Kummerkastenantwort 231 – Bin ich ace genug?

Hallo,
ich bin Mitte zwanzig und definiere mich seit meiner Teenagerzeit als Bisexuell, denn ich fühle mich romantisch zu beiden Geschlechtern hingezogen.
Allerdings habe ich Probleme damit, eine Person sexuell attraktiv zu finden. Auch an Sex als solches habe ich eigentlich kaum bis gar kein Interesse, obwohl ich körperliche Nähe wie Umarmungen und kuscheln durchaus als angenehm empfinde.
Auch empfinde ich Menschen, zu denen ich mich hingezogen fühle als schön. Aber eben nicht so, dass ich das Verlangen habe, mit ihnen zu schlafen.
Ich hatte schon sehr lange keine Partnerschaft mehr, auch keine Verabredungen, Flirts oder ähnliches in der Richtung, da ich in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht habe, was mein sexuelles Desinteresse und die Wünsche des Partners anging.
Seit einigen Monaten denke ich nun darüber nach, was das für mich bedeuten könnte. Um mich als asexuell zu identifizieren, fühle ich mich quasi nicht asexuell genug, aber wirklich “normal” fühle ich mich auch nicht.
Ich vermisse es, eine Beziehung zu führen, denn ich würde gern wieder lieben und geliebt werden, aber ich fühle mich solang diese Frage für mich im Raum steht nicht bereit, danach zu “suchen”. Erst würde ich gerne für mich selbst klären, wie ich bin und wie man so lebt und damit im Einklang ist.
Mir ist bewusst, dass mir das niemand 100%tig beantworten kann, aber vielleicht habt ihr schon von Menschen in ähnlichen Situationen gehört & könnt mir weiterhelfen.

Hallo du,

ich kenne tatsächlich sehr viele Menschen, denen es so geht wie dir, und auch ich habe schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Es geht vielen Leuten so, dass sie sich “nicht ace/bi/queer/xy genug” fühlen und befürchten, sie hätten kein Recht, dieses bestimmte Label zu verwenden. In Wahrheit gibt es aber keine bestimmten Regeln, “wie sehr” du ein bestimmtes Label erfüllen musst oder wie genau es auf dich passt. Wichtig ist nur, mit welchen Begriffen und Definitionen du dich wohl fühlst und was für dich am besten passt.

Du kannst also durchaus das Label “asexuell” für dich verwenden, wenn du das möchtest oder wenn du den Eindruck hast, dass es dich momentan am besten beschreibt (vielleicht auch nur, weil du im Moment keinen passenderen Begriff findest). Was dieses Label dann für dich bedeutet, kannst nur du entscheiden. A_sexualität ist aber auch ein Spektrum, das heißt, es gibt nicht nur die Möglichkeiten “100% asexuell” und “0% asexuell”, sondern auch ganz viel dazwischen. Es gibt z.B. Menschen, die sich als “greysexuell” bezeichnen – dieser Begriff beschreibt Menschen, die nur wenig sexuelle Anziehung empfinden, nur manchmal, oder nur unter ganz bestimmten Umständen. Es gibt auch den Begriff “acefluid”, um zu beschreiben, dass manchmal mehr, manchmal weniger sexuelle Anziehung da ist.

Was dir vielleicht helfen könnte, wäre ein Austausch mit anderen asexuellen Menschen und welchen, die sich auf dem a_sexuellen Spektrum befinden. Es gibt dafür viele online-Spaces (z.B. die Plattform AVEN), aber auch lokale Stammtische und Jugendgruppen speziell für asexuelle Menschen. Über deine Erfahrungen und Gefühle mit anderen zu reden und zu hören, wie es bei anderen Menschen so ist, kann dir vielleicht helfen zu entscheiden, was für ein Label du dir geben möchtest. Außerdem kann es dir vielleicht bei der Partner*innensuche helfen – es würde auf jeden Fall den Druck herausnehmen, der sich vielleicht ergibt, wenn du allosexuelle Menschen (also welche, die nicht asexuell sind) datest, die vielleicht andere Bedürfnisse nach Sex und Intimität in der Beziehung haben als du.

Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen Orientierung geben. Melde dich gern wieder, wenn du weitere Fragen hast – oder auch nur, um uns zu berichten, wie deine Selbstfindung weitergeht. 🙂

Viele Grüße und alles Gute,
Balthazar

Kummerkastenantwort 226 – bin ich noch bisexuell? Bin ich wirklich cis?

Hi,
ich bin Anastasia und in einigen Tagen 18.
Ich habe mich mit 13 geoutet als Bisexuell, allerdings bin ich mir nicht sicher ob das noch so stimmt?

Ich habe momentan ein Freund, fühle mich zu ihm jedoch nicht sexuell angezogen, aber eine romantische Beziehung führen wir trotzdem und fühle mich auch wohl.
Frauen hingegen ziehen mich Sexuell und romantisch an.

Mein Geschlecht weiß ich auch nicht so richtig. Ich bin Weiblich, bin auch so groß geworden. Hab viel gezockt in meiner Jugend bis jetzt und Shoppe auch gerne Männersachen die ich selber Trage, genauso gut wie Frauen Sachen. Jenachdem wie ich halt in der Stimmung zu bin beziehungsweise wie es mir gerade gefällt.
Ich habe schon überlegt ob ich nicht noch zusehr in dem alten muster stecke von wegen Frauen dürfen nur dies und nur das, männer dürfen dies und jenes was frauen wieder nicht dürfen. (Alles eine frage der erziehung? Oder bin ich wirklich nur unsicher?)

Hallo Anastasia,

Zuerst zur Sache mit der Bisexualität: Es gibt zum Glück keine Pobizei, die kommt und Menschen verbietet, sich als bisexuell zu bezeichnen, wenn sie das wollen. Du kannst das Label also weiter nutzen, auch wenn du zweifelst, wie gut es tatsächlich passt. Wenn du tatsächlich betonen willst, dass du zu Männern nicht sexuell angezogen fühlst, ist biromantisch vielleicht ein gutes Label. Das könntest du auch kombinieren zu etwas wie „biromantische Lesbe“ oder „homosexuell und biromantisch“. Immer vorausgesetzt, es passt für dich als Begriff besser. Nur weil ich da etwas in den Raum stelle, heißt das nicht, dass du das benutzen musst oder dass es für dich richtig ist.

Auch bei deinem Geschlecht ist die Message eine ganz ähnliche. Du darfst das, ausprobieren ist erlaubt und es ist okay, unsicher zu sein und die eigenen Label zu hinterfragen.
Du hast die Freiheit, die Klamotten zu tragen, die du magst, egal ob sie irgendwer für Männer oder für Frauen verkauft hat. „Nur“ weil du Männerklamotten trägst, bedeutet das nicht automatisch, dass du trans bist. Andersrum, zwingt trans-sein auch nicht dazu, entsprechend gelabelte Klamotten zu tragen.
Am einfachsten ist vielleicht, dir das mal durch den Kopf gehen zu lassen, ob du eine Frau bist, ob du, falls ja, eine binäre Frau bist. Vielleicht fühlt sich „nicht-binäre Frau“ oder „queer“ als Beschreibung für dein eigenes Geschlecht richtiger und besser an. Dabei lohnt es sich auch, über Pronomen nachzudenken. Ist „sie“, das, was sich stimmig anfühlt? Passt ein Neopronomen wie „xier“ vielleicht besser? Oder „er“? Gegebenenfalls auch: möchtest du einen anderen Namen ausprobieren?
Bei allem davon ist es ok, das nicht zu wissen oder zu merken, dass es so passt, wie es ist. Es ist immer ok, gute Freund*innen um Rat zu fragen und sich da auszutauschen. Das ist alles auch nichts, wo eins sicher immer sicher sein muss.

Aber: zu finden, was passt heißt hier auch, zu sich selbst zu finden. Das kann unglaublich wertvoll sein, und deshalb lohnt es sich, da Zeit hinein zu investieren. Bei dieser Suche wünsche ich dir viel Erfolg.

Liebe Grüße
Xenia

Kummerkasten Antwort 112 – Verliebt oder befreundet?

Bin ich nur verliebt oder befreundet?

Hey Kummerkasten!

Ich weiß nicht, ob es hilft, aber ich denke, ich würde es mir gerne einfach Mal von der Seele reden, da ich sonst nicht weiß, mit wem ich darüber reden kann/will.

Ich glaube ich bin heterosexuell. Ich war in einer Beziehung mit einem Jungen (es wurde ein bisschen körperlich) und mit einem Mädchen (aber über’s Internet mit nur einem Treffen), und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich Jungs sexuell anziehend finde, und bei Mädchen weiß ich es nicht wirklich.
Jetzt habe ich aber eine andere Sorge bekommen, und da ich weiß, dass man heterosexuell UND homoromanzisch sein kann (oder biromantisch), bin ich wirklich sehr verwirrt.
Denn ich weiß wirklich nicht, ob ich in meine beste Freundin verliebt sein könnte.
Manchmal denke ich, ja – wenn ich so unglaublich eifersüchtig werde, weil sie mit anderen Freunden etwas unternimmt, wenn ich daran denke, am liebsten mit ihr zusammen zu ziehen und uns eine Zukunft zu teilen, oder wenn ich manchmal mit niemandem reden möchte oder etwas unternehmen, und sie jedes Mal die Ausnahme ist, oder wenn ich sie schon nach kurzer Zeit vermisse.

Aber ich Frage mich, ob das nicht auch einfach heißen kann, dass sie mir sehr, sehr wichtig ist, als beste Freundin.
Ich konnte mir damals mit dem Jungen nicht vorstellen, meine Zukunft zu verbringen, bei ihr schon.
Aber vielleicht sind das ja nur Freundschaftsgedanken, weil ich den Richtigen noch nicht gefunden habe, oder weil ich gerne Bi sein möchte, und es mir deswegen versuche einzureden.

Deswegen interessiert es mich, ob ihr irgendwelche Tipps habt, wie man unterscheiden kann, wann die Gefühle rein freundschaftlich sind, und ab wann man vom verliebt sein sprechen kann?

Danke im Vorraus. 🙂

Hallo du,

danke, dass du uns deine Situation anvertraut hast. In unserer Gesellschaft gilt es als ganz selbstverständlich, dass wir alle eine romantische Beziehung suchen, die dann automatisch die wichtigste Beziehung im Leben wird und nach der wir unser Leben und unsere Zukunft ausrichten. Das nennt sich dann “Amatonormativität” und es bedeutet gleichzeitig, dass platonische (also freundschaftliche) Beziehungen als weniger wichtig eingestuft werden als romantische, dass eine Zukunftsplanung mit Freund*innen als kindisch gesehen wird und als was, wo ein Mensch rauswächst, sobald x “dien richtige*n Partner*in” (also eine romantische Beziehung) gefunden hat, und dass alle Freundschaften, die so eng und wichtig wie eine romantische Beziehung sind, automatisch als romantisch gelesen werden.

Für viele Menschen passt das aber so nicht, und diese Norm ist auch gar nicht immer so gewesen. Zur Zeit unserer Großeltern war es teilweise ziemlich normal, (auch) mit Freund*innen zusammenzuleben, die ein Teil der Familie waren. Schon immer hat es Menschen gegeben, für die freundschaftliche Beziehungen wichtiger waren als romantische oder sexuelle.

Es kann durchaus sein, dass das für dich und deine beste Freundin auch so ist. Vielleicht sind deine Gefühle rein freundschaftlich, vielleicht sind sie romantisch – manchmal ist das schwierig zu unterscheiden – auf jeden Fall hängt das nicht davon ab, wie intensiv deine Gefühle sind. Menschen, die ähnlich fühlen wie du, gehen zum Beispiel sogenannte “queerplatonische” (auch “quasiplatonische”) Beziehungen ein – das sind Beziehungen, die im Kern freundschaftlich sind, aber die gleichzeitig verschiedene Aspekte haben, die sonst nur romantischen Beziehungen zugeschrieben werden, z.B. gemeinsame Lebens- und Zukunftsplanung, emotionale Nähe oder Intimität, oder die Tatsache, dass dier queerplatonische Partner*in die wichtigste Person im Leben ist. Vielleicht kannst du ja mal mit deiner besten Freundin darüber reden, wie wichtig sie dir ist, und vielleicht kann sie sich ja auch so eine queerplatonische Beziehung mit dir vorstellen. Was genau das für euch bedeutet, könnt ihr dann gemeinsam aushandeln.

Ob deine Gefühle romantisch oder freundschaftlich sind, kannst letztlich nur du entscheiden. Vielleicht sind sie ja auch irgendwo zwischendrin, oder vielleicht bist du dir gar nicht so genau sicher, was der Unterschied ist – auch dafür gibt es einen Begriff, er heißt “quoiromantisch” (oder auch “wtfromantisch”) und beschreibt Menschen, die nicht zwischen romantischen und freundschaftlichen Gefühlen unterscheiden können oder eine Unterscheidung gar nicht so wichtig finden. Ob du diesen Begriff für dich passend findest und verwenden möchtest, kannst aber nur du entscheiden.

Letztlich ist es gar nicht so wichtig, welches Label du deinen Gefühlen und deinen Beziehungen gibst – viel wichtiger ist, dass du tust, was dich glücklich macht und dein Leben mit den Menschen verbringst, die dich glücklich machen.

Dabei ganz viel Erfolg und alles Gute!
Balthazar

Bicurious

bicurious (von engl. curious – neugierig): Eine Person, die bicurious ist, ist neugierig darauf, Beziehungen und Sex mit Menschen mehrerer Geschlechter auszuprobieren, beschreibt sich aber nicht als bisexuell.