Kummerkasten Antwort 93 – Sind queere Menschen zu empfindlich?

Hallo,
ich würde meine Frage gerne an Hand eines Beispieles/ Phänomens herleiten:
Wenn (oft sehr deutlich/ plump bei Kindern zu sehen) Kinder aber auch generell einfach Menschen einem Menschen begegnen, z.B. einem Mann mit langen Haaren/ einer Frau mit kurzen Haaren/ etwaigen anderen konträren Ausprägungen von Größe, Muskel- Gesichtsstrukturen, generell ehr androgynen oder maskulinen Attributen aber halt beim “Gegenteil” fragen diese ja oft “Bist du ein Junge oder ein Mädchen?” Und Leute die solche Aussehenszüge haben wissen das ja auch meistens, dass so eine Frage mal kommen kann und können die dann auch einfach annehmen ohne sich da groß was bei zu denken.
Gerade im Internet aber auch generell rund um die LGBTQ Community und Gespräche zu dem Thema kommt es mir häufig auch so vor, als ob da eine solche “Leichtigkeit” ehr weniger präsentiert wird bzw. Leute da sehr hohe Maßstäbe und ein extrem überdurchschnittliches Maß an PC einfordern – was, und das möchte ich auch betont herausstellen, ja auch seine Richtigkeit und Wichtigkeit für die Ernsthaftigkeit des Themas in der Öffentlichkeit hat. Jedoch wirkt es auch sehr abschreckend für Außenstehende, da diese sich im zweifel erst Informieren müssen oder sich nie wirklich tief genug eingearbeitet fühlen was dann wieder zu Abgrenzung und Desinteresse bzw zu weniger Verständnis führt.
Ich selber beschäftige mich mit dem Thema, weil es mich interessiert und es im Umgang mit Menschen neue Möglichkeiten bietet, aber auch ich habe da Fragen die nicht immer klar zu beantworten sind oder Bereiche, in denen es extrem schwer fällt sich zu bewegen, wenn man “kein Teil” der Community (im Sinne von diese nicht zu Probleme kennen/ sich nicht QUER o.ä zu fühlen) ist.
Ihr als Anlaufpunkt im Internet für Leute mit Problemen aber auch als Informationsseite für Interessierte wie mich, wie würdet ihr das “Befinden der LSBAATIPQQ+ Community” in der aktuellen Gesellschaft einschätzen?
Und wie würdet ihr den Umgang aber auch die Empfindlichkeit seitens der LSBAATIPQQ+ Community wenn es um die richtige Anrede/ “Benennung” geht einschätzen (es gibt da ja auch ab und zu Leute die hier berichten, dass es sie stark kränkt nicht richtig benannt/ gegendert zu werden (Artikel etc)) und vielleicht könnt ihr mir und anderen erklären, warum es so wirkt, als wären da Leute so viel schneller gekränkt? Also klar, man hat es als Abweicher von der gesellschaftlichen Norm immer schwer und ich kann verstehen, dass man da entweder abstupft oder sehr empfindlich wird, aber wie ist das auch mit der Verhältnismäßigkeit aus eurer Sicht?
Kann und muss man erwarten dass alle so Tief drinnen im Thema sind sich da perfekt ausdrücken zu können und gerade bei Abstufungen die nicht auf den ersten Blick ersichtlich sind (wie Mann/Frau), warum scheint es da nicht diese Toleranz wie bei der kindlichen Frage “Bist du ein Junge oder ein Mädchen?”zu Geben, die oft ja einfach von nicht mehr Zeugt als Interesse, Unwissenheit aber auch einer aufgeschlossenen Naivität bzw. was ist der richtige Weg sich in solchen Communitys zu verhalten, zu fragen und was sind absolute NoGos die eine klare Grenze brechen und wirklich triggern oder auch, was sind Punkte, wo diese Toleranz existiert oder auch aus eurer Sicht existieren sollte?

Ich hoffe meine Frage wurde einigermaßen klar “:) wäre auf jeden Fall cool da einen Einblick zu bekommen

Hallo unbekannter Mensch,

vielen Dank für deine Frage – auch wenn sie kompliziert ist, finde ich es sehr wichtig, dass wir über dieses Thema reden, weil da immer wieder sehr viele Missverständnisse entstehen. Gehen wir also Schritt für Schritt diese Themen durch, die du anschneidest. Klare Grenzen oder NoGos können wir hier leider nicht bieten – die sind für alle Menschen unterschiedlich und wir können da nicht für alle sprechen. Aber wir können über das Thema Empfindlichkeit reden.

Vielen queeren Menschen (aber auch anderen marginalisierten Gruppen wie z.B. be_hinderten Menschen oder BI_PoC) wird vorgeworfen, dass sie zu empfindlich sind, sich zu sehr an Kleinigkeiten aufhalten oder zu aggressiv reagieren, wenn eine Person einen Fehler macht. Scheinbar unbedeutende, harmlose Sätze oder Taten werden plötzlich zu einem riesigen Problem, und das, obwohl die Frage oder der Kommentar gar nicht böse gemeint war, vielleicht aus ehrlichem Interesse heraus kam und die andere Person wirklich nicht verstehen kann, warum das jetzt eine große Sache sein soll. Warum selbst kleine Worte (wie z.B. Pronomen) und Taten aber doch schon ein großes Problem sein können und warum diese Sachen nicht so harmlos sind, wie sie vielleicht aussehen, versuche ich hier mal aus ein paar Blickwinkeln zu beleuchten:

  1. Wir hören solche Fragen viel zu oft. Für unser Gegenüber kann es das erste Mal sein, dass x eine trans Person trifft, und dann ist es ganz aufregend, und so eine Frage wie “Bist du jetzt eigentlich ein Mann oder eine Frau?” ist für das Gegenüber ganz neu. Wir werden aber ständig damit konfrontiert. Das kann ganz schön an einer Person kratzen, vor allem, wenn diese Person binär trans ist, also zum Beispiel eine trans Frau ist, aber nie von außen als Frau wahrgenommen wird. Dann ist so eine harmlos gemeinte Frage eine schmerzhafte Erinnerung, dass wir immer noch nicht so wahrgenommen werden, wie wir wirklich sind.
  2. Oft sind die Fragen, die wir kriegen, sehr grenzüberschreitend. Trans Menschen werden z.B. oft gefragt, was sie denn “zwischen den Beinen” haben, lesbische Paare darüber ausgequetscht, wie sie denn jetzt eigentlich Sex haben, usw. Solche Dinge werden wir auch oft von Wildfremden gefragt, die von uns erwarten, dass wir mit ihnen über unsere Genitalien oder unser Sexleben reden, obwohl sie das mit anderen Leuten, die sie kaum kennen, selbst nie diskutieren würden. Und manchmal sind die Fragen auch ein bisschen subtiler, z.B. “Wer ist denn der Mann in der Beziehung?” oder “Und, hattest du schon deine OP?”, aber letztlich geht es oft immer noch darum, dass Menschen intime Details über uns erfahren wollen, die ihnen nicht zustehen.
  3. Von queeren Menschen wird oft erwartet, dass sie wandelnde Informationsquellen über ihre Identitäten sind. Menschen, die keinen Bezug zum Thema Bisexualität haben, quetschen dann ihren bisexuellen Bekannten über sein Leben uns seine Orientierung aus, und wenn die Person nicht antworten will oder sich nicht ernst genommen fühlt, weil es ständig nur um diese Themen geht, weil andere das “spannend” finden, dann werden andere schnell beleidigt. Wer sonst keine Berührungspunkte mit queeren Menschen hat, darf aber nicht von queeren Menschen erwarten, dass sie einem all die Fragen beantworten, die einem so im Kopf rumgehen – dafür gibt es Bücher, Aktivist*innen, oder Onlineplattformen wie uns, die speziell dafür da sind, um Informationen zu geben. 
  4. Manchmal sind Fragen, die wir gestellt kriegen, aber auch wirklich harmlos. Sie sind nett gemeint, halbwegs reflektiert und ohne verletzende Sprache gestellt – und trotzdem kann es sein, dass eine queere Person eine negative Reaktion darauf hat. Das kann daran liegen, dass viele von uns sehr viele schlechte Erfahrungen gemacht haben, die sich in unserem Kopf festsetzen. Ein Vergleich: Eine Person, die mal von einem Hund gebissen wurde, hat vielleicht später Angst vor allen Hunden, egal wie niedlich und lieb sie sind. Eine schlechte Erfahrung kann ausreichen, um einen Menschen auch auf lange Frist zu verletzen, und dann kann es schwierig für uns sein, Menschen zu vertrauen, die uns Fragen stellen oder Kommentare über uns abgeben.

Das sind ein paar Gründe, warum viele queere Menschen Probleme haben mit bestimmten Fragen oder Kommentaren, und warum wir oft übermäßig “empfindlich” wirken. Queere Menschen führen solche Gespräche ständig, obwohl sie nicht verpflichtet sind, eine Informationsquelle zu sein oder sich verletzende und diskriminierende Sprache anzuhören, die oft aus Unwissenheit entsteht.  Wenn sie also etwas krasser reagieren, als ihr Gegenüber es vielleicht erwartet, dann liegt es daran, dass es sehr oft passiert, oft sehr schmerzhaft ist, und dass wir nicht immer die Nerven haben, nett und lächelnd auf alles zu reagieren. Das hat dann nichts mit Political Correctness zu tun, sondern damit, dass queere Menschen Respekt verdienen, und wenn wir ihn nicht kriegen, dann haben wir ein gutes Recht, uns zu beschweren oder uns aus dem Gespräch zu ziehen.

Natürlich ist es wichtig, dass wir voneinander lernen und unsere Erfahrungen miteinander teilen – so lernen wir am Besten mehr andere Lebensrealitäten kennen, die außerhalb von unserer eigenen sind. Das sollte aber trotzdem immer so passieren, dass alle Beteiligten mit dem Gespräch einverstanden sind und dass es niemandem schadet. Wer sich in einem Gespräch mit einer queeren Person vor dem Kopf gestoßen fühlt, weil die queere Person nicht so nett und zuvorkommend antwortet, wie x sich das wünscht, dann wird die Schuld sehr oft auf die queere Person geschoben, die dann empfindlich und “zu PC” genannt wird. Die wenigsten Leute suchen aber die Schuld bei sich selbst, oder sie springen direkt um zu “oh nein, ich bin ein furchtbarer Mensch und sollte nie wieder mit einer queeren Person reden”. Beides hilft uns nicht wirklich dabei, dass andere Leute uns besser verstehen. Wer einen Fehler macht, ist nicht automatisch ein schlechter Mensch, sondern sollte sich dafür entschuldigen und dafür sorgen, es in Zukunft besser zu machen. Und nicht beleidigt sein, wenn die Kritik nicht mit einem netten Lächeln kommt – denn dafür haben viele von uns einfach nicht den Nerv.

Zusammengefasst: Queere (und andere marginalisierte Menschen) wirken oft “zu empfindlich”, weil sie die gleichen Erfahrungen immer und immer wieder machen (was übrigens “Mikroaggressionen” genannt wird) und sich dabei einiges an Schmerz und Wut aufbauen kann. Wir sind aber genau angemessen empfindlich, und wer mit uns redet sollte sich fragen, a) ob die Gesprächsthemen angebracht sind und ob sie mit anderen über sowas reden würden (siehe Genitalien oder Sexleben) und b) ob es vielleicht berechtigt ist, dass die andere Person so reagiert. Wer dadurch Berührungsängste hat, sollte sich bewusst sein, dass ein Fehler eine Person nicht zum schlechten Menschen macht, und dass wir aus Fehlern lernen können, es in Zukunft besser zu machen (z.B. indem wir uns erstmal über bestimmte Themen informieren und die andere Person fragen, ob sie Lust auf dieses Gesprächsthema hat). 

Ich hoffe, das war hilfreich!
Viele Grüße,

Balthazar