So fanden wir Benjamin Melzers Buch “Endlich Ben”

… und warum vielfältige trans Perspektiven wichtig sind

TW: Hier geht es unter anderem um Transfeindlichkeit, Deadnaming, Misgendering, Dysphorie und Operationen.

In der trans Community gibt es den Witz, dass alle trans Leute früher oder später ein Buch schreiben. Egal wie bekannt oder unbekannt, wie ernst oder witzig, trans Menschen haben oft das Bedürfnis, ihre Erfahrungen in Worte zu fassen und sie mit der Welt zu teilen. Und das ist auch gut so. Schauen wir uns nämlich sonst so in Buchhandlungen um, dann stellen wir fest: Wenn wir trans Menschen nicht über unsere Erfahrungen schreiben, dann tut es niemand. Klar haben wir in den letzten Jahren viel erreicht, was Repräsentation von trans Menschen in den Medien angeht, aber wir sind immer noch viel zu wenig im Fernsehen, im Kino, in Büchern und Zeitschriften sichtbar, und viel zu oft werden wir auf unschöne, meist diskriminierende Art und Weise dargestellt.

Mich freut es deswegen immer, wenn trans Menschen ihre Geschichte(n) erzählen können und Verlage ihnen dafür eine Plattform geben. So auch in diesem Fall: Der kleine Berliner Verlag Eden Books hat uns ein Exemplar von Benjamin Melzers Biographie „Endlich Ben“ geschickt. Ich habe es innerhalb von zwei Tagen verschlungen.

Hier ist der Teasertext:

Das Buchcover von Benjamin Melzers Buch "Endlich Ben. Transgender - Mein Weg vom Mädchen zum Mann". Auf dem Buchcover ist ein bärtiger, weißer Mann mit kurzen Haaren und breiten Schultern zu sehen, der intensiv in die Kamera schaut. Er trägt ein helles Hemd und hat ein Tattoo auf der Brust, das einen verschnörkelten Text zeigt. 
Auf dem Cover ist außerdem der Name des Verlags, "Eden Books", abgedruckt. Als Autorin neben Benjamin Melzer ist Alexandra Brosowski angegeben.

Ben Melzer wird als Yvonne geboren. Schon im Kindergarten stellt sich Yvonne aber als Max, Chris oder Lukas vor. Kindheit und Jugendjahre sind ein ewiger Spießrutenlauf. Kaum erwachsen sieht Yvonne dann im Fernsehen das erste Mal einen Transmann. In diesem Moment hat das, was schon jahrelang klar ist, endlich einen Namen. Yvonne ist trans* und von nun an Ben. Mit Anfang 20 begibt er sich auf den langen, schmerzvollen Weg der Angleichung. Nach einer Hormonbehandlung und 14 Operationen ist Benjamin »Ben« Ryan Melzer endlich angekommen. Ben erzählt offen und ehrlich von inneren Konflikten, ersten Erfahrungen mit Liebe und Sexualität, von Penis-Prothesen und langen Krankenhausaufenthalten. „Endlich Ben“ ist die berührende und hoffnungsvolle Geschichte eines jungen Mannes, der nun auch äußerlich endlich der sein kann, der er innerlich schon immer war. Seine Message: Ihr seid nicht allein da draußen!

Ich muss sagen: Bevor ich das Buch gelesen habe, hatte ich gemischte Gefühle. Nachdem ich es gelesen habe, bleibe ich mit gemischten Gefühlen zurück. Und so setzt sich diese Mischung zusammen:

Was mir gut gefallen hat

Bens Biografie ist eine spannende, teilweise traurige, aber vor allem aufbauende Geschichte, mit der sich sicher viele trans Menschen identifizieren können. Sie ist unterhaltsam erzählt und Leser*innen bekommen detaillierte Einblicke in Bens Leben, seine Transition und die Schwierigkeiten und Erfolge auf diesem Weg. Selbst über so sensible Themen wie Dysphorie und Operationen wird hier im Detail gesprochen. Das ist zum einen sicher nützlich für trans Menschen, die gern wissen wollen, was ihre Optionen für OPs sind und wie sowas ablaufen kann. Zum anderen ist es sehr hilfreich für cis Menschen – also solche, die nicht selbst trans sind –, um mehr über die Erfahrungen und die Lebensrealität von trans Menschen zu lernen. 

