„Ich habe Jill aber gleich gesagt, dass ich weiterhin mein Leben mit ihr verbringen möchte“ – ein Interview mit Jill und Lena und wie es ist, wenn sich in einer Beziehung eine Person als trans outet.

Für unsere Weihnachts-Extravaganza auf dem Blog darf natürlich auch ein Interview mit einer spannenden Person nicht fehlen. Und dieses Mal sind es sogar zwei tolle Personen, die uns aus ihrem Leben erzählen. Lena und Jill sind beide 26 Jahre alt, seit fast 11 Jahren ein Paar – und während ihrer Beziehung hat Jill sich als trans geoutet. Wie die beiden damit umgegangen sind, und ob sich ihre Beziehung dadurch verändert hat, haben die beiden uns erzählt.

Annika: Hallo Lena, Hallo Jill! Ich freue mich sehr, dass wir dieses Gespräch führen können. Könnt ihr unseren Leser*innen vielleicht kurz erzählen, wer ihr seid?

Jill: Hi, ich bin Jill, 26, und ich bin trans*. Ich habe mich vor etwa 5 Jahren geoutet und meine Transition begonnen. Inzwischen nehme ich seit 4 Jahren Hormone und würde behaupten, dass ich “fertig” mit meiner Transition bin. Ich beschäftige mich auch recht viel mit dem Thema “trans”, unter anderem habe ich einen YouTube-Kanal, der sich hauptsächlich darum dreht.

Lena: Hi ich bin Lena, 26 Jahre alt. Ich zocke gerne, male gerne und versuche mir hin und wieder Gitarre beizubringen. Beruflich bin ich in der Altenpflege tätig.

 Annika: Wie  und wann habt ihr euch denn kennengelernt?

Jill: Das ist ein bisschen ungewöhnlich. Im Endeffekt haben wir uns über gemeinsame Freunde kennengelernt, aber so ganz konkret wegen dem Tod einer gemeinsamen Freundin.

Lena: Wir haben am Anfang 1,5 Jahre lang eine Fernbeziehung geführt über 200km hinweg. Wir haben uns also immer an Wochenenden und in den Ferien gesehen – das heißt wir waren da noch in der Schule. Im Februar sind wir dann 11 Jahre zusammen und 2 Jahre verheiratet.

Annika: Und wie war eure Beziehung bevor Jill sich geoutet hat?


Lena: Nicht anders als bei anderen Menschen… Das war halt eine hetero Beziehung, das einzig “außergewöhnliche” war, dass wir fast ab Beginn eine offene Beziehung hatten.

Jill: Ja, ich glaube nicht, dass sich da was von den meisten Beziehungen unterschieden hat.

Annika: Jill, hattest du Angst, dich vor Lena zu outen, nach dem du festgestellt hast, dass du trans* bist?


Jill: Ja, klar. Ich glaube das hat man immer. Aber nicht sehr. Ich war mir relativ sicher, dass das die Beziehung nicht gefährdet. Ich denke, es ist mehr eine Angst oder Aufregung, wie man sie bei jeder größeren Sache hat.

Annika: Und wie ging es dir mit Jills Coming Out, Lena?

Lena: Ich war anfangs ein bisschen überrumpelt und überfordert. Ich habe Jill aber gleich gesagt, dass ich weiterhin mein Leben mit ihr verbringen möchte. Und ich habe ihr damals auch gesagt, dass sie sowieso der gleiche Menschen bleibt. Aber rückblickend stimmt das natürlich nicht ganz. Es hat sich schon einiges verändert…

Annika: Wie haben eure Familien bzw. Menschen die euch nahe stehen darauf reagiert?

Jill: Sowohl der Freundeskreis, als auch meine Eltern waren, wie erwartet, cool damit. Eigentlich die beste Reaktion, die man sich so wünschen kann.

Lena: Meine Eltern wollten wissen, was das genau bedeutet. Sie haben ein bisschen gebraucht sich daran zu gewöhnen, aber hatten nie ein Problem damit.

Annika:  Das klingt doch super! Wie habt ihr beide dann Jills Transition erlebt? 


Jill: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Also das betrifft ja fast alles in meinem Leben. Deswegen mache ich ja auch Videos darüber und nehme mir da die Zeit, die es braucht darüber zu sprechen. Aber um vielleicht was davon hervorzuheben muss ich einfach sagen, dass es insgesamt eine sehr spannende Zeit war, die natürlich auch mal schwierig war, aber im Endeffekt geht es mir dadurch so viel besser. Ich glaube teilweise habe ich davor gar nicht realisiert, wie gut es mir gehen könnte.

Lena: Ich kann da noch hinzufügen, dass es durchaus anstrengend war, für uns beide. Und mit viel Warterei und Bürokratie verbunden ist. Aber es ist natürlich schön zu sehen, wie es Jill dadurch immer besser ging und sie selbstbewusster geworden ist.

Annika: Lena, wie war das für dich, „plötzlich“ mit einer Frau zusammen zu sein?


Lena: Anfangs ein bisschen seltsam. Beziehungsweise es war nicht seltsam mit einer Frau zusammen zu sein, sondern eher seltsam, dass wir von außen plötzlich anders behandelt wurden. Man hat uns plötzlich nicht mehr direkt als Paar wahrgenommen, sondern oft als Freundinnen – zum Beispiel beim Zahlen im Restaurant.
Und es war schön Makeup und Klamotten – vor allem Schuhe – teilen zu können.

Annika: Und wie hat sich eure Beziehung seitdem verändert?

Jill: Alles, aber irgendwie auch nicht so viel. Ich glaube eine Sache, die sich verändert hat, ist dass wir weniger voneinander abhängig sind. Das hat bestimmt auch mit meiner Transition zu tun und damit, dass ich mich wohler fühle und selbstbewusster bin.

Lena: Es ist auch schwierig zu beurteilen, was sich durch Jills Transition verändert hat und was einfach dadurch, dass wir älter geworden sind.

Annika: Welche Herausforderungen erlebt ihr heute als Paar? Wie gehen Menschen mit euch um?

Lena: Größtenteils ist alles normal. Man merkt halt, dass die Gesellschaft immer noch heteronormativ geprägt ist. Man geht eben selten davon aus, dass Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen sind. Zum Beispiel, als Jill im Krankenhaus war – bevor wir verheiratet waren – gingen sie nicht davon aus, dass ich ihre Partnerperson sein könnte, sondern “nur” eine Freundin, obwohl ich sogar auf dem Formular als erste Kontaktperson gelistet war. Das war anstrengend, weil ich das Gefühl hatte, dass mir mehr Steine in den Weg gelegt wurden als wenn wir eine hetero Beziehung hätten.
Generell passe ich inzwischen auch mehr auf, wem ich erzähle, dass ich in einer Beziehung mit einer Frau bin, vor allem auf der Arbeit – Ich arbeite in der Altenpflege…

Jill: Ich glaube für mich hat sich recht wenig verändert. Da ich studiere und da die Leute recht aufgeschlossen und informiert sind, habe ich selten große Hemmungen darüber zu reden. Aber ich denke schon auch mehr darüber nach, wem ich von meiner Beziehung erzähle, weil auch wenn die Reaktionen positiv sind, ist es schon anstrengender als früher sich jedes Mal noch als lesbisch zu outen. Und manchmal auch echt awkward, wenn Leute dann herausfinden, dass wir schon so lange zusammen sind, was bei queeren Paaren ja nicht so häufig ist und oft Fragen wie “Ihr wussten schon so jung, dass ihr lesbisch seid?” kommen, die … awkward af sind.

Annika: Welche Tipps habt ihr für Paare, bei denen sich eine Person als trans outet?

Lena: Informiert euch und redet miteinander. Wenn ihr eine Transition “begleitet”, dann macht euch darauf gefasst, dass das durchaus anstrengend wird, da trans* Personen dabei viel erleben und falls sie eine Hormonersatztherapie machen durchlaufen sie eine zweite Pubertät. Und ihr könnt euch bestimmt noch an eure eigene erinnern… OOF!

Jill: Wir sind zwar ein gutes Beispiel dafür, wie eine Beziehung auch über eine Transition hinweg bestehen kann, aber das heißt nicht, dass das bei jeder Beziehung so läuft oder laufen kann. Und das ist auch okay. Zum Beispiel, wenn eine Person davon ausging in einer hetero Beziehung zu sein und das dann plötzlich nicht mehr ist, dann kann es sein, dass die Anziehung nicht mehr da ist, oder die Beziehung einfach nicht mehr in die eigene Lebensplanung passt.
Außerdem verändern sich trans* Personen auch durch ihre Transition. Einfach, weil man viel erlebt, viel selbst reflektiert und so weiter. Da lebt man sich natürlich auch leicht auseinander.

Annika: Ihr beiden spielt ja gerne Videospiele… Sind eure Charaktere in World Of Warcraft denn auch verheiratet?


Lena: Nein. Unsere Charaktere haben nicht einmal eine Beziehung miteinander. Wenn wir uns im RL schon den ganzen Tag auf die Nerven gehen, dann müssen wir das nicht auch noch in-character tun.

Jill: Wir haben uns ja auch nicht über WoW kennengelernt, sondern waren schon eine ganze Weile zusammen, als wir begonnen haben das gemeinsam zu spielen. Ich glaube wenn man sich darüber kennenlernt ist das etwas häufiger.

Annika: Was würdet ihr denn sagen, wie steht es um queere Repräsentation in Videospielen?

Jill: Das ist natürlich ein großes Thema. Ich habe mich damit noch nicht tiefergehend beschäftigt. Aber so vom Gefühl her würde ich sagen: Schlecht, aber es wird besser. Wir sehen in den letzten paar Jahren mehr queere Repräsentation, aber bisher vor allem in der Form von gleichgeschlechtliche Beziehung und kaum trans* Personen. Außerdem ist die Repräsentation, die es gibt, oft sehr explizit. Also die Spiele drehen sich dann meistens auch auf irgendeine Weise um die Identität und selten Beiläufig. Mir sind zum Beispiel keine größeren Spiele bekannt, bei denen der Hauptcharakter trans* ist.
Aber durch Kontroversen wie jetzt recht aktuell um Cyberpunk sehen wir auch, dass wir nicht mehr weit davon weg sind, dass das zur Normalität wird. Vor 10 Jahren gab es ähnlich große Kontroversen, wenn mal ein Charakter schwul war, also denke ich, dass wir da nicht mehr so weit von weg sind, wenn es um trans* Personen geht. Ich bin also optimistisch, würde mich aber freuen, wenn sich das schneller entwickelt.

Annika: Vielen Dank für das Gespräch! Ihr seid ein tolles Paar und freue mich, dass ihr anderen Paaren in einer ähnlichen Situation damit so viel Mut machen könnt.

Jill hat einen Youtube-Channel auf dem es viel ums Trans-Sein, Queer-Sein und um Transition geht – mit einigen Gastauftritten von Lena. Schaut unbedingt mal rein!

Lena findet ihr auf twitter.

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