Kummerkasten Antwort 112 – Verliebt oder befreundet?

Bin ich nur verliebt oder befreundet?

Hey Kummerkasten!

Ich weiß nicht, ob es hilft, aber ich denke, ich würde es mir gerne einfach Mal von der Seele reden, da ich sonst nicht weiß, mit wem ich darüber reden kann/will.

Ich glaube ich bin heterosexuell. Ich war in einer Beziehung mit einem Jungen (es wurde ein bisschen körperlich) und mit einem Mädchen (aber über’s Internet mit nur einem Treffen), und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Jungs sexuell anziehend finde, und bei Mädchen weiß ich es nicht wirklich.
Jetzt habe ich aber eine andere Sorge bekommen, und da ich weiß, dass man heterosexuell UND homoromanzisch sein kann (oder biromantisch), bin ich wirklich sehr verwirrt.
Denn ich weiß wirklich nicht, ob ich in meine beste Freundin verliebt sein könnte.
Manchmal denke ich, ja – wenn ich so unglaublich eifersüchtig werde, weil sie mit anderen Freunden etwas unternimmt, wenn ich daran denke, am liebsten mit ihr zusammen zu ziehen und uns eine Zukunft zu teilen, oder wenn ich manchmal mit niemandem reden möchte oder etwas unternehmen, und sie jedes Mal die Ausnahme ist, oder wenn ich sie schon nach kurzer Zeit vermisse.

Aber ich Frage mich, ob das nicht auch einfach heißen kann, dass sie mir sehr, sehr wichtig ist, als beste Freundin.
Ich konnte mir damals mit dem Jungen nicht vorstellen, meine Zukunft zu verbringen, bei ihr schon.
Aber vielleicht sind das ja nur Freundschaftsgedanken, weil ich den Richtigen noch nicht gefunden habe, oder weil ich gerne Bi sein möchte, und es mir deswegen versuche einzureden.

Deswegen interessiert es mich, ob ihr irgendwelche Tipps habt, wie man unterscheiden kann, wann die Gefühle rein freundschaftlich sind, und ab wann man vom verliebt sein sprechen kann?

Danke im Vorraus. 🙂

Hallo du,

danke, dass du uns deine Situation anvertraut hast. In unserer Gesellschaft gilt es als ganz selbstverständlich, dass wir alle eine romantische Beziehung suchen, die dann automatisch die wichtigste Beziehung im Leben wird und nach der wir unser Leben und unsere Zukunft ausrichten. Das nennt sich dann “Amatonormativität” und es bedeutet gleichzeitig, dass platonische (also freundschaftliche) Beziehungen als weniger wichtig eingestuft werden als romantische, dass eine Zukunftsplanung mit Freund*innen als kindisch gesehen wird und als was, wo ein Mensch rauswächst, sobald x “dien richtige*n Partner*in” (also eine romantische Beziehung) gefunden hat, und dass alle Freundschaften, die so eng und wichtig wie eine romantische Beziehung sind, automatisch als romantisch gelesen werden.

Für viele Menschen passt das aber so nicht, und diese Norm ist auch gar nicht immer so gewesen. Zur Zeit unserer Großeltern war es teilweise ziemlich normal, (auch) mit Freund*innen zusammenzuleben, die ein Teil der Familie waren. Schon immer hat es Menschen gegeben, für die freundschaftliche Beziehungen wichtiger waren als romantische oder sexuelle.

Es kann durchaus sein, dass das für dich und deine beste Freundin auch so ist. Vielleicht sind deine Gefühle rein freundschaftlich, vielleicht sind sie romantisch – manchmal ist das schwierig zu unterscheiden – auf jeden Fall hängt das nicht davon ab, wie intensiv deine Gefühle sind. Menschen, die ähnlich fühlen wie du, gehen zum Beispiel sogenannte “queerplatonische” (auch “quasiplatonische”) Beziehungen ein – das sind Beziehungen, die im Kern freundschaftlich sind, aber die gleichzeitig verschiedene Aspekte haben, die sonst nur romantischen Beziehungen zugeschrieben werden, z.B. gemeinsame Lebens- und Zukunftsplanung, emotionale Nähe oder Intimität, oder die Tatsache, dass dier queerplatonische Partner*in die wichtigste Person im Leben ist. Vielleicht kannst du ja mal mit deiner besten Freundin darüber reden, wie wichtig sie dir ist, und vielleicht kann sie sich ja auch so eine queerplatonische Beziehung mit dir vorstellen. Was genau das für euch bedeutet, könnt ihr dann gemeinsam aushandeln.

Ob deine Gefühle romantisch oder freundschaftlich sind, kannst letztlich nur du entscheiden. Vielleicht sind sie ja auch irgendwo zwischendrin, oder vielleicht bist du dir gar nicht so genau sicher, was der Unterschied ist – auch dafür gibt es einen Begriff, er heißt “quoiromantisch” (oder auch “wtfromantisch”) und beschreibt Menschen, die nicht zwischen romantischen und freundschaftlichen Gefühlen unterscheiden können oder eine Unterscheidung gar nicht so wichtig finden. Ob du diesen Begriff für dich passend findest und verwenden möchtest, kannst aber nur du entscheiden.

Letztlich ist es gar nicht so wichtig, welches Label du deinen Gefühlen und deinen Beziehungen gibst – viel wichtiger ist, dass du tust, was dich glücklich macht und dein Leben mit den Menschen verbringst, die dich glücklich machen.

Dabei ganz viel Erfolg und alles Gute!
Balthazar