblichen Körper aufbauen bzw. mich damit vorstellen kann. Was soll ich tun?
LG Sam
Hi Sam,
Das sind alles sehr gute und wichtige Fragen und ich finde es super, dass du dich ausführlich damit beschäftigst. Die Sache ist aber: Wir können dir nicht sagen, woher deine Verbindung zu Männlichkeit bzw. dein Männlichkeitsgefühl herkommt. Das ist eher eine Frage, die du vielleicht in einer Therapie mal aufarbeiten kannst, wenn du das möchtest.
Zu deinen anderen Fragen: Diese Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften, Hobbies, Aussehen, Präferenzen etc. zu einem Geschlecht ist Quatsch. Du kannst ein Mann sein und lange Haare haben und rosa mögen und Kleider tragen und so weiter. Das hat alles nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Wenn du für dich findest, dass ‚männlich‘ das richtige Label für dich ist, dann ist das so – du musst das auch nicht mit deiner Vergangenheit beweisen oder so.
Und ja, das Patriarchat hat ganz schön krasse Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung von unseren eigenen Körpern. Das zu wissen und zu hinterfragen löst aber (leider) die Probleme auch nicht magisch. Du darfst Veränderungswünsche für deinen Körper haben und du darfst deinen Körper so gestalten, dass du dich darin und damit wohlfühlst.
Vielleicht gibt es ja in deiner Nähe eine trans Beratungsstelle, wo du dich zu verschiedenen Transitionsschritten beraten lassen kannst und mit anderen trans Leuten in Kontakt kommen kannst?
Viele liebe Grüße und Alles Gute,
Annika