Viele cis Menschen haben Fragen darüber, was es bedeutet, trans zu sein, wollen vor allem gern wissen, was es für Operationen und Maßnahmen gibt und wie das alles ‚funktioniert‘. Oft stellen sie diese Fragen direkt den trans Menschen in ihrem Umfeld, egal, ob die gerade Lust haben, über ihre Genitalien, medizinische Eingriffe oder ähnliche belastende und persönliche Dinge zu reden. „Endlich Ben“ gibt Antworten auf all die Fragen, die cis Menschen so zum Transsein haben können. Super! Dann können interessierte cis Leute das einfach lesen und müssen nicht halbwegs Bekannte oder vielleicht ganz fremde trans Menschen ausquetschen, die vielleicht gar keine Lust haben, darüber zu reden. Ich bin also Ben Melzer und diesem Buch definitiv dankbar, denn hier wird kein Blatt vor den Mund genommen und diese Themen werden ausführlich diskutiert.

Was mich gestört hat

Allerdings kippen meine gemischten Gefühle immer dann ins Negative, wenn Ben über andere trans Menschen spricht oder seine Transition beschreibt und bewertet. Ich habe früh im Buch gemerkt, dass Bens Motto „ganz oder gar nicht“ ist: Entweder er ist ganz ein Mann, oder er ist gar keiner. Für ihn bedeutet das, dass er alle Operationen, alle Behandlungen und Maßnahmen durchführen muss, um sich selbst ganz als Mann akzeptieren zu können. Das ist selbstverständlich völlig in Ordnung! Alle trans Menschen müssen selbst entscheiden, welche Schritte für sie zu ihrer Transition gehören – für Ben sind das alle, die möglich sind. 

Nicht okay finde ich es, wenn Ben immer wieder deutlich macht, dass für ihn dieser ganze Weg dazugehört, um ein richtiger Mann zu sein. Andere trans Männer, die nicht diesen ganzen Weg gehen wollen oder können, oder die, die vielleicht noch nicht so weit sind oder noch keine Entscheidungen getroffen haben, welche Operationen sie wollen und welche nicht, wirken deshalb im Vergleich automatisch so, als wären sie ‚weniger Mann‘. 

Mehr als einmal beschreibt Ben andere trans Menschen als Freaks oder misgendert sie, wenn sie nicht seinen Vorstellungen von einem ‘echten’ trans Mann bzw. einer guten trans Person entsprechen. So einfache Dinge wie einen nicht durchschnittlichen Namen zu wählen, einen Binder zu tragen oder einen Packer oder einen Strap-on zu benutzen gelten für ihn als „freakig“ und „No way!“. Es ist absolut in Ordnung, für sich selbst diese Dinge abzulehnen, aber ich finde, es geht gar nicht, andere dafür zu verurteilen.

Auch, wenn’s nicht so gemeint ist…

Traurig daran ist, dass Ben das sicherlich nicht böse meint. Mehrmals betont er, dass alle es so machen sollen, wie sie wollen, aber das das halt für ihn nix ist. Ein paar Mal geht es auch darum, dass er wenig mit anderen trans Menschen zu tun hat, weil er keine Lust auf die ungeschriebenen Regeln und „Zickereien“ der Community hat. Was er dabei übersieht ist zum einen, dass es nicht die eine trans Community gibt, in der alle die gleichen Regeln und Meinungen haben, und zum anderen, dass Ben seine ganz eigenen Regeln hat. Und die kommen auch nicht einfach aus ihm selbst, sondern sie sind sehr geprägt von der Gesellschaft. Ben möchte nicht von der trans Community vorgeschrieben bekommen, was es bedeutet, ein „richtiger Mann“ zu sein, lässt sich aber von der Gesellschaft vorschreiben, was alles zum Mann sein dazugehört, ohne es überhaupt zu merken. 

Und er gibt diese Vorschriften unreflektiert weiter, richtet sich vor allem an junge trans Leute und meint es zwar gut, kann damit aber auch viel Schaden anrichten. Junge trans Menschen, die lesen, dass du „als Freak wahrgenommen“ wirst, wenn du deine Brüste abbindest oder dir mit einer Socke oder einem Packer die Unterhose ausstopfst, werden vielleicht in Zukunft Angst davor haben, das zu tun – obwohl sie sich so wohler fühlen würden. Oder sie fühlen sich vielleicht dazu gedrängt, Genital-OPs zu machen, wenn sie lesen, dass nur die sie „zum Mann machen“ – obwohl sie vielleicht gar keine wollen.

Authentisch und vielfältig!

Es ist wichtig, dass trans Menschen sie selbst sein können, in ihrer ganzen Vielfalt. Natürlich gilt das auch für Benjamin Melzer – sein Buch ist eine ehrliche Darstellung von sich selbst und es enthält eben auch seine Meinungen. Ben ist ein Teil des großen Spektrums davon, was es bedeutet, trans zu sein, und es gibt Menschen, die zu ihm aufschauen und die durch seine Geschichte Hoffnung bekommen und sich repräsentiert fühlen. Das ist gut und wichtig.

Aber wie vielfältig sind wir wirklich?

Mir stellt sich dabei allerdings die Frage: Wer bekommt in der Öffentlichkeit eine Plattform und wem wird Aufmerksamkeit geschenkt? Warum ist es ausgerechnet ein super privilegierter, weißer hetero trans Mann, der ein Buch über sein Leben und seine Erfahrungen und Meinungen veröffentlichen kann? Wieso ist er derjenige, der auf Zeitschriftencovern und in Fernsehreportagen landet?

Ich glaube, es liegt daran, dass seine Geschichte und seine Meinungen für cis Menschen so gut verdaulich sind. Ben will nicht die Geschlechternormen der Gesellschaft brechen. Er will nicht, dass wir alle darüber nachdenken, ob die Zweiteilung in Mann und Frau nicht vielleicht Quatsch ist (viele Menschen in der trans Community wollen das). Ben will einfach nur ein Mann sein. Das soll er auch dürfen. Es ist schließlich total unfair, dass ausgerechnet von trans Menschen verlangt wird, dass sie das ganze System infrage stellen und kaputt machen. Klar ist das System für viele ziemlich kacke, aber wieso soll dieser Kampf gegen das System ausgerechnet auf den Schultern von trans Menschen liegen? Haben wir nicht sowieso schon mit genug Bullshit zu kämpfen?

Ben darf einfach nur ein Mann sein. Er darf einfach nur „normal“ sein wollen, wie viele, viele andere Männer auch. Und er darf darüber ein Buch schreiben.

Ich finde aber, dass ich das dann auch kritisieren darf. Dass ich es problematisch finden darf, dass ein Typ ein Buch für junge trans Leute schreibt, ohne sich auch nur ein bisschen damit zu befassen, was andere trans Leute denken und wollen. Und dass ich fordern darf, dass andere trans Leute, die nicht in dieses saubere Bild von „richtiger Mann“ in Bens Sinn passen, genauso zu Wort kommen.

Darum abschließend:

 Würde ich dieses Buch weiterempfehlen? Vielleicht, denn es enthält viele nützliche Infos zu Operationen. Es ist ganz gut zu lesen und sehr verständlich und unterhaltsam geschrieben. Aber ich würde es nur zusammen mit einer ganzen Liste von anderen Büchern und Materialien von anderen trans Menschen empfehlen. Denn die trans Community ist super vielfältig und es gibt nicht den einen richtigen Weg, um trans oder ein Mann zu sein.

Und deshalb möchte ich alle trans Menschen auch weiterhin ermutigen: Ja, verdammt, schreibt euer Buch! Wir können es brauchen.

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