Kummerkastenantwort 223 – Transition – aber nur zum Teil?

Hallo,
ich bin ende 20 und kämpfe seit gut 16 Jahren mit der Idee Trans zu sein. So weit ich zurück denken kann habe ich eine stark ausgeprägte physische Geschlechtsdysphorie, nach so langer Zeit bin ich sicher das, dass keine Phase ist die vorbei gehen wird, weswegen ich eine Hormontherapie starten will(die Indikation habe ich schon). Aber ich habe leider gar keine soziale Dysphorie und auch nicht wirklich den Wunsch in der weiblichen Rolle zu leben. Im Kopf empfinde ich mich eher als feminin Androgyn, maskuline Pronomen oder mein Name machen mich nicht dysphorisch.
Ich bin sicher das es mir durch Hormone emotional bedeutend besser gehen würde, ich kann mich nicht mal im Spiegel ansehen. Aber wenn ich sozial in die weibliche Rolle rutschen würde glaube ich das meine dysphorie von der körperlichen Ebene auf die soziale wechseln würde.
Ich denke ohne HRT werde ich mich in meiner Haut niemals wohl fühlen! Aber ich identifiziere mich nicht als Frau, sondern als feminin Androgyn! Ich habe weder das Verlangen meinen Personenstand noch meinen Namen zu ändern.
Besteht die Möglichkeit die HRT zu starten, mich danach aber trotzdem eher Tomboyish/Androgyn zu präsentieren? Oder muss ich damit rechnen das irgendwann der Punkt kommt das ich eindeutig als Frau wahrgenommen werde? Ich weiß nicht was ich tun soll und meine Psychologin kennt sich damit nicht aus.

Hallo,

die kürzeste aller Antworten auf deine Fragen ist: Ja, die Möglichkeit besteht und nein, du wirst nicht irgendwann automatisch als Frau wahrgenommen werden.

Lass mich das noch etwas weiter ausführen. Irgendwann mal, als das Transsexuellengesetz geschrieben wurde, war angedacht, dass Transition ganz oder gar nicht bedeuten sollte. Wie sich herausgestellt hat, ist das weder für alle Personen, die trans sind, psychologisch und medizinisch richtig, noch menschenrechtlich haltbar. Der Staat hat das schon begriffen. Eine Personenstandsänderung geht, ohne, dass eine Person sich jemals einer Hormontherapie oder Operationen unterzieht. Auch der umgekehrte Fall, „trotz“ HRT keine Personenstands- oder Namensänderung durchführen zu lassen, ist rein rechtlich möglich.

Die Erkenntnis, dass Personen, die trans sind, nicht immer automatisch alles wollen, was irgendwie Transition bedeuten kann, hat sich bei den Krankenkassen allerdings noch nicht so ganz herumgesprochen. Es gibt seit letztem Jahr eine neue Behandlungsrichtlinie, deren Quintessenz ist, dass die Initiative und das letzte Wort immer von der betroffenen Person und nicht von Ärzt*innen oder Psycholog*innen ausgehen soll. Das wissen bisher aber kaum Mediziner*innen und viele Krankenkassen verfahren weiter nach den alten Richtlinien.
Diese neuen Richtlinien bilden aber das ab, was Personen, die trans sind, schon lange fordern: Selbst entscheiden können und dürfen. Es ist also nicht „nur“ legal und völlig valide, wenn du lediglich Hormone möchtest – sondern in der Theorie auch genau so möglich.

Du machst dir auch ein wenig Sorgen, dass du irgendwann automatisch als Frau wahrgenommen werden könntest. Da es sehr verschieden ist, wie sehr sich Hormone aufs Äußere auswirken, hilft hier wohl nur ausprobieren. Gerade, wenn du dir unsicher bist, ob das nicht zu „gut“ funktionieren würde, empfiehlt es sich möglicherweise, mit sehr geringen Dosierungen zu beginnen.
Unabhängig davon hast du natürlich immer die Möglichkeit, durch Kleidung, Make-Up oder Frisur beispielsweise sozusagen gegenzusteuern.

Kurz gesagt: Es geht um dich. Du hast die Freiheit und das Recht, eine Hormontherapie anzufangen und dich androgyn zu präsentieren.

Ich wünsche dir alles Gute bei deiner Transition,
Xenia